Löst sich Äthiopien auf?

10.03.2016

Oromo-Proteste halten seit November an

Die größte Volksgruppe in Äthiopien ist nicht das Quasi-Staatsvolk der Amharen, das nur 27 Prozent der Bevölkerung stellt. Auch wenn man die Amharen mit den kulturell und sprachlich verwandten Tigray als Abessinier zusammenfasst, kommt man nur auf 33 Prozent - etwas weniger als der Bevölkerungsanteil der früher als "Galla" bekannten Oromo, die auch in Kenia leben.

Diese Oromo eroberten im 16. und 17. Jahrhundert Siedlungsgebiete von Nachbarvölkern, wo sie mit ihren Pferden und ihren Kopfbedeckungen aus den langen Haaren von Blutbrustpavianen Angst und Schrecken verbreiteten. Im 19. und 20. Jahrhundert dehnten dann die Amharen ihr Herrschaftsgebiet aus, deren Kaiser Menelik II. 1896 die Italiener besiegte und den anderen europäischen Kolonialmächten erfolgreich vormachte, er würde als Christ die Nachbarvölker zivilisieren, wenn man ihn dort herrschen lässt (obwohl dieses Unterfangen in der Praxis vor allem daraus bestand, dass diese Völker amharische Garnisonen ernähren mussten).

Für den äthiopischen Bürgerkrieg der 1970er und 1980er Jahre spielte der Nationalismus der außeramharischen Volksgruppen eine wichtige Rolle. Nachdem die heute regierende "Revolutionäre Demokratische Front der Äthiopischen Völker" (EPRDF) 1991 die Regierung stürzte, wurde allerdings lediglich aus dem nach 1945 übernommenen ehemals italienischen Kolonialgebiet Eritrea ein eigener Staat. Alle anderen Gebiete blieben bei Äthiopien, bekamen aber deutlich größere Selbstverwaltungsrechte.

Die wichtigsten Sprachen in Äthiopien und Eritrea. Karte: TP

In der damals ins Leben gerufenen Region Oromia herrscht die EPRDF-Blockpartei "Demokratische Volksorganisation der Oromo" (OPDO). In Opposition zu ihr steht die "Oromo-Befreiungsfront" (OLF), die das Oromogebiet aus dem äthiopischen Staatsverband lösen will. Andere politische Akteure sind die "Föderalistische Demokratische Oromo-Bewegung" (OFDM) und die äthiopienweite Oppositionskoalition "Vereinigte Äthiopische Demokratische Kräfte" (UEDF), die beide für mehr Föderalismus eintreten.

Gebietsstreitigkeiten

Ein Problem, das auch nach der Gründung der Region Oromia weiterbestand, war, dass mehrere Gebiete zwischen Volksgruppen umstritten sind: Die zwischen Somalis und Oromo strittigen Städte Harar und Dire Dawa machte man deshalb trotz Oromo-Bevölkerungsmehrheiten zu eigenen Regionen - ebenso wie die Hauptstadt Addis Abeba, die 1889 von den Amharen auf erobertem Gebiet errichtet wurde und in der etwa ein Fünftel der Einwohner Oromo spricht.

Regionen in Äthiopien. Karte: TUBS (Wikimedia Commons). Lizenz: CC BY-SA 3.0

Ursprünglicher Anlass der im November 2015 ausgebrochenen Oromo-Proteste war der Plan, die Verwaltungsgrenzen von Addis Abeba auf Kosten der die Hauptstadt umgebenden Oromoregion auszudehnen. Dieser Plan wurde im Januar fallen gelassen - aber die Proteste gingen weiter. Eine wichtige Rolle dabei spielte ein Zwischenfall während einer Verkehrskontrolle in der Nähe der Ortschaft Shashamane am 12. Februar, bei dem die Polizei die Insassen eines Busses aufforderte, die darin gespielte nationalistische Oromo-Musik abzuschalten, was diese verweigerten. Seitdem liefern sich Oromo-Milizen Gefechte mit der Polizei, die inzwischen sieben Tote beklagt.

Die blutigen Proteste haben inzwischen auch räumlich ein Ausmaß angenommen, dass sich der BBC-Korrespondent James Jeffrey fragt ob sie die Einheit des Landes gefährden. Der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch nach soll es bei den Auseinandersetzungen seit November über 200 Tote gegeben haben, was Regierungssprecher Getachew Reda jedoch als völlig übertrieben zurückweist. Seiner Ansicht nach entstanden diese Übertreibungen durch Oppositionsgruppen, die sie vom Ausland aus über Soziale Medien verbreiten, um ihre eigenen Ziele zu verfolgen.

Jawar Mohammed vom amerikanischen Oromia Media Network (OMN) räumte solche "Vergrößerungen" gegenüber der BBC teilweise ein. Er meint, die Regierung solle als Reaktion auf die andauernden Proteste inhaftierte Oromo-Nationalisten freilassen, damit diese in Verhandlungen vermitteln.

Die Regierung hat das bislang nicht vor. Ihrer Meinung nach wurden anfänglich legitime Proteste gegen die geplante neue Grenzziehung von organisierten Verbrecherbanden übernommen, die nicht nur zahlreiche öffentliche Einrichtungen, sondern auch Privathäuser von Nicht-Oromo in Brand steckten.

Dürre dämpft Wirtschaftswachstum

Außer mit dem Oromo-Nationalismus kämpft Äthiopien nach oft zweistelligen Wachstumsraten in den letzten Jahren neuerdings auch wieder mit wirtschaftlichen Problemen: Ein Teil dieser Probleme geht auf eine Dürre zurück, die vor allem in der Region Afar und im Ogaden herrscht, wo Somalis leben. Oxfam zufolge sind deshalb bis zu zehn Millionen Äthiopier von Nahrungsmittelhilfen abhängig.

Die Regierung hat dafür umgerechnet 400 Millionen US-Dollar bereitgestellt - dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) zufolge sind aber weitere 500 Millionen Dollar nötig, damit das Geld nicht bereits im April ausgeht, obwohl es frühestens im Juni wieder regnet.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige
Cover

Die Form des Virtuellen

Vom Leben zwischen den Welten

Machteliten

Von der großen Illusion des pluralistischen Liberalismus

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.