Emine Erdogan lobt den Harem als Schule fürs Leben

10.03.2016

Auch die Gattin des türkischen Präsidenten teilt dessen konservativ-regressiven Geschichtskult mit dem osmanischen Reich und bricht eine Lanze für die Unterordung und Versklavung der Frauen

Am vergangenen Sonntag versammelten sich einige Hundert Frauen in Istanbul, um auf Missstände in ihrem Land aufmerksam zu machen. Auf die Gewalt gegen Frauen zum Beispiel. Gründe dafür gibt es genug. So berichtet die Taz, dass nach einer aktuellen Studie im vergangenen Jahr mehr als 400 Frauen in der Türkei ermordet und fast 45 Prozent aller Frauen Opfer von sexueller Gewalt wurden, in einer Umfrage hätten 41 Prozent ausgesagt, sie seien in der Ehe vergewaltigt worden. Das UN-Entwicklungsprogramm listet die Türkei auf Platz 77 von 138 bei der Geschlechtergleichheit.

Die zur Auflösung des Protests beorderten Polizisten gaben den Gewaltvorwürfen der Frauen Recht. Sie feuerten Gummigeschosse in die Menge. Mit robusten Körpereinsatz gingen die Polizisten gegen die Frauen vor. Die Demonstration war schließlich verboten.

Der türkische Präsident Erdogan hegt ein Frauenbild, das sich mit Forderungen nach der Gleichstellung von Frauen und Männern nicht verträgt. Schon 2010 sprach er sich gegen die Gleichheit von Mann und Frau aus, für das Schicksal der Frauen sei von göttlicher Seite anderes vorgesehen. Im vergangenen Jahr präzisierte er und legte die Frauen auf eine Rolle fest: die der Mutter, wobei er sich auf eine "Definition des Islam" berief .

Er: Frauen werden im Kapitalismus "versklavt". Sie: Mehr Frauen in Vorstände!

Anlässlich des diesjährigen internationalen Frauentages bekräftigte der türkische Präsident, für ihn sei eine Frau "vor allem eine Mutter" und fügte hinzu, dass berufstätige Frauen im Kapitalismus "versklavt" würden.

Erdogans Frau Emine steuerte ebenfalls etwas zum Frauentag bei. Bei einem Treffen in Istanbuls Börse, wo die Glocke für die Geschlechtergleichheit geschlagen wurde ("Ring the Bell for Equality" ), unter Beteiligung großer Frauenvereinigungen wie U.N. Women oder der Organisation von Frauen an Finanzmärkten, der Women in ETFs, teilte sie ihre Version der Teilhabe von Frauen am Kapitalismus mit:

Eine bessere Welt wäre möglich, wenn man eine größere Teilnahme von Frauen in Unternehmensvorständen gewährleistet und ein Geschäftsumfeld schafft, das für mehr Gleichheit von Männern und Frauen und mehr Gerechtigkeit zwischen ihnen sorgt.

Wie sich ihre Vision der Geschlechtergleichheit in der Businesswelt nun mit der auf den häuslichen Wirkungskreis von Frauen beschränkten Rollen-Vision ihres Präsidentengatten verträgt, ist unbekannt.

Impulse aus dem osmanischen Reich

Bekannt wurde aktuell lediglich, dass auch Emine Erdogan gerne Impulse aus dem osmanischen Reich bezieht. Bei einem offiziellen Termin soll sie die Vorzüge im Harem gepriesen haben, wie dies Nachrichtendienste heute übermitteln:

Der Harem war eine Schule für Mitglieder der osmanischen Dynastie und eine Lehreinrichtung, in der Frauen auf das Leben vorbereitet wurden.

Man könnte sich nun im Sinne einer wohlmeinenden Hofberichtserstattung Gedanken darüber machen, ob sich die Präsidentengattin selbst als eine Art Kösem Mahpeyker begreift, die von einer Haremsfrau zur Regentin des Osmanischen Reiches aufstieg (von 1623 bis 1632).

In diesem Kaffeekränzchen-Licht träte Emine Erdogan für eine Machtausübung der Frauen ein, die sich mit Raffinesse patriarchaler Strukturen bedienen, um sich möglichst starken Einfluss zu verschaffen nach Vorbild des osmanischen Sultanate of Women (deutsch übersetzt mit Weiberherrschaft).

Insofern könnte man auch die Frauen-Empowerment-Phrase Emines an der Börse verstehen: Frau Erdogan ist für die Partizipation von klugen Frauen in der von Strategien dominierten Geschäftswelt. Der Machtanspruch der Männer wird nicht "aufmüpfig" bestritten, sondern er wird ausgespielt, ist nur bloßer Dekor.

Entertainment-Bildung für versklavte Frauen zuständig für dynastischen Nachwuchs

Aber sich derartig mit Clips aus der Geschichte zu bedienen, ohne die damaligen Voraussetzungen und Umstände mit einzubeziehen, ist purer, naiver Kitsch. Der gleiche naive Kitsch wie der Erdogansche Geschichtskult mit dem früheren Glanz des osmanischen Reich. Völlig zum Verschwinden bringt Emine Erdogan die Tatsache, dass der Harem hauptsächlich aus versklavten Frauen bestand, die nicht freiwillig dort waren.

Geburtsszene aus einem Harem,Türkei, 18. Jhd. Bild: Los Angeles County Museum of Art/gemeinfrei

Bücher waren, wie der Istanbuler Professor Ozlem Kurumlar, auf die Äußerung der türkischen First Lady reagierte, etwa zu Zeiten Murad II das Einzige, das "nicht in den Harem hineinkam".

Das "Bildungsideal" des Harem war im Übrigen völlig auf den Herrscher ausgerichtet, die oberste Aufgabe bestand darin, für den Herrscher zu sorgen und ihm genügend Nachwuchs zu garantieren. Soweit zum Harem als "Lehreinrichtung, in der Frauen auf das Leben vorbereitet wurden".

Kinder ohne Schule

Abgesehen davon gibt es in der Türkei ein Lehreinrichtungsproblem, das sich zu einem gigantischen auswachsen könnte, nämlich die Menge an Flüchtlingskindern, die dort nicht zur Schule gehen können ( Most Syrian refugee children not in school in Turkey), Griffe in den Geschichtskitsch helfen da nicht weiter.

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