Fukushima: Nicht einmal für Roboter betretbar

11.03.2016

Es geht kaum voran mit der Aufarbeitung des Unfalls, in die Reaktoren, in denen sich Kernschmelze ereignet hat, kommen weder Menschen noch Roboter

Zwei Tage vor dem fünften Jahrestag des Fukushima-Unglücks ordnete ein Gericht in der Shiga-Präfektur an, dass die Reaktoren 3 und 4 des Takahama-AKW in der benachbarten Präfektur Fukui wieder ausgeschaltet werden müssen. Sie gehörten zu den ersten, die nach dem Unglück wieder hochgefahren werden durften, nachdem sie als sicher erklärt worden waren. Das Gericht befand jetzt, der Betreiber Kansai habe nicht genauer dargelegt, inwieweit die zwei Reaktoren nach den neuen Sicherheitsstandards aufgerüstet wurden, um einen Blackout zu überstehen oder um eine Evakuierung bei einem Unfall durchführen zu können. Kläger und Anwohner gaben ihre Freude vor dem Gericht zum Ausdruck.

Kansai will zwar der gerichtlichen Anordnung Folge leisten, aber dagegen klagen. Schon im April 2015 hatte ein Gericht aufgrund von Sicherheitsversprechen Einspruch erhoben, die Reaktoren wieder anfahren zu lassen. Die seit Dezember 2012 amtierende japanische Regierung unter Shinzo Abe drängt darauf, möglichst schnell viele AKW wieder an den Start zu bringen, in der Bevölkerung herrscht weiterhin großenteils nach dem Fukushima-Unglück Skepsis. Japan war lange Jahre atomstromfrei. Erst letztes Jahr gingen die ersten Reaktoren wieder in Betrieb. Reaktor 3 des Takahama-AKW war am 29. Januar 2016 wieder gestartet, Reaktor 4 war zunächst wegen eines Lecks erst später angefahren worden und startete am 26. Februar. Nach 3 Tagen war der Betrieb aber nach einer Panne schon wieder am Ende. Jetzt also muss auch Reaktor 3 wieder vom Netz. In Betrieb sind in ganz Japan damit wieder nur die zwei Reaktoren im AKW Sendai, die im August 2015 angefahren wurden. Kurzzeitig war auch Reaktor 1 des AKW Ōi 2012 wieder angeschaltet worden, ein Gericht entschied aber 2014, dass Reaktor 1 und 2 nicht wieder hochgefahren werden dürfen. Das AKW könnte über einem aktiven Erdbebenspalt liegen.

Kühlanlage für die "Eiswand". Bild: Tepco

Auch im AKW Fukushima sieht es 5 Jahre nach dem Unglück nicht gut aus. Unter den mehr als 50.000 evakuierten Menschen scheint die Wut zu wachsen. Nach einer Umfrage gehen 38 Prozent davon aus, nicht mehr zurück zu können, 14 Prozent meinen, es könnte noch mehr als 20 Jahre dauern. Nur 22 Prozent hoffen, in 5 Jahren wieder in ihrer kontaminierten Heimat leben zu können. Jetzt schon wollen 25 Prozent nicht mehr zurück, da sie glauben, dass es zu Lebzeiten nicht mehr möglich sein wird.

Herausgestellt hatte sich jetzt auch nach 5 Jahren, dass der Betreiber Tepco den vollständigen Stromausfall nicht gleich nach Eintritt der Regierung gemeldet hatte, sondern erst eine Stunde später. Entsprechend später konnte dann auch die Evakuierung geplant werden. Erst letzten Monat kam heraus, dass im AKW niemand Kenntnis von Richtlinien hatte, nach denen untersucht werden muss, ob sich eine Kernschmelze ereignet hat. Das wurde vom Betreiber nur spät und zögerlich eingestanden.

Noch ist auch die lange geplante Eiswand um die Reaktorgebäude nicht hergestellt, mit der verhindert werden soll, dass weiterhin Grundwasser in die Gebäude eindringt und kontaminiertes Wasser ins Meer abfließt. Über 1500 Rohre, die bis 30 Meter in den Boden reichen, werden mittels eines neu errichteten Kühlkraftwerks mit Kühlflüssigkeit vollgepumpt. Mit -30 Grad Celsius soll dann der Boden gefroren werden. Im März will man damit beginnen, aber bis der Boden so gefroren sein wird, wird es noch bis zu 8 Monate dauern. Geplant war eigentlich, dass die Eiswand im März stehen sollte. Noch also wird weiterhin mit dem durch die Gebäude laufenden Grundwasser auch Plutonium und andere radioaktive Substanzen ins Meer gespült. Und niemand weiß bislang, ob die Eiswand auch das leisten wird, was man von ihr erhofft.

Wassertanks im AKW Fukushima. Bild: Tepco

Unklar ist noch, wie das radioaktiv verseuchte Wasser entsorgt werden soll, das in Tanks um die Anlage gespeichert wird. Die Reaktoren müssen ständig gekühlt werden, was dafür sorgt, dass immer mehr hoch radioaktiv belastetes Wasser gesammelt werden muss. Ungefähr eine Million Tonnen belastetes Wasser wurde in die über 1.100 Tanks gefüllt, bald dürfte der Platz ausgehen, wie sich auch auf einem Foto sehen lässt, das Asahi Shimbun am 12. Februar veröffentlicht hat. während die Versuche, das Wasser zu säubern, um es ins Meer zu abzulassen, nicht mit den Mengen Schritt halten können. Zudem können nicht alle Isotope ausgefiltert werden, das "gesäuberte" Wasser, das bereits tonnenweise ins Meer gepumpt wurde, enthält weiterhin das radioaktive Tritium, nach Angaben von Tepco zwischen 330 und 600 Becquerel. Nach der Zeitung will Tepco weitere 20 Tanks aufstellen, um die 30.000 Tonnen an radioaktiv belastetem Wasser zu speichern, die im Laufe des Jahres noch anfallen werden. Schon mehrmals sind Tanks leck geschlagen.

Zwar konnten aus den Abklingbecken bereits viele Brennstäbe entfernt werden, aber in die drei Reaktoren, in denen sich eine Kernschmelze ereignet hat, ist noch niemand eingedrungen. In den drei Reaktoren sollen sich um die 1500 Gebinde mit jeweils 60 Brennelementen befunden haben, in Reaktor 3 auch MOX-Brennelemente, die mehr Plutonium als die normalen enthalten. Tepco kann nur schätzen, wie es im Inneren aussieht und wie weit sich die Kernschmelze in den Boden gegraben hat.

Aufnahme vom 16. Oktober 2015 aus dem Abklingbecken von Reaktor 3. Bild: Tepco

Entwickelt wird eine Technik, die mit kosmischer Muon-Strahlung Bilder aus dem Inneren der Reaktorbilder machen soll. U.a. sind Toshiba und IRID dabei, ein solches System für Fukushima fertigzustellen, womit Material in der Größe ab 30 cm lokalisiert werden könnte. Erste Tests scheinen nicht viel erbracht zu haben.

Im Reaktor 1 hängengebliebener Roboter. Bild: Tepco

Das Problem ist, dass nicht einmal Roboter in die Behälter eingebracht werden können, in denen die Kernschmelze stattgefunden hat. Nach einem Bericht von Reuters "sterben" sie auch an der radioaktiven Strahlung, die im Inneren herrscht. Tepco hat danach versucht, mit Robotern, die schwimmen sowie mit Hindernissen in Tunnels und Röhren umgehen können, nach den geschmolzenen Brennstäben zu suchen. Doch Naohero Masuda, der für Tepco die Stilllegung leitet, berichtete, dass die Strahlung, wenn sie den Reaktorbehältern nahe kommen, ihre Verdrahtung zerstört und sie damit lahmlegt. Es seien Roboter eigens für jeden Reaktor gebaut worden. Nach Masuda dauere es zwei Jahre, einen solchen Roboter mit einer einzigen Funktion zu entwickeln. Der letzte Roboter hat, bis er außer Gefecht gesetzt wurde, nur unscharfe Bilder geliefert.

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