Pentagon wendet sich von Erdogan ab

12.03.2016

Rekrutiert die Türkei für ihre Säuberungsaktionen in den kurdischen Gebieten ausländische Islamisten bzw. Terroristen?

Nachdem schon mehrfach Bürger von Cizre und Diyarbakir von arabisch, turkmenisch oder aseri (aserbaidschanisch) sprachigen Angehörigen - besonders der Spezialeinheiten Esedullah Timi - berichtet hatten, gibt es nun neue Beweise.

In Cizre wurden in einer Wohnung, die türkischen Sicherheitskräften als Unterkunft gedient hat, Papiere in arabischer Schrift und mit IS-Stempel versehen gefunden. Dies berichtet das Nachrichtenportal Bestanuce.

Zerstörte Altstadt von Diyarbakir. Bild: Mevlüt Kücükyasa

Die Islamisten hielten sich nicht zufällig dort auf, denn ein ehemaliges führendes Mitglied von Ahrar al-Sham berichtet, dass aus Syrien 750 Islamisten geholt worden seien, um in Nordkurdistan zu kämpfen. Die AKP äußerte sich zu diesen Vorwürfen bislang nicht.

Im Stadtteil Cizre Cudi wurde in einer Wohnung, die ebenfalls von Sicherheitskräften benutzt wurde, ein Schriftstück mit einem Gebet in arabischer Sprache mit IS-Siegel und auch in türkischer Sprache gefunden. Darin steht am Ende: "Wir werden den echten Islam in dieses Land bringen." Unten auf diesem handgeschriebenen Zettel befinden sich zwei IS-Siegel, sowie die Anweisung, dass jeder Soldat dieses Gebet 52 mal am Tag aufsagen soll.

Nach dem 79 Tage dauernden Belagerungszustand wurden in Cizre unter anderem auch Geld und Belege aus Saudi Arabien und anderen Staaten gefunden.

Obama nennt Erdogan "ein Fiasko"

Die Zeitung Cumhuriyet berichtete am Freitag, dass das Pentagon einen Wechsel in seiner Haltung gegenüber Erdogan vollzogen hat. War es Erdogan in den letzten Jahren wohlgesonnen, nimmt man dort mittlerweile eine ablehnende Haltung ein.

In einer angespannten Sitzung im Pentagon zum Vorgehen gegen den IS meinte Obama, Erdogan sei ein Fiasko für sie. Zu seinem Verteidigungsminister Ash Carter sagte er, so wird von Teilnehmern berichtet: "Ash, mach was du willst, aber räume mit dem IS auf." Dies hat Carter wohl dazu bewogen, enger mit der YPG zusammenarbeiten.

Nach Ansicht des Pentagon kommt der YPG eine Schlüsselrolle im Kampf gegen den IS zu. Die führende Partei in Rojava, die PYD, sei demnach alternativloser Partner im Kampf gegen den IS. Man ist dazu übergegangen, sich nun mit dem Erdoganfeind PYD öffentlich zu zeigen. Der Besuch des Pentagon-Gesandten Brett McGurk Anfang Februar in Kobane erfolgte denn auch mit Einverständnis des Weißen Hauses, aber ohne Wissen des Außenministeriums, was zu einigen Irritationen geführt hat. Denn bei McGurks Besuch in Kobane waren auch englische und französische Geheimdienstvertreter mit von der Partie, die nicht erfreut waren über die öffentliche Bekanntgabe ihres Besuches (Erdoğan: "Bin ich euer Verbündeter oder die Terroristen von Kobanê?").

Die Verstimmung der USA zeigte sich schon am 15.12.2015, als Verteidigungsminister Carter in der Türkei zwar den Luftwaffenstützpunkt Incirlik besuchte, aber nicht Erdogan oder Davutoglu traf, sondern nach dem Besuch gleich nach Bagdad und Erbil weiterreiste, um dem irakischen Präsidenten Haydar Abadi und Kurdenpräsident Barzani zu treffen.

Das Weiße Haus und das Pentagon haben sich extrem über den Abschuss des russischen Jets geärgert, weil dies Russland den Vorwand geliefert habe, seine S400-Raketen in Syrien zu stationieren. Dies hat die Luftoperationen für die internationale Koalition verkompliziert. Und es wurde nicht vergessen, dass die mit Unterstützung der USA in der Türkei ausgebildeten Anti-IS-Kämpfer vom türkischen Geheimdienst MIT verraten wurden. Denn kurz nach Grenzübertritt wurden sie von Al-Nusra "empfangen" und festgesetzt. Einige der Kämpfer, die eigentlich gegen die Islamisten kämpfen sollten, liefen gleich zu Al-Nusra über (China gegen türkische "Sicherheitszone" in Nordsyrien).

IS in der Nähe von Ta`Anah Hill.

In der Zeit vom 29. bis 31.3. tagt in Washington der Nato-Nuklearrat, an der auch der Nato-Partner Türkei teilnehmen wird. Man geht nicht davon aus, dass es nach mehreren kritischen Telefonaten in den letzten Wochen zwischen Obama und Erdogan zu einem 4-Augengespräch kommt.

Die beiden ehemaligen US-Botschafter Mort Abramowitz und Eric Edelman in der Türkei haben die negative Haltung gegenüber Erdogan bestätigt und ihn zum Rücktritt aufgefordert. In der Washington Post ziehen sie ein vernichtendes Resümee zur Politik Erdogans, der 13-jährige Jungs wegen Kritik an ihm ins Gefängnis werfen lässt, von einem Mob Zeitungen überfallen lässt und Tausende von Kindern anderer Religionszugehörigkeit in islamischen Schulen zwangsislamisieren lässt.

Washington hat die Nase voll von Erdogan

Das Fass zum Überlaufen dürfte die ausführliche Aussage eines gefangenen IS-Kämpfers beim jüngsten Angriff aus Gire Spi am 27. Februar (also nach dem Beginn des Waffenstillstandes) gebracht haben (Syrien: IS-Offensive mit Unterstützung der Türkei?). Nach seinen Aussagen war der Angriff von der Türkei gemeinsam mit dem IS geplant worden. Er sagte aus, "dass er für den Angriff von türkischen Sicherheitskräften aus Jarabulus geholt und dann vom türkischen Geheimdienst MIT ins Gebiet von Girê Spî und Siluk geschleust wurde. Nach Layih’s (Name des IS-Kämpfers, Anm. d. Autorin) Aussagen war geplant, dass von den eingeschleusten IS-Gruppen einige von Osten, Süden und Westen Girê Spî angreifen sollten, während gleichzeitig mit dem Ziel einer Besetzung türkische Soldaten von Norden in die Stadt vorrücken sollten."

Gire Spi war einer der wichtigsten Versorgungswege des IS von der Türkei nach Syrien. Dazu der IS-Kämpfer: " Als wir Girê Spi verloren haben, war das deshalb als ob man uns die Luftröhre durchschnitten oder unsere Hauptschlagader gekappt hätte. Der Weg, auf dem die Türkei uns Hilfe geschickt hatte, war nun zu. Mit dieser Hilfe hat die Türkei uns dazu gebracht gegen die YPG und die Kurden zu kämpfen. Deswegen hat Girê Spî so eine Bedeutung."

Dieser Angriff hat für Washington deshalb eine große Bedeutung, weil von türkischer Seite offenbar ein Einmarsch nach Syrien geplant war. Etwa 30 Soldaten sollen schon am Grenztor einsatzbereit gestanden haben. Als Angriffe der internationalen Koalition zur Unterstützung der SDF zu erwarten waren, sollen sich die türkischen Soldaten zurückgezogen haben. Man stelle sich vor, was passiert wäre, wenn die internationale Koalition türkische Militärs auf syrischem Boden bombardiert hätte, um die Stadt Gire Spi vor dem IS zu schützen.

Wer immer noch abstreitet, dass es sich um Kriegsverbrechen gegen die kurdische Bevölkerung handelt, dem seien der arte-Beitrag über "die geheimen Todeskeller der Türkei" und der Artikel eines Reporters, der in Cizre vor Ort ist, empfohlen.

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