"Ihr seid Charlie gewesen, ihr seid Paris gewesen. Werdet ihr Ankara sein?"

15.03.2016

Ein in Ankara lebender Brite wundert sich über die ausbleibende Reaktion auf den Anschlag vom Sonntag, was tatsächlich vielsagend ist

Nach den Terroranschlägen in Paris kursierten im Netz die Beileids- und Sympathieslogans "Je suis Charlie" und "Wir sind Charlie" oder "Je suis Paris" und "Wir sind Paris". Nach wiederholten Terroranschlägen in Istanbul und Ankara mit vielen Toten und Verletzten ist aber aus Europa auch nach dem Anschlag am Sonntag in der türkischen Hauptstadt nichts zu hören, durch den 37 Menschen starben und 100 verletzt wurden. Die beiden Selbstmordattentäter hatten das mit Sprengstoff gefüllte Fahrzeug neben einer Bushaltestelle auf dem belebten Kizilay-Platz zur Explosion gebracht.

Ging es das letzte Mal in Ankara gegen das Militär, so waren jetzt wieder wie zuletzt in Istanbul Zivilisten das Ziel, die Botschaft richtete sich jedoch auch an die Regierung, denn in unmittelbarer Nähe befinden sich die Gebäude des Regierungschefs und des Justiz- und Erziehungsministeriums. Wer auch immer hinter dem Anschlag stand, die türkische Regierung beschuldigt - wie immer - die PKK, so sollte wohl die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt und der Regierung demonstriert werden, das man mitten in der Hauptstadt und im Zentrum der politischen Macht zuschlagen kann, also dass es keinen sicheren Ort gibt.

James Taylor, ein seit 18 Monaten in Ankara lebender Brite, machte auf seiner Facebook-Seite auf die fehlende Solidarität aufmerksam und fragt die Europäer, warum sie Paris und Charlie Hebdo waren, aber nicht Ankara:

Contrary to what many people think, Turkey is not the Middle East. Ankara is not a war zone, it is a normal modern bustling city, just like any other European capital, and Kizilay is the absolute heart, the centre. It is very easy to look at terror attacks that happen in London, in New York, in Paris and feel pain and sadness for those victims, so why is it not the same for Ankara? Is it because you just don't realise that Ankara is no different from any of these cities? Is it because you think that Turkey is a predominantly Muslim country, like Syria, like Iraq, like countries that are in a state of civil war, so therefore it must be the same and because you don't care about those ones, then why should you care about Turkey?

James Taylor

Über 100.000 Mal wurde der Facebook-Eintrag geteilt, der auch Eingang in türkische Medien gefunden hat. Die mangelnde Solidarität ist bezeichnend, sie ist allerdings, wie Taylor selbst sagt, auch nicht gegenüber Syrien, dem Irak, Afghanistan, Libyen, Mali, Nigeria oder jetzt der Elfenbeinküste zu finden. Es finden nicht nur zu oft Anschläge und Grausamkeiten statt, sie scheinen den Europäern auch zu weit weg zu sein, eben in Ländern stattfinden, mit denen Europa nicht direkt verbunden ist.

Eine ebenfalls in Ankara lebende Amerikanerin schloss sich an: "We are Ankara"

Die Türkei grenzt allerdings an Europa und ist Nato-Mitglied, seit vielen Jahren laufen Beitrittsverhandlungen zur EU, die Ankara im Zuge des Flüchtlingsdeals beschleunigt sehen will, es leben viele Türken in Deutschland und anderswo, darunter allerdings auch viele Kurden, die sich nicht unbedingt mit der Erdogan-Regierung identifizieren werden. Viele Europäer, darunter bislang auch die Union, haben einen Beitritt der Türkei zur EU schon immer abgelehnt, vornehmlich vermutlich, weil es ein islamisches Land ist. Auch Merkel verbrämte die Ablehnung mit dem Angebot einer "privilegierten Partnerschaft".

Dazu kommt, dass die türkische AKP-Regierung die Öffnung zum Westen mit einer Re-Islamisierung der Gesellschaft in den Hintergrund rückte, immer stärker die Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit einschränkt, die Justiz knebelt, eine riskante Politik in Syrien, mit islamistischen bewaffneten Gruppen, wahrscheinlich sogar mit dem IS, und gegenüber Russland betreibt, auch um den Preis einer Fortsetzung des Kriegs und einer Stärkung des IS oder anderer islamistischen Gruppen alles darauf setzt, gegen die syrischen Kurden zu kämpfen, den viel versprechenden Friedensprozess mit der PKK vor allem aufgrund des Machterhalts beendete und daraufhin erneut einen Bürgerkrieg gegen die PKK, aber auch gegen die kurdische Bevölkerung begonnen hat.

Aber selbst eine scharfe Kritik der türkischen Regierung und eine Ablehnung von deren Politik, die den Terror mit schürt - was man freilich auch etwa von Frankreich, den USA und in gewissem Maß Deutschland sagen kann -, erklärt nicht die mangelnde Solidarität mit den türkischen Menschen, die im Herzen einer Großstadt zufällig an dem Ort waren, an dem die Attentäter ihre Autobombe explodieren ließen.

Es war kein Angriff auf die Macht, sondern auch auf die Zivilgesellschaft, völlig ungerichtet, wenn auch symbolisch nahe des Regierungsviertels. Das ist der Terrorismus, den die islamistischen Terroristen von al-Qaida und Co. zu ihrem Markenzeichen erhoben haben. Ebenso wie die Attentäter selbst den Tod wählen, werden wahllos Menschen nihilistisch mit in den Tod gerissen, je mehr, desto besser. Die Anschläge richten sich gegen die ungeschützte und wehrlose Gesellschaft und wollen spektakuläre Bilder der blutigen Zerstörung schaffen.

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