Ist der Islamische Staat auf dem Rückzug?

18.03.2016

Seit 2015 habe er 22 Prozent des einst kontrollierten Territoriums im Irak und in Syrien verloren, laut Pentagon wird er immer schwächer

Der Islamische Staat hat, das lässt sich zweifelsfrei sagen, im Irak und in Syrien an territorialer Macht eingebüßt, auch wenn sich die Terrororganisation anderswo wie im Jemen, in Ägypten oder vor allem in Libyen, aber auch in Afghanistan oder Algerien ausbreiten konnte. Zudem häufen sich Anschläge im Ausland, was manche als Zeichen der Schwäche sehen wollen.

Immer noch findet der IS Anhänger, die sich willig für Selbstmordanschläge opfern.

Die territoriale Kontrolle im syrisch-irakischen Stammland jedoch schrumpft. Nach Angaben von Jane's hat der IS 2015 mehr als 14 Prozent des einst kontrollierten Gebiets wieder verloren. 2016 sollen noch einmal 8 Prozent hinzugekommen sein. Man glaubt daraus schließen zu können, dass sich die "Welle des Kriegs gegen den IS richtet". Berichtet wurde davon, dass dem "Kalifat" das Geld schwindet, was nicht nur mit der Bombardierung der Ölinfrastruktur und strengeren Kontrollen für den Ölschmuggel zu tun haben dürfte, sondern auch mit dem abgestürzten Ölpreis auf den Weltmärkten. Die US-Streitkräfte behaupten, im Januar eine Bank in Mossul bombardiert zu haben, wodurch große Mengen an Bargeld, die Rede ist von vielen Millionen, vernichtet worden seien. So heißt es, der IS habe seinen Kämpfern das Gehalt um die Hälfte gekürzt.

Al-Nusra ruft in einem Flugblatt alle bewaffneten Gruppen auf, sich gegen das syrische Regime zu verbünden.

Das Pentagon will auch den IS auf der Flucht sehen (on the run), so drückte es Steve Warren, Sprecher von Operation Inherent Resolve, am Mittwoch aus. Bei Shadadi hätten die Kämpfer der SDF mit Unterstützung von Luftangriffen zuletzt "mehrere tausend Dörfer" eingenommen und Angriffe des IS auf andere abgewehrt. Über 3000 Quadratkilometer seien hier vom IS befreit und mehr als 600 IS-Kämpfer getötet worden. In Syrien hätte der IS 10 Prozent des einst von ihm kontrollierten Territoriums verloren, im Irak zwischen 21.000 und 25.000 Quadratkilometer oder 40 Prozent des Territoriums.

Um Ramadi, Falludscha, Hadthida oder Sindschar wird noch gekämpft. Der IS schlägt weiter mit Selbstmordanschlägen zu, offenbar findet er weiterhin ausreichend Menschen, die sich für ihn opfern. Zwischen Mossul und Tal Afar ist nach Warren der "stärkste Stützpunkt" des IS im Irak: "bad guy land". Man habe über Dörfer am Euphrat Flugblätter abgeworfen, daraufhin seien 35.000 Menschen aus diesen Gebieten geflohen, unter sie hätten sich auch einige "feige" IS-Kämpfer gemischt. Die Botschaft: "With every tick of the clock, ISIL is getting weaker and weaker. However, unlike boxing, this fight last longer than 12 rounds. "

Beigetragen zu den Verlusten in Syrien haben die mit russischer Hilfe erfolgte Offensive der syrischen Armee in Westsyrien, die nun vor Palmyra steht, und des Vordringens der von den syrischen Kurden dominierten Syrisch-demokratischen Streitkräfte (SDF) bei Afrin und nördlich des von der YPG kontrollierten Gebiets Richtung Raqqa und Deir ez-Zour. Diese wurden unterstützt durch die Luftschläge der US-geführten Anti-IS-Koalition. Die Frage wird sein, ob die Kurden, die bislang aufgrund des Widerstands der Türkei und Saudi-Arabiens nicht in die unter der Leitung des UN-Koordinators Mistura geführten Gespräche eingebunden sind, weiter mit dem Ziel vorrücken werden, um Raqqa einzunehmen. Bislang wird das immer mal behauptet, wahrscheinlich um sich der Rückendeckung der USA zu versichern, aber auch betont, dass man auf sunnitisches Gebiet nicht vorrücken will.

Zusammenschluss zur Fustat-Armee

Man wird allerdings abwarten müssen, wie sich der teilweise Abzug der russischen Streitkräfte aus Syrien und die Feuerpause auswirken wird. Vor wenigen Tagen haben al-Nusra, die zu al-Qaida gehörende Gruppe, die große Teile des syrischen Gebiets in Aleppo, Latakia, Homs und Idlib kontrolliert, die schon lange in Regionen bestehende Kooperation mit der islamistischen, von Saudi-Arabien unterstützten Ahrar al-Sham noch einmal bekräftigt. Sie haben sich in Ghouta bei Damaskus vor wenigen Tagen während der Feuerpause mit Fajir al-Ummah zur "Fustat-Armee" zusammengeschlossen. Die Vernetzung der al-Qaida-Gruppe u.a. auch mit Teilen der noch verbliebenen Freien Syrischen Armee dürfte es schwer machen, sie aus möglichen Gesprächen herauszuhalten und sie zu bekämpfen. Gewarnt wird schon länger, dass sich auch nach einer möglichen Zerschlagung des IS oder durch sie andere islamistische Gruppen ausbreiten können, die ähnlich Ziele mit ähnlichen Methoden wie der IS verfolgen.

Die angeblich aktuelle Machtverteilung (grau: IS, gelb: YPG/SDF, grün: Rebellen, rot: syrische Truppen). Bild: BlueHypercane761/CC-BY-SA-4.0

Eine schwere Niederlage war für den IS weniger die spektakuläre Vertreibung aus Kobane, sondern vor allem der Verlust der Grenzstadt Tal Abyad, wodurch die YPG bis auf einen verbliebenen Korridor zwischen Afrin und Kobane das von ihnen kontrollierte Gebiet an der syrisch-türkischen Grenze erweitern konnten. Im Zuge der syrisch-russischen Offensive konnten die Kurden von Afrin weiter Richtung Osten vorrücken, was die türkische Regierung dazu veranlasste, kurdische Stellungen bei Azaz von der Grenze aus zu beschießen. Mittlerweile scheinen die Kurden und weiter südlich die syrische Armee den von unterschiedlichen "Rebellen" kontrollierten Korridor von der türkischen Grenze in den Süden Richtung Aleppo weitgehend geschlossen zu haben.

Wenn die Lebensader, die der Versorgung diente - und auch, wie vor kurzem geschehen, der Verstärkung durch Kämpfer aus der Türkei - tatsächlich blockiert sein sollte, haben die Rebellen, darunter v.a. al-Nusra und andere islamistische, auch turkmenische Gruppen, nun nur noch den Korridor zwischen Afrin und Latakia zur Versorgung. Erstaunlich ist allerdings, dass der vom IS kontrollierte Korridor von der türkischen Grenze mit der wichtigen Stadt Jarabulus Richtung Süden nach Raqqa weiterhin von der Terrororganisation kontrolliert wird.

Angeblich vom IS organisierter Markt für Mopeds und Motorräder in der Nähe von Aleppo.

Zwar konnten die Kurden bei Tishrin westlich über den Euphrat vorrücken, von der türkischen Regierung als rote Linie bezeichnet, der geplante Angriff auf Jarabulus ist bislang unterblieben, die Luftangriffe der US-geführten Koalition haben bislang keine Erfolge gezeigt. Daher besitzt der IS weiterhin die strategisch bedeutsame Verbindung mit der Türkei, um sich neuen Kämpfern, Waffen und Material versorgen zu können und Menschen und Waren aus Syrien heraus schleusen zu können. Zwar überwacht die Türkei den Grenzabschnitt angeblich stärker, es gibt aber weiterhin Schmuggelwege. Dass die Türkei ein durchgehendes kurdisches Gebiet an der Grenze verhindern will und deswegen vermutlich gegen den IS, wenn überhaupt, nur bedingt vorgeht, ist klar. Auch der syrischen Armee ist die Kontrolle über andere Gebiete wichtiger, die "Rebellen" bekämpfen stärker die syrischen Truppen und ihre Verbündeten, auch die Kurden, als den IS.

Endlos scheinen neben den Selbstmordanschlägen auch die Exekutionen zu sein, die der IS über Bilder verbreitet.

Wenn Jane's optimistisch beschwört, der IS sei zunehmend isoliert und im Niedergang, wird nicht nur außer Acht gelassen, dass er sich in anderen Ländern verbreitet, neben territorialen Verlusten erzielte er auch in letzter Zeit wieder Landgewinne. Immer wieder konnte er die Zufahrtsroute von Damaskus nach Aleppo blockieren, überdies konnte er auch nördlich von Aleppo neues Terrain erobern. Angeblich haben sich dort auch Hunderte dem IS angeschlossen.

Im Osten von Syrien ist mittlerweile die seit langem umkämpfte und innerhalb des vom IS kontrollierten Gebiets eingeschlossene Stadt Deir ez-Zor weitgehend unter Kontrolle des IS. Bei der Einnahme, vor allem konnte ein großes Waffenlager der syrischen Armee eingenommen werden. Der IS präsentiert stolz, was ihm da alles an Raketen, Panzer- und Luftabwehrraketen, Munition, Panzern und Fahrzeugen in die Hände gefallen ist.

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