Richtigstellung? Nein danke

21.03.2016

Ein Fallbeispiel dafür, wie "Qualitätsjournalismus" nicht funktionieren sollte

"Qualitätsjournalismus" ist ein Begriff, den gerade auch die Vertreter der etablierten Medien gerne nutzen um sich von anderen Journalisten abzugrenzen. Bereits vor einem für die Massen erschwinglichen und nutzbarem Internet gab es innerhalb des Journalismus eine Art Dünkel. Auf der einen Seite standen jene, die bekannte Journalismusschmieden wie die Henry-Nannen-Schule besucht hatten, auf der anderen Seite die Quereinsteiger, die mit Ressentiments zu rechnen hatten, da ihnen wenig zugetraut wurde.

Seit das Internet und einfache Blogsoftware dazu führten, dass Blogs und privat betriebene Webseiten mit Nachrichten und Kommentaren eine Konkurrenz zu den etablierten Medien darstellen, ist der Begriff Qualitätsjournalismus hinzugekommen. Dieser soll noch einmal deutlich machen, dass es zwei Arten von Journalismus gibt: Auf der einen Seite jener, der sich an Pressecodex und Co. hält, der journalistische Grundtugenden beherrscht und beachtet - und auf der anderen Seite die Blogger, die "einfach drauflostippen".

So lautet, vereinfacht, die Argumentation der etablierten Medien, wenn es darum geht, ihre Position zu verteidigen. Dabei ist das wertende Wort "Qualitätsjournalismus" schon in zweifacher Hinsicht kritikwürdig: Es wirkt eitel, wenn sich jemand damit selbst schmückt und ist eine Worthülse, wenn man es nicht mit Inhalten füllt.

Ein Beispiel für eine Publikation, die sich selbst gerne mit dem Prädikat Qualitätsjournalismus ausstattet, ist die Tageszeitung Die Welt, die zur Axel Springer SE gehört. Um eben diesen hauseigenen Qualitätsjournalismus zu erhalten, so hieß es, wurden 2012 diverse Abonnementmodelle eingeführt, die dem Leser nur noch begrenzt kostenfreien Zugriff auf die Onlineversion ermöglichten. Zeitgleich wurde für Leserkommentare eine Prämoderation vorangeschaltet, so dass jeder Kommentar vor der Veröffentlichung zunächst gegengelesen und ggf. nicht freigeschaltet wird.

Mit diesem Schritt steht die Welt nicht alleine da - zahlreiche Publikationen haben die Prämoderation eingeführt, haben Kommentarfunktionen eingeschränkt oder ausgelagert bzw. bieten sie nur noch für ausgewählte Themen an. Eine Entwicklung, die Markus Klöckner auf Telepolis bereits kritisch beleuchtete.

Eine Vormoderation kann jedoch auch bedeuten, dass Fehler in Artikeln schneller entdeckt und (möglichst transparent) korrigiert werden. Auch dies wäre ein Zeichen für Qualitätsjournalismus. Immerhin gibt der Pressekodex hier in Ziffer 3 eindeutige Verfahrensweisen vor:

Veröffentlichte Nachrichten oder Behauptungen, insbesondere personenbezogener Art, die sich nachträglich als falsch erweisen, hat das Publikationsorgan, das sie gebracht hat, unverzüglich von sich aus in angemessener Weise richtig zu stellen.

Am folgenden Beispiel soll erläutert werden, wie sich die Praxis (inklusive des Anspruches auf Qualitätsjournalismus) von der Theorie unterscheidet. Es geht, dies vorab, weder um die im behandelten Artikel behandelte Thematik noch um Welt als singuläres Medien. Vielmehr soll hier exemplarisch aufgezeigt werden, wie grundlegende Prinzipien des Journalismus nicht mehr angewandt werden, obwohl sich die Medien selbst rühmen, dies zu tun.

Eine Nachricht und zwei Artikel

Am 11.02.2016 erschien auf Telepolis der Artikel "Der Fall eines Pornostars" von Stefan Schleim, der auf vier Seiten den Casus James Deen beleuchtete. Zeitgleich war in der Welt über die "Begegnung mit dem klügsten Pornostar der Welt" zu lesen.

Der Artikel in der Welt enthielt eine falsche Tatsachenbehauptung, auf die in Forenkommentaren mehrere Male hingewiesen wurde. Diese Kommentare überwanden die Prämoderation nicht und der Fehler blieb im Artikel. Stefan Schleim, dem der Fehler ebenfalls auffiel, wies die Welt darauf hin, wie er im Telepolisforum zum Artikel Die ganz alltägliche Auslassung (in dem es um die Auswirkungen des Faktenfehlers ging) anmerkte.

Seit dem 11.02.2016 wurde der Welt - zunächst in den Forenkommentaren, später auch via Mail - immer wieder mitgeteilt, dass der Artikel fehlerhaft ist und eine Korrektur zu erfolgen habe, wie sie der Pressecodex vorgibt. Da es des öfteren vorkommt, dass signierte Mails nicht angenommen oder gelesen werden, wurden die Mails auch teilweise unsigniert versandt.

Die erste Mail an die Redaktion erfolgte am 11.02.2016, es folgen Mails im März (4.März ,8. März, 15. März, 16. März, 16. März, 17.3). Hinweise im Forum waren nicht mehr möglich, da dies bereits geschlossen war. Bisher erfolgte weder eine Richtigstellung noch eine Reaktion auf die Hinweise, in der erläutert worden wäre, warum keine Korrektur erfolgt.

Seit nunmehr über einen Monat findet sich also ein Faktenfehler in einem Beispiel für "Qualitätsjournalismus", der trotz zahlreicher Hinweise nicht richtig gestellt wird. Als das Markendach Welt für N24, Welt am Sonntag und Die Welt vorgestellt wurde, war zu lesen: "Das Ziel ist und bleibt, digitales Leitmedium für Qualitätsjournalismus zu werden." Eine Umsetzung davon sieht anders aus.

Dies ist nur ein Beispiel und soll nicht besagen, dass nur die Welt so agiert. Doch es soll illustrieren, wie der Qualitätsjournalismus sich nicht nur durch Forenschließungen und Co. von den Lesern entfernt, sondern auch den eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht wird.

Zu dieser Kritik soll sich insofern auch die Kritik an einer Sprache gesellen, die sich dem "falsch reden" anbiedert und zunehmend auch Fäkalsprache und dergleichen nutzt. "Helfen tut das kaum", ist beispielsweise bei "Spiegel Online" zum Thema Paracetamol und Arthrose zu lesen. Eine Formulierung, die es vor etlichen Jahren nicht durch die Qualitätskontrolle geschafft hätte.

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Marcus Klöckner
Medienkritik
Zu den Verwerfungen im journalistischen Feld
Als eBook bei Telepolis erschienen

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