Anschlag in Istanbul [Update]

20.03.2016

Mindestens fünf Tote, 36 Verletzte - und noch mehr offene Fragen

In der alten byzantinischen und osmanischen Hauptstadt Istanbul explodierte gestern ein Selbstmordattentäter, der mit seinem Sprengsatz nach derzeitigem Stand mindestens vier Menschen mit in den Tod riss und weitere 36 verletzte - sieben davon nach Angaben des türkischen Gesundheitsministeriums schwer.

Wer für den Anschlag in der Einkaufsstraße İstiklal Caddesi im Stadtteil Beyoğlu im europäischen Teil der Metropole verantwortlich ist, steht noch nicht fest. In Frage kommen neben Dschihadisten und Geheimdiensten vor allem extremistische Kurden wie die Terrorgruppe TAK, die sich zu dem am letzten Sonntag in Ankara verübten Selbstmordanschlag bekannte, bei dem 37 Menschen starben und 125 weitere verwundet wurden (vgl. Die kurdische Terrororganisation TAK will für den Anschlag in Ankara verantwortlich sein).

İstiklal Caddesi. Foto: Darwinek. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Für Dschihadisten als Täter und Hintermänner würde sprechen, dass der Anschlag in einer Fußgängerzone mit internationaler Kundschaft und Nachtleben stattfand, die für das säkulare und dem Westen zugewandte Istanbul steht, und dass sich unter den Verletzten zwölf Ausländer und mehrere israelische Staatsangehörige befinden. Dem israelischen Außenminister Nahshon nach gehörten die Israelis zu einer 14-köpfigen Reisegruppe und werden in vier verschiedenen Krankenhäusern behandelt.

Todeswunsch-Tweet der AKP-Frauenbeauftragten echt?

Ob ein inzwischen gelöschter Tweet, in dem sich die AKP-Frauenbeauftragte Irem Aktas angeblich wünscht, die israelischen Verletzten wären alle tot, echt oder Schwarze Propaganda ist, ist unklar. Die israelische Botschaft in Ankara bat die türkische auf Weisung des israelischen Premierministers Benjamin Netanyahu darum, dies aufzuklären.

Wollte sich der Selbstmordattentäter woanders in die Luft sprengen?

US-Medien zufolge, die sich auf einen nicht namentlich genannten Vertreter der Istanbuler Sicherheitsbehörden berufen, wollte der Bombenleger den Sprengsatz aber gar nicht da zünden, wo er explodierte, sondern an einer anderen Stelle, an der wahrscheinlich noch mehr Passanten ums Leben gekommen wären. Davon hätte ihn aber die Präsenz von Polizisten abgehalten.

Deutsche Schule in der Umgebung - Auswärtiges Amt fordert auf, in den Hotels zu bleiben

In der Nähe der İstiklal Caddesi liegt unter anderem eine deutsche Schule, die am Donnerstag zusammen mit dem deutschen Konsulat und der deutschen Botschaft in Ankara geschlossen worden war, nachdem das Auswärtige Amt "sehr konkrete Hinweise" auf Terrorplanungen erhalten hatte. Deutschen Touristen in Istanbul riet das Bundesaußenministerium gestern, ihre Hotels möglichst nicht zu verlassen und sich elektronisch über weitere Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten.

Kurdisches Newroz-Nationalfest am Montag

Die türkischen Behörden konzentrieren sich - wie bei mehreren Anschlägen zuvor - vor allem auf kurdische Terroristen als mögliche Täter: Außenminister Mevlüt Çavuolu verwies gestern auf drei Festnahmen von drei Kurden an der türkisch-syrischen Grenze, die seinen Angaben nach Anschläge planten. Aber auch unabhängige Beobachter halten angesichts des in den letzten Jahrzehnten zu einer alt kurdischem Nationalfeiertag umfunktionierten Newroz-Neujahrsfests am 21. März eine kurdische Täterschaft für durchaus möglich.

[Update: Inzwischen sagte der türkische Innenminister Efkan Âlâ den Medien, er gehe davon aus, dass es sich bei dem Selbstmordattentäter um den 1992 geborenen IS-Dschihadisten Mehmet Ö. aus Gaziantep gehandelt hat. Fünf weitere Terrorverdächtige sollen festgenommen worden sein. Außerdem wurde bekannt, dass drei der Toten israelische Staatsbürger waren. Die Zahl der Verletzten wurde auf 39 nach oben korrigiert, 15 davon liegen noch in Krankenhäusern.]

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