Anschläge in Paris: "Ein größeres Netzwerk, als wir dachten"

21.03.2016

Die Festnahme von Salah Abdeslam und erste Erkenntnisse

Mit dem lange gesuchten Salah Abdeslam haben die französischen und belgischen Anti-Terror-Einheiten einen Mann gefasst, der direkt an den Attentaten vom 13. November in Paris beteiligt war. Bislang kooperiert er gut mit den Behörden, wird berichtet. Nach dem "meistgesuchten Terroristen Europas" mutierte Abdeslam nach seiner Festnahme in Presseberichten zum nächsten großen "Mastermind" der Anschläge (nach Abdelhamid Abaaoud).

Er gilt als logistischer Organisator, der Wohnungen anmietete und Autos besorgte. Abdeslam gestand bei seinen Vernehmungen, es sei ursprünglich geplant gewesen, dass er wie sein Bruder Brahim (Comptoir Voltaire) als Selbstmordattentäter in die Halls of Fame der Dschihadisten eingehen würde. Doch warf er den Sprenggürtel in den Müll - was eigentlich eine Statusänderung beim IS vom Helden zum Abtrünnigen bedeutet - und zog seiner Wege, ungeachtet der Polizeikontrollen.

Fahndungsplakat

Drei Mal sei er auf der Flucht nach Belgien kontrolliert worden, berichtete der Figaro bereits im Dezember. Auch der offensichtlich bekiffte Zustand der Autoinsassen - und höchstwahrscheinlich auch des Fahrers - war für die Polizei laut Aussage des Fahrers Hamza Attou am Morgen des 14. November kein Anlass für eine genauere Überprüfung. Die Fahrgäste gestanden den Rauschmittelgenuss. Von der Polizei kam die Ansage, dass das nicht gut sei, man derzeit aber andere Prioritäten habe.

700 Meter von der Wohnung seiner Familie entfernt

Salah Abdeslam wurde erst danach zum meistgesuchten Terroristen, merkt die französische Tageszeitung an. Vier Monate später stellt sich die Frage, wie es dem Meistgesuchten gelang, sich bis zum Freitag vergangener Woche zu verstecken. In Belgien. Wahrscheinlich längere Zeit in Molenbeek. Das Viertel wurde ab November allen Mediennutzern als das berühmteste Dschihadisten-Viertel in ganz Europa vorgestellt.

Sein Unterschlupf in Molenbeek befand sich 700 Meter von der Wohnung seiner Familie entfernt. Wahrscheinlich hat er Belgien die ganzen vier Monate, in denen er von Europol, Geheimdiensten und französischen und belgischen Anti-Terror-Einheiten gesucht wurde, nie verlassen, wie jetzt vermutet wird.

Die FAZ zitiert Aussagen, wonach "sich Abdeslam in den vergangenen Wochen in seinem Stadtviertel wiederholt und - zumindest von den Ordnungshütern - unerkannt auf offener Straße gezeigt hat".

Das Versagen der Polizei erklärt sich einmal dadurch, dass ein Stadtviertel allen technischen Überwachungsmöglichkeiten zum Trotz einem Terroristen genauso viele Unterschlupfmöglichkeiten bietet wie etwa die Berge den korsischen Bombenlegern. Zum anderen durch die menschlichen Netzwerke.

Der Franzose Abdeslam verbrachte seine Jugend in dem Viertel. Zusammen mit seinem Bruder Brahim unterhielt er eine Zeitlang ein Lokal - übrigens nur zwei Kilometer von seinem aktuellen Wohnort entfernt - das als Umschlagplatz weicher Drogen bekannt war und deswegen schließen musste. Abdeslam hatte Verbindungen.

Er war nicht der einzige, der bei der Polizeioperation am Freitag verhaftet wurde. Dazu gehören noch vier weitere Personen. Zwei sind flüchtig. Die Polizei spricht von einer Unterstützungsgruppe, deren Mitglieder man noch nicht sämtlich habhaft geworden sei.

Üppiges Netzwerk

Der französische Staatspräsident Hollande kommentierte dies damit, dass das Netzwerk größer sei, als man bislang gedacht habe. Drei Personen, ein Mann, dessen Mutter und eine Frau, die als seine Lebensgefährtin geschildert wird, stehen im Verdacht, dass sie als Freunde Abdeslams dessen klandestine Existenz in Molenbeek mit Unterkunft und Versorgung unterstützt haben.

Darüber hinaus wurde ein Mann verhaftet, dessen Identität noch unbekannt ist, bei dem aber eine Beteiligung an den Pariser Attentaten gemutmaßt wird. Er ist offenbar der andere Flüchtende der Polizeiaktion, die am vergangenen Dienstag Schlagzeilen machte, im Brüsseler Vorort Forest, nahe Molenbeek.

Bemerkenswert ist, dass der noch nicht identifizierte Mann - ebenso wie die zwei Selbstmordattentäter, die am 13.November in der Nähe des Fußballstadions Stade de France ihre Sprengstoffgürtel zündeten -, über die griechische Insel Lesbos nach Europa eingereist sei, als Flüchtling getarnt. Notiert wird auch, dass der Mann in der Nacht vom 2. auf 3. November in einer Unterkunft in Ulm gewohnt habe, wo ihn Salah Abdeslam besucht habe.

Mittlerweile veröffentlichen französische Medien Schaubilder oder Überblicksartikel der Verdächtigen und der Attentäter um das Netzwerk an Beziehungen etwas durchschaubarer zu machen. Kenner der Szene, wie etwa der Journalist David Thomson weisen schon seit vielen Monaten daraufhin, dass das französisch-belgische Netzwerk der Dschihadisten personell üppig ausgestattet ist.

Die Angeberei des getöteten Abdelhamid Abaaoud, der seiner Kusine erzählte, er sei mit 90 Selbstmordattentätern nach Europa gekommen, klingt nun nicht mehr ganz so surreal. Dazu bestätigt sich, dass Netzwerke aus Freunden und Familien eine wichtige Rolle spielen.

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