"Wer soll darüber berichten, wenn alle großen Medien mitmachen?"

22.03.2016

Marvin Oppong über die Kooperation zwischen Medienverlagen und Lobbyorganisationen

Verlagshäuser arbeiten mit Lobbyverbänden zusammen, Redakteure von Qualitätsmedien sind in Eventgeschäfte eingebunden, die jeweiligen Redaktionen berichten über die Veranstaltungen im redaktionellen Teil. Sieht so unabhängiger Journalismus aus? Nein, sagt der freie Journalist Marvin Oppong, der für die Otto Brenner Stiftung ein Arbeitspapier ausgearbeitet hat, das sich mit "Veranstaltungskooperationen" zwischen großen Medienverlagen und Lobbyorganisationen auseinandersetzt. Im Telepolis-Interview macht Oppong deutlich, dass die Verbindungen zwischen Medienhäusern und Interessenverbänden Interessenkonflikte hervorruft und der Journalismus leidet.

Für das Arbeitspapier hat Oppong insgesamt 59 Veranstaltungen in den Jahren 2012 bis 2015 erfasst, bei denen es zu einer Zusammenarbeit zwischen Medienverlagen und Lobbyverbänden gekommen ist. 26 dieser Veranstaltungen wurden genauer betrachtet. In einer Pressemitteilung der Stiftung heißt es, dass 22 Fälle aufgelistet werden, "in denen Redaktionsmitglieder von "SZ", "F.A.Z.", "Handelsblatt" oder "Tagesspiegel" in einen Event mit Lobbykooperation eingebunden waren, zum Beispiel als Moderator. Im Fall der "F.A.Z." und des "Handelsblatts" berichteten diese Redaktionsmitglieder sogar für ihr Blatt über den Lobbyverband."

Dass diese Zusammenarbeit zwischen Medienhäusern und Lobbyorganisationen ein Geschäftsmodell ist, darauf macht der Geschäftsführer der Otto Brenner Stiftung, Jupp Legrand, aufmerksam: "Für Medienverlage sind Veranstaltungskooperationen mit Unternehmen und Verbänden längst ein einträgliches Geschäft geworden. Ein Geschäftsmodell allerdings auch, das von der Öffentlichkeit nicht genügend mit der notwendigen kritischen Aufmerksamkeit verfolgt wird."

Herr Oppong, in Ihrem Arbeitspapier für die Otto Brenner Stiftung sprechen Sie davon, dass Medien versuchen, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Genauer geht es um Eventgeschäfte. Was ist damit im Kontext ihres Arbeitspapiers gemeint?

Marvin Oppong: Verlage großer Zeitungen verdienen zunehmend Geld mit der Ausrichtung kommerzieller Konferenzen. So gut wie alle Verlage der großen, bekannten Qualitätszeitungen in Deutschland machen das inzwischen. Medienverlage haben Veranstaltungskooperationen mit Unternehmen und Verbänden als Geschäftsmodell erkannt und bauen es weiter aus. Im Dezember 2014 veranstaltete der Tagesspiegel seine umstrittene "Agenda"-Konferenz, bei der sich Lobbyverbände Redezeiten kaufen konnten. Das Arbeitspapier nimmt Veranstaltungen von Medienhäusern unter die Lupe, bei denen Lobbyverbände mit im Boot sind.

 Was kennzeichnet diese Eventgeschäfte noch?

Marvin Oppong: In den von mir untersuchten Fällen waren Lobbyverbände als Mitveranstalter, Sponsor oder etwa Medienpartner eingebunden. Die Events der Verlagshäuser tragen Titel wie "16. Handelsblatt Jahrestagung Chemie 2015", "Welt-Gipfelgespräch der Reiseindustrie" oder "2. SZ-Fachkonferenz: Betriebliche Krankenversicherung". Zu den Veranstaltungen kommen Branchenvertreter, meist sogenannte Entscheider aus der Wirtschaft, sonstiges Fachpublikum, Multiplikatoren, Verbandsvertreter, Vertreter der öffentlichen Hand, Politiker, aber auch Journalisten. Es gibt Speeches, Lunches, Panels, Keynotes und Get-togethers. Nicht zuletzt geht es auch um Networking und Kontaktpflege. Ein Ticket kostet bis zu über 2.000 Euro.

Sie betrachten diese Entwicklung eher mit Sorge. Warum?

Marvin Oppong: Indem Medienhäuser immer mehr auf das Eventgeschäft setzen, machen sie sich auch zunehmend davon abhängig. Medien sollten stattdessen versuchen, mit ihrer Kernkompetenz - Journalismus - Geld zu verdienen und nicht mit Geschäften mit Lobbyverbänden. Wenn ein Medienhaus Geschäftspartner eines Interessenverbandes ist, birgt dies die Gefahr von Interessenkonflikten. Dies lässt sich nicht vereinbaren mit der notwendigen Unabhängigkeit und Objektivität von Medien. Meine Untersuchung hat ergeben, dass es Fälle gibt, in denen der Journalismus unter den Lobbypartnerschaften leidet.

Gibt es weitere Probleme?

Marvin Oppong:  Ich bin auf zahlreiche Fälle gestoßen, in denen es bei einer Veranstaltung in Kooperation mit einem Lobbyverband zu einer Berichterstattung durch das jeweilige Medium kam. Die Zeitungen schreiben hinsichtlich des Konferenzgeschäftes also über Ereignisse, welche sie selbst mitproduziert haben. Hier entsteht das grundsätzliche Problem, dass diese Veranstaltungen nun als redaktioneller Beitrag, also als objektive Nachricht, präsentiert wurden und die Trennung zwischen Veranstaltungsgeschäft und redaktionellem Inhalt weiter aufgeweicht wurde. Damit fließen Aktivitäten von Verlagen, die nicht journalistischen, sondern pekuniären Zielen dienen, in die redaktionelle Arbeit ein.

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