Brauchen Schreibtischarbeiter höhenverstellbare Tische oder solche mit Laufband?

22.03.2016

Zu langes Sitzen macht krank, stehen ist besser, heißt es. Doch nach einer Studie sind andere Tische, Arbeitsstrukturen oder Ratschläge für die Arbeit nicht effektiv

Als jemand, der unzählige Stunden täglich sitzend am Schreibtisch verbringt, weiß man natürlich, dass langes Sitzen tödlich ist. Auch wenn man gelegentlich Sport als Ausgleich macht, soll das die Folgen des langen Sitzens nicht ausgleichen (Joggen oder Sport hilft dem Homo sedens vor dem Computer nichts). Klar scheint zu sein: Sitzen macht krank, zumal wenn homo sedens auch noch körperlich inaktiv ist.

Je länger man sitzt, desto höher ist das Risiko für Diabetes und Herzerkrankungen. Auch bei den Menschen, die die WHO-Gesundheitsempfehlungen einhalten, wöchentlich 150 Minuten mäßiger oder 75 Minuten anstrengender körperlicher Aktivität auszuüben, stellten Studien einen Zusammenhang zwischen ansteigendem Risiko und zunehmender Sitzzeit fest. Mindestens zwei, besser vier Stunden soll man während der Arbeit nicht sitzen (Sitzen kann tödlich sein).

Soll man also dauernd aufstehen, immer wieder das Sitzen unterbrechen, bei Gesprächen möglichst stehen, auf einem Sitzball rotieren, gar irgendwie kauern, um so ständig das Gleichgewicht halten zu müssen, den Schreibtisch mit einem Fitnesstrainer verbinden oder gleich einen Schreibtisch anschaffen, der sich hochfahren lässt, so dass man auch stehend arbeiten kann? Wäre besser noch ein Schreibtisch mit einem Laufband, ein Gehtisch oder ein treadmill desk? Das wiederum würde heißen, dass alle Tätigkeiten, die viel Stehen oder Gehen abverlangen, gesünder sein müssten als das Sitzen vor Maschinen oder Geräten. In der Werbung (Chip: "Ein Tisch, der Leben retten kann") heißt es etwa, dass Standing Desks, also höhenverstellbare Schreibtische, angeblich die Produktivität erhöhen, schlank machen, weil mehr Kalorien verbraucht werden, und überhaupt "besser für die Seele" sind.

LifeSpan TR1200-DT Treadmill Desk. Bild: CC-BY-SA-2.0

Finnische Wissenschaftler vom Finnish Institute of Occupational Health haben für Cochrane eine Metastudie durchgeführt, in der sie die Ergebnisse von 20 Studien, die Interventionen untersuchten, um langes Sitzen zu reduzieren, mit insgesamt 2.174 Teilnehmern aus einkommensstarken Ländern überprüften. 9 der Studien bewerteten Maßnahmen zur körperlichen Bewegung am Arbeitsplatz, 4 untersuchten Veränderungen der Arbeitsplatzvorschriften, 7 Informations- und Beratungsmaßnahmen, eine hatte Veränderungen des Arbeitsplatzes und Informations- und Beratungsmaßnahmen zum Gegenstand.

Wie aussagekräftig die Ergebnisse der Metastudie sind, muss dahingestellt bleiben. Auf jeden Fall scheint es nicht so einfach zu sein, dass Sitzen schlecht und Stehen gut ist. Höhenverstellbare Tische reduzieren das Sitzen täglich zwischen einer halben Stunde und zwei Stunden. Daran ändert sich nicht viel, wenn es dazu noch eine Beratung gibt. Und die Tische, an denen man auch stehen kann, verringern die gesamte Sitzzeit in der Arbeit und der Freizeit und die Dauer der einzelnen Sitzzeiten, wenn länger als eine halbe Stunde gesessen wird.

Wenig verwunderlich ist, dass Gehtische oder Fahrradtische, bei denen man beim sitzenden Arbeiten in die Pedale treten kann, die Sitzzeit nicht wirklich verringern. Wenn Tische mit Laufbändern mit Beratung einhergehen, soll hingegen die Sitzzeit während der Arbeit reduziert werden. Arbeitgeber und/oder Krankenkassen müssten dann wohl noch die Benutzung der Bewegungsmöglichkeiten tracken, um die Angestellten von der gesunden Arbeit während der Arbeit zu überzeugen, sofern nicht Sorge besteht, dass die Angestelltenmaus im Laufrad durch Multitasking nicht abgelenkt werden.

Bild: jseliger1/CC-BY-SA-2.0

Betriebe, die in Pausen Gehen eingeführt haben, haben damit die Sitzzeit nicht verkürzt. Auch das ist wenig verwunderlich, die Sitzzeit würde sich nur verringern, wenn die Pausen verlängert werden. In zwei Studien, die die Folgen von Informations- und Beratungsmaßnahmen untersuchten, nahm die Sitzzeit tatsächlich - wie lange? - um fast eine halbe Stunde ab. Offenbar hatte das aber keinen Zuwachs an Arbeitsproduktivität zur Folge.

Wenn auf den Bildschirmen der Arbeitscomputer die Mitarbeiter Hinweise erhalten, die Sitzzeit zu verringern, hat dies offenbar manchmal keine Wirkung, in einer Studie wurde aber eine Verringerung von 55 Minuten registriert. Dabei scheinen Aufforderungen aufzustehen besser zu wirken als solche, die anweisen, die Füße zu bewegen. Aber für Sitzzeiten, die länger als 30 Minuten dauern, haben diese Stimulationen keine Auswirkung. Auf die Dauer wohl sowieso nicht, wenn die Anweisung nicht überwacht wird. Da könnten womöglich ungemütliche Zeiten für den werktätigen Menschen kommen, der von Arbeitgebern, Krankenkassen und Rentenversicherern angehalten werden könnte, etwas für seine Gesundheit während der Arbeit zu tun, was sich auch für jene auszahlt. Aber nicht kontrolliert und nicht sanktioniert, scheinen sich auch Kombinationen nur für eine gewisse Zeit auszuwirken, bevor der Schlendrian des Sitzens wieder durchschlag.

Die Wissenschaftler schreiben, dass die Studien im Prinzip wenig hergeben, weil sie in der Regel schlecht angelegt gewesen seien und zu wenige Versuchsteilnehmer hatten. Gegenwärtig gebe es deswegen kaum belastbare Hinweise, "dass höhenverstellbare Schreibtische die Sitzzeit während der Arbeit kurzfristig verringern können". Wie es langfristig aussieht, müsse auch noch untersucht werden.

Bislang also sind höhenverstellbare Tische oder Tische mit Laufband ebenso wie veränderte Arbeitsstrukturen, auf den Bildschirmen aufploppende Anweisungen oder Ratschläge eher Hype. Jos Verbeek, einer der Autoren, sagt, es gebe nicht einmal Hinweise darauf, dass Stehen besser sei als Sitzen. Die paar Kalorien, die man beim Stehen mehr verbrenne, würden kaum ins Gewicht fallen. Dafür gebe es aber Hinweise, dass Stehen schlecht für die Gesundheit sei.

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