Der Tod des Superman

25.03.2016

Schwarz gegen Blau: In "Batman vs. Superman: Dawn of Justice" fragt "300"-Regisseur Zach Snyder, ob wir selbst in Gotham City leben

"So fängt es an: Das Fieber, der Zorn, das Gefühl der Machtlosigkeit, durch das gute Menschen grausam werden." Nicht von der AfD und Pegidisten ist hier die Rede, sondern von Gotham City. Sie sind hier alle über dem Gesetz, die Schurken, die Superhelden, nur die Politiker nicht, ausgerechnet, und sie müssen dafür bezahlen. Batman immerhin arbeitet mit ihnen zusammen, Superman tut so, als verkörpere er die unbestechliche Investigativpresse. Superman, der "boy" wird hier zum Mann, bleibt aber Muttersöhnchen, denn vor der Rettung der Welt kommt die Rettung der Mami - man muss halt Prioritäten setzen. "Tell me: Do you bleed?", fragt ihn Batman und fügt hinzu "You will."

If man won't kill God, the Devil will do it!

Lex Luthor in "Batman vs. Superman

Am Anfang hat Superman keine Ahnung: "Wer ist das?", fragt er, trifft Bruce Wayne und labert ihn dumm an: "Mr. Wayne, Clark Kent, 'Daily Planet', was halten Sie von dem Fledermausordnungshüter in Gotham?" Oh Mann, "Bruce Wayne", das ist natürlich der wahre Name von Batman, so wie Superman im wahren Comicleben Clark Kent heißt und als Journalist arbeitet.

Zum ersten Mal begegnen sie sich auf einer Partygesellschaft. Ein bisschen bemüht ist dieses Aufeinandertreffen der beiden Comic-Supermegahelden von Anfang an, auch wenn der Plot zu diesem Film tatsächlich aus einem berühmten Comic-Klassiker stammt.

Alternativen in Zeiten der Alternativlosigkeit

Episch und märchenhaft war es zuvor losgegangen: Mit einem Blick zurück in Bruce Waynes Kindheit und der Erinnerung daran, wie aus ihm einmal Batman wurde. 1981, "Excalibur" läuft im Kino, da werden Bruces Eltern vor seinen Augen ermordet. Getragene Musik, epische Stimmung, ein Sturz in ein Loch, das nicht für Kaninchen taugt, doch auch an dessen Ende erwartet Bruce ein Märchenland. Denn Hunderte von Fledermäusen retten ihn, bringen ihn zurück vom Dunkel ins Licht.

Bild: Warner Bros.

Später werden wir hören, das Böse käme von oben, das Gute von unten. Ob das nun etwas über Lex Luthor sagt, oder ob es sich um eine Anspielung auf 9/11 handelt, deren es mehrere gibt in diesem Film, das liegt im Auge des Betrachters. Danach jedenfalls kracht es erstmal am Himmel, und in der Stadt "Metropolis" wüten riesenhafte insektenähnliche Raumschiffe, raspeln Hochhäuser weg.

Wir erinnern uns: Das ist das Ende von "Superman: Man of Steel", der finale Kampf mit General Zod. Nur sieht man ihn nun von der Seite aus, mit den Augen Bruce Waynes, der sich schon in diesem Moment als einer von uns entpuppt. "Ein Superheldenfilm ganz aus der Kollateralperspektive, was für ein unvorstellbar aufregendes Stück Kino wäre das", schreibt Fritz Göttler in der SZ und hat Recht mit einem Gedanken, der allemal für Zach Snyder zu hoch ist. Da müssen wir auf Godard warten.

Aber wir haben verstanden: Eine Zeit der Krise, eine Zeit der Bedrohung - so ist es immer in Superheldenfilmen, und es gar kein origineller Gedanke, sich zu fragen, ob der Boom der Superhelden etwas mit der aktuellen, nicht allzu rosigen Lage der Demokratien zu tun hat. Superhelden verkörpern Alternativen in Zeiten der Alternativlosigkeit.

Bald bekämpfen sie einander aufs härteste. Natürlich ohne einen ganz klaren Gewinner, auch wenn Batman hier deutlich als Punktsieger hervorgeht, sowohl aus dem direkten Faustkampf als auch im ganzen Film. Batman ist ein Mensch mit Fehlern, kein Außerirdischer und Übermensch, und Batmans Skepsis, seine Ironie, mitunter der melancholische Pessimismus von Bruce Wayne stehen uns einfach näher als der allzu amerikanische blinde Optimismus von Clark Kent alias Superman.

Bild: Warner Bros.

Zudem ist Ben Affleck, der Batman-Darsteller, um Welten besser und charismatischer als sein Gegenüber Henry Cavill. Afflecks Auftritt überrascht in seiner Reife und ist richtig groß: Dies ist ein Batman, der Zukunft hat, nicht allzu sympathisch, aber nahe am dunklen Ritter der späten Graphic Novels.

Aber wieso eigentlich Batman "gegen" Superman? Sind das nicht beides Helden? Verkörpern nicht beide das Gute? "Batman gegen Superman" - was ist das überhaupt für ein Film?

Schwarz und Blau, Gott gegen Mensch, Tag gegen Nacht

"Schwarz und Blau, Gott gegen Mensch, Tag gegen Nacht." So kann man es auf den Punkt bringen. Batman gegen Superman - das heißt Nachtwelt gegen Tagwelt, Film Noir gegen amerikanisches Sendungsbewusstsein, Amoral gegen Moralisieren, Melancholie gegen naiven Optimismus. Der den zitierten Satz nun sagt, ist allerdings der Schurke im Spiel: Lex Luthor, Supermans Erzfeind, der hier auch zum Gegner von Batman wird, ein Weltenbrandentfacher, konziliant und sardonisch gespielt von Jesse Eisenberg.

Sein Luthor ist ein Junior mit massivem Vaterkomplex - der verbindet alle Erzschurken des amerikanischen Kinos mit dessen Helden -, er hat Daddys Raum unverändert gelassen und überlegt aber nun doch zu Anfang seines Irrsinns-Kriegs gegen die Welt ein Bild, einen Höllensturz aus der Barockzeit, verkehrt herum zu hängen über Papas Schreibtisch. Denn:

We know better now, don't we? Devils don't come from hell beneath us. They come from the sky.

Im Kampf gegen ihn vereinigen sich die beiden Superhelden.

Zunächst müssen sie aber grundsätzlichere Fragen klären. In der Gesellschaft dieser den USA zum Verwechseln ähnlich sehenden Stadtstaaten Metropolis und Gotham City wird nämlich öffentlich in den Medien und in der Politik debattiert, wozu Superhelden überhaupt gut sind, und wie man diese immer wieder außer Rand und Band geratenen Gesellen eigentlich demokratisch kontrollieren kann?

Bild: Warner Bros.

So kommt es zu einem hübschen Dialog zwischen den Hauptfiguren: "Civil liberties are being trampled on in your city; people living in fear. He thinks he's above the law", meint Clark Kent und bekommt zur Antwort: "The Daily Planet criticizing those who think they're above the law is a little hypocritical, wouldn't you say? Considering every time your hero saves a cat out of a tree, you write a puff piece editorial about an alien that could burn the whole place down." - "Most of the world doesn't share your opinion, Mr. Wayne." - "Maybe it's that Gotham City and me... We just have a bad history with freaks dressed like clowns."

Störungen der Kinosesselgemütlichkeit

Hier tut der Film zumindest so, als sei er ein ernsthafter philosophischer Essay. Er stellt die Fragen nach dem Wert von Macht und Heldentum. Er grundiert seine Figuren mit Psychologie. Bei Zach Snyder wirkt das nur leider immer sehr bemüht. Man soll den Regisseur von "300" von "Sucker Punch", von "Superman: Man of Steel" bestimmt nicht unterschätzen. Der für seine martialischen Schlachtplatten bekannten Snyder, der auch selbst gern ins Gym geht und bei Interviews seine tätowierten Arme vorzeigt, liebt muskelbepackte Männer und Frauen, die den Mund meist nicht aufmachen.

Man darf Snyder aber auch nicht überschätzen. Denn eine richtige Handschrift hat dieser Regisseur außer Lärm, Bombast und Überfrachtung auch mit 50 Jahren noch immer nicht. Poesie ist in seinen Filmen eher ein Zufallsprodukt, und auch der beste unter ihnen - "Sucker Punch" - ist eine unbedingt humorfreie Zone.

Nein, auch wenn Politiker hier darüber räsonieren, was Superhelden "tun sollten", ist dies trotzdem kein moralisierender, und schon gar kein systemkritischer, kein linker, noch nicht mal ein linksliberaler oder anarchistischer Film. Und auch kein philosophischer.

Bild: Warner Bros.

Immerhin erinnert hier vor allem die von Holly Hunter gespielte US-Senatorin, die in einem Untersuchungsausschuss das Wirken der Super-Helden untersucht an selbstverständliche Regeln, daran, das Demokratie mit Konsens zu tun hat nicht mit autoritärem Durchregieren. Sie wirkt seltsam anachronistisch. Eine ältere Dame, die noch an Legitimation durch Verfahren glaubt: "Macht korrumpiert und absolute Angst korrumpiert absolut."

Es sind solche kleinen Szenen, die dem Zuschauer plötzlich einen kurzen Augenblick lang den Boden unter den Füssen wegziehen, einzelne Dialogsätze, die für ein paar Sekunden die Gemütlichkeit im Kinosessel stören, und uns klar machen: Wir leben ja selbst irgendwo schon in Gotham City, in Verhältnissen, in denen die Öffentlichkeit auf Stars fixiert ist, denen sie dann alles durchgehen lässt, in denen das Schrille, Extreme sich gegenüber dem Abgewogenen durchsetzt, in Zeiten die, sich nach Helden, Rettern und anderen messianischen Figuren sehnen.

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