Jemen: Es droht eine akute Hungerkrise

25.03.2016

Die Vereinten Nationen und Oxfam weisen auf den "vergessenen" Konflikt hin, die Versorgung der Menschen werde durch eine Finanzkrise und mangelnde Spendenbereitschaft weiter gefährdet

Seit einem Jahr bombardiert nun Saudi-Arabien mit einer von der autoritären Monarchie geführten Allianz sunnitischer Staaten und der Unterstützung der USA, Großbritannien und Frankreichs Ziele im Jemen, eines der ärmsten Länder der Welt. Im Gegensatz zu Syrien ist Kritik aus dem Westen an dem Krieg aber kaum zu vernehmen: Syrien und Jemen: Die Schwarz-Weiß-Logik des Kalten Kriegs. Die Saudis bekämpfen dort die aufständischen schiitischen Huthi-Rebellen und ihre Verbündeten, darunter Teile des Militärs, die dem 2012 zurückgetretenen Präsidenten Ali Abdullah Salih weiter loyal sind, und anderen Stämmen. Unterstützt wird der jemenitische Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi, der letztes Jahr aus dem Land nach Saudi-Arabien geflohen war.

Mit der Unterstützung der Regierungstruppen und des Präsidenten Hadi im Kampf gegen die Huthis konnten al-Qaida im Jemen und der Islamische Staat die Gebiete vergrößern, die sie kontrollieren. Beides sind sunnitisch-salafistische Terrororganisationen, die einen ähnlichen religiösen Fundamentalismus wie die saudische Monarchie propagieren (Saudi-Arabien sieht sich führend im Kampf gegen den Terrorismus).

Durch den Krieg wurde die Situation für die Menschen drastisch verschlechtert. Nach Angaben der UN gibt es 1,8 Millionen Binnenflüchtlinge, 7,6 Millionen sind dringend auf Lebensmittelhilfen angewiesen. Das World Food Programm (WFP) der Vereinten Nationen sagt, 3 Millionen Menschen mit den Lebensmitteln monatlich versorgen zu können. Aber man habe nun die Lebensmittelrationen wegen unzureichender Finanzierung auf 75 Prozent kürzen müssen. Über 6000 Menschen sind getötet worden, die Hälfte Zivilisten.

Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln wird schwieriger. Bild: Abdulnasser Al-Sedek/Oxfam

Die Vereinten Nationen sprechen von einem "schrecklichen Jahr". Die Bombardierung von Häfen und Flughäfen, die zu Blockaden führt, ist eine der Gründe für die humanitäre Krise, sagt Jamie McGoldrick, UN-Koordinator für Jemen. Die UN habe zu Spenden in Höhe von 1,8 Milliarden US-Dollar für Lebensmittel, Wasser, medizinische Versorgung und Unterkunft aufgerufen, aber bislang nur 12 Prozent erhalten. Immer wieder kritisiert die UN Luftangriffe auf zivile Ziele wie Märkte, Krankenhäuser oder Schulen, bei denen viele Zivilisten sterben.

Oxfam berichtet aufgrund der neuen Angaben der Vereinten Nationen, dass wegen der Bombardierungen, Kämpfe und den Beschuss mittlerweile mehr als 21 Millionen Menschen, mehr als 80 Prozent der Bevölkerung, auf humanitäre Hilfe und mehr als 14 Millionen auf Lebensmittelhilfen angewiesen seien. Schon vor dem Konflikt war die Hälfte der Kinder unter 5 Jahren chronisch unterernährt. Die Organisation hat 250 Menschen im Nordwesten Jemens im Februar befragt und festgestellt, dass 60 Prozent Lebensmittel nur noch mit der Aufnahme von Schulden bezahlen können oder auf die Hilfe der Familie oder Nachbarn angewiesen seien. Das Geld gehe aus und die Preise steigen, viele sagen, sie könnten nicht mehr genug verdienen, die Armut nehme weiter zu.

Blockaden von Häfen und Importbeschränkungen haben zu steigenden Preisen von Lebensmitteln, aber auch von Benzin geführt. Mittlerweile seien 5 Häfen wieder offen, Ras Isa, Balhaf und Ash Shihr wären weiterhin wegen der herrschenden Unsicherheit geschlossen, Aden, der Haupthafen, sei weiter umkämpft. Aber auch wenn humanitäre Hilfe angeliefert werden könne, seien viele Gebiete, vor allem an der Grenze zu Saudi-Arabien, nur schwer zu erreichen. Mitarbeiter würden bedroht, an Kontrollen würden die Lebensmittellieferungen oft lange aufgehalten. Wegen der Kämpfe hätten viele Bauern und Fischer die Arbeit aus Sicherheitsgründen eingestellt.

Oxfam warnt, dass nun eine "akute Hungersnot" durch den Zusammenbruch der landwirtschaftlichen Produktion und eine Finanzkrise drohe, und spricht in von einer "unsichtbaren Nahrungsmittelkrise": "Ein Jahr nach Ausbruch des Konfliktes verweigern immer mehr internationale Banken Nahrungsmittelimporteuren die Kredite. Die jemenitische Zentralbank hat zunehmend Probleme, die Preise für Grundnahrungsmittel zu stabilisieren."

Das Land importiert nach Oxfam-Angaben 90 Prozent der Lebensmittel. Da die Währungsreserven der Zentralbank ausgehen, könne diese seit Februar keine günstigen Wechselkurse mehr für den Import von Zucker garantieren. Das drohe nun auch für Weizen und Reis. Die internationale Gemeinschaft wird aufgefordert, "den Finanzsektor des Landes und die lokalen Lebensmittelimporteure zu unterstützen. Zudem müssen alle Land-, See- und Luftwege nach Jemen offen gehalten werden, um eine durchgehende Lieferung von Nahrungsmitteln, Treibstoff und Medikamenten zu garantieren."

Der UN-Sondergesandte für den Jemen, Ismail Ould Cheikh Ahmed, berichtete am Mittwoch, dass die Konfliktparteien nach langen Gesprächen einen Waffenstillstand vereinbart hätten, der ab dem 10. April in Kraft treten soll. Dann sollen ab dem 14. April wieder Gespräche in Kuweit über eine friedliche Lösung beginnen. Bis zum 3. Februar sollen Vorschläge für den Rückzug von Milizen, die Übergabe schwerer Waffen an den Staat, temporäre Sicherheitsmaßnahmen, die Wiederherstellung der staatlichen Ordnung und des politischen Dialogs und die Einrichtung eines Komitees für Gefangene eingereicht werden.

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