Piräus - Hafen der Hoffnungslosigkeit

26.03.2016

Immer mehr Flüchtlinge stranden im griechischen Hafen von Piräus: Weil die Europäische Union ihre Auffanglager auf den griechischen Inseln räumt. Und weil in Deutschland Behörden beim Familiennachzug versagen

Drei Mädchen sitzen auf dem Boden und füllen die Bärchen eines Ausmalbuches. Hinter ihnen sonnt sich ein Pärchen sich auf der Kaimauer, ein paar Jungs springen lachend ins Hafenbecken. Man könnte die Szenerie am griechischen Hafen von Piräus auch für die eines Sonntagsnachmittagsausfluges halten. Wären da nicht die eng gestellten Camping-Zelte, die überlaufenden Dixie-Klos und die langen Schlangen von Menschen, die vor ein paar Helfern des Roten Kreuzes münden.

Bild: F. Köhler

Dort wo normalerweise Schiffe beladen und Fährpassagiere in Richtung der griechischen Inseln aufbrechen, leben nun unfreiwillig hunderte Flüchtlinge – gestrandet in überfüllten Wartehallen, auf dem Asphalt zwischen LKWs und eilig aufgebauten Zelten von Hilfsorganisationen. Seitdem die Europäische Union in ihrem Flüchtlingsabkommen mit der Türkei beschlossen hat, die Auffanglager auf den griechischen Inseln zu räumen, landen immer mehr mehr Menschen im Hafen von Piräus - ohne ausreichende Versorgung und ohne, zu wissen wie es mit ihnen weitergehen soll.

"Hätten wir auf deutsche Behörden gewartet, wären wir längst tot"

Im Schatten zweier LKWs sitzen die eingangs erwähnten drei Mädchen um ihr Ausmalbuch. Mit ihrem Vater sind Betul, Iman und Ahland aus dem syrischen Deir Azzur vor dem IS geflohen. Ihre Mutter, erzählt die 13-jährige Betul, sei mit zwei weiteren Geschwistern schon vor einigen Wochen nach Deutschland geflüchtet: "Jetzt fahren wir zu ihr", sagt Betul.

Dass sie ihre Mutter wahrscheinlich nicht so bald wiedersehen werden, wissen die drei Schwestern nicht. "Ich habe ihnen noch nicht gesagt, dass die Grenze geschlossen ist", sagt Vater Mohammed. Wie die Reise nach Deutschland weitergehen soll, weiß er nicht. Etwas anderes weiß er hingegen ganz sicher: "Hätten wir auf die deutschen Behörden gewartet, wären wir längst tot."

Im Fall von Jolana und Mohammed aus Idlib sind es die drei Söhne, die es bereits nach Deutschland geschafft haben. "Ich bin krank, hier gibt es keine Medikamente für mich. Alles, was ich will, ist noch einmal meine Kinder wiederzusehen", sagt die 54-jährige Jolana.

Zeltlager in Piräus. Bild: F. Köhler

Seit drei Tagen leben die beiden in etwas, das eigentlich mal als Warteraum für Fährpassagiere gedacht war. Nun liegen auf dem Boden überall Menschen, die nicht viel mehr besitzen als eine Filzdecke mit UNHCR-Aufdruck. Die Luft ist stickig. In der Nähe der Toiletten ist der Gestank kaum erträglich.

Die meisten haben Verwandte in Deutschland, die wenigsten werden sie bald wiedersehen

Geschichte wie jene von Mezgin und Betul gibt es im Hafen von Piräus dutzendfach: Väter sind auf den Weg zu ihren Familien, Kinder zu ihren Eltern, Frauen zu ihren Ehemännern. Familien wurden durch Krieg und Flucht auseinandergerissen. Geben dürfte es die meisten Geschichten eigentlich nicht. Denn In Deutschland regelt das Aufenthaltsgesetz die Zusammenführung auseinandergerissener Familien. Theoretisch dürfen demnach anerkannte Flüchtlinge in Deutschland ihre Ehepartner, Eltern und Kinder einander nachholen.

Doch obwohl im vergangenen Jahr mit 1,2 Millionen (von ihnen blieben rund 600.000) so viele Flüchtlinge wie nie zuvor nach Deutschland kamen, sind die Zahlen bewilligter Familiennachzüge nicht gestiegen. Stellten die deutschen Auslandsvertretungen im Jahr 2002 noch über 80.000 Visa für Familiennachzügler aus, waren es in den ersten neun Monaten 2015 nur 49.000. Fast die Hälfte davon entfällt außerdem nicht auf Flüchtlinge, sondern auf Deutsche, die ihre ausländischen Ehepartner nach Deutschland holen.

Besonders deutlich wird die geringe Zahl zusammengeführter Familien bei der größten Flüchtlingsgruppe: Nur 4.500 Syrer konnten im letzten Jahr Verwandte nach Deutschland nachholen.

Dokumenten werden nicht anerkannt, Termine nicht vergeben

Warum das so ist, weiß auch Mezgin. Zwischen zwei Zelten humpelt die 14-Jährige. Auf der Flucht habe sie sich den Fuß gebrochen, erzählt sie. Die Krücken bekam sie von Helfern auf einer der griechischen Inseln. Eigentlich habe die Familie aus dem syrisch-kurdischen Qamishli nicht vorgehabt, den beschwerlichen Weg über den Balkan zu bestreiten.

Mezgin mit Freundinnen. Bild: F. Köhler

"Mein Vater ist schon in Deutschland, eigentlich sollte er uns zu sich holen." Doch beim Konsulat in Ankara hätte die Wartezeit auf einen Termin über ein Jahr betragen: "Und die deutsche Botschaft in Athen sagte, sie sei nicht zuständig", erzählt Mezgin. Die Hoffnung mit ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern, doch noch ihren Vater zu erreichen, hat sie dennoch nicht verloren. "Es ist kalt, wir kriegen nicht genug zu essen, es ist einfach scheiße hier. Wir müssen nach Deutschland."

Das Chaos aus monatelangen Wartezeiten bei deutschen Auslandsvertretungen, nicht anerkannten Dokumenten durch die lokale Ausländerbehörde und ewigen Bearbeitungszeiten könnte in Zukunft nicht das einzige Problem für viele Flüchtlinge sein: Im November beschloss die Bundesregierung die Voraussetzungen des Familiennachzugs für Flüchtlinge noch einmal zu erschweren. Flüchtlinge mit dem schlechteren, dem sogenannten subsidiären Schutzstatus sollen Familienangehörige in Zukunft frühestens nach zwei Jahren nachholen dürfen.

Zwar wurde der subsidäre Schutz im Jahr 2015 nur in 0,6 Prozent aller Asyl-Entscheidungen verhängt, doch könnte sich das Verhältnis in diesem Jahr drastisch umkehren. Zuletzt wies das Innenministerium das BAMf an, wieder zur bürokratisch aufwändigeren Verhängung des subsidiären Schutzes zurückzukehren.

Berücksichtig man, dass Flüchtlinge oft monatelang darauf warten, bis ihr eigener Asylantrag bearbeitet ist, und es ein weiteres Jahr dauern kann, bis Behörden den Antrag auf Familienzusammenführung bearbeitet haben, müssen Flüchtlinge selbst im Erfolgsfall bis zu vier Jahre warten, bis sie ihre Kinder, Eltern oder Ehepartner wiedersehen.

Hammed. Bild: F. Köhler

Auch Hammed ist einer von ihnen. Der 14-Jährige aus dem syrischen Idlib steht draußen in der Sonne auf der Kaimauer und starrt regungslos ins Hafenbecken. Aus Besenstiel und Strick hat er sich eine Angel gebastelt, nun wartet er – nicht nur auf die Fische: Gemeinsam mit seinem Vater ist er auf dem Weg zu seiner Mutter nach Deutschland. Für das Problem der geschlossenen Grenze hat er einfachere Lösung als ein jahrelanges bürokratisches Verfahren: "Wir gehen einfach hin und bitten sie, sie wieder aufzumachen."

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