Non, je ne regrette rien - Abgesehen von der Mutterschaft

Seit sich Mütter dazu bekennen, die Mutterschaft zu bereuen, zeigt sich, wie stark der Mutterkult noch gepflegt wird. Der Druck auf die Mütter wächst

Der Moment der Geburt ist, so heißt es von vielen, die dies erlebt haben, sei der schönste, der beglückendste, der wunderbarste Moment im Leben einer Frau. Er schafft ein untrennbares Band zwischen Mutter und Kind, stattet selbst die bisher zweifelnde Mutter mit einer quasi gottgegebenen Mutterliebe aus, die Fürsorge, Liebe und Zärtlichkeit dem Kind gegenüber manifestiert. Die Mutterliebe setzt sich dann in den folgenden Jahren automatisch fort. Mütter sind per se dadurch, dass sie Mütter sind, glücklich.

Dass diese doch esoterisch anmutende Ansicht noch immer herrscht, zeigt sich derzeit an der Diskussion um "Regretting Motherhood" (Die Mutterschaft bereuen). "Regretting Motherhood" begann mit einer Studie der israelischen Soziologin Orna Donath, wurde dann als Schlagwort weiter genutzt und ist weiterhin Kern einer mitunter mehr als rüde geführten Diskussion.

Sie umfasst die Themengebiete Meinungsfreiheit, Gefühlswelten und Mutterschaft genauso wie Fragen der Medienkompetenz und nicht zuletzt auch die Frage, inwiefern Meinungen die Vorstufe zu (Straf-)Taten sein können oder sind. Das von Christina Mundlos veröffentlichte Buch zum Thema hat die Debatte weiter entfacht.

Bild: Carlo Facchinetti (1870-1951); gemeinfrei

Wie stark die Mutterliebe verklärt wird, zeigt sich auch an den vielen Gedichten, die sich kaum mit der Rolle der Väter befassen, sondern die Mutter und das Kind in den Vordergrund stellen, wobei diese Beziehung stets von dem Fleiß und der allumfassenden Liebe der Mutter geprägt ist, die sie sogar aus dem Grab erweckt wie in Peter Roseggers Gedicht "Die Erweckung", wo die Mutter aus ihrer Friedhofsruhe erwacht, weil einer der Söhne(!) nicht glücklich ist, sondern einsam und hungrig.

Flucht in die Frucht

Der betont rüde Ausdruck "Flucht in die Frucht" benennt das Phänomen, wonach Frauen bis heute noch vorgegaukelt wird, ein Kind würde die Lösung der Probleme sein, die gerade akut sind. Dies beginnt bei der Einsamkeit, bei innerer Leere, bei dem Gefühl, nutzlos zu sein, und geht über beziehungstechnische Fragen bis hin zur Alterssicherung. Das bedeutet, dass letztendlich z.B. auch gerade depressiven Frauen regelrecht eingetrichtert wird, ein Kind würde die derzeitige Situation komplett umkrempeln und das Leben plötzlich erfüllt erscheinen lassen. Ein Konzept, das zum Scheitern verurteilt ist.

Es lässt sich leicht sagen, dass gerade auch moderne Frauen diesen scharlatanischen Suggestionen nicht mehr auf den Leim gehen sollten, doch dies lässt den noch immer herrschenden Mutterkult außer Acht. Zwar gelten Mütter mit vielen Kindern schnell als asozial, doch Kinderlose gelten ebenso als suspekt, als Frauen, mit denen etwas nicht stimmt, als nur an Karriere interessierte Mannweiber, Zicken oder ähnliches.

Der Druck, sobald eine Heirat vollzogen wurde, doch für Enkelkinder zu sorgen, wird von vielen (Schwieger-)Eltern noch immer weitergegeben, die Weiterführung der Familie wird hier durch die manipulative Suggestion von immerwährendem Glück und Seligkeit verbrämt.

Dabei ist wichtig, dass die ursprüngliche Studie ja israelische Frauen betraf. Dies ist deshalb erwähnenswert, weil oft nicht verstanden wird, weshalb Frauen, die bereits mit dem ersten Kind unglücklich sind, noch ein zweites oder drittes bekamen. Doch in Israel herrscht noch immer die Ansicht, dass allein aufwachsende Kinder unglücklich sind, d.h. das möglichst schnell nachkommende Geschwisterchen ist quasi eine Pflichtübung.

Im Interview hat Orna Donath dies noch einmal verdeutlicht und auch ergänzt, wieso sie derzeit noch keine Studie "Regretting Parenthood" vorweisen konnte, was zeigt, weshalb die Väter und ihre Ansichten hier ausgeklammert werden.

Du bist Mutter

Orna Donath hat im Interview auch klargestellt, dass es nicht nur um die gesellschaftlichen Randbedingungen wie Kinderbetreuung oder gesellschaftliche Stellung usw. ging, sondern dass sich das Bedauern über die Mutterschaft durch alle Schichten zog. (Hier sei noch einmal darauf verwiesen, dass die Studie nur eine sehr geringe Zahl von befragten Frauen umfasst.) Wer sich die Begründungen dafür ansieht, dass Frauen die Mutterschaft als Sklavendasein, Albtraum oder dergleichen betrachte(te)n, der findet vor allem auch den (gefühlten) Verlust der eigenen Identität und des eigenen Lebens wieder.

Auch Kinderlose, deren Freundinnen schwanger wurden, erleben oft, dass sich das gesamte Leben der bisher doch keineswegs fremden Freundin komplett verändert. Dies ist nicht nur in Bezug auf morgendliche Übelkeit, Gewichtszunahme, Ernährung, medizinische Untersuchungen und finanzielle Fragen gemeint. Vielmehr ändern sich auch oft die Interessen im allgemeinen, das Baby ersetzt dann Themengebiete, die vorher noch wichtig waren.

"Mit der kann man gar nicht mehr reden", ist eine Kritik, die dann vielfach zu hören ist. Auf der anderen Seite ändern sich oft auch die Freunde und Bekannten und reden, spätestens dann, wenn das Baby auf der Welt ist, quasi nonstop über Mutterschaft und Babys. Frauen sprechen davon, dass sie die eigene Identität verloren haben und nur noch als Mutter wahrgenommen werden.

Hier lohnt es sich, die Frage zu stellen, wie mit Frauen und Männern, was Kinder und deren Betreuung usw. angeht, sehr unterschiedlich umgegangen wird. So wird von Frauen erwartet, dass sie zwar als moderne Frau auch noch ihren Beruf ausüben und Karriere und Kind verbinden. Dennoch sollen sie auch die Vorzeigemutter sein, die nie die Geduld verliert, jammert, klagt oder gar in Tränen ausbricht, stets sich aufopfert und all das macht, was von ihr erwartet wird. Frauen, die weiterhin im Beruf aktiv sind, kritisieren z.B., dass sie von Kindergärtnerinnen schon schräg angeschaut werden, sollte der mitgebrachte Kuchen nicht selbstgebacken sein.

Männer werden, so berichten sie, nur selten danach gefragt, wer denn auf das Kind aufpasst, wenn die Väter unterwegs oder auf Geschäftsreise sind. Bei der Mutter wird sofort die Mutter-Kind-Bindung bemüht, um zu zeigen, wie egoistisch eine Geschäftsreise doch ist, während das Kind zuhause beim Ehemann, Verwandten oder gar Betreuern ist. (Etwas, das auch für Männer entnervend ist, da automatisch angenommen wird, sie wären nur zweite Wahl, könnten ja nie die Mutter ersetzen usw..)

Schon in früheren Zeiten sollten Mütter zeitgleich Krankenschwester, Lehrerin, Betreuerin, Köchin, Apothekerin und Gärtnerin sein, während sie noch für den Gatten die heißblütige Geliebte im Bett darstellten - so sie nicht manche Tätigkeiten an das Personal abgeben konnten. Heutzutage kommt noch das aktive Berufsleben oder, zynisch betrachtet, die aktive Eingliederung in die kapitalistische Verwertung des humanen Kapitals hinzu. Wer nur Mutter sein will, der gilt geradezu als reaktionär. Das ist schizophren, da ja dieser Balanceakt zwischen aufopfernder Mutter und erfolgreicher Karrierefrau kaum gelingen kann.

"Du bist Mutter", entgegnet in einem Roman der englischen Krimiautorin Elizabeth George die Schwester der überforderten Penelope. Damit lässt sie eine Diskussion mit Penelope gar nicht erst aufkommen, die ihren Beruf aufgeben musste, dem Druck des Gatten nachgab und noch mehr Kinder gebar und nun an postnataler Depression leidet und kaum Unterstützung findet. "Du bist Mutter" - diese Worte werden keineswegs nur im Roman verwandt, um Probleme von Müttern beiseite zu wischen. Dabei ist genau die Frage, als was sich die Frau fühlen soll, die nur noch auf das Muttersein reduziert wird, eine der Fragen, die es zu diskutieren gälte.

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