Die Belagerung von Falludscha

30.03.2016

Hungersnot und humanitäre Katastrophe: Zigtausende Bewohner werden vom IS drangsaliert und von der irakischen Armee belagert, die Hilfskorridore sind geschlossen

Im Jahr 2010 soll Falludscha noch über 300.000 Einwohner gezählt haben. Wie viele jetzt noch in der Stadt der irakischen Provinz Anbar leben, weiß niemand genau. Schätzungen des World Food Programme gehen von 30.000 bis 60.000. Ein irakischer Brigadegeneral sprach kürzlich davon, dass mehr als 100.000, meist Frauen, Kinder und Ältere, "in der Falle sitzen", er zählte dabei die Vororte mit.

"Massensuizide aus Hunger"

Die Falle, das ist der IS und die Belagerung der Stadt seit mehreren Monaten. Beides hat eine Versorgungskatastrophe zur Folge (Auch in Falludscha verhungern Menschen). Asharq al-Aswat berichtet heute davon, dass sich viele selbst umbringen würden, weil Hunger und Krankheiten unerträglich geworden seien.

Die Zeitung spricht gar von "Massenselbstmorden". Nun ist Asharq al-Aswat, die einem Sohn des saudischen Königs gehört, nicht gerade berühmt als Lieferant verlässlicher, unparteiischer Nachrichten. Die Hungersnot wird allerdings auch vom World Food Programm dokumentiert.

Im Bericht zur Lage im März heißt es, dass Bewohner im Sub-Distrikt Hay Alwada im zweiten Monat in Folge melden, dass Geschäfte und Märkte keinen Nachschaub an Nahrungsmittel mehr bekommen hätten, kein Weizen, kein Reis, kein Gemüse, keine Linsen. Die Menschen würden versuchten, sich mit Kartoffeln, Kopfsalat oder Auberginen zu ernähren, die sie in der ländlichen Umgebung sammeln. Allerdings würden IS-Milizen diese Areale kontrollieren, zudem sei viel vermint.

Die Preise für die seltenen, noch erhältlichen Lebensmittel in Falludscha seien im Vergleich zum Dezember "extrem hoch". Es gebe kein Gas zum Kochen und mindestens seit Januar gibt es nur wenige Stunden am Tag Strom. Die Menschen würden in ihrer Not Blätter von Bäumen essen und Gras, heißt im Bericht von Asharq al-Aswat.

Kein Baschar al-Assad, kein Putin - kaum Berichterstattung

Kinder, die Blätter essen, war der Schocker, mit dem die Berichterstattung über die "syrische Hungerstadt Madaja" Anfang des Jahres auf die humanitäre Katastrophe in der belagerten Stadt aufmerksam machte.

Zu Falludscha gibt es keine derartig breite Berichterstattung. Nur vereinzelt wird auf die Not in der irakischen Stadt verwiesen - jedes Mal, so der Eindruck, wenn sich das World-Food-Programme zu Wort meldet. Der Unterschied: An der Spitze des Irak ist nicht Baschar al-Assad und es sind keine russischen Flugzeuge, die die vorrückende Armee unterstützen, der irakische Luftraum wird bekanntlich von der US-Airforce beherrscht, die Offensiven der irakischen Armee unterstützt. Man kann die Berichterstattung also nicht an den gängigen Feindbildern aufziehen.

Die Situation in Falludscha hat eine längere, komplizierte Vorgeschichte, bei der Spannungen, Bündnisse und Zerwürfnisse zwischen der irakischen Zentralregierung und wichtigen sunnitischen Stämmen eine wichtige Rolle spielen. Die Politik des früheren irakischen Premierministers Maliki hat die Entwicklung zur katastrophalen Situation begünstigt.

Er hat sunnitischen Stämmen die kalte Schulter gezeigt, wichtige Anführer hinter Gitter gebracht und damit letztlich dem IS ermöglich, hier Anschluss zu finden mit dem Lockruf der "sunnitischen Revolution". Als der IS 2014 die Kontrolle in Falludscha übernehmen konnte, war dies gut vorbereitet, die Dschihadistenmilizen waren zuvor in die Sicherheitskräfte und bestimmte Machtstrukturen der Stadt "eingesickert".

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