Originalität und Plagiat

09.07.1999

Das Internet als Quelle für Plagiate bei Schülern und Studenten

Studenten der Edinburgh University sind in Nöten. Betroffen sind 90 Studenten, die ihre erste Prüfung in Computerwissenschaft geschrieben haben und verdächtigt werden, ihre Arbeiten nicht selbständig, sondern mit der Hilfe des Internet vollbracht, kurz: von Websites mit fertigen Arbeiten abgeschrieben zu haben. Angeblich handelt es sich, wie BBC News berichtet, bislang um die größte offizielle Überprüfung einer britischen Universität im Hinblick auf den angeblichen Mißbrauch des Internet. Die Hälfte der Studenten des Kurses werden vor Abschluß der Überprüfung erst einmal keine Noten auf ihre Arbeit erhalten.

Tatsächlich mehren sich für Schüler und Studenten die Angebote von Vorlagen zu allen möglichen Themen für jede Klasse und jeden Kurs. Die Virtualisierung der Bildung erleichtert so auch den Zugang zu Informationen, die man für eigene Arbeiten heranziehen oder auch gleich kopieren kann. Zu Open Source oder Open Science gehört auch die Open Education, bei der gewissermaßen der "Quellcode" zur Abfassung einer Arbeit unentgeltlich oder gegen Gebühr zur Verfügung gestellt wird, den man dann, je nach Arbeitseifer und eigenen Einfällen, mehr oder weniger umformen kann. Dumm ist freilich nur, wenn dies nicht nur einzelne machen, sondern gleich ganze Gruppen dieselben Materialien verwenden, zumal wenn dann auch noch dieselben Fehler enthalten sind.

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Es wäre auch ein Wunder, wenn Schüler und Studenten sich des neuen Mediums nicht zur alten Praxis der Arbeitserleichterung bedienen würden. Verführerisch wird dies dann noch mehr werden, wenn sich Teleausbildung ausbreitet, in denen Prüfungen nicht mehr unter Aufsicht und offline in einem Raum stattfinden, sondern zuhause und online. Doch auch jetzt schon bedienen sich die Prüflinge immer mehr des Internet, um abzuschreiben - und je mehr Menschen in den sogenannten Wissensgesellschaften in die höhere Ausbildung getrieben werden, desto größer und differenzierter wird auch der Markt für die entsprechenden Angebote wie beispielsweise Cyberessays werden.

Bei einer Umfrage von Tim Rumbough an der Bloomsburg University of Pennsylvania, bei der es darum ging, zu welchen Zwecken die Studenten ihren Internetzugang benutzen, stellte sich zwar heraus, daß fast alle das Internet zu Studienzwecken und zur Kommunikation mit Freunden oder der Familie benutzten, aber ein Drittel sich natürlich auch anderweitig damit vergnügte, also Websites mit sexuellen Inhalten oder entsprechende Chaträume besuchte. Dabei waren zwei Drittel der Befragten Frauen, was möglicherweise das immer noch vorherrschende Stereotyp zerstören könnte, daß vor allem die jungen Männer vom Sex getrieben sind.

Doch 15 Prozent der Befragten gaben auch zu, daß sie das Internet zum Mogeln gebraucht haben. Die Dunkelziffer wird natürlich weit höher liegen. Tim Rumbough meint jedenfalls, daß die Studenten jetzt in fünf Minuten mit einer fertigen Arbeit, die sie von einer Website heruntergeladen haben, ankommen können: "Das sollte ein großes Problem für Lehrpersonen, die Verwaltung und selbst für die Eltern sein. Die Antwort auf das Problem ist, daß die Lehrpersonen auch diese Websites kennen müssen, daß sie also wissen, was von dort stammt und nach was sie Ausschau halten sollen."

Wie immer im Internet erzeugt eine Lösung eine entsprechende Gegenlösung. Dieser "Kalte Krieg" in Sachen Wettrüsten liefert den Lehrpersonen auch die Möglichkeit, mit Programmen die Arbeiten mit Dokumenten zu vergleichen, die im Web veröffentlicht wurden - natürlich nur, wenn sie erfasst oder von den benutzten Suchmaschinen im Web indiziert sind. So eine Software bietet beispielsweise Plagiarism den geplagten Lehrern und Professoren - natürlich gegen Bezahlung - an: "Wenn Sie ein Professor sind, der die Originalität der Arbeiten, die Studenten in Ihrem Kurs abgeben, überprüfen will, dann wird Sie unser automatisiertes Online-Angebot zur Erkennung von Plagiaten in ihrem Versuch unterstützen, in Ihrer Lehre den höchsten Qualitätsstandard zu erhalten." Auch Autoren oder Studenten können mit den patentierten "plagiarism detection algorithms" ihre Werke vor unerwünschtem Kopieren und Übernehmen schützen.

Das Programm versieht Texte mit einem digitalen Wasserzeichen und legt einen "Originalitätsindex" fest, anhand dessen sich dann Plagiate oder das jeweilige Verhältnis von Originalität und Übernommenem feststellen lassen sollen. Das Programm könnten Studenten oder neidische Kollegen natürlich auch bei den Veröffentlichungen der Wissenschaftler anwenden, was möglicherweise zu manch unliebsamen Überraschungen führen würde. Einmal abgesehen davon, welcher Text als "Original" zugrundegelegt wird, so ist ein Großteil der Veröffentlichungen in akademischen Kreisen, zumal in den Geisteswissenschaften, wenig originell, sondern eher ein Samplen. Noch schlimmere Ergebnisse könnten solche Plagiaterkennungsprogramme freilich in journalistischen Kreisen erzeugen, in denen bekanntlich gerne voneinander abgeschrieben wird und wenig "originell" ist.

Plagiarism.org versichert jedenfalls, daß die wachsende Datenbank mit Originaltexten die Studenten abhalten wird, sich der Arbeiten anderer leichtfertig zu bedienen: "Lehrpersonen berichten, daß die Qualität der Arbeiten ihrer Studenten besser geworden ist, sofern diese wissen, daß ihre Manuskripte nach Originalität überprüft werden. Studenten selbst berichten, daß ihre eigenen Leistungen und ihre Lernbegeisterung untergraben werden, wenn Abschreiben und Plagiierung von anderen nicht überprüft wird." Fragt sich nur, wie originell gerade Arbeiten in der Schule oder bei Grundkursen überhaupt sein können.

Doch solange es noch keine wirkliche Künstliche Intelligenz gibt, bleiben derartige Programme höchst fragwürdig und bedürfen der Überprüfung durch Menschen. Von den Unvollkommenheiten hat unlängst Andy Dehnart in Salon berichtet. Ein bißchen gleicht sein Experiment dem Dada-Vergnügen, mit automatischen Übersetzungsprogrammen herumzuspielen. Dehnart gab seine 30 Seiten umfassende Abschlußarbeit bei Plagiarism.org ein und erhielt daraufhin eine Email, daß es ein Plagiat sei. Angegeben wurde auch die URL des Textes, von dem abgeschrieben wurde: Plagiarism fand die Abschlußarbeit im Netz, die Dehnart dort hineingestellt hatte, stellte aber offenbar nicht fest, daß es sich um denselben Text und denselben Autor handelt. Würde ein Professor nicht den Vorwurf des Plagiats selbst überprüfen, könnte ein solches Ergebnis üble Konsequenzen haben.

Bei Plagiarism kann man lesen, daß nur solche Fälle mit einem Vermerk versehen werden, bei denen es sich um ein schwerwiegendes Plagiat handelt, während Texte, in denen nur einige identische Stellen vorkommen, nicht gekennzeichnet würden. Neugierig geworden gab Dehnart den Text eines Freundes ein, bei dem die Software fünf Passagen als Plagiate kennzeichnete, allesamt mit Anführungszeichen und Literaturhinweis versehene Zitate.

Schließlich stellte er einen kleinen Text mit Passagen aus den Werken von Karl Marx, Oscar Wilde, Bram Stoker und Ralph Waldo Emerson zusammen und fügte zusätzlich einige Sätze aus dem Kommunistischen Manifest an, in denen nur einige Worte und die Zeichensetzung verändert waren. Die Software identifizierte zwar die überarbeitete Marx-Passage, aber übersah die Zitate der anderen Autoren vollständig: "Insgesamt beurteilte Plagiarism.org den vollständig aus Plagiaten bestehenden Text als einen solchen mit einem hohen Grad an Originalität." Eine andere Software, die Essay Verfication Engine (EVE), erkannte hingegen alle Zitate, gab jedoch nur eine Liste mit URLs der Fundstellen an, so daß der Benutzer selbst überprüfen muß, ob es sich tatsächlich um Plagiate handelt.

Möglicherweise braucht ein erfahrener Lehrer aber eine solche Software gar nicht, weil er selbst besser und vor allem schneller beurteilen kann, wie "originell" ein Text ist. Doch als Suchmaschine zum Nachweis von Plagiaten könnten solche Programme schon jetzt dienlich sein. Geschickte Schüler und Studenten freilich könnten ihre Plagiate mit denselben Programmen womöglich solange abgleichen und verändern, bis diese nichts mehr finden. Das wäre vielleicht aber schon wieder ein Beleg für ihre Originalität.

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