Sankt IGNUtius predigt wieder

18.07.1999

Richard Stallman auf der Wizards of OS-Tagung

Zum Abschluß der "Wizards of OS"-Tagung las Richard Stallman der Gemeinde der Open-Source-Zauberer noch einmal so richtig die Leviten, sprach sie aber letztlich doch von ihren Sünden frei.

Zwei Tage lang diskutierten rund 300 Wissenschaftler, Hacker, Programmierer und Undercover-Agents von Firmen auf der Suche nach Manpower in der "Schwangeren Auster" Berlins rund um die Freie Software, die Offenlegung der Quellen von Code jeglicher Art und die Auswirkungen des neuen Ethos der Offenheit auf Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft. Die Organisatoren vom mikro Verein zur Pflege von Medienkulturen hatten von Anfang an klargemacht, daß freie Software zwar oft in der "freien" Zeit von Programmierern entsteht, von Spielerei aber keine Rede sein kann: Ein Blick auf das Programm - die Panels gingen vom frühen Vormittag bis tief in die Nacht hinein - genügte, um verständlich zu machen, daß Open Source vor allem schrecklich viel Arbeit ist.

Immer wieder drehte sich die Diskussion um die Frage, wie freie Softwareprodukte überhaupt entstehen können, wenn die Programmierer nicht für ihre Arbeit bezahlt werden und erst mit der Distribution und dem Support zu Open-Source-Programmen eine Handvoll Firmen das große oder kleine Geld macht. Eine erschöpfende Antwort präsentierte allerdings erst der Software-Guru Richard Stallman in seinem Schlußwort: "Ich lebe billig", verriet der Gründer der Free Software Foundation und Initiator des als Alternative zu proprietären UNIX-Betriebssystemen gestarteten GNU-Projekts. "Ich habe keine Häuser, keine Autos, keine Boote, keine Flugzeuge und keine Kinder." Allein durch diese Askese sei ein Projekt wie GNU, aus dem ein Großteil der Software für "GNU/Linux" hervorging, möglich gewesen.

Stallman mimte allerdings nicht nur den Asket, sondern offenbarte auch sein eigentliches - nach Selbstaussage: "anderes" - Ich: Zwei Handgriffe in die billige Plastiktüte - schon hatte sich der Guru die Kutte übergehängt und einen hölzernen Heiligenschein auf die schwarze Lockenpracht gesetzt. Mit dem Laptop als Bibel des Computerzeitalters unterm Arm sprach St. IGNUtius dann die nach Erlösung schreiende Community frei von ihren Sünden - dem Kauf von Microsoft-Produkten - frei: "Willkommen in der Church of Emacs! Ihr könnt dazugehören, wenn Ihr alle proprietäre Software sofort von Euren Computern verbannt." Der Streit zwischen den Anhängern verschiedener Betriebssysteme galt zwar schon langem als religiöser Kampf. Stallman ließ nun endgültig keinen Zweifel daran, daß gerade die freie Softwarewelt etwas für Fanatiker und echte Gläubige ist.

Sichtlich gut tat dem Scheinheiligen, mal wieder so richtig im Rampenlicht zu stehen und von der versammelten Gemeinde fast mit standing ovations umjubelt zu werden, nachdem er über eine Stunde lang gegen Patente und Copyright gewettert hatte: Auf der Linuxworld in San Jose im März hatte der Verfechter der freien Software schließlich nur mehr eine Randerscheinung spielen dürfen und wurde von der "Silicon-Valley-Presse" gar als Saboteur der kommerzfreundlichen Open-Source-Bewegung rund um Eric Raymond gebrandmarkt. Open Source sei nichts weiter als eine Methode, um Software zu schreiben, stellte Stallman deswegen noch einmal klar. Bei Freier Software gehe es dagegen um die Idee einer freien Gesellschaft, um eine Philosophie und um Politik.

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