Was mit Esther Dyson nicht in Ordnung ist
Ein Blick auf das Werkzeug eines Klempners
Als Vorsitzende der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN), ist Esther Dyson vielleicht der bekannteste Mensch, der die Zukunft des Internet gestaltet, während wir in das dritte Jahrtausend gehen. Wenn man ihren Hintergrund ansieht, dann ist sie vielleicht auch die gefährlichste Person, denn unter ihrem Einfluss gibt es für das Internet wenig Chancen, dass es ein offenes und flexibles Medium bleiben wird.
Antwort auf John Horvaths Kritik von Esther Dyson: Wir sind nicht perfekt
Vor allem ist ein bereichsspezifischer neutraler Ansatz zur Lösung der Aufgabe notwendig, da die Entwicklung des neuen Mediums in die schwierige Phase der Regulierung oder, wenn man so will, der Selbstregulierung eintritt. Dyson mag über einen bereichsspezifischen Ansatz verfügen, aber sie ist keineswegs neutral.
Esther Dyson ist nicht nur die vorläufige Vorsitzende von ICANN, sondern gegenwärtig auch Vorsitzende der EDventure Holdings, einem kleinen, aber diversifizierten Unternehmen, das sich weltweit der entstehenden Informationstechnologie widmet. Sie ist Mitglied des Export Council Subcommittee on Encryption des amerikanischen Präsidenten und sie sitzt im Beirat von Electronic Frontier Foundation, Scala Business Solutions, Poland Online, Cygnus Solution, E-Pub Services, Trustworks (Amsterdam), IBS (Moscow), iCat, New World Publishing und Global Business Network. Sie ist in den Beraterbeiräten der Perot Systems und der Internet Capital Group sowie eine Kommandatistin des Mayfield Software Fund.
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Dyson ist in den Beiräten und Exekutivausschüssen des Santa Fe Institute und des Institute for East-West Studies, und sie hat einen Sitz im Beirat der Eurasia Foundation. Sie ist Gründungsmitglied der Russian Software Market Association und Mitglied der amerikanischen Software Publishers Association. Sie ist im Beraterbeirat des Software Entrepreneurs Forum (Silicon Valley), des Poynter Institute for Media Studies, des Russian Internet Technology Center und des Soros Medical Internet Project.
Zuvor arbeitete sie als Wertpapieranalystin (New Court Securities, 1977-80; Oppenheimer & Co., 1980-82), und als Journalistin bei Forbes (1974-77). Ihre akademische Karriere ist bescheidener: sie hat einen Bachelor in Ökonomie der Harvard University (1972).
Dieser beeindruckende Lebenslauf zeigt deutlich, warum Dyson eine Gefahr für das Internet darstellt. Sie personifiziert ein System, in dem Interessenkonflikte durch sich überschneidende Mitgliedschaften in Vorständen erhalten bleiben: ein Markenzeichen des wild wuchernden Kapitalismus. In einem solchen System verbinden sich Geschäftsinteressen durch eine enge Zusammenarbeit in verschiedenen Beiräten. Diese Art der Inzucht funktioniert nach dem Motto: "Bist du in meinem Beirat, so werde ich in deinem sein." Daher ist ICANN ein Opfer von Abmachungen seines Beirats, die hinter geschlossenen Türen zustande kommen, was ein Grund dafür ist, warum soviel in dieser Organisation im Geheimen abläuft.
Das Problem mit einer solchen Inzucht ist natürlich die Frage, welche Interessen bevorzugt behandelt werden. Wird ein bestimmtes Unternehmen, von dem ein Direktor im Beirat sitzt, einem anderen vorgezogen, der hier nicht vertreten ist? Und wenn, was noch wichtiger ist, die Interessen großer Unternehmen mit denen der Öffentlichkeit kollidieren, werden dann die egoistischen Bedürfnisse einiger weniger (Unternehmen) den grundlegenden Bedürfnissen der vielen (dem allgemeinen Interesse) vorgezogen?
Diese Fragen wurden bereits von vielen gestellt, und sie sind großen Teils von Dyson et al. übergangen oder beiseite gestellt worden. In einem Fall ging Dyson in ihrer Antwort auf eine Anfrage von James Love und Ralph Nader (15. Juni 1999), in der Sorgen über ICANN vorgebracht wurden, so weit, dass sie behauptete, dass ICANN "über die Installation und nicht über die Menschen regiert".
Dysons Verwendung der Analogie der Installation ist interessant, weil sie hier unbewußt ihre Sympathien offenbart. Zwei Jahre zuvor benutzte sie genau dieselbe Formulierung, um den Monopolisten Bill Gates zu verteidigen: "Nur weil er die Installation kontrolliert, heißt dies noch nicht, dass er auch die Architektur kontrolliert." ("Can cyberspace slam the gates?" von Mark Tran in Guardian, 23. Mai 1997; zu finden im Archiv von Online-Europe). Natürlich stimmt nicht jeder mit dieser pathetischen Behauptung überein, weswegen Microsoft jetzt auch in einem Antitrust-Verfahren in den USA steht.
Während die Monate vergehen und die unzähligen Probleme, die mit der Kontrolle von zentralen Aspekten des Internet einhergehen, aufkochen, wird immer deutlicher, dass ICANN in der gegenwärtigen Verfassung für das Internet das sein wird, was Microsoft für die Welt der Software ist. Angesichts der öffentlichen Ablehnung von Microsoft und dem laufenden Antitrust-Verfahren gegen den Klempner Bill wäre es auch an der Zeit, sich Esther näher anzuschauen - und all die anderen Klempner.
Aus dem Englischen übersetzt von Florian Rötzer
http://www.heise.de/tp/artikel/5/5143/1.html- Anmerkung: Fr. Dyson ist eine Frau (10.11.2000 12:05)
- Orwell, oder Meinungsfreiheit? (12.3.2000 9:56)
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