Die Weltgesellschaft - eine gigantische Benutzeroberfläche

05.08.1999

Ein Gespräch mit dem Philosophen Norbert Bolz

Norbert Bolz, Jahrgang 1953 und damit Achtundsiebziger, ist seit 1992 Professor für Kommunikationstheorie am Institut für Kunst- und Designwissenschaft in Essen. Er gilt nicht nur als herausragender Kenner der Philosophien der jüngeren Moderne - von Carl Schmitt über Adorno und Benjamin bis hin zu Blumenberg - , er hat sich hierzulande auch durch diverse Publikationen zu den "neuen Medien" einen Namen als führender Protagonist der sog. "deutschen Medientheorie" gemacht. Insbesondere von Seiten der traditionellen Philosophie und Vertretern des kritischen Genres mußte er deswegen jede Menge Kritik einstecken. Vor allem auch deshalb, weil er klassische Grenzen des akademischen Schreibens und Denkens ignoriert und "essayistisch" operiert. Mit diesen Kritikern rechnet Bolz in seinem jüngsten Buch: "Der Konformismus des Andersseins", das soeben im Fink Verlag, München, erschienen ist, schonungslos und in der ihm eigentümlichen Weise ab.

Norbert Bolz

Das Interview belegt, dass die modische Rede von einer monolithischen "deutschen Medientheorie" nicht bloß leichtfertig, sondern prinzipiell falsch ist. Die Differenzen, die sich seit Anfang der neunziger Jahre abzeichnen, sind inzwischen unüberbrückbar. Kein Weg führt mehr von Essen nach Kassel oder Berlin oder zurück. Oerlinghausen liegt Bolz näher - und das nicht nur geographisch.

Das Gespräch zeigt aber auch, dass das Denken von Norbert Bolz in den letzten Jahren in wichtigen Eckdaten einen grundlegenden Wandel durchgemacht hat. Es ist, wenn man so will, "nüchterner" geworden, vielleicht auch "angepaßter".

Ursprünglich sollte das Interview face-to-face am Rande des Hegel-Kongresses in Stuttgart (Das Weltgericht wird vertagt) geführt werden. Da dies aus Zeitgründen nicht möglich war, mußte auf die Form des Emails zurückgegriffen werden.

Läßt sich das, was Sie machen, mit dem Begriff "Medienästhetik" hinreichend beschreiben?

Norbert Bolz: Das habe ich zumindest früher einmal selbst geglaubt. Mit Medienästhetik war gemeint: Theorie der Wahrnehmung unter Bedingungen neuer technischer Medien. Schon aus beruflichen Gründen muss ich heute etwas einfacher und blasser formulieren: Kommunikationstheorie. Medien untersuche ich heute nur noch als Kommunikationsmedien. Und "ästhetisch" heißt eine besonders privilegierte, besonders gepflegte Kommunikationsform, die man heute vielleicht weniger gut in der Kunst, viel besser aber in Design, Mode, Werbung und Pop-Kultur analysieren kann.

Könnten Sie diese neue Spielart von Philosophie etwas näher erläutern. Worum geht es da und was bezwecken Sie damit?

Norbert Bolz: Wenn man das noch "Philosophie" nennen will: Ich würde die Theorie gern auf die Höhe unserer Praxis bringen. Das heißt: ich möchte differenziert und artikuliert im Alltäglichen sein - z. B. etwas Kluges über Handybenutzer, Niketräger und Greenpeaceaktivisten sagen. Man könnte vielleicht sagen: Ich liebe die Gesellschaft und will von ihr lernen.

Wie unterscheidet sich diese Ästhetik beispielsweise von anderen, etwa der diskursiven, bürgerlichen, romantischen oder der Warenästhetik?

Norbert Bolz: Wie gesagt: Mir geht es um ästhetische Kommunikation im Alltag. Insofern liege ich schon ein wenig auf der Linie der "Warenästhetik". Man kann Marx gut finden, ohne Marxist zu sein. Ich finde das Kapitel über "Warenfetischismus" immer noch aktuell; nur würde ich daraus keinen "Verblendungszusammenhang" mehr ableiten. Verführung ist heute eine Dienstleistung des Marktes. Um es mit Huizinga zu sagen: man will der Betrogene sein. Das muß man erst einmal begreifen. "Kritik" hilft hier nicht weiter.

Und mit der romantischen, die etwa von Baudelaire über Benjamin bis zu Karl-Heinz Bohrer zu ziehen wäre? Es läßt sich ja zeigen, evtl. sogar begründen, dass Plötzlichkeit, Chockhaftes, Unerwartetes oder Überraschendes, auch Aggression und Gewalt usw. in die Ästhetik der Massenmedien eingewandert sind und deren Darstellungsform und Ausdrucksweise bestimmen.

Norbert Bolz: Ja, Sie haben recht. Die romantische Ästhetik hat tatsächlich eine verblüffende Aktualität im Massenmedienalltag. Schock, Überraschung und Aggression sind die Selektionsprinzipien für erfolgreiche Sendungen; aber sie sind natürlich längst normalisiert und habitualisiert. Man erwartet das Unerwartete, und niemand ist von den Schocks geschockt. Vielleicht ist das ein Beleg dafür, dass die Frühromantik tatsächlich der Anfang der Moderne im strikten Sinne ist. Friedrich Schlegel hätte die Multimediawelt sicher begrüßt: vom Kuß des Kindes bis zur Transzendentalpoesie...

Das Niedrige ist meist das gut Gemachte

Was manche Kollegen irritiert, sie mitunter sogar in helle Aufregung versetzt, ist, dass Sie es mit der Pop- und Massenkultur genauso gut können wie mit den Klassikern der Moderne. Sie behandeln ernste und populäre Kultur, high und low culture gleichwertig, das heißt: Sie siedeln alles auf einer universellen und gigantischen Benutzeroberfläche an.

Norbert Bolz: Sie haben recht: Die Unterscheidung von E und U ist nur noch etwas für ARD-Intendanten und konservative Feuilletons. Gerade die "ernsten" Künstler würden heute nicht mehr so unterscheiden. Um Gottfried Benn zu variieren: Von einem Popsong kann man oft mehr über die moderne Gesellschaft lernen als von einem Suhrkamp-Taschenbuch. Wer Nietzsche und Freud gelesen hat, müßte eigentlich um den Wert des Kleinsten und Nächsten wissen. Es ist keine Kunst, etwas Kluges über Faust II oder Becketts Endspiel zu schreiben. Aber es ist eine große intellektuelle Kunst, etwas Kluges über das Tamagotchi oder die Harald-Schmidt-Show zu schreiben.

In letzter Zeit häufen sich aber Stimmen, die mehr Ernst und Ernsthaftigkeit von den Diskursen verlangen. Kürzlich glaubte sogar jemand, einen "Verrat der Theorie" auszumachen. Sie betonen die Unterschiede zwischen E und U, sie beklagen den Sieg der Spaß- und Massenkultur über die Hochkultur, sie entdecken die Vorzüge des Elitären und Exklusiven und reklamieren das Diskommunikative als ästhetischen Wert.

Norbert Bolz: "Exklusiv" ist heute ein Reklamewort, etwa in Möbelhäusern. Und "Ernsthaftigkeit" ist nur ein edler, einschüchternder Name für mangelnde Lernbereitschaft; die Ernsthaften bestehen auf ihren Vorurteilen. "Verrat der Theorie" gefällt mir. Ist das als Aufforderung gemeint? Wenn es kritisch gemeint sein sollte, steckt dahinter ja die Forderung: Sei der (Kritischen) Theorie treu! Ich bin nur meiner Frau treu und gerne bereit, jede Theorie zu verraten, die mir nicht mehr weiterhilft. Und was den Spaß betrifft: Dass die Deutschen den Nonsense und das Blödeln entdeckt haben, ist wirklich ein gutes Zeichen. Es gibt eben nicht nur Lea Rosh, sondern auch Anke Engelke - das sorgt für Gewaltenteilung im deutschen Gemüt. Fit for fun ist mir lieber als der Bocksgesang.

Keine Aufforderung. Mit "Verrat" wurde auf die soziologische Medientheorie gezeigt, weil sie nicht mehr zwischen hohen und niedrigen Kommunikationen diskriminiere, sondern alles der Kommunizierbarkeit unterwerfe.

Norbert Bolz: Hoch und niedrig zu unterscheiden, macht in der modernen Kultur einfach keinen Sinn mehr. Alles ist horizontal gegliedert; niemand steht oben, keine Theorie ist superior. Das heißt aber nicht, dass man nicht zwischen gut und schlecht unterscheiden könnte. Nur: Meist ist gerade das "Niedrige" das gut Gemachte (Videoclips zum Beispiel). Im übrigen verstehe ich nicht, wie man, wenn man nicht gerade Adorno heißt, davon reden kann, dass "alles der Kommunizierbarkeit unterworfen" würde. Macht muss kommunizieren, aber Kommunikation ist keine Macht.

Neue Heilsversprechen inszenieren

Wäre es denn so falsch, die Medienästhetik als Erbin von Theologie und später Geschichtsphilosophie zu deuten? Und, sollte dies zutreffen, gibt sie oder kann sie eine Antwort auf den Verlust bzw. das Verlustig- oder Fehlgehen politischer oder religiöser Heilsversprechen geben?

Norbert Bolz: Medienästhetik entsteht sicher aus der Geschichtsphilosophie (siehe Benjamin), sie sollte das aber nicht stolz als Adelsnachweis mit sich führen, sondern sich davon emanzipieren. Gerade dann ist sie in der Lage zu zeigen, wie heute politische und religiöse Heilsversprechen in den Medien und auf den Märkten inszeniert werden. Eine Theorie kann Probleme nicht lösen, sondern nur gut stellen.

Könnten Sie Beispiele für solche Inszenierungen geben?

Norbert Bolz: Medial inszenierte Heilsversprechen gibt es viele, denken Sie nur an Phantome wie Selbstverwirklichung oder Multikulturalität. Und negativ in der Personifizierung des Bösen: Bill Gates, Milosevic.

Wenn vielleicht nicht direkt als Erbin, dann vielleicht als Kompensat oder gar Supplement: Medien- oder Kommunikationsästhetik, die von den Zumutungen des Lebens oder des Alltags entlastet.

Norbert Bolz: Ja, wenn Sie Medienästhetik nicht als wissenschaftliche Theorie, sondern als Effekt der Unterhaltungsindustrie verstehen. Also Ästhetik der Medien als genitivus subiectivus. Eine Theorie der Betäubungsmittel ist ja nicht selbst ein Opiat.

Die Feminisierung der Öffentlichkeit

Kann diese Dämpfung, Abfederung oder gar Abschirmung, die Medien und ihre Ästhetiken anbieten, Schutz geben vor den realen Leidenschaften, die Menschen entwickeln, wenn sie politische Ziele verwirklichen wollen oder Glücksversprechen sich nicht einlösen lassen. Anders gefragt: Wie weit schützen Medien vor den Phantomen des Imaginären, des Unheimlichen genauso wie vor der Heraufkunft neuer politischer Romantiken?

Norbert Bolz: Die neuen Medien zerstreuen. Deshalb drohen uns keine Totalitäten mehr. Nichts ist unwahrscheinlicher als die Neubildung einer Großideologie. Aber je dichter der Medienschirm, desto größer die Sehnsucht nach dem "wirklich Wirklichen" hinter den Bildern. Doch auch für diese Sehnsucht wird unsere Gesellschaft Naturschutzparks einrichten. Natürlich gibt es Ausgeschlossene (und es werden immer mehr), die Lust (oder Verzweiflung) verspüren könnten, den Großen Bildschirm zu durchschlagen - dann fließt Blut. Aber man sollte daran keine revolutionsromantischen Hoffnungen knüpfen: Gerade die Medien präparieren nur allzu gerne die Opfer als Helden.

Stacheln oder stiften Medien nicht auch zu politischen Leidenschaften an? Zeugen nicht auch die Ereignisse auf dem Balkan von einem neuen Attentismus der Medien? Gerade das Fernsehen hat mit seinen Berichten über Deportationen, Massenmorde und andere Greueltaten erst zur militärischen Intervention auf dem Balkan maßgeblich beigetragen.

Norbert Bolz: Der Balkan ist mir zu heiß und zu fremd. Dazu möchte ich nichts sagen. Zum Prinzipiellen der Frage nur dies: Das Fernsehen ködert den Voyeurismus des "beteiligt-unbeteiligten Zuschauers" (Luhmann), der von der Betroffenheit anderer betroffen ist. So bildet sich ein moralischer Doppelstandard heraus, der lautstark aber handlungsarm ist. Kriegsberichterstattung in den Medien der Massendemokratie hat vor allem den Effekt, die Kriegsführung zu verunmöglichen. Für mich war entscheidend, was nicht geschah. Die Apache-Hubschrauber konnten nicht eingesetzt werden - wegen des Somalia-Traumas (body bag syndrom). Die Großaufnahme der Tränen in den Augen der Mutter des Gefallenen und Geschändeten. Man könnte vielleicht von einer feminisierten Öffentlichkeit sprechen. Ich sehe das mit großer Sympathie.

Derzeit verschanzt sich die Politische Romantik hinter dem Deckmantel universalistischer Moral. Unter dem Schutzschirm abstrakten Universalismus oder Multikulturalismus und der Rhetorik der Menschenrechte werden Kriege als Luftkriege in moralphilosophischer Absicht geführt. Wie beobachtet und beschreibt ein Medienästhetiker den Krieg der NATO gegen Serbien?

Norbert Bolz: Eine Medienästhetik des Krieges wäre frivol. Aber ich teile das Unbehagen, das in Ihrer Frage liegt. Noch mehr Angst als Kriege machen mir "gerechte Kriege". Da kommt vielleicht ein neues Dauerproblem auf die Weltgesellschaft zu. Früher konnte man Nationalstaaten als Black Boxes behandeln. Heute übernimmt die Weltgesellschaft die Weltverantwortung, und das Weltgewissen wird zum Weltpolizisten. Es gibt nichts Gefährlicheres als Politik, die moralisiert. Aber darf (!) man wegsehen? An dieser Stelle gibt es eine Denkblockade, die wir vermutlich Hitler verdanken.

Maxwellscher Dämon

Sie haben das, was Sie machen, als Kommunikationstheorie bezeichnet. Mit Luhmanns Werk liegt ja eine prominente soziologische Supertheorie mit universalistischem Anspruch vor. Könnten Sie uns sagen, wie sich diese von der Ihren unterscheidet, wo Ihrer Meinung nach der blinde Fleck Luhmanns ist, den Ihre Theorie ausfüllen oder klarer beschreiben könnte?

Norbert Bolz: Es ist natürlich verlockend, gerade demjenigen, der uns alle mit dem Problem des blinden Flecks vertraut gemacht hat, seinen eigenen blinden Fleck zu zeigen. Ich will auch nicht kneifen und gleich zwei nennen. Ich will aber gleich auch sagen, dass Luhmann gute Gründe hat, hier gar nicht wissen zu wollen (im Sinne organisierter Ignoranz). Die beiden blinden Flecke, die jeder Luhmann-Leser sofort sehen kann, sind "das Unbewußte" und "die Technik". Dass er die technischen Substrate von Kommunikation ausblendet, hängt mit der Konzeption emergenter Systemzustände zusammen. Kommunikationen reagieren auf Kommunikationen, nicht auf Schaltungen. Mir leuchtet das ein. Das heißt ja nicht, dass die Materialität der Kommunikation unwichtig wäre - sie liegt nur auf einem anderen Niveau der Analyse. Das Unbewußte erledigt Luhmann mit dem Hinweis: andere Systemreferenz. Und er scheint die Unterscheidung bewußt / unbewußt für wenig informativ oder gar für eine Fehlleitung zu halten. Luhmann, der so viel gelesen hat, hätte vielleicht auch einmal Lacan lesen sollen. Doch wie gesagt, die Begründung dafür, sich das zu ersparen, ist schlüssig: Emergenz. Soziologie ist eben weder Ingenieurtechnik noch Psychoanalyse. Im übrigen: Luhmann ist ein Riese, und wir sind alle nur Zwerge, die versuchen, einen guten Beobachtungsplatz auf seinen Schultern zu ergattern.

Aber wo ergänzt oder führt Ihre Kommunikationstheorie weiter? Oder deckt sie sich mit der Luhmannschen weitgehend?

Norbert Bolz: Ich habe keine "systemischen", sondern lediglich "essayistische" Interessen - auch an Luhmann. Manches leuchtet mir ein, manches verstehe ich nicht (z. B. die modaltheoretischen Überlegungen), manches langweilt mich (z. B. die Fundamentalkategorie "Sinn"). Ich lasse mir Themen vorgeben - beispielsweise von Ihnen, Herr Maresch -, sammle dann Einfälle und teste, mit welchen Theoriefiguren man die Phänomene ordnen kann. Erhard Schütz hat mein Verfahren einmal mit dem des Maxwellschen Dämons verglichen: "Schnelle" Theorien dürfen passieren, langweilige müssen draußen bleiben. Das trifft zu. Ich arbeite also immer "bei Gelegenheit von..." - um dann rückblickend festzustellen, dass sich die Essays des letzten Jahres alle um ein gemeinsames Gravitationszentrum herum bewegen. Dann kann man ein Buch daraus machen. Luhmann verfährt ja genau umgekehrt. Er setzt sich unter Systemzwang und beobachtet dann so, dass er die Theoriestellen (Funktion, Leistung, Reflexion; Sachbezug, Sozialbezug, Zeitbezug; Medium, Code, symbiotischer Mechanismus; usf.) ausfüllen kann. Aber es stimmt schon: Das meiste, was ich schreibe, ist eine Fußnote zu Luhmann. Wo sonst könnte Kommunikationstheorie heute anschließen?

Darauf komme ich jetzt. Obwohl noch sehr jungen Datums hat sich die Medienwissenschaft Anfang der neunziger Jahre, noch bevor sie ihren Gegenstand genau bestimmt hat oder ihm habhaft werden konnte, in einen technischen, ästhetischen und kulturwissenschaftlich oder negativ-anthropologischen Zweig ausdifferenziert. Woran liegt das? An den verschiedenen Personen oder Mentalitäten, die diese Richtungen vertreten, der Dynamik des Wissens - oder gibt es dafür auch sachliche Gründe?

Norbert Bolz: Es gibt sicher sachliche Gründe. Der technische Zweig der Medienwissenschaften muß nicht lange nach guten Gründen suchen: vom Turing-Maschinen-Paradigma bis zum neuen Ingenieurpathos des "in silicio". Der ästhetische Zweig kann sich einmal auf eine modische Neudefinition von Ästhetik vor dem Hintergrund der uralten Wortbedeutung stützen, also etwa: Theorie der Wahrnehmung unter neuen Medienbedingungen. Zum zweiten spricht einiges dafür, dass sich gerade Ästhetik als neue Leitwissenschaft in einer Welt der Oberflächen und Interfaces bewährt (- das war jedenfalls lange Zeit mein Startgedanke).

Was meinen Sie mit Kulturwissenschaft? Feuilleton oder Soziologie? Oder eine vom schlechten Gewissen über ihren schönen Gegenstand geplagte Germanistik? Falls Sie Soziologie meinen: Parsons und Luhmann haben sehr klare, sauber geschnittene Medienbegriffe, die allerdings sehr viel mehr umfassen als das, was man gemeinhin unter Medien versteht. Vermengt man sie mit technischen Medienbegriffen, gibt es nur noch Mißverständnisse. Man könnte auch sagen: Die Soziologie hat einen erfolgreichen Medienbegriff ausgearbeitet, der sich mit dem der "Medienwissenschaften" nur selten berührt.

Der anthropologische Zweig der Medienwissenschaften geht vom Menschen als Prothesengott aus. Das Wesen, dem Wesentliches mangelt, ist auf Technik angewiesen, und da liegt es nahe, von Tools, extensions of man und Armaturen der Sinne zu sprechen. Natürlich ist Anthropologie seit Heidegger out - und dennoch. Was hätte Gehlen zu den neuen Medien gesagt?

ch glaube, er wäre nicht sehr erfreut gewesen. Noch besser: Was hätte Carl Schmitt dazu gesagt?

Norbert Bolz: Sie verführen mich dazu, meinem Hobby Horse ein Stück Zucker zu geben. Für Schmitt war ja schon die Ernst-Jünger-Welt der Strahlungen das Ende des lebenswerten Lebens. Strahlungen und Wellen durchdringen unwiderstehlich den Raum - und zerstören ihn damit. Neue Medien sind für Schmitt die Techniken der Entortung und damit des Nihilismus; sie vertragen sich deshalb großartig mit Utopien. Es ist das Tolle an Carl Schmitt, dass er diese Dynamik gesehen hat und zugleich eingesehen hat, dass es kein Zurück mehr gibt. Was bleibt ist Katechontik, das Aufhalten und Hinauszögern der Zerstörung. Deshalb hat sich Carl Schmitt als letzter bewußter Vertreter des Jus Publicum Europaeum verstanden, als Benito Cereno auf dem zum Untergang verdammten Schiff Alt-Europa. Sein Motto war: Die Zeit verlieren und den Raum gewinnen - "anachronistischer" geht es nicht. Weltgesellschaft heißt demgegenüber: den Raum preisgeben, um die Zeit zu binden. Man kann aber auch das, was Luhmann gedacht hat, als Katechontik begreifen. Nur geht es jetzt nicht mehr um die Verzögerung des Untergangs Alt-Europas, sondern um die Bewahrung der evolutionären Errungenschaften der Moderne.

Könnte es nicht sein, dass es zu einem Revival des Raumdenkens und der Geopolitik kommt? Raumeroberungen - Globalisierung, Digitalisierung und Vernetzung gehören zweifellos dazu - ziehen neue Raumstrukturen und Rechtsordnungen nach sich. Das Jahr 1989, das heißt die Erweiterung der westlichen Kultur nach Osten, scheint ein entscheidendes Datum dafür sein. Jedenfalls deuten einige Daten und aktuelle Politiken in diese Richtung. Übrigens auch das wachsende Unbehagen an postmodernen, (de)konstruktivistischen und medialisierenden Theorien.

Norbert Bolz: Das würde ich anders interpretieren. Man hat den politischen Raum zunächst vom Land, dann vom Meer und schließlich von der Luft her gedacht - Carl Schmitts großes Nomos-Thema. Doch die darauf folgenden "Strahlungen" (Jünger) und elektromagnetischen Wellen haben den Raum dann so "erobert", dass er sich zugleich aufgelöst hat. Die Weltgesellschaft kann man nicht mehr verorten. Was allein noch zählt, ist die Zeit, die immer knapp ist; alle Probleme werden durch Temporalisierung gelöst (Eile, Dringlichkeit, Beschleunigung, Befristung). Wir leben wirklich, wie William Knoke einmal formuliert hat, in der "placeless society". Aber gerade weil das so ist und weil es unerträglich ist, kommt es zu kompensatorischen Reterritorialisierungen, zu neuen Tribalismen und Regionalismen. Man räumt den Menschen Naturschutzparks des Menschseins ein. So erklärt sich wohl auch das, was Sie "Unbehagen an (de)konstruktivistischen Theorien" nennen. Menschlichkeit ist warm, die Theorie aber ist kalt. Die Theorie verletzt die Welt und zerreißt den Menschen. Und das nimmt man ihr übel. Man will als Mensch im Mittelpunkt stehen - und steht damit jeder weiteren Theorieentwicklung im Weg. Trotzdem kann man dieses modische Unbehagen in eine spannende Frage verwandeln: Was kommt nach Luhmann und Derrida? Aber damit personalisiert man wieder Theorieprobleme. Bis auf weiteres empfehle ich, die Aktien des (De-)Konstruktivismus zu halten.

Über die Krieg-und-Medien-Fraktion

Wie würden Sie denn Ihre Position - ich nenne sie mal die Software-Schiene - zu den anderen konkurrierenden Unternehmen umreißen?

Norbert Bolz: Ich habe eigentlich keine Position. Mir leuchten verschiedene Begriffe und Phänomenbeschreibungen der unterschiedlichsten Ansätze ein und ich weigere mich (noch), diese Theorie-Evidenzen den Konsistenzanforderungen einer Grand Unifying Media Theory zu opfern. Wenn ich lese, filtere ich nur mit der Unterscheidung spannend / langweilig. So wächst zusammen, was nicht zusammengehört.

Vor noch nicht allzu langer Zeit haben Sie aber selbst noch mit Medienkopplungen, Nachrichtentechniken und Feuerleitkommunikation operiert und Macht in technischen Standards, Frequenzen, Reichweiten und Schaltplänen verortet. Wie kam es denn zu dieser Umorientierung?

Norbert Bolz: Das hat im wesentlichen zwei Gründe. Zum einen sehe ich seit Jahren in den Arbeiten der Krieg-und-Medien-Fraktion keine konzeptuellen Fortschritte mehr. Zum anderen zwingt mich mein Lehrstuhl zur Fokussierung auf Kommunikation. Mir ist das aber sehr recht, denn ich halte mittlerweise die materialistische Geschichtsphilosophie der Medien für eine Sackgasse - auch wenn der Mainstream jetzt darauf einzuschwenken scheint.

Könnten Sie das begründen? Inwiefern "materialistisch", "Geschichtsphilosophie" und "Sackgasse"?

Norbert Bolz: "Materialistisch", weil es der Krieg-und-Medien-Fraktion ja um die Materialität der Kommunikation, um ihr technisches Substrat geht - Hardware-Fetischismus, wie ich finde. "Geschichtsphilosophie", weil ich den Eindruck habe, dass die nach Turings Ankündigung die Macht ergreifenden Computer die Stelle des Weltgeistes besetzen; und die hier gerne einrastenden Verschwörungstheorien nennen ihn dann beim Namen. "Sackgasse", weil dieser Wahn schon zu Ende geschrieben scheint - perfekt wie damals der von Daniel Paul Schreber. Den kleineren Geistern bleibt jetzt nur noch die Möglichkeit, das Wahnsystem zu kommentieren und das Ganze als "Kritik" zu verkaufen.

Kein Bewußtsein für das, was formt

Bleibt das dann nicht doch bei bloßer Semantik und/oder Rhetorik, wenn nicht genauer zwischen den verschiedenen Architekturebenen der Maschinen diskriminiert, zu den logischen Tiefen der "unsichtbaren Maschinen" (Luhmann) vorgedrungen wird, die soziale Kommunikationen formen, formieren oder besser: in-formieren.

Norbert Bolz: Ich halte es umgekehrt für leere Rhetorik, davon zu sprechen, dass die logische Tiefe des Computers soziale Kommunikation "formiert". Allerdings verstehe ich die Faszination des Gedankens, Menschen seien "Subjekte" ihrer Medien. Ich habe zu dieser Auffassung selbst mit der - allerdings sehr viel vorsichtigeren - These beigetragen, Medien seien historische Aprioris. Heute sehe ich das etwas differenzierter: Medien bieten Rahmen und Schemata; sie begrenzen, was kommunikativ möglich ist. Aber sie "formen" nicht. Wenn der Computer ein Medium ist, kann er nicht Kommunikation formen. Man könnte eher umgekehrt sagen, dass Kommunikation Formen ins Medium Computer eindrückt.

So spricht Luhmann, aber beispielsweise nicht Innis, McLuhan oder gar Carl Schmitt, die immerhin - auf je unterschiedliche Weise natürlich - ein waches Bewußtsein für das hatten, das formt, formiert - aber sich der Beobachtung und Wahrnehmung entzieht.

Norbert Bolz: The medium is the message - das Problem dieser tollen Formel ist, dass "message" metaphorisch gebraucht ist. Es könnte ja nur der Weltgeist sein, der uns diese Botschaft schickt. Die unbestreitbare Faszination des Gedankens, dass Computer Kommunikation formen könnten, rührt für die Gebildeten unter den Medienwissenschaftlern wohl daher, dass "Medien" die Nachfolge von Foucaults "Diskurs" angetreten haben. Das geht übrigens deshalb so reibungslos, weil sich Foucault über neue Medien ausgeschwiegen hat. Ich bleibe dabei: Technische Medien beschränken Möglichkeiten, aber sie "formieren" nicht Kommunikation. Im Gegenteil: Gerade die mediale Beschränkung eröffnet erst die kombinatorischen Spielräume. "In Fesseln tanzen", um mit Nietzsche zu sprechen.

Die Welt der Verschwörer

Doch welche Information über die Welt bekommt man, wenn man die Hardware, also Raum, Technik, Körper usw., ausblendet und allein auf den Ausgabeseiten des Mediums, den Oberflächen der Prints und Screens surft?

Norbert Bolz: Fragen wir einmal umgekehrt: Was erfährt man über die Welt, wenn man all das nicht ausblendet? Dann reduziert sich alles auf die Materialitäten der Kommunikation. Die Hardware-Fans sind einfach Reduktionisten; sie sehnen sich nach Elementaritäten und Kausalitäten. Sie können Emergenz nicht denken - und deshalb auch nicht System - und deshalb auch nicht Gesellschaft.

Da bin ich mir nicht so sicher. Warum soll sich Weltgesellschaft nicht von da aus beschreiben lassen? Dadurch treten immerhin jene Mächte, nennen wir sie mal die programmierenden, kalkulierenden und Leben optimierenden, in den Blick, die auf der Ebene der Oberflächen und Semantiken wegkommuniziert werden.

Norbert Bolz: Ihre Frage ist, wenn ich das so rüde sagen darf, selbst ein Ausdruck jener Verschwörungstheorien, die glauben, die Prozesse der Weltgesellschaft auf das Wirken finsterer Machthaber oder machthabender Programme kausal reduzieren zu können. Es gibt keine "Mächte"; Macht ist ein Medium. Ihre Frage müßte in Richtung Organisation umdirigiert werden. Dort fallen ständig Entscheidungen, die enormen "Einfluß" auf mich und meinesgleichen haben - nicht nur im Pentagon, auch im Finanzamt Düsseldorf-Süd. (Trotzdem: Ihr Ausdruck "wegkommuniziert" gefällt mir.)

Aber es waren doch die Truppen von Herrn Milosevich, die die Kosovaren (Körper) aus ihren angestammten Räumen vertrieben haben? Und es war wiederum die NATO, die es den Kosovaren jetzt ermöglicht, die Serben aus ihrer Heimat zu verjagen?

Norbert Bolz: Die Weltgesellschaft ist nicht alles, was geschieht. Die vertriebenen, geschundenen, blutenden Körper sind immer die der Ausgeschlossenen. In diesen Räumen (!) gibt es keine Macht, sondern Gewalt. Ich hoffe, Sie empfinden diese Unterscheidung nicht als spitzfindig. Natürlich sind hier Politiker und Militärs der Weltgesellschaft involviert. Aber es ist eben die Überkomplexität dieses Zusammenhangs zwischen NATO, Europapolitik, Menschenrechten, Nationalismus, konfessionellem Bürgerkrieg, Ungleichzeitigkeit der Kulturen, Massenmedien, die mich - erneut - zögern läßt, überhaupt etwas dazu zu sagen. Ich glaube, die Experten schütteln alle den Kopf. Nur die Laien haben eine klare Meinung.

Wird mit dem Verzicht auf "Materialitäten" nicht jenem Blindflug des Geistes weiter das Wort geredet, der die abendländisches Geschichte jahrtausendelang prägte und das Dispositiv aus Wissen und Macht formte, Mit Gerätschaften und Techniken, Glasfaserkabeln und Quellcodes, Modulen und Sensoren wollte der philosophische Softwareproduzent doch nie etwas zu tun haben.

Norbert Bolz: Gestatten Sie eine Retourkutsche? Ich habe auch einen Verdacht: Gerade für Geisteswissenschaftler scheint von Wörtern wie Feuerleitkommunikation, Schaltplan, Frequenzen, Algorithmus ein unwiderstehlicher Sex-Appeal auszuströmen. Sie suggerieren einerseits technische, ja politische Konkretheit, andererseits die Präzision und Testbarkeit von hard sciences. Man benutzt technisch-naturwissenschaftliches Vokabular, um romantisch - vor allem: kriegsromantisch zu sein. Diese Attitude des militärisch-technischen Wortfetischismus wirkt bei Autoren des zweiten und dritten Glieds rasch peinlich.

Das will ich gar nicht ausschließen, diese "anthropologische Scham", die Geisteswissenschaftler befällt. Andererseits scheint es aber doch auch ein paar Anhaltspunkte und Fakten zu geben (Info- und Cyberkriege, Militarisierung der Öffentlichkeit, Politik der Medien, LifeScience, Grenzwälle, Auffahrtkontrollen usw.), die den Beobachter zu dieser Sicht der Dinge verleiten und ihm einigen Informationsgewinn über die globale Gesellschaft abwerfen. Mit Romantik hat das, glaube ich, gar nichts zu tun. Im Gegenteil: Eher mit einem schonungsloseren Blick auf das, was ist.

Norbert Bolz: Okay, aber das sind ja nun nicht gerade "Enthüllungen". Redet nicht die ganze Welt davon? Um einmal ganz subjektiv heranzugehen: Wenn ich derartiges lese, überrascht es mich nicht. Dagegen hat es mich überrascht, zu lesen, dass Menschen nicht kommunizieren können; oder: dass Wissen Lernen blockiert. Das interessiert mich mehr als "Auffahrtkontrollen". Übrigens: "schonungsloser Blick" - das ist genau das, was ich mit Kriegsromantik meine.

Es gibt keine einheitliche Medientheorie

Wenn ich Ihre letzte Formulierungen zur Rhetorik des Cyberspace richtig deute ("Der Konformismus des Andersseins"), scheint es auch keine Möglichkeit mehr zu geben, unterschiedliche Positionen und Perspektiven auf die Medien zu einer einheitlichen Medientheorie einzuschwören.

Norbert Bolz: Das sehe ich in der Tat so. McLuhan, Flusser, Parsons, Luhmann, Kittler (meinetwegen auch: Baudrillard und Virilio) - sie haben alle ihre Urszenen und Schlüsselbegriffe, die man nicht homogenisieren kann. Aber vielleicht ist das auch gar nicht wünschenswert. Warum immer Einheitlichkeit?

Na ja, um die Weltgesellschaft, die eine technisch-basierte sein wird, besser beschreiben - und, wenn's geht, auch erklären zu können. Eine andere Art also, um Komplexität zu reduzieren oder, modischer gesprochen: Kontingenzen zu managen.

Norbert Bolz: Ich denke nicht, dass wir auf eine einheitliche Theorie zusteuern, sondern auf viele verschiedene Theorien mit allerdings universalistischem Anspruch. Noch nicht mal so etwas Triviales wie das Licht kann man mit einer einheitlichen Theorie erklären. Für die Wirtschaft gibt es nach wie vor fünf, sechs fundamental unterschiedliche Theoriemodelle, die alle "irgendwie" richtig sind - und sich doch nicht miteinander vermitteln lassen. Von der Hyperkomplexität der Weltgesellschaft ganz zu schweigen. Statt auf die Theory of Everything zu warten, sollten wir es vielleicht einmal mit Nietzsches Technik versuchen, unterschiedliche Perspektiven "ein- und auszuhängen". Das ist essayistisch.

Eine Gruppe von uns hat den Versuch gemacht, die avanciertesten Medientheorien, die es derzeit auf dem Markt gibt, die soziologische und die medienwissenschaftliche, miteinander ins Gespräch zu bringen. Wie beobachten Sie solche Versuche?

Norbert Bolz: Das scheint mir wirklich der richtige Weg zu sein. Gerade weil die Ansätze nicht konvergieren, kann man sie miteinander ins Gespräch bringen und den Dissens pflegen. Man hört den anderen und denkt: ein interessantes Missverständnis! Braucht eine polykontexturale Welt nicht viele Medientheorien?

Gewiss ist das wünschenswert - einerseits. Doch die Kindheit, wo Wünsche noch geholfen haben, ist leider vorbei. Sieht man sich die Oberflächen der Screens an, dann könnte man an dieser Polykontextualität gelegentlich auch zweifeln. So viele Möglichkeiten und Kontexte gibt es gar nicht, wie mancher Konstruktivist oder Postmoderne glauben mag. Die Constraints sind härter als mancher vom Möglichkeitssinn-Virus Befallene meint. Das erfahren gerade die sozialdemokratischen und grünen "Modernisierer" in Bonn.

Norbert Bolz: Die vielleicht monotonen Oberflächen der Screens beschränken meine Möglichkeiten genau so wenig wie das untiefe Haushaltsloch in der Bonner Staatskasse. Und ich habe auch bei meinen Designstudenten nicht den Eindruck, dass es eine Korrelation zwischen Microsoft, Bafög und Kreativität gibt. Sie meinen aber wohl etwas anderes. Multiplikation der Differenzen und damit Möglichkeiten heißt nicht: Verbesserung der Lage. "Polykontextural" impliziert ja nicht: schön, befriedigend, befreiend. Damit ist lediglich gesagt, dass die Möglichkeiten zur monokausalen Reduktion von Komplexität schwinden. Deshalb braucht man eine Art Theoriemehrsprachigkeit.

Technik muß dem Leben dienen

Eine Kritik an Ihrer Medientheorie richtet sich auf Ihren medialen Anthropomorphismus, Ihre Vorliebe für oder Fixiertheit auf Leibprojektionen und organizistische Modelle. Was gewinnt oder verliert man, medientheoretisch gesehen, wenn man mit dem Mängelwesen Mensch, seiner Bedürftigkeit und Hilflosigkeit operiert und die Welt der Medien auf ihren funktionalen Aspekt zurückführt?

Norbert Bolz: Der Vorwurf ist, zumindest was meine früheren Sachen betrifft, berechtigt. Ich war zu stark fasziniert von McLuhan und Gehlen. An der Theoriestelle, an der ich früher "anthropomorphisiert" habe, versuche ich es heute mit einem Kompensationsmodell - und zwar in zwei Grundthesen: 1. Die Wunden, die die neuen Medien schlagen, werden von den alten geheilt. Und 2. die Überforderung der Menschen durch die Operationsstandards der neuen Medien wird durch a-technische Sinnformangebote kompensiert (Natur, Selbstverwirklichung, Gemeinschaft).

Wie paßt dieser universelle Funktionalismus, der vielleicht nur eine andere Spielart des technischen Determinismus der Reduktionisten ist, mit der Kontingenzformel, dem Ungewißheitstraining und Zukunftsgewißheitsschwund zusammen, von denen Sie immer wieder sprechen.

Norbert Bolz: Ich meine, dass es sich hier um empirische Befunde handelt. Ich beobachte nur, was die Kultur heute tut, um mit den Folgelasten der Modernisierung (Globalisierung, wenn Sie wollen) fertig zu werden. Bisher ist es gut gegangen - und zwar so! Das besagt aber nichts über die Zukunft. Man kann nur wissen, dass man von ihr nichts wissen kann. Und dann ist es lebensklug, den Umgang mit Ungewissheiten zu trainieren - beispielsweise den Job zu wechseln, oder wenigstens die Theorie. Reliance on resilience, heißt das in der amerikanischen Organisationssoziologie. Wer das schafft, unterläuft die Eco'sche Unterscheidung von Apokalyptikern und Integrierten.

Was vielleicht auf Brillen, Hörgeräte oder Nähmaschinen zutrifft, auf Computermaus und Tastatur und Bildschirm ebenso, muss aber nicht unbedingt für Algorithmen, Schaltpläne oder Prozessoren zutreffen. Sie haben mit dem Menschen so wenig zu tun wie Steine, Papyrus oder Buchstaben.

Norbert Bolz: Es macht keinen Sinn, zu sagen, Algorithmen und Schaltpläne hätten nichts mit "dem Menschen" zu tun. Gerade wenn man mit einer Anthropologie des Mängelwesens operiert, gibt es ja nichts "natürlich" Menschliches. Der Mensch hat sich immer schon über den Umweg seiner Techniken definiert. Das Rad kommt ja auch nicht in der Natur vor. Ein Prozessor ist "dem Menschen" nicht ferner als eine Uhr.

Aber von Funktionalität oder Lebensdienlichkeit kann doch nicht mehr gesprochen werden, von Verschmelzungsphantasien von Mensch und Maschine ganz zu schweigen?

Norbert Bolz: Sie haben recht: Die Mensch-Maschine-Synergie muß von Verschmelzungsphantasmen freigehalten werden; da habe ich sicher gesündigt. "Funktionalität" sollte man für soziale Systems reservieren. Aber warum nicht Lebensdienlichkeit? Ich will auf Ihre sicher viel raffinierter gemeinte Frage ganz naiv antworten: Es gibt die "Segnungen der Technik" - von der Waschmaschine bis zum Laptop. Mögen auf der Ebene der Prozessoren die Dämonen am Werk sein - auf der Oberfläche des Gebrauchs müssen sie dem "Leben" "dienen". Das ist das Wunder der Emergenz.

Unser Denken hinkt der Welt hinterher

Viele Ihre Kritiker bemängeln die Metaphernverliebtheit und den Eklektizismus, der Ihren Texten eigen sei. Mit "Worthülsen" und viel "Sprachschaum", so dereinst der Spiegel, werde einer Affirmation der Welt betrieben, so wie sie ist.

Norbert Bolz: Wieso ist Eklektizismus ein Vorwurf? Das heißt doch nur: Man nimmt sich von allem das Beste. Wenn dann Leser Inkohärenzen entdecken, ist das ein Anlass zum Nachdenken. So wie Ihre Fragen. Wir haben lange genug dem Götzen "Konsequenz" gehuldigt. Metaphern stehen überall dort, wo Begriffe fehlen, und ich freue mich über jeden, der eine dieser Metaphern in theoretischen Klartext übersetzt. Aber wer kann das schon?

Den "Spiegel"-Artikel kenne ich nicht. Mir ist allerdings nicht ganz klar, wie ausgerechnet in diesem Magazin in kritischer Absicht von "Sprachschaum" die Rede sein könnte. Und den Vorwurf der Weltaffirmation lasse ich mir gerne gefallen. Die Welt ist so, wie sie ist, erstaunlich genug - und verdient eine gute Beschreibung. Was Handke in seiner stürmischen Frühphase so gehasst hat, scheint mir die Forderung des Tages zu sein: Beschreibungsliteratur. Unser Denken hinkt der Welt hinterher - was soll da "Kritik"?

Nicht bloß, gelegentlich schafft es auch Welt - oder steckt wenigstens ihre Koordinaten ab. Denken wir an die Turing-Maschine, an Hegels "Phänomenologie" oder Hitlers "Mein Kampf".

Norbert Bolz: Zu Hitler fällt auch mir nichts ein. Hegel fehlten die Nachtsichtgeräte für seinen Flug - deshalb kam Philosophie heraus. Vielleicht war Alan Turing auf der Höhe der Zeit - wir sind es jedenfalls nicht.

In Ihrem neuen Buch rechnen Sie mit Ihren Kritikern ab. Der öffentlichen Meinung attestieren Sie im Umgang mit Autoren eine dreifache Selektionsweise. Erst würden die Leute ignoriert, sodann bekämpft, schließlich umarmt. Auf welcher Etage der Selektion sind Sie jetzt angelangt?

Norbert Bolz: Im Wissenschaftssystem auf der ersten. In der literarischen Öffentlichkeit auf der zweiten ( - das beweist Ihr Interview). In der Wirtschaft auf der dritten.

Würden Sie diese Wahrnehmung nicht gern mal wieder umdrehen?

Norbert Bolz: Wie Sie schon sagten: Die Kindheit, wo die Wünsche noch geholfen haben, ist leider vorbei.

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