Hackermeeting gehackt?

Rätselraten über Netzwerkausfall beim CCC-Camp

Die Hackergemeinde hält momentan ihr sommerliches "Schmooze-Fest" im Grünen vor den Toren Berlins ab. Das Treffen soll dem kooperativen "Systeme-Check" und dem Erfahrungsaustausch an der frischen Luft dienen. Als am Freitagabend aber plötzlich das Netz versagte, erhielt die Stimmung einen leichten Dämpfer.

Hacken draußen auf der Wiese ist eine bestechende Idee für jeden Technikfreund, der die Sonne im Alltag vor dem Bildschirm kaum zu Gesicht bekommt. Ganz in der Tradition von Hacking in Progress (HIP), dem legendären Sommer-Hacktreff 1997 in Holland, lud der Chaos Computer Club (CCC) daher zum Camp auf eine Wiese bzw. die grün-braunen Halme, die der heiße Sommer vom Rasen übriggelassen hat, bei Altlandsberg, einem brandenburgischen Dorf unweit von Berlin. Wo ansonsten Pferde am Ufer eines kleinen Sees gemütlich weiden, schlugen am Donnerstag bereits Hunderte Hacker ihre Zelte auf und packten ihre Rechenmaschinen ­ von Unikaten wie einem Mac Classic mit Farbmonitor über die bunten iMacs bis hin zu gigantischen PCs ­ aus.

Damit der "Spaß am Gerät" ­ so die Losung des Camps ­ auch unter freiem Himmel jenseits der Zivilisation und ihren technischen Segnungen stattfinden konnte, hatte der CCC ein kleines logistisches Meisterwerk vollbracht: In wochenlanger Arbeit wurde der Zeltplatz mit tausenden Metern Kabel vernetzt und auf den Ansturm der Hacker vorbereitet. Für die Connectivity, das Lebensblut der "Datenreisenden", wurde mit Hilfe der Telekom eine 34 Megabit starke Richtfunkstrecke eingerichtet, die keine Wünsche offenlassen sollte: Derartige Geschwindigkeiten werden über Funk bisher kaum angeboten, geschweige denn genutzt, da sie selbst für Unternehmen kaum erschwinglich sind.

Für das "Familientreffen" in der Natur war dem CCC das Beste aber gerade gut genug. Bezahlen mußten die Hacker allerdings selbst für den Netzanschluß, obwohl die Telekom bereits einen Preisnachlaß für die prestigeträchtige Funkdienstleistung gewährt hatte: nur wer 150 Mark am streng bewachten Eingang zum umgitterten Lager abdrückte, erhielt das "goldene Band" für den Arm, das als Mautplakette für die Auffahrt auf die ungewöhnliche Datenautobahn nötig war. Unternehmensvertreter sollten sogar mit 1500 Mark zur Kasse gebeten werden, doch dem CCC wurden die "Weiterbildungstickets" nicht gerade aus den Händen gerissen.

Am Freitag füllte sich das riesige Gelände langsam: Am Vormittag waren rund 1000 Hacker am Werkeln, die ihre Zelte und Wohnmobils rund um das Raumschiff Heart of Gold und die etwa 25 Meter hohe Richtfunkantenne gruppiert hatten. Platzangst brauchte keiner haben, da der CCC mit ca. 2500 Teilnehmer gerechnet hatte. Bis zum Abend tröpfelten angesichts des entgegen aller Wetterprognosen sonnigen und heißen Wetters immer neue urlaubsgedürftige Hacker ein, aber der Massenansturm blieb bisher aus.

Die Bedingungen zum gegenseitigen "Sicherheitscheck" in angenehmer Runde waren am Abend also ideal: Die Ports der ans Camp-Netzwerk angeschlossenen Rechner wurden rauf und runter gescannt, um Lücken im System des "Gegners" zu finden. Vorsorglich hatten die Veranstalter alle "Newbies" auf dem Platz gewarnt, Telnet-Sitzungen nur verschlüsselt durchzuführen, um den Password-Sniffern die Arbeit nicht allzusehr zu erleichtern. Doch gegen 18.30 Uhr geschah das Entsetzliche: die Rechner weigerten sich plötzlich, miteinander Daten auszutauschen oder sich ins Internet einzuwählen. Das Network Operation Center (NOC) auf dem Zeltplatz mußte kapitulieren und den "Red Alert" auslösen. Nichts ging mehr in den Datennetzen am Freitag abend, die schöne Megabitstrecke lag brach. Selbst in den frühen Morgenstunden am Samstag war das NOC noch vom Internet abgehängt.

Der Coup führte zum allgemeinen Rätselraten, wer es gewagt haben könnte, die Hackergemeinde vom Draht bzw. den Funkwellen zur Welt abzuschneiden. Hatte die versammelte Elite der Chaosjünger nicht mal ihre eigenen Netze ausreichend gesichert, so daß ein frevelhafter Hacker nicht nur die Sicherheitslöcher beim Kollegen im Zelt nebenan aufspüren, sondern gleich einen Angriff auf das gesamte Netzbackbone des Camp starten konnte? Sollte einer der Mitspieler beim Linux-Deathmatch, bei dem es am Freitag abend darum ging, die Rechner anderer Teams "aufzuhacken", seine Angriffsziele verwechselt haben? Hatten die Netzwerkadministratoren selbst einen Fehler gemacht? Oder lag es doch an der experimentellen Telekom-Leitung oder war alles einfach nur ein böser Traum?

Die Reaktionen der gelinkten Hacker waren unterschiedlich. "Ich kann den Reiz der Tat schon verstehen", meinte ein Zeltlagerer, der selbst weniger zum Systemeinbrechen als vielmehr zum Socialising und Netzwerkeln aufs Feld gekommen ist. Wann hätte man schon mal ein so schönes Telekom-Backbone zum freien Beschuß vor sich. Viele der im Hackcenter Versammelten, dem größten Zelt auf der Wiese mit Hunderten von "Arbeitsplätzen", in dem vor allem der "Nachwuchs" seine Kräfte maß, machten dagegen lange Gesichter und trösteten sich mit einer Runde Backgammon am PC oder spielten mal schnell eine neue Linux-Installation auf ihre Rechner. Die Aufklärung über das Netzversagen ließ jedenfalls auf sich warten: Erst am Samstag morgen verkündete Radio Intergalaktik, das hausgemachte Campradio, daß angeblich ein Switch zur Datenverteilung auf die einzelnen Zelte falsch angeschlossen und so das ganze Netz zusammengerbrochen sei.

Die meisten Freaks nutzten die unfreiwillige Hackpause, um noch einmal kurz in den See zu springen oder bei lauschiger Techno-Mucke in der Leisure Lounge am Ufer eine Hackerbrause zu schlürfen. Bei Einbruch der Dunkelheit lockte auch das "Art & Beauty"-Zelt mit abgefahrenen Filmen wie "Digital Worlds", ein Ausflug in die Welt der 3D-Spiele, die der Regisseur als "psychedelische Verwandlungsmaschinen" begreift.

Auch die Vorträge rund um Kryptographie und Netzsicherheit gingen bis tief in die Nacht hinein. Publikumsliebling und Star auf vielen Podien war dabei John Gilmore, der legendäre Mitbegründer von Sun Microsystems, der Electronic Frontier Foundation und der Cypherpunks-Mailinglist, die sich dem Kampf für die freie Verwendung von Kryptographie verschrieben hat. Er berichtete davon, wie ein gestandener Cypherpunk die Exportkontrollen der US-Regierung für Verschlüsselungsprodukte umgehen kann: so hätten die Kryptoverfechter bereits mehrmals den Wert des gedruckten Wortes im digitalen Zeitalter wiedererkannt, da Bücher frei in alle Herren Länder exportiert werden dürften. Der zweite ­ etwas teurere ­ Weg sei, eine Firma in Ländern zu kaufen, wo es keine oder liberale Kryptoregeln gibt. Man exportiere dann keine Software, sondern Jobs. Jeden mit dem "richtigen Paß" unter den Hackern forderte Gilmore daher gleich auf, sich vertrauensvoll wegen Jobangeboten an ihn zu wenden. Jüngstes Vorhaben sei, das Sicherheitsprotokoll IPsec nahtlos in Linux zu integrieren, so dass jeder Datentransfer verschlüsselt sei. Das Projekt werde momentan vor allem in Kanada vorangetrieben, aber man hätte immer Bedarf an guten Leuten.

Ein Highlight um Mitternacht war ganz in diesem Sinne der "Crypto Linux Summit", ein Brainstorming für das Security-Projekt auf dem in mystisches Neolicht getauchten Zeltplatz. Krypto müsse man einfach einsetzen und sich nicht so sehr um die Politik kümmern, ermunterte Gilmore die Gemeinde. Von Versammlungen wie diesen könnte die Botschaft sich rund um die Welt verbreiten. Balsam für die Seele mancher Hacker, die ­ so eine Meldung auf dem Camp-Newsticker ­ in Zusammenhang mit den 1996 und 97 verübten Anschlägen auf Oberleitungen der Deutschen Bahn mal wieder Hausdurchsuchungen über sich hatten ergehen lassen mußten. Dabei seien "der Staatsmacht haufenweise Disketten, PCs und Laptops" mit PGP-Schlüsselsammlungen in die Hände gefallen, "die sich mittlerweile beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik befinden."

Anderthalb Tage bleiben den Hackern noch, um sich wieder fit für den Kampf gegen die Bürokratie und für den Alltag im heimischen Kämmerlein zu machen. Wer nicht dabeisein kann: Radio Intergalaktik berichtet weiter live für und vom Camp. Im Internet sind die MP3-Streamings abrufbar unter http://194.24.129.44:8000 für Verbindungen mit 16 kbit/sec oder unter http://194.24.129.39:8000 für 56 kbit/sec.

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