Die Extropianer trafen sich wieder zur Extro 4

Für ein längeres Leben - und sei es als gefrorener Leichnam

Unter dem programmatischen Titel "Die Biotechnik-Zukunft: die Herausforderungen von Lebensverlängerung und Gentechnik" lud das Extropy Institute unter Federführung seines Vorsitzenden Max More am 7./8. August seine Mitglieder zur mittlerweile vierten Extro-Konferenz, um "eine positive Zukunft auszubrüten". Tagungsort war die Universität von Kalifornien mit Sitz in Berkeley, die auf dem Gelände des Clark Kerr Campus ihre Konferenzdienste vermarktet. Ganz im Sinne neoliberaler Geschäftstüchtigkeit konnten auch noch an der Eingangsregistratur vorher unangemeldete Teilnehmer eine Mitgliedschaft im ExI und den Zugang zur Konferenz erwerben. T-Shirts mit Motiven früherer Konferenzen und alte Ausgaben des mittlerweile online erscheinenden Magazins Extropy rundeten das kommerzielle Angebot ab.

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Mit, laut Auskunft des zweiten Vorsitzenden des ExI, Greg Burch, insgesamt etwa 170 Teilnehmern wurden zwar nicht ganz die Erwartungen der Veranstalter erfüllt, die verfügbaren Plätze im Joseph Wood Krutch Theatre aber waren dennoch fast ausgelastet.

"Das Extropy Institute bringt die besten kritischen und kreativen Denker zusammen, um die konventionellen Vorstellungen menschlicher Grenzen zu hinterfragen, und um neue Ideen über die Nutzung aller Arten von Technik zur Verbesserung der Zukunft zu entwickeln, kritisch zu betrachten und umzusetzen. Als ein Informationszentrum dient das Institute als Sammelstelle und Tor zu detailliertem Wissen über fortschrittliche Technik, ihr positives Potential, ihre Herausforderungen und ihre möglichen Gefahren."

Neben diesem bescheidenen Selbstverständnis lag es sicher auch an der charismatischen Person des ExI-Vorsitzenden und fast alleinigen Organisators Max More sowie an der von einer Universität als Tagungsort ausgehenden Seriösität, dass durchweg auch akademisch respektable Referenten gewonnen werden konnten. Kaum ein Name auf dem Vortragsplan, dem nicht ein Professoren- oder Doktortitel vorausging.

Es war eine illustre Gemeinschaft, die sich eingefunden hatte, im transhumanistischen Geist die Zukunft zu diskutieren. Hier, in unmittelbarer Nähe zum Silicon Valley, waren die meisten Computerleute - seien es autodidaktischer Hacker oder studierte Informatiker, Systemverwalter oder Programmierer - oder Neuro- und Molekularbiologen. Dazwischen tummelten sich Ingenieure, Psychologen, Philosophen und interdisziplinäre Allrounder. Man war hauptsächlich weiß, männlich, für das erzchristliche Amerika uncharakteristisch atheistisch, mit ebenso wenig Sympathien für staatliche Obhut wie für die Grüne Bewegung: eben ein Teil der amerikanischen Hightech-Elite, mit einer Hand voll verstreuter (Ex-)Europäer, in einem Altersspektrum von 18 bis 70, gekleidet vom Grunge-Stil bis zum Anzug.

Gegen das Altern

Der erste Konferenztag war den Themen Lebensverlängerung und Hinterfragen von oft als selbstverständlich betrachteten Annahmen gewidmet. Max More, mit rotblondem Zopf und ausrasiertem Bart ungemein an James Hetfield von Metallica erinnernd, eröffnete mit seiner Übersicht der möglichen Utopien, Dystopien und Extropien, welche durch die Biotechnik Realität werden können: ein versuchtes Utopia unter staatlicher Kontrolle, wie es sich der Vater der Verhaltensforschung, B.F. Skinner, noch vorgestellt hatte; eine Extropie, d.h. extropianische Utopie, ohne gesetzliche Beschränkung oder Kontrolle der Gentechnik; eine freie Selbstausübung mit schützenden Einschränkungen für Kinder; das vollständige Verbot jeglicher Änderung am Menschen; oder das beschränkte Verbot von Änderungen zum Zweck der reinen Verbesserung. Die Reaktionen der durchweg libertär eingestellten Zuhörerschaft zu den einzelnen Zukunftsvorstellungen waren wenig überraschend.

Danach ging es um harte Fakten. Judith Campisi vom Berkeley National Laboratory gab einen Überblick über die Biologie des Alterns auf Zell- und Molekularebene: Charakterisierung des seneszenten Phänotyps der Zelle, Entwicklungspfade wie Telomerverkürzung oder DNS-Schäden, die Hypothese der Verbindung dieses Zelltyps mit Alterungserscheinungen im Gewebe, Belege durch Krankheiten die mit vorzeitiger Seneszenz verbunden sind.

Roy Walford, Arzt des Biosphere-II-Projekts, Professor an der medizinischen Fakultät der Universität von Kalifornien in Los Angeles, weithin bekannt in transhumanistischen Kreisen als führender Verfechter und extremer Selbstanwender der Kalorienrestriktion zur Verlängerung der Lebensspanne, konnte die Mechanismen des Alterns aus seiner Perspektive beleuchten und Experimente an Mäusen sowie die Daten der Teilnehmer von Biosphere II als Belege heranziehen. Quasi als vorauseilendem Seitenhieb auf seine Kollegen gab Walford zu bedenken, dass andere Therapien als Kalorienrestriktion zur Verzögerung des Alterungsprozesses bei Mäusen bisher keine Wirkung gezeigt hätten, und er deren Verfechter auffordere, ihm eine 45 Monate alte Maus (normale maximale Lebensspanne 40 Monate) zu zeigen. Walford selbst kann kaum noch gehen, was er allerdings strikt auf einen Unfall während seiner Zeit in Biosphere II und nicht auf die Kalorienrestriktion zurückführt, wirkte aber auch sonst gezeichnet, was das Thema von allerlei Spekulation war.

Im Anschluss berichtete Calvin Harley, Chefwissenschaftler der Firma Gereon, über den aktuellen Stand der Telomerforschung, pluripotente Stammzellen und die Umprogrammierung des Zellkerns. Ziel seiner Firma sei zu diesem Zeitpunkt nicht ein Ausbau der maximalen Lebensspanne an sich, sondern der Kampf gegen Alterskrankheiten. So habe man genetisch manipulierte Zellen kultiviert, die selbständig Telomerase erzeugen, ein Enzym gegen den Telomerabbau an den Chromosomenenden, und die damit unsterblich wurden. Der zweite Teil des Vortrags war der prinzipiell möglichen Rückentwicklung differenzierter Zellen zu Stammzellen gewidmet, was enorme Perspektiven für die Organtransplantation eröffnen würde. Beim Publikum gab der Vortrag Anlass zu Spekulationen, wie weit der noch nicht veröffentlichte Teil von Gereons Forschung wohl schon gediehen sei.

Cynthia Kenyon, vom Lehrstuhl für Biochemie und Biophysik der Universität von Kalifornien in San Francisco, beschäftigte sich zur Freude der Zuhörer mit der hormongesteuerten Alterung in jedermanns liebster Nematode, _C. Elegans, einem unscheinbaren Fadenwurm, dem als erstes Lebewesen die vollständige Analyse seines Genoms vergönnt ist, und der sich wegen seiner Einfachheit, seinem schnellen Lebenszyklus und seiner anspruchsloser Haltung, aber auch durch das Vorhandensein praktisch aller Prozesse und Strukturen, wie sie auch höhere Lebensformen aufweisen, bei den Biologen großer Beliebtheit erfreut. Tatsächlich unterliegt auch C. Elegans einem Alterungsprozess, der dem des Menschen frappierend gleicht. Eingriffe in wenige Hormone können die Lebensspanne verdoppeln. Wenn das auch interessante Grundlagenforschung ist, so sind diese Ergebnisse noch weit von einem Zusammenhang mit der menschlichen Alterung entfernt.

Nach soviel harter Biologie wechselte Gregory Stock, Universität von Kalifornien in Los Angeles, zu einem leichteren Thema. Es finde sich erstaunlich wenig Interesse an Alterungsforschung, allein der Gedanke, den Tod zu überwinden, werde als unseriös empfunden. Deshalb der Vorschlag, einen Preis auszusetzen für Meilensteine in der Forschung, die das menschliche Altern verzögern können. Historisch hätten solche Preise immer wieder die Forschung angeregt. Stock führte Vorschläge für acht mögliche Meilensteine auf, die natürlich mit den bis dahin aktuellen Entwicklungen im Feld abgeglichen werden müssten.

Matroschka-Gehirne, Superintelligenzen und die Singularität sind Gesprächsthemen auf dem Klo

Wie Anders Sandberg, schwedischer Neurophysiologe und Übertranshumanist, häufig bemerkt, ist der interessantere Teil von Treffen wie der Extro oder der TransVision oft nicht die Vorträge, sondern die lockeren Diskussionen, die sich spontan vor und nach dem offiziellen Programm, in Pausen und beim Essen zwischen den Teilnehmern entwickeln. Hier kommen auch die wirklich spekulativen Ideen zu Tage, die soweit abseits des gesellschaftlichen Mainstreams liegen, dass sie keine Berücksichtigung im auf Respektabilität bedachten Hauptprogramm finden.

Und so bildeten sich auch dieses Mal bei jeder Gelegenheit Grüppchen, in denen die gerade gehaltenen Vorträge diskutiert, eigene Ideen vorgestellt oder bekannte Persönlichkeiten der extropianischen Gemeinde in Gespräche verwickelt wurden. Leute, die sich nur als gesichtslose Entitäten der extropians- oder transhuman-Mailinglisten kannten, trafen sich zum ersten Mal in Fleisch und Blut - nur um als Erstes die Möglichkeiten zu diskutieren, den biologischen Körper aufzugeben und mit "Uploading" ihr Bewusstsein ganz in den Rechner zu migrieren. Wer die Ohren offen hielt, konnte selbst auf den Toiletten Diskussionen über Matroschka-Gehirne (planetengroße Supercomputer mit zwiebelartigem Schichtaufbau, Konzept von Robert Bradbury), Superintelligenzen oder die Singularität (Entwicklung zu einem Zustand jenseits des gegenwärtigen menschlichen Verständnisses) verfolgen.

Die besten Gelegenheiten zum gegenseitigen Austausch bot natürlich das gemeinsame Mittagessen, zu dem der Konferenzdienst der Universität ein ansehnliches Buffet aufgefahren hatte. "Das ist eine fast perfekte Diät zur Lebensverlängerung, was du da auf dem Teller hast, nur ein bisschen viel Kohlenhydrate." Allein das Dessert mied man mit europäischer Zunge besser. Einen unscheinbaren Mann mit ergrauendem Haar identifizierte sein Namensschild als Eric Drexler, Nanotechnik-Vorkämpfer mit Halbgottstatus. Der sichtbar kalorienrestringierte Spike Jones, Ingenieur beim Luft-, Raumfahrt-, und Rüstungskonzern Lockheed-Martin, beantwortete die obligatorische Frage nach seiner Beschäftigung trocken mit "rocket scientist", was im amerikanischen Sprachgebrauch nicht nur einen Raketenbauer, sondern auch den sprichwörtlichen Extremwissenschaftler bezeichnet. Wer am richtigen Tisch saß, konnte sich zusammen mit Christine Peterson vom Foresight Institute und Nick Boström, Kopf der World Transhumanist Association (WTA), Sorgen machen, wer das Rennen um die Nanotechnik gewinnen und damit als Erster nicht nur ein ungeheures schöpferisches, sondern auch zerstörerisches Potential in Händen halten werde. "Man braucht kein besonderes wissenschaftliches Wissen dazu, es ist nur technische Arbeit." Perspektiven ohne Ende.

Genome, Biobots und Nanobots

Den Anfang des Nachmittagsprogramms machte Christopher Heward, Forschungsleiter bei Kronos, mit einem Vortrag über den wissenschaftlichen Hintergund des klinischen Altersbekämpfungsprogramms seiner Firma. Erst kurz zuvor hatte man einen Geldgeber gefunden, der die Einrichtung eines vier Millionen Dollar teuren Labors ermöglicht hatte, und Heward strahlte eine geradezu überschäumende Begeisterung aus, die er als geschickter Redner auch auf seine Zuhörer zu übertragen verstand. Kernpunkte der Kronostherapie werden eine gezielte Hormonersatzbehandlung, frühzeitiges Eingreifen lange vor klinischer Krankheit, dauernde Überwachung und individuelle Abstimmung auf den Patienten bei anhaltender Verfeinerung des Programms sein. Nur der Preis stand noch nicht fest.

Ein weiterer Höhepunkt bildete der Vortrag von Robert Bradbury, Mitglied des ExI-Vorstands, Vorsitzender der Firma Aeiveos und entfernter Verwandter des SF-Autors Ray Bradbury, unter dem Titel "Genome, Biobots und Nanobots". Nach einer Skizze, welche Genome in den nächsten Jahren vollständig ermittelt sein werden (Homo Sapiens: Dezember 2001), besprach Bradbury die Aussichten, von "Biobots", Bakterien und auch Eukaryonten, die gentechnisch maßgeschneidert für Chemiefabriken, Biomedizin, den Ersatz von Nutzpflanzen und die Herstellung neuer Materialien angewendet werden können sollen. Den letzten Teil seines Vortrags widmete er einer Übersicht und begeisterten Besprechung des für Herbst angekündigten Buchs "Nanomedicine" von Robert A. Freitas, und dem Vorstellen von Konzepten für in den menschlichen Körper integrierte Nanomaschinen, dass es selbst den fantastisch Anmutendes gewöhnten Extropianern schwummrig wurde.

Einen abrupten Themenwechsel vollzog dann Natasha Vita-More, Frau von Max More und Begründerin der transhumanistischen Kunst. Die vorgeblich alterslose, attraktive Endvierzigerin präsentierte, halb Vortrag, halb Performance, ihre Ideen zur Bedeutung der Ästhetik und der Erweiterung der fünf menschlichen Sinne. Insgesamt konnte man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass ihr Vortrag, wenn auch mit respektvollem Beifall entgegengenommen, beim ausgesprochen technisch-wissenschaftlich orientierten Publikum auf eher unfruchtbaren Boden fiel.

Das Genom als Ökosystem

Einen besseren Bezug konnten die Besucher zu den beiden folgenden Künstlern herstellen: Greg Bear und Vernor Vinge, preisgekrönte Science-Fiction-Autoren mit "harter" wissenschaftlicher Ausrichtung und Mitbegründer der transhumanistischen Strömung des Genres. Beide waren sichtlich gerührt von der Begeisterung und dem Respekt, der ihnen in dieser Runde entgegengebracht wurde.

Überraschenderweise erwies sich Bear als der rhetorisch überragende Redner der gesamten Konferenz. Das Genom selbst müsse als Ökosystem verstanden werden, der von Richard Dawkins geprägte Begriff des egoistischen Gens durch den des sozialen Gens ersetzt werden, der Mensch sei ein transökologisches Wesen, und es sei an der Zeit, einen Paradigmenwechsel mit Sichtweisen des noch jungen Fachs der Systembiologie zu vollziehen, wenn man die Zukunft verstehen wolle. Man hätte als Eskimo Bear auch einen Kühlschrank abgekauft.

Vernor Vinge, mit seiner Prägung des Begriffs der Singularität zu einer unfreiwilligen Leitfigur der Extropianer und der radikalen Singularitarier geworden, fand es sichtlich schwer, an seinen Vorredner anzuknüpfen. Er wies darauf hin, dass die in den nächsten 15 bis 30 Jahren anstehenden Umwälzungen manche der Konferenzthemen, wie die Unsterblichkeit für den biologischen Homo sapiens, irrelevant machen könnten. Wer nach ewigem Leben strebe, müsse auch über sich hinauswachsen, seine Ziele erkennen und mit einer Neudefinition seiner Identität rechnen.

Zusätze zur menschlichen Verfassung

In der eineinhalbstündigen Pause für das Abendessen strömten die vom bisherigen Tag mehr stimulierten als erschöpften Konferenzteilnehmer in die Innenstadt von Berkeley, um im Umfeld der Telegraph Avenue in einige der zahllosen Schnellimbissbuden einzufallen. Dutzendgroße Gruppen, deren eifrig debattierende Teilnehmer nur mit Mühe dazu zu bewegen waren, sich von ihren für Außenstehende wahrscheinlich völlig unverständlichen Gesprächen solange loszureißen, um eine zusammenhängende Bestellung abzugeben, und die unweigerlich alle nicht festgeschraubten Tische und Stühle umstellten, beanspruchten die ganze Geduld des Bedienpersonals.

Zurück auf dem Campus war die letzte Veranstaltung dieses langen Tages fällig: Max Mores Keynote. Er habe hier einen Brief, von dem er nicht recht wisse, an wen er ihn schicken solle. "Liebe Mutter Natur..." Unter Beifall las More seine Zusätze zur menschlichen Verfassung vor, ganz im Stil der extropianischen Prinzipien. Nach der kopernikanischen, darwinistischen, und freudschen Revolution stünde eine neue an, in der die Menschheit verbessert, ergänzt, gesteigert werde. Nacheinander klopfte More die verbreiteten Widerstände gegen transhumanistisches Denken ab, zeigte die zugrundeliegenden fehlerhaften Annahmen auf und betonte noch einmal, dass die freie Wahl des Individuums ein extropianisches Grundprinzip sei und niemand gezwungen werde, sich den anstehenden Änderungen am Menschen anzuschließen.

Gentechnik und Patente auf das Genom

Nach dem hohen Tempo und der großen Informationsdichte des ersten Tages ging es am Konferenzsonntag entspannter und gelassener zu. Themen: Genmanipulation, Vorbereitung der Gesellschaft auf die bevorstehenden Umwälzungen.

Wer seinen Blick über die Tische des Konferenzraums schweifen ließ, dem fiel auf, dass die technische Ausstattung der Teilnehmer bemerkenswert unbemerkenswert war: eine Reihe Notebookcomputer, der eine oder andere Subnotebook, einige PDAs, Mobiltelefone. Weder die futuristische Thematik noch der Hightech-Hintergrund vieler Zuhörer spiegelte sich wieder, es hätte auch eine Konferenz zu ganz konventionellem Fragen sein können. Die ganze Veranstaltung über war kein einziger Wearable zu sehen.

Wie schon am Samstag diente der erste Vortrag dazu, den Teilnehmern Grundkenntnisse zu vermitteln, um - ganz im Gegensatz zum Stil in den breiten Medien - eine sachlich fundierte Diskussion zu ermöglichen. John Campbell, Neurobiologe an der medizinischen Fakultät der Universität von Kalifornien in Los Angeles, gab einen Überblick über die Aussichten (und eine glühendes Plädoyer) für gentechnische Eingriffe in die menschliche Keimbahn. Kernpunkt war, dass die aktuelle Diskussion auf der Annahme der konkreten Einschränkungen der Technik gezielter Genersetzung (TGS) fußt. Viele Einwände ließen sich im Ansatz ersticken, wenn man stattdessen Genmaterial mit einem zusätzlichen Hilfschromosom einbrächte, was Campbell im Weiteren auch detailliert ausführte. Mit der Verfügbarkeit solchen Hilfschromosomen sei in fünf bis sechs Jahren zu rechnen. Für die weitere Entwicklung sagte er voraus, dass die bisher getrennten Zweige Genmanipulation am Tier, somatische Gentherapie, wissenschaftliche Genetik und reproduktive Humanmedizin ganz zwangsläufig zu Eingriffen in die menschliche Keimbahn konvergieren würden.

Dem nächsten Vortrag ging eine Einführung von Tom Bell, zusammen mit Max More Gründer des ExI, voran, in der er die von der Umweltbewegung ausgemalten Schrecken von Genpatenten darstellte, dramatisch als Sklaverei, Tod und ewige Verdammnis zusammengefasst. Diese Angstvorstellungen zu entkräften, war das Ziel der Präsentation von Kate Murashige, Teilhaberin der Anwaltskanzelei Morrison & Foerster und dort auf Biotechnik und -wissenschaften spezialisiert. Zuerst stellte sie klar, dass das Patentgesetz ein wirtschaftliches Werkzeug sei, kein moralisches, womit die bei den Extropianern heftig diskutierte Frage des Rechts an geistigem Eigentum geschickt umgangen wurde. Der weitere Verlauf war der Klärung gewidmet, was überhaupt patentierbar ist und was die Nebenbedingungen und Kosten sind. Letztlich argumentierte Murashige, dass das Patentieren kompletter DNS-Sequenzen schlicht zu kostspielig sei. Schwer damit in Einklang zu bringen, waren vorgeführte Beispiele von gültigen US-Patenten, die entgegen den Grundregeln der Patentierbarkeit breite Anwendungsbereiche, inklusive schon vor ihrer Ausstellung verwendeter Techniken, für sich in Anspruch nahmen. Insgesamt hinterließ der Vortrag einen sehr zwiespältigen Eindruck.

Nach der Mittagspause ging es mit Greg Burch und Billy Brown als Vertreter der Texas Extropians weiter. Thema des wegen eines Serverausfalls improvisierten Vortrags war die Arbeit an der Erstellung eines Zeitplans, in dem die Entwicklung bis zum Jahr 2020 vorgezeichnet werden sollte. Dabei hatte sich herausgestellt, dass es an kollaborativen Werkzeugen fehlt, um ein solches Szenario aus den Beiträgen vieler Leute gemeinsam zu entwickeln, und dass solche Werkzeuge erst noch erstellt werden müssen. Eine angedachte Idee war auch, Robin Hansons Idea Futures einzusetzen, wo Leute auf die Meinungen, die sie vertreten, Geld setzen.

Gedämpfter Optimismus für die Steigerung der menschlichen Intelligenz

Als weiterer Teil der Präsentation wurde eine erste Auswertung der Umfrageergebnisse vorgestellt. Mit der Einschreibung in die Konferenz hatte jeder Teilnehmer einen Fragebogen erhalten, in dem er seine persönlichen Voraussagen für die (hauptsächlich technischen) Entwicklungen der nächsten zwanzig Jahre machen konnte. Die Ergebnisse prognostizierten ein weiterhin mindestens exponentielles Wachstum der Rechenleistung, etwas vorsichtigeres Wachstum bei Nanotechnik, Biotechnik und künstlicher Intelligenz, und gedämpften Optimismus bei der Steigerung der menschlichen Intelligenz. Bei der relativen Reihenfolge konkreter Meilensteine wurden somatische und Keimbahn-Gentherapie vor dem ersten Nanoassembler und humanäquivalenter KI eingeordnet.

Beachtung löste ein Kurzauftritt Eric Drexlers aus, der gestand, dass er seinen Fragebogen zwar ausgefüllt, aber abzugeben vergessen hatte. Er prophezeite für alle fünf Gebiete ein überexponentielles Wachstum. Die Gründe seien wohlbekannt. Wenn die Nanotechnik erst einmal ins Rollen käme, dann gebe es kein Halten mehr.

Zum Ausklang der Veranstaltung gab es die Gelegenheit für Teilnehmer, zweiminütige Kommentare abzugeben, was in verschiedener Weise genutzt wurde. Ein Mitarbeiter des Kryonik-Anbieters Alcor bat alle anwesenden Personen mit Kryonik-Vertrag ihre entsprechenden Armbänder bzw. Halsketten zu zeigen - mehr als die Hälfte der Teilnehmer reagierte. Falls es nicht mehr zu Lebzeiten gelingen sollte, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, so möchte man sich wenigstens die Chance offen lassen, tiefgefroren in die Zukunft zu reisen, um dort mittels ausgereifter Nanotechnik in Fleisch oder Rechner wiederbelebt zu werden.

Je nach Reiseweg und -zeit hatte ein Teil der Teilnehmer noch einen freien Abend vor sich, und so kristallisierte sich aus der in Auflösung begriffenen Besucherschaft noch einmal ein harter Kern, welcher den vom Konferenzservice gestellten Computerraum in Beschlag nahm. Tyler Close von der Firma Waterken stellte sein als Java-Servlet implementiertes Programm Droplet vor, das die kryptografisch gesicherte Übermittlung von Rechten zwischen verschiedenen Benutzern erlaubt. Wie man das Interesse der Zuhörer an einer eigentlich ganz und gar trockenen technischen Demonstration hält, bewies Close, indem er als Beispiel die Rechtevergabe zwischen zwei Partnern für gegenseitig einvernehmlichen Sex am Strand vorführte.

Ein chronisches Problem ist der effektive Gedankenaustausch innerhalb der extropianischen Gemeinde. Die Kommunikation über Mailinglisten krankt an der Schwierigkeit aus der Flut von Nachrichten die wirklich interessanten herauszufiltern, und das Gedächtnis einer Liste ist trotz Archivierung sehr kurz, so dass, spätestens wenn neue Teilnehmer dazustoßen, dieselben Themen wieder und wieder durchgekaut werden. Sasha Chislenko, vor zehn Jahren vom damaligen Leningrad nach Boston ausgewandert und derzeit am MIT Medienlabor tätig, führte einen umfangreichen Anforderungskatalog an ein neues System auf und kündigte ein von ihm in Zusammenarbeit mit russischen Programmierern entwickeltes, demnächst zur Verfügung stehendes kollaboratives Filtersystem an. Alex Bokov, Verwalter der transhuman-Mailingliste und jugendlicher Allrounder, konterte, dass die schon in der Praxis erprobte Codebasis von Slashdot die meisten Anforderungen unmittelbar erfüllen könne, der Rest leicht hinzuzufügen sei, und verwies auf einen von ihm schon eingesetzten Prototyp. Spontan bildete sich eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Robert Bradbury, die sich für die folgenden Wochen vornahm, die Systeme zu vergleichen, weitere Vorschläge einzuarbeiten und daraus ein neue, zentrale Kommunikationsinfrastruktur für das ExI zu entwickeln. Sollte dies gelingen, so wäre dies ein radikaler Fortschritt für die netzbasierte Zusammenarbeit in lose organisierten Gruppen. Man darf gespannt sein.

Insgesamt wurde die Konferenz von den Teilnehmern als ausgesprochen erfolgreich beurteilt. Man war sich bewusst, dass man eine Minderheit in der Gesellschaft, eine Randgruppe darstellt, aber man war genauso von der Richtigkeit des eigenen Denkens überzeugt und sah sich von der Entwicklung bestätigt. Aktuelle Wissenschaft sei schon längst fantastischer als Science Fiction. Auffallend war, dass fast jeder der Teilnehmer auch selbst konkret an zukunftsorientierten Projekten arbeitet. Hier trafen sich Leute, welche die Zukunft nicht nur herbeisehnen, sondern selbst Hand anlegen. Nach den zwei Jahren Abstand zur Extro 3 soll, um der immer rascher voranschreitenden Entwicklung gerecht zu werden, die nächste Extro bereits im Jahr 2000 stattfinden.

http://www.heise.de/tp/artikel/5/5197/1.html
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