Wir sind zu höflich gegenüber unseren Computern

Florian Rötzer 19.08.1999

Aber die Maschinen zeigen als Antwort noch immer wenig Freundlichkeit

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Psychologen vermuten, dass wir auch zu unseren noch nicht gerade sehr intelligenten Computern eine seltsame Beziehung entwickelt haben, die der zu anderen Menschen entspricht. Daher sprechen wir sie nicht nur oft so an, als würden sie autonom handeln, sondern personalisieren sie gar so weit, dass wir mit ihnen, trotz mancher Anfälle von computer rage (Wut auf Computer, Wut am Computerarbeitsplatz), in aller Regel freundlich umgehen, auch wenn sie uns verrückt machen.

Gleichwohl können wir, gerade weil Computer selbst noch keine höflichen und kompromissbereiten Umgangsformen haben, die Maschinen im Geheimen hassen. Menschen kritisieren ihre Mitmenschen eher gegenüber Dritten als im direkten Gespräch. Wenn man also einen Menschen direkt fragt, was er von dem Fragenden hält, so werden eher positive Antworten die Folge sein. Clifford Nass, Youngme Moon und Paul Carney von der Stanford University wollten herausbekommen, wie New Scientist berichtet, ob wir denselben Umgang auch mit Computern pflegen.

Versuchspersonen mussten auf einem Computer mit einem Textverarbeitungsprogramm etwas bearbeiten und daraufhin einen Multiple-Choice-Test ausführen. Anschließend wurden sie nach der Leistung ihres Computers befragt, allerdings in drei verschiedenen Formen: eine Gruppe tat dies auf demselben Computer, eine zweite auf einem anderen, aber identischen Computer und eine dritte schriftlich auf Papier.

Die Bewertungen, die auf demselben Computer gemacht wurden, mit denen die Versuchspersonen auch zuvor gearbeitet hatten, waren signifikant positiver und einheitlicher, als diejenigen, die auf einer anderen Maschine oder auf dem Fragebogen gemacht wurden. "Unsere Versuchspersonen versuchten automatisch und unbewusst, sich selbst bei den Computern einzuschmeicheln", interpretiert Nass das Ergebnis. Computer hätten eine "soziale Präsenz", die Benutzer beeinflussen könne, was oft von Psychologen übersehen werde, die Menschen zunehmend mit der Hilfe von Computern über Bereiche wie sexuelles Verhalten befragen.

New Scientist zitiert Bengt Arnetz, einen Experten für Technikstress von der Universität in Uppsala, der glaubt, dass die Menschen sich über ihren Computer ärgern, weil die meisten Programme auf den Benutzer nicht höflich reagieren. Das Verhältnis zwischen Mensch und Computer sei eine "soziale Interaktion". Daher müssten die Softwarehersteller auch psychologische Erkenntnisse aufnehmen, um den Umgang mit den Maschinen stressfreier zu machen.

Fragt sich nur, was wir machen, wenn die Computer immer freundlicher werden, die Programme aber trotzdem nicht besser funktionieren. Wahrscheinlich ist ja der Zweck des affective computing, uns noch stärker in die soziale Interaktion einzubinden und den computer rage dann an anderem Ort auszutragen.

http://www.heise.de/tp/artikel/5/5203/1.html
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