Aufmerksamkeit

Das Web wird zum Massenmedium

Florian Rötzer 25.08.1999

Immer mehr Menschen zieht es zu einigen wenigen Websites

Wenn man einer Erhebung von Media Metrix, die im Auftrag der LA Times durchgeführt wurde, Glauben schenken will, dann vollziehen sich im WWW ähnliche Konzentrationsprozesse, wie sie auch sonst überall geschehen. Das Web wird zwar weiterhin exponentiell größer, was die Anzahl der Websites und der Nutzer angeht, doch trotz dieser Vielfalt ziehen immer weniger Angebote immer mehr Interesse an sich. "Webreisende folgen den ausgetretenen Pfaden zu ähnlichen Orten", titelt die Times.

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Eine relativ kleine Zahl von Websites erhält die größte Aufmerksamkeit, die im Zeitalter der Medien direkt in Geld umsetzbar ist. Und der Trend der Aufmerksamkeitsverengung scheint schnell zuzunehmen. Haben im Juni 1998 noch 33,7 Prozent der Menschen ihre Online-Zeit bei den Top 100 Websites verbracht, so waren es im Juni 1999 schon 39,4 Prozent. Bei den Top 50 Websites waren es 35 Prozent (Juni 1998: 27,3 Prozent), bei den Top 10 Websites 19,2 Prozent (Juni 1998: 16 Prozent). Ähnlich sieht es bei den Seitenaufrufen aus. Auch andere Erhebungen kommen zu vergleichbaren Ergebnissen. Nielsen/NetRatings behauptet, die 10 größten Websites ziehen 21 Prozent der Aufmerksamkeit der Surfer auf sich, Reston glaubt, dass gar 32 Prozent der Online-Zeit bei den Top 10 verbracht wird, wobei allein fünf Minuten stündlich auf Yahoo entfallen.

Das junge Medium tritt in den Reifungsprozess ein und bildet eine Art hierarchische Struktur aus. War es in den Anfängen eher mit einer zentrumslosen Boomtown vergleichbar, so konsolidieren sich jetzt die Innenstädte mit ihren teuren Lagen, in den sich die großen Bauten der Firmen ansiedeln. Und ähnlich wie in einer Stadt werden dadurch auch die Verkehrswege zu den Zentren stärker frequentiert, während manche Viertel kaum noch besucht werden und, abgesehen von den Bewohnern, im Abseits landen. Die großen Prunkbauten in den belebten "Innenstädten" sind die sogenannten Portale, die ihre Angebote meist um Suchmaschinen herum aufbauen. Es ist noch immer diese Funktion, die die meisten Menschen anzieht, um von hier aus ihren Weg durch das Web zu organisieren, wobei sie offenbar mehr und mehr in der nächsten Umgebung hängenbleiben. Möglicherweise sinkt auch die Bereitschaft der Menschen, ziellos von einem Link zum anderen durch das weltweite Netz zu streifen und als Flaneure Neues zu entdecken, aber dabei auch viel Zeit zu verbrauchen. Offenbar setzt sich auch hier das Prinzip durch, dass Aufmerksamkeit Aufmerksamkeit an sich zieht und so ein Erfolg im Sinne der Prominenz weitere Aufmerksamkeit akkumuliert. Folge ist, wie Howard Bloom in seiner Geschichte des kollektiven Gehirns schreibt, eine Kohärenz, die Konformität bewirkt. Doch Medien sind kollektive Aufmerksamkeitsorgane und haben offenbar die soziale Funktion, die Menschen in eine Art Gleichklang zu bringen, indem sie ihre Aufmerksamkeit als Trendverstärker ausrichten und zugleich entlasten.

Doch anderes als bei den alten Massenmedien wird die Konzentration der Aufmerksamkeit die Vielfalt im Web nicht ganz eliminieren, auch wenn es für Neuankömmlinge immer schwieriger werden wird, aus der Masse aufzutauchen und Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Neben die Differenzierung nach Interessen tritt die nach Reichweite zwischen globalen, nationalen und lokalen Angeboten. Portale lenken über die Suchmaschinen die Besucherströme im Unterschied zu den herkömmlichen Medien direkt weiter, auch wenn manche Suchmaschinen bereits den Konzentrationsprozess fördern, indem die meist gesuchten Websites bei den Ergebnissen als erste auf der Liste ausgegeben werden. Dadurch wird die Trendverstärkung unmittelbar als Mechanismus eingebaut. Aber warum hätte das Web, was die Times unterschwellig unterstellt, auch anders sein sollen als das wirkliche Leben? Wenn Hunderte von Millionen von Websites auf globaler Ebene nach Aufmerksamkeit aus sind und miteinander um diese wertvolle Ressource konkurrieren, dann wirkt hier, wie auch sonst, das Gesetz der Selektion - und den Vorteil haben jene, die attraktiver sind, was auch meist heißt, dass sie mehr Wissen und Geld investieren können, um Aufmerksamkeit an sich zu binden. Die Zeit jedenfalls, in der sich ein neues Angebot im Web schnell durchsetzen kann, scheint allmählich zu Ende zu gehen.

http://www.heise.de/tp/artikel/5/5227/1.html
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