Architektur in der Betaphase
Heterogene Beiträge und Vortragsweisen kennzeichneten Urban Drift im Rahmen von Berlinbeta.
Auch Berlinbeta hatte einen Architekturteil, und vom Umfang wie vom Publikumszuspruch her war Urban Drift vielleicht sogar die größte Sektion des Medienfestivals. Die von Francesca Ferguson organisierte Konferenz konnte den hohen Erwartungen zumindest streckenweise gerecht werden. Vorallem im zweiten, vom Daidalos-Redakteur Andreas Ruby moderierten Teil "Transarchitecture", kam eine ansprechende Stimmung auf.So unterschiedlich wie die ReferentInnen - wie Patrik Schumacher vom Design Reaserch Lab der traditionseichen Architectural Association und Liza Flor von den Militant Urban Feminists - waren auch die Vortragsstile. Ganze dreizehn Präsentationen konnte man erleben, die in ihrer individuellen Dichte und einem hohen Tempo für Diskussionen wenig Zeit ließen. Manchmal war nicht ganz klar, ob der Referent nun sich selbst vorstellt, einen historischen Überbau referiert, oder eine These liefert, die das Konferenzthema auseinandersetzt. Dabei erfolgte, wie man leider auch schon gewohnt ist, die Annäherung an die mediale Architektur des Informationszeitalters vorwiegend über das anglo-amerikanische Ausland. Architektur aus Holland, vertreten durch Kas Oosterhuis, von Oosterhuis Associates durfte natürlich nicht fehlen, nahm aber eine geringe Rolle in diesem internationalen Forum ein.
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Andreas Ruby verstand es, den Veranstaltungsort, das futuristische Ludwig Erhard Haus, in immer neuen Anläufen zu kontextualisieren: Eloquent und kenntnisreich spannte er Bögen zu der Räumlichkeit der Konferenzsituation ("In einem Raum, der breiter ist als lang, sollte man Bilder im Radius von 360Grad projizieren") und verband das mit Hinweisen auf die Referenten.
Dennoch konnte eine gewisse Zähigkeit der Hirnzellen bei der Rezeption mancher Vorträge nicht vermieden werden. Besonders eklatant wurde dies bei dem Vortrag von Sean Grifith, der das britische Projektbüro FAT vertrat. Sein im Rahmen des ersten Konferenzteils "Architektur des Events" gebuchter Beitrag kam einem theoretischen Abriss gleich, den er lesend präsentierte. Eine konventionelle Selbstdarstellung wäre effektiver gewesen, weil seine humorvollen Projekte, wie ein Laden für alternde Surfer, hierzulande unbekannt sein dürften.
Von kuratorischer Seite hätte man sich etwas klarere Vorgaben gewünscht. Warum? Theoretische Vorträge, wie mit einem großen Aufgebot an Phantasie von Neil Spiller dargeboten, reihten sich an vertreterhafte Selbstdarstellungen von kommerziellen Agenturen und Dienstleistern, wie TRIAD und Asymptote Architecture. Hinzu kamen künstlerisch angehauchte Vorträge mit Performance-Charakter (darauf kommen wir gleich nochmals zurück). Was sich im Nachhinein wie eine bunte stimulierende Mischung liest, erschwerte indes die punktuelle Rezeption und die Moderation der Gespräche. Zusammenfassend lässt sich sagen, daß nicht eine nach Themen geordnete Konferenzstruktur angebracht gewesen wäre, sondern Konferenzblöcke, gefächert nach Referenten und ihren respektiven Vortragsweisen.
Schließlich war dies keine akademische Veranstaltung, die Thesen und Themenfelder untersuchte, wie es Thomas Herr, Moderator des ersten Teils verlautbarte. Trotzallem fehlte es "Urban Drift" nicht an historischer Fundiertheit. In Anlehnung an Le Corbusier war von Architektur als "information to live in" die Rede. Marcos Novak, allseits als Begründer der sogenannten Trans- oder Liquid-Architecture referiert, wurde immer wieder ins Gespräch gebracht. Schließlich schienen nicht wenige der präsentierten Projekte die utopistischen, nicht realisierten Entwürfe der 60ger Jahre-Architektengeneration, als Grundlage für ihr Schaffen instrumentalisiert zu haben.
Was die "Urban Drift" Konferenz in ihren besten Momenten auszeichnete, kam bereits in der einleitenden Ansprache von Peter Cook zum Ausdruck. Das Mitglied des legendären Architekturbüros Archigram steigerte sich in einer halbstündigen, wortgewaltigen, vor Witz und Zynismus strotzenden Rede in immer verstiegenere Bespiele, die seine Vision von einem Dehnen der Architektur und des Begriffs, den wir uns von ihr machen, verdeutlichten. Das Stichwort "Stretching" diente den Moderatoren denn auch als Leitmotiv, während das von Cook genauso vehement ins Spiel gebrachte Element der Erfahrung leider weniger diskussionsweisend war. Der zeitgenössische Architekturdiskurs scheue sich vor einer Inkorporation des Theaters, mahnte der Popveteran.
Damit deutete er u.a. auf die Unterbewertung des Körpers, der physischen Erfahrung. Das in Berlin ansässige Kollektiv Kunst+Technik galt ihm mit dem Multimind-Projekt als beispielhaft. Gut, dass die Begünder von Kunst+Technik selbst auch noch mal zu Wort kamen. Denn ihre Präsentation zählte zu den interessantesten, was einerseits an der sehr druckvollen Vortragsweise von Jan Edler gelegen hat, aber auch an der Grundvorraussetzung ihrer Produktionsweise - das Kollektiv nutzt eine alte Baracke gegenüber dem Bodemuseum in Berlin als Laboratorium, das die Funktionen WorkStation, Klub, und Ausstellungsraum erfüllt.
Gerade ihre Beteiligung machte deutlich, dass die zahlreichen Vertreter aus dem Ausland, vorallem aus den USA und England, nicht, wie am Rande der Konferenz gemunkelt wurde, eingeladen wurden, um die deutschen Acts aufzuwerten. Vielmehr stellte sich heraus, dass das internationale Niveau weder fehlt, noch erst ausgebraben werden muss. Das bestätigte auch der in Frankfurt tätige Architekt Christian Möller, der in seiner Laufbahn zunehmend in den Bereich der Mediengestaltung gedriftet ist, um den Limitierungen der Architektur zu entfliehen. Dass er nun rückwirkend Einfluss auf laufende Architekturtrends zu nehmen im Stande ist, muss als sein Verdienst gelten: Als Teil seines laufenden, sprich, im Entstehen begriffenen Projekts "Caught in Transit" wird er per Handy manipulierbare Medienfassaden schaffen. Das handelsübliche Funktelefon lässt sich wahlweise als tonerzeugendes Keyboard oder Mikrofon nutzen.
Den packendsten Beitrag lieferten Ada Tolla und Guiseppe Lignano von Lot/ek. Poetische Aneinanderreihungen von Verben, Nomen und Adjektiven gepaart mit flackernden Dias von architektonischen Körpern jeglicher Art und kulturellen Herkunft wurden abwechseld mit kühlen, technisch-informativen Einlagen von Projektbeschreibungen in einem treibenden Rhythmus vorgetragen. Eine Intensität stellte sich ein, die auch mit ihrer Arbeit korrespondiert: Sie recyceln industrielle Gebrauchsarchitektur (Kanister, Ölfässer, Container) und erstellen daraus verwegene Wohneinheiten. Beim Publikum herschte großer Zuspruch, eine energetische Diskussion flammte für kurze Zeit auf. Es war der heimliche Höhepunkt von "Urban Drift". Die Konferenz an diesem hohen Niveau zu messen, wäre wohl nicht ganz fair. Schliesslich ist alles noch Beta.
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