Global Player im 18. Jahrhundert

20.09.1999

Über Thomas Pynchons "Mason & Dixon"

Endlich ist es wieder Herbst, und wie auch die Jahre zuvor kommt wieder ein dicker amerikanischer Schmöker auf den deutschen Buchmarkt. Letztes Jahr war es Don DeLillo, desses "Underworld" ihm die längst fällige Anerkennung in den deutschen Feuilletons einbrachte, die Jahre davor war es William Gaddis, dessen komplexe Werke nach und nach übersetzt wurden. Dieses Jahr ist es nun Thomas Pynchons über 1000 Seiten langer Roman "Mason & Dixon", mit dem man sich über den Winter retten kann. Was diese amerikanischen Autoren so besonders macht, ist die Reichweite ihrer Themen, die Komplexität der von ihnen entworfenen Welten - und der ungeheure Witz, mit dem sie erzählen.

Vor allem die Werke Pynchons sprengen in ihrer Ambition, der Komplexität unserer Welt den Zerrspiegel vorzuhalten, jeden Rahmen. Über jeden seiner Romane sind unzählige Artikel verfasst worden, die Pyndustrie, die sich die Untersuchung seines Werkes zur Lebensaufgabe gemacht hat, hält Unmengen von Akademikern in Lohn und Brot, und dem Mann ist sogar ein eigenes wissenschaftliches Magazin gewidmet. Zu dieser regen Betriebsamkeit trägt natürlich auch die hinlänglich bekannte Medienabstinenz von Pynchon bei. Kein Foto seit Anfang der 60er Jahre, kein Interview, kein öffentlicher Auftritt. So ein visuelles Loch muss mit anderen Medien gefüllt werden, und so blüht der schriftliche Diskurs. Vor allem in der Gerüchteküche Nr. 1, dem Internet, ist man eifrig an der Arbeit am Mythos Pynchon. Die ihm geweihte Mailing-Liste ist ungeheuer umtriebig und immer einen Besuch wert. Neben den immer beliebten Sichtungsmeldungen, die es in ihrer Zahl durchaus mit Ufo-Landungen aufnehmen können, wird hier unschätzbares Wissen zusammengetragen, z. B. eine sich ständig erweiternde Konkordanz zu "Mason & Dixon".

Irgendwo zwischen dem Drudge-Report und einer riesigen Enzyklopädie befindet sich auch der neue Roman selbst. Wie schon in "Die Enden der Parabel" trifft eine schier atemberaubende Menge obskurer und bekannter Fakten auf eine Paranoia, die hinter allen Ereignissen Machinationen unsichtbarer Mächte vermutet. Die Abenteuer des englischen Astronomen Charles Mason und seines Landsmannes Jeremiah Dixon, eines Landvermessers, stehen im Zentrum des Romans. 1760 schiffen sich die beiden im Auftrag der British Royal Society nach Kapstadt ein, wo sie einen Venusdurchgang beobachten und dokumentieren sollen. Schon gleich zu Beginn ihrer Reise werden sie von Fragen verfolgt: Wie kommt es, dass Dixon Mason begleiten soll und nicht ein anderer Astronom? Wieso wird kurzfristig ihre Reiseroute geändert, so dass sie in ein Gefecht mit einer französischen Fregatte geraten und umkehren müssen? Welche Interessen verfolgt die Ostindien-Kompanie mit ihrer Reise? Ihre Fragen bleiben unbeantwortet, ihr Ersuchen um Abbruch der Expedition wird von der Royal Society mit der Androhung juristischer Schritte erwidert. Die Pläne von "Ihnen", den unsichtbaren Mächtigen, bleiben verborgen, wie so oft in Pynchons Werk. Als sie schließlich in Kapstadt eintreffen, erscheint ihnen die Stadt vor allem als Ort der Unterdrückung und Ausbeutung. Überall begegnen ihnen Sklaven, deren Leid das Projekt der wissenschaftlichen Aufklärung immer wieder in einem fragwürdigen Licht erscheinen lässt.

Auch der Ort ihres nächsten Auftrags, mit dem sie in die Geschichtsbücher eingegangen sind und der den größten Teil des Romans einnimmt, ist eine von Sklaven bevölkerte Kolonie: Sie sollen die berühmte Mason/Dixon-Linie durch die amerikanische Wildnis ziehen. Diese Schneise sollte den Grundbesitz der Penns in Pennsylvanien von dem der Baltimores in Maryland trennen und gleichzeitig die Grenze zwischen den beiden Kolonien bilden. Ein gewaltiges Projekt für die damalige Zeit, das sowohl wissenschaftliche Exaktheit wie auch einer großer Menge Arbeitskräfte bedurfte. Diese berühmte Schneise war später Teil der Grenzlinie zwischen den Nord- und den Südstaaten kurz vorm Bürgerkrieg, eine Trennlinie zwischen Freiheit und Sklaverei also. Doch die Linie bietet noch andere Assoziationen: Sie ist die perfekte Veranschaulichung des amerikanischen Mythos vom gelobten Land, dessen Schicksal und Aufgabe es ist, die Grenzen der Zivilisation immer weiter nach Westen zu verschieben. "Westward the course of the empire takes its way", und alles, was sich ihm an Wildnis und Indianerstämmen in den Weg stellt, muss abgeholzt, planiert und in Reservate gesteckt werden.

Als Mason und Dixon in Amerika ankommen, steht die unzivilisierte Wildnis noch in voller Pracht und das gelobte Land entpuppt sich eher als Auffangbecken für Verrückte und Verfolgte aus aller Herren Länder. Die Aufklärung hat die Vertreibung der Wunder aus der Welt noch nicht zum Abschluss gebracht. Und je weiter die Linie nach Westen vordringt, desto häufiger begegnen Mason und Dixon skurrilen Figuren, die unterschiedlichste Naturauffassungen vertreten. Es sind es vor allem die verschrobenen Doppelgänger der Aufklärung, die mit ihren arkanen Theorien und obskuren Erfindungen der rationalen Wissenschaft den Zerrspiegel vorhalten: Feng-Shui-Meister Zhang, der sich auf der Flucht vor den Jesuiten befindet; der französische Meisterkoch Armand, der sich der amourösen Avancen einer mechanischen Ente erwehren muss; der gebildete Hund Fang, der der englischen Sprache mächtig ist; Professor Voam und sein elektrischer Aal; ein flüchtiger Vier-Tonnen-Gloucester-Käse; zwei konversierende maritime Uhren. Sie alle sind die Vertreter der typisch pynchonesken Paralleluniversen, die immer wieder den linearen Fortgang von Erzählung und Fortschritt auf Nebengleise führen und hinterfragen.

Je weiter Mason und Dixon mit ihrem immer obskurer werdenden Gefolge ihre lineare Schneise in den unmarkierten Raum schlagen, desto (alp-) traumartiger werden die Ereignisse und Begegnungen. Dies war schon immer die große Kunst des Thomas Pynchon: Keiner kann wie er die Grenzen zwischen historischen Fakten und Erfundenem, zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und metaphysischer Spekulation porös werden lassen. Seine Romane eröffnen immer magische Räume der Grenzüberschreitungen, in denen Faktisches phantastisch und wilde Spekulationen wahrhaftig erscheinen. In "Mason & Dixon" sind es vor allem Anachronismen, die die Kausalität auf den Kopf stellen. Ob nun Dixon die Pizza in England einführt oder Benjamin Franklin colorierte Sonnenbrillen erfindet, ob "Starbuck"-ähnliche Coffee-Shops in den Kolonien der letzte Hype sind oder erregte Gespräche über das Inhalieren von Dope geführt werden: Herkömmliche Erwartungen werden auf den Kopf gestellt, indem Gegenwärtiges in die Vergangenheit projiziert wird. Anachronismen stellen dem linearen Fortschritt (der Wissenschaft, der Geschichte, des Romans) so etwas wie eine sich ständig wandelnde Einheitszeit gegenüber, in der es alles schon mal gab und nichts wirklich verschwindet.

Ebenso wie in Kapstadt verbinden sich auch in den amerikanischen Kolonien Machtinteressen mit dem Projekt von Mason und Dixon, nur dass sie sich an diesem chaotischen Ort noch weniger einer bestimmten Organisation zuordnen lassen. Neben Vertretern der englischen Krone und den sich formierenden amerikanischen Widerstandsgruppen sind es vor allem Illuminaten, Freimaurer und Jesuiten, die in Nordamerika ihre Verschwörungen vorantreiben. Insbesondere der von Quebec aus agierende Orden der Jesuiten wird als hierarchischer Machtapparat mit ausgefeilten Unterdrückungs-Methoden geschildert. Ihre Stärke liegt in ihrer dezentralen Organisation, einem World-Wide-Web-artigen Netz von durch "Telegraphen" miteinander verbundener Observatorien. Ein anachronistischer Information Super Highway also.

In ihrer Eigenschaft als Schachfiguren innerhalb größerer Machtstrukturen ähneln Mason und Dixon anderen Pynchon-Figuren. Doch anders als Tyrone Slothrop, Anti-Held von "Die Enden der Parabel", der sich gegen Ende des Romans schlichtweg auflöst, oder den cartoonhaften Spät-Hippies aus "Vineland" behalten Mason und Dixon bis zum Schluss eine gewisse Resistenz gegen die sie umgebenden Mächte. Sie sind Pynchons bisher "menschlichste" Figuren, deren Ängste und Begierden sich niemals ganz vom System kooptieren lassen. Doch Pynchons Augenmerk gilt auch in diesem Roman der Darstellung dezentraler Kontrollmechanismen und der unentwirrbaren Verwicklung ökonomischer, politischer und persönlicher Interessen. Die sein Werk durchziehende Paranoia, das Gefühl, das alle Dinge und Ereignisse etwas miteinander zu tun haben, ist sowohl Thema seiner Romane wie auch deren ureigenste Funktionsweise. Der Leser erfährt niemals mehr als die im globalen Netzwerk herumirrenden Figuren, und er muss sich genau wie diese mit immer weiter anwachsenden Bergen divergierender Informationen und Erzählstränge auseinandersetzen.

Macht ist in Pynchons Romanen niemals eindeutig lokalisierbar, sie ist vielmehr einem dezentralen Netzwerk vergleichbar. Die Funktion, die in "Die Enden der Parabel" die I.G. Farben und in "Vineland" der Regierungsapparat von Brock Vond innehatte, wird in "Mason & Dixon" am ehesten von der Royal Society eingenommen. Sie ist dabei ebenso sehr reale Machtstruktur wie bevorzugte Projektionsfläche für die paranoiden Ängste von Mason und Dixon. Normalerweise mit Macht assoziierte historische Figuren erscheinen im Roman als exzentrische Eigenbrötler. Statt mit Kontrolle sind sie eher mit Abhängigkeit konnotiert: Benjamin Franklin begegnet Mason und Dixon in Philadelphia als schlafloser Kaffee-Junkie, der mehr an waghalsigen elektrischen Experimenten als an politischen Dingen interessiert ist. Thomas Jefferson hat einen anonymen Kurzauftritt als rothaariges Kid, dass sich in einer Spelunke am Tresen festhält. Und Mr. George Washington gibt sich auf seiner Plantage exzessiven Dope-Exzessen hin. Auch sonst taucht keine Figur auf, die als Machtzentrum beschrieben wird, jede Zuschreibung von Macht entpuppt sich eher als Projektion der Machtlosigkeit, als Paranoia. "Sie" entfalten ihre Macht im Kopf der Subjekte selbst, sie wirken durch die auf sie gerichteten Ängste und Sehnsüchte.

Die Royal Society und die Ostindien-Kompanie lassen sich durchaus als Global Player im heutigen spätkapitalistischen Sinne verstehen. Sie funktionieren als über nationale Grenzen hinaus agierende Konzerne, deren Macht dezentralisiert ist und deren Strukturen sich selbst den Mitarbeitern niemals vollständig erschließen. Solche Organisationen nehmen für sich "transnationale" Werte in Anspruch, um ihr oftmals zerstörerisches Vorgehen in anderen Regionen zu legitimieren. Als kleinster gemeinsamer Nenner solcher Legitimationsstrategien ließe sich wohl der Begriff des Fortschritts anführen, der in immer neuen Verwandlungen die immer gleichen Macht- und Kapitalinteressen kostümieren soll. Mason und Dixon werden im Namen des wissenschaftlichen Fortschritts in immer neue Regionen geschickt, die sich jedesmal als geopolitische Angelpunkte erweisen: die Wissenschaft als Vorhut der Kolonialpolitik. Heutzutage sind es eher wirtschaftliche statt wissenschaftliche Fortschritte, die die Ausbeutung von billigen Arbeitskräften und Ressourcen legitimieren sollen.

Der Roman hütet sich, die Machtinteressen offen darzulegen oder gar zu beweisen, der Leser ist gezwungen, gemeinsam mit den beiden im geopolitischen Dunkeln tappenden Helden seine eigenen Theorien zu formulieren. Dass das eine so vergnügliche Aufgabe ist, verdankt sich Pynchons Kunst, nicht nur eine gesamte Epoche sprachlich zu evozieren, sondern auch mit Mason und Dixon zwei Figuren geschaffen zu haben, die dem Leser lange in Erinnerung bleiben werden. Der Winter kann jetzt kommen.

Thomas Pynchon: "Mason & Dixon", Rowohlt, 1088 Seiten, DM 58,00

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