Die Zukunft des Wissens

Artur P. Schmidt 09.10.1999

Die Philosophie dümpelt in die Vergangenheit

Vom 04. bis zum 08. Oktober fand in Konstanz der XVIII. Deutsche Kongress für Philosophie statt, der unter dem Motto Die Zukunft des Wissens stand. Unter der Ägide des Mittelstraß'schen Denkerimperiums wurde jedoch, anders als es der Titel zum Ausdruck bringt, eher die Vergangenheit der Philosophie als deren Gegenwart und Zukunft beleuchtet.

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Old-Boys-Netzwerke dominieren

Im Rahmen eines Workshops Wissen und Information war beispielsweise in einem Vortrag über Enzyklopädien im Wandel der Zeit nichts über die Zukunft dieses Mediums zu hören, wie es das Motto des Kongresses erwarten ließ. Weder die Interaktivität im Cyberspace noch die aktuellen Diskussionen der Medientheorie wurden berücksichtigt. Dies wirft natürlich die Frage auf, warum Themen wie Medienkonvergenz, Künstliches Leben oder Interaktive Enzyklopädien auf dieser Veranstaltung kaum eine Rolle spielten.

Über die Ursachen dieser Ignoranz lässt sich natürlich mutmaßen. Die beste Antwort ist sicherlich die, dass sich hier ein Old-Boys-Netzwerk im speziell designten Elfenbeinturm sonnt. Wie eine in die Jahre gekommene Prostituierte, bleibt den Gralshütern nur ein spärlicher Rest an Stammkundschaft erhalten, wenn ich mir diesen Vergleich im Sinne Fichtes "Sonnenklarer Botschaft" erlauben darf. So ist es nicht verwunderlich, dass lediglich alteingesessene Firmen wie BASF, DaimlerChrysler, Siemens oder Thyssen zu den Sponsoren der Veranstaltung gehören.

Theorie des kritischen Optimismus

Von einer möglichen "Theorie des kritischen Optimismus", einer notwendigen Aufbruchstimmung in das nächste Millennium, war auf diesem Kongress wenig zu spüren. Es lässt sich die These wagen: Wer im Medienzeitalter ein wirklicher Philosoph ist, muss gemäß der Logik von Frege erst noch bewiesen werden. Die zahlreichen Fragen verunsicherter Zuhörer verpufften jedenfalls nahezu wirkungslos im Wissenschaos der Konstanzer Veranstaltung.

Dass eine Vielzahl von durchaus intelligenten Professoren vorwiegend in die Vergangenheit schaut, ist bedenklich. Die Analyse von alten Meistern der Philosophie reicht allein eben nicht aus, vielmehr geht es darum, das kreative Potential für neue praxisorientierte Theorien zu nutzen. Kant hätte dies sicherlich wohlwollend begrüßt, da Auswendiglernen allein noch nie genügte, sondern heute mehr denn je eine eigenständige Kreativität erforderlich ist, um aus alten Denkgewohnheiten auszubrechen und das verschüttete Denken freizuschaufeln. Die Repititionsautomaten von altem Wissen funktionieren zum Leidwesen der Studenten reibungsfrei. Wie lange eigentlich noch? Brauchen wir im Sinne Rudi Dutschkes erst eine neue gewaltfreie Studentenrevolte, um hier Abhilfe zu schaffen?

Wie wirksam ist die Philosophie?

Dass ein eingeladener Hans Lenk und ein Klaus Mainzer noch keinen Sommer in der Philosophie ausmachen, wird spätestens dann deutlich, wenn das Thema Wissensmanagement mit Begriffen der 80er Jahre erläutert wird. In den neunziger Jahren sprachen nur die Non-Netizens noch von dem Begriff der Informationsgesellschaft. Auch ist zutiefst bedenklich, wenn nicht einmal die Philosophen präzise zwischen Daten, Information und Wissen unterscheiden können. Und wo bleibt bei den Vorträgen zu Wissensmanagement eigentlich der Praxisbezug?

Der Begriff Management verkümmerte bei den Workshops zum unwichtigen Begriff, während der Wissensbegriff solange durchgeknetet wurde, bis er zur Unkenntlichkeit verstümmelte. Hierbei wird jedoch vergessen, dass wirksames Management immer nur dann vorliegt, wenn es dem Kunden einen hohen Nutzen bringt. Hier lässt sich übrigens trefflich Leibniz zitieren, der in seinen Neuen Abhandlungen über den menschlichen Verstand einen bedeutenden Leitsatz formulierte, der insbesondere in der Philosophie beachtet werden sollte: "Ich behaupte auch, daß die Substanzen (materielle oder immaterielle) in ihrem reinen Wesen nach nicht ohne Wirksamkeit begriffen werden können, daß die Wirksamkeit zum Wesen der Substanz im allgemeinen gehört."

Wo bleibt heute die Wirksamkeit der Philosophie? Wer über Wissensmanagement spricht, ohne die Demokratisierung des Wissens für alle auch nur in den Mund zu nehmen, ist nicht glaubwürdig, weil er den wirksamen Nutzen für die Kunden, den freien Wissenszugang, ignoriert. Doch nur dieser freie Zugang zum würde dazu Hoffnung geben, dass sich eine Nachhaltigkeit des Denkens bei den Akteuren etablieren könnte. Das Schlimme jedoch ist, dass viele der Vortragenden gar nicht merken, wie irrelevant ihre Vorträge für wirksames Management im Medienzeitalter sind. Mit der Praxisrelevanz sind die Vortragenden einfach überfordert, weil sie sich damit noch nie beschäftigt haben.

Die Kombinationsfähigkeit, aus bestehendem Wissen neues Wissen zu generieren, d.h. in der Konsequenz auch eine neue Philosophie zu designen, scheint bei den meisten Philosophen verlorengegangen zu sein. Wo bleibt die Interdisziplinarität der Philosophie? Wo bleibt eine "reversible Ethik", die dem Simulationszeitalter gerecht wird? Es scheint so, als schreite die Mumifizierung der deutschen Philosophie unaufhaltsam voran. Die entscheidende Frage der Philosophie müsste heute doch eigentlich lauten, wie man wieder eine neue kulturelle Blüte in unserem Land aufbaut. Es ist nicht weniger zu fordern, als ein kulturelles Entrepreneurship. Hat die deutsche Philosophie womöglich Angst vor der Zukunft?

Wider die Wissenschaftsmanie

Wenn Wissen ein sozialer Faktor ersten Ranges ist, dann muss Wissen dazu genutzt werden, soziale Innovationen hervorzubringen. Dass hiervon während des Kongresses so gut wie nichts zu hören war, zeigt nur, wie praxisfremd und isoliert vom Rest der Gesellschaft die deutsche Philosophie heute ist.

Wer über seinen Schatten springen will, muss sich als Teilnehmer in die Medien-Diskurse der Gesellschaft begeben. Dies erfordert den Mut, das bisherige Systemdenken, soweit überhaupt vorhanden, in der Philosophie zu überwinden und zu einem Interfaceansatz des Denkens vorzustoßen. Wissen und Cyberspace sind heute durch das World Wide Web miteinander verwoben. Medienphilosophische Webstühle musste man in Konstanz leider mit der Lupe suchen. Der Medientheoretiker Harrold A. Innis hätte der Trauergemeinde folgendes mit auf den Weg gegeben: "Die Wissenschaftsmanie hat schädliche Folgen für die Stellung der Wissenschaft selbst... Schließlich dürfen wir nicht vergessen, dass die ganze äußere Geschichte der Wissenschaft eine Geschichte des Widerstands der Akademien und Universitäten gegen den Fortschritt des Wissens ist." Wie recht Innis hatte, konnte man leider hautnah auf dem Kongress in Konstanz erleben.

http://www.heise.de/tp/artikel/5/5361/1.html
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