Gated Communities im Cyberspace

Florian Rötzer 20.10.1999

Internetprovider bieten Filter für bestimmte Wertegemeinschaften an: Zerfällt das Web in geschlossene Gemeinschaften?

Es ist schon seltsam zu beobachten, wie sich das Internet allmählich wieder dem wirklichen Leben anpasst oder zumindest anpassen könnte. Die grundlegende Eigenschaft des Web ist die Möglichkeit, Hyperlinks zu setzen oder durch die Eingabe von URLs direkt von einem "Ort" zu einem anderen zu springen. Anders als in der wirklichen Welt, in der Orte durch unterschiedliche Entfernungen charakterisiert sind, die durch den Raum und den Zeitaufwand definiert werden, liegen die virtuellen Orte im Cyberspace zumindest theoretisch alle gleich weit voneinander entfernt und sind alle von jedem Ort aus gleichermaßen zu erreichen. Dabei stehen Hütten neben Palästen, glitzernde und viel besuchte Einkaufszentren neben schmuddeligen Gassen, Regierungsgebäude neben Orten, an denen sich Kriminelle aufhalten, Websites für Kinder neben Rotlichtbezirken, Büros neben Spielcasinos. Der Raum wird hier durch die Infrastruktur ersetzt, die etwa bestimmt, auf welchen Wegen und mit welcher Kapazität Daten übermittelt werden.

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Diese Offenheit des Web wird jedoch jetzt von vielen Seiten als störend und gefährlich empfunden. Natürlich ist es auch keineswegs so, dass sich die Wanderströme der Surfer auf dem Web gleichmäßig verteilen, weswegen von selbst Verdichtungen und Konzentrationen entstehen, aus denen sich wie bei den sogenannten "Portalen", meist um eine Suchmaschine herum gebaut, Profit schlagen lässt. Solche "Lagen" in der virtuellen Weltstadt sind viele Milliarden von Dollar wert, wobei aus kommerziellen Interessen heraus die Besucher möglichst registriert und identifiziert werden, beispielsweise durch das Setzen von Cookies beim Betreten. Während Portale oder andere virtuellen Orte, an denen sich Passanten oder Interessierte konzentrieren, versuchen, die Menschen innerhalb ihrer "Viertel" zu halten, wozu maßgeblich die Politik der Verlinkung gehört, versuchen auch Staaten, Unternehmen, Gruppen und Individuen die Offenheit des Web einzuschränken, um Regionen auszuschließen und so gesicherte "saubere" Viertel auszuklammern. Die Folge könnte eine Fragmentarisierung des Web durch die Bildung von ethnischen, kulturellen, politischen und kommerziellen Enklaven sein.

Die Mittel für die Fragmentarisierung des Web sind vornehmlich die Filter, mit denen die Bewegungsfähigkeit der Browser, um die metaphorische Sprache beizubehalten, eingeschränkt werden kann, weil manche Zugänge so verschlossen bleiben. Aus welchen Motiven heraus Filter auch immer installiert werden, so wird dies in aller Regel mit einen Schutz für die jeweils anderen - Bürger eines Staates, Angehörige eines Unternehmen, Mitglieder einer Religionsgemeinschaft und natürlich die unschuldigen Kinder - begründet. Nur in den seltensten Fällen wird ein Benutzer sich zu seinem eigenen Schutz einen Filter installieren, allerdings beginnen solche Gemeinschaften jetzt doch auch mehr und mehr zu entstehen.

Im Vordergrund stehen dabei natürlich Unternehmen, aber auch Internetprovider, die familienorientierte oder religiös motivierte Blockaden für ihre Kunden durch Filter ermöglichen. Ein Beispiel ist etwa The Kosher Net, das orthodoxen Juden eine "sichere und koschere" Auffahrt zum Web anbietet:

"The seeming magic advancements has its pitfalls... adult entertainment, missionaries, cults, offensive, illegal or violent subject matter (and depraved individuals lurking behind sites and chat lines for the unsuspecting innocents). How do we protect ourselves from the stuff that's totally unsuitable for children and adults as well... while still reaping the benefits? Is it possible? These concerns are universal; the media is ripe with articles and stories on the dangers of the Internet. Therefore, until recently, it looked like we either stayed off the web entirely or surfed at our own risk... That is... until now."

In den USA gibt es, so die New York Times bereits an die 30 Internetprovider, die einen gefilterten Zugang zum Web anbieten, bislang vorwiegend von evangelischen Religionsgruppen ausgehend, wie beispielsweise American Family Online, wo neben Filtern für saubere Inhalte beispielsweise generell der Zugang zu Chaträumen gesperrt wird. Daneben gibt es eine Reihe von Internetprovidern, die für alle Gruppen mit bestimmten Interessen Portale und "gesicherte" Zugänge zum Internet anbieten. Die amerikanische Gewerkschaft AFL-CIO eröffnet so demnächst mit dem Internetprovider iBelong ein solches Portal (Arbeiter, vernetzt euch!), während das Catholic Families Network mit dem neu gegründeten Internetprovider iConnect für ein katholisch zensierten Webzugang sorgen will. Allerdings soll hier angeblich nur der Zugang zu Pornographie und Hassseiten gesperrt werden. Auch Catholic Online plant, mit X-Stop einen gefilterten Internetzugang anzubieten.

Viele Amerikaner sind denn auch für Filter oder andere Zugangsbeschränkungen, wie eine Umfrage von Freedom Forum ergeben hat. Drei Viertel der Befragten sind der Meinung, dass "es den Menschen nicht erlaubt sein sollte, sexuell explizite Inhalte in das Internet zu stellen", und 58 Prozent sind dafür, dass Bibliotheken den Zugang zum Internet durch Filter beschränken sollten und dass die amerikanische Regierung ein Bewertungsschema für Inhalte im Internet entwickeln sollte. Das Geschäft mit dem blockierten Internetzugang, der je nach den Wertvorstellungen und Wünschen bestimmter Gemeinschaften ausgerichtet werden kann, wird jedenfalls attraktiv. So bietet auch FreedomISP einen "wirklichen Schutz" vor pornographischen und anderen abstoßenden Inhalten mit einem angeblich auf Künstlicher Intelligenz basiertem Filter an: "Finally Peace of Mind on the Internet." Auf Familien und den Schutz von Kindern ausgerichtet ist der mit Catholic Online kooperierende Internetprovider FamilyClick, der ebenfalls über die Filterung von Inhalten ein allgemeines Familienportal errichten will:

"You want a haven on the Internet where you can find fun, inspiration, how-to advice, and shopping links -- all in a family-friendly, easy-to-navigate place. Whether you're looking for safe and reliable Internet access, filtered email, home and family how-to advice, or entertainment options, FamilyClick is an electronic link to your family's future."

Durch solche Abschließungen, die nun von Internetprovidern für bestimmte Gruppen angeboten werden, könnte sich das Internet für die Benutzer, wenn auch nicht faktisch, durch die Homogenisierung von Gemeinschaften immer weiter fragmentieren und jenen Trend im Cyberspace wiederholen, der etwa zu bewachten und abgeschlossenen Siedlungen, "gesäuberten" Geschäftsvierteln und familienfreundlichen Freizeitparks oder Malls geführt hat. Stehen jetzt für weniger demokratisch gesinnte Staaten unliebsame politische Informationen oder für Wertegemeinschaften Pornografie im Vordergrund, so wird der offenbar wachsende Markt von Internetprovidern, die Filter für bestimmte Gruppen oder Organisationen anbieten, wahrscheinlich immer ausdifferenziertere und auf alle Bedürfnisse zugeschnittene Produkte anbieten, um die Menschen, für die man angeblich Sorge trägt und in deren Namen man handelt, im Cyberspace vor unerwünschten Einflüssen und Ausflügen abzuhalten. Die ethnischen Reinigungen von Gebieten, also das Abstecken von Territorien, greift vom wirklichen Leben in den Cyberspace über.

http://www.heise.de/tp/artikel/5/5400/1.html
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Peter Mühlbauer 09.03.2004

Da wird jemand unter anderem deshalb angeklagt, weil er ungenehmigt Fische und Brot vermehrt, also kopiert hat und weil er angeblich Händler aus dem "Tempel" vergrault - einem Ort der sich nicht nur (wie in der traditionellen Exegese) gut mit dem Körper, sondern noch besser mit dem Internet vergleichen lässt.

Weil diese Anklagepunkte etwas dünn sind, schiebt eine Gruppe von Lobbyisten mit finanziellen Interessen im Tempel schnell ein paar Staatssicherheitsargumente vor und präsentiert sie der Judikative (Pilatus) die den Lobbyisten entgegen besseren Wissens und Gewissens nachgibt und Jesus einer sadistischen Exekutive übergibt.

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