Encyclopaedia Britannica öffnet kostenlos die Internetpforten
Überwältigender Andrang der Neugierigen legt die Rechner lahm - das geplante deutsche Brockhaus-Wissensportal glaubt noch an den gebührenpflichtigen I-Commerce
Nachdem ab Montag die Meldung um die Welt ging, dass die bislang gebührenpflichtige altehrwürdige Encyclopaedia Britannica den Inhalt der 32 Bände mit 44 Millionen Begriffen kostenlos in das Netz stellt, wurde die Website offenbar seit Dienstag von Millionen Neugierigen aufgerufen, die sich gegenseitig behinderten und den Auftritt für den in Boston befindlichen Verlag vermasselten.
Natürlich kann man immer noch die Bücher erwerben. Insgesamt kosten sie stattliche 1250 Dollar und zieren beeindruckend die Regale. Doch wer sie besitzt, muss sich nicht lange plagen, während die Neugierigen zumindest jetzt lange warten mussten, wenn sie einen Begriff suchten, oder gleich gescheitert sind. So ging es mir auch noch am Mittwoch in der Nacht, wollte ich doch einmal nachsehen, wann die Encyclopaedia Britannica den umstrittenen Entstehungstag des Internet ansetzt. Bei mehreren Anfragen wurde lapidar mitgeteilt, dass es entweder diesen Begriff "Internet" nicht gibt oder ich keine Berechtigung hätte, bei einem erneuten Versuch "schlug die Verbindung fehl", wie die Fehlermeldung so schön heißt.
Wie die Firma sich entschuldigend am Mittwoch mitteilte, hätten am Dienstag 12-15 Millionen Aufrufe die Website lahmgelegt. Man rät dazu, es doch später einmal zu probieren, aber lobt sich dennoch: "Wir sind die Opfer unseres eigenen Erfolges", meinte Jorge Cauz von Britannica.com. Angeblich werden das Problem innerhalb von zwei Tagen durch mehr Personal und Hardware gelöst sein. Heute jedenfalls war das noch nicht der Fall. Gleichwohl äußerte sich auch CEO Don Yannias zufrieden über den Misserfolg dank gewaltiger Nachfrage und "glaubt, dass Sie bald sehen werden, dass die Site die beste Informationsquelle im Internet sein wird."
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Große Töne sind denn auch notwendig, schließlich soll das Angebot neben der Attraktion der Enzyklopädie eine Art Portal mit Suchmaschinenfunktionen, Yahoo-ähnlichen Kategorien höherer geistiger Ebene, Nachrichten, Artikeln, Werbung und Ecommerce werden. Seit 1990 sind die Verkäufe der gedruckten, ledergebundenen Ausgabe um 80 Prozent gesunken, vermutlich weil die Wissensbegierigen sich mehr und mehr den kostenlosen Angeboten im Internet zuwenden oder zu weitaus billigeren digitalen Versionen wie der Encarta von Microsoft greifen. In Zeiten digitaler Publikationen im Netz, die permanent aktualisiert werden können, ist eine gebundene Ausgabe schnell ein nur noch sperriges Fossil, das höchstens für Liebhaber noch interessant sein könnte. Zwar gab es die Enzyklopädie auch schon länger als CD-ROM oder gebührenpflichtig zu einem Monatsbeitrag von fünf Dollar im Netz, aber noch neigen die Netizen, verwöhnt durch die vielen um Aufmerksamkeit konkurrierenden Angebote, eher zu einer Ökonomie des Schenkens, auch wenn sie sich dafür Cookies, die Abgabe persönlicher Daten oder Werbung einhandeln.
In Deutschland will man an diesen Zwang nicht ganz glauben. So soll die Brockhaus-Enzyklopädie mit ihren vergleichbar wenigen 24 Bänden im nächsten Frühjahr kostenpflichtig ins Netz gestellt werden. Vielleicht müssen die Erfahrungen der amerikanischen Kollegen erst noch am eigenen Leib gemacht werden. Auf der gemeinsam mit der Verlagsgruppe Holtzbrinck betriebenen Website Xipolis - das Polis scheint, Trost für Telepolis, noch immer anziehend zu sein, klingt es doch auch gut humanistisch-gebildet -sollen ab Februar nächsten Jahres kostenpflichtiger I-Commerce mit "mit innovativen, bequemen Abrechnungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, der einen konkurrenzlosen Mehrwert an Informationstiefe und -breite bieten werde", hofft zumindest Verleger Florian Langenscheidt. Für nur kleine Beiträge will man auf der Website neben dem Brockhaus auch andere Lexika und Wörterbücher sowie Zeitungen und Zeitschriften anbieten, letztere gibt es aber wohl in aller Regel bereits kostenlos im Netz.
Aber weil man so einzigartig zu werden anstrebt und mit Masse - "größte Aggregation hochwertiger Inhalte von namhaften Anbietern" - jede Konkurrenz und zahlungsunwillige Internetbenutzer beeindrucken will, hofft man auf gewinnträchtige Nachfrage: ""Wir glauben, dass die Nachfrage nach einem solchen Informationsdienst inzwischen sehr groß ist, denn bislang ist fundiertes, seriöses Wissen im Internet Mangelware. xipolis.net-Kunden können sicher sein, auf Wissen mit Herkunft' zuzugreifen, statt stundenlang ergebnislos im Internet herumzusurfen." Das alles geht mit großen Worten von einem neuartigen "Wissensportal" einher. "Zentraler Informationsdienstleister und Suchmaschine der Zukunft" würde man gerne werden, aber das würden viele andere auch gerne. Wie Spiegel online schreibt, fürchte die Verlagsgruppe deswegen nicht um die künftigen Absatzchancen der gedruckten Enzyklopädie. Schließlich habe man herausgefunden, wie Langenscheidt beteuerte, dass die vereinzelte Informationsrecherche in der typischen Alltagssituation eines Haushalts bei der Nutzung eines Buchs 23 Sekunden dauere, bei einer Anfrage im Internet aber vier Minuten und zwölf Sekunden. "Das Buch ist für die schnelle Information absolut unschlagbar." Wenn es vorhanden ist, müsste man vielleicht hinzufügen, und man nicht gerade sowieso am Computer sitzt und nebenbei im Netz sucht.
http://www.heise.de/tp/artikel/5/5402/1.html- Immer noch down (28.10.1999 0:54)
- verstehe die Aufregung nicht (25.10.1999 21:55)
- Site immer noch down (24.10.1999 22:03)
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