Die Gespenster des 18. Juni

Armin Medosch 22.10.1999

Britische Polizei sucht mit Fahndungsfotos im Internet nach Rädelsführern des "Karnevals gegen Kapitalismus".

  • mobil
  • drucken
  • versenden
Vor rund einer Woche begann eine Email durch das Netz zu geistern. In ihr wird auf eine Website der Corporation of London aufmerksam gemacht, auf der Teilnehmer einer Demonstration am 18.Juni 1999 abgebildet sind. Die Polizei der City of London ruft dazu auf, die abgebildeten Personen zu identifizieren oder der Polizei ihren Aufenthaltsort zu verraten.

Eine Anzahl von Organisationen hatte für den 18.Juni 1999 zu einem "Karneval gegen Kapitalismus" aufgerufen. Geplant war, durch eine grosse Strassenparty die Verkehrswege in der "City", dem Londoner Finanzzentrum, zu verstopfen und dadurch zumindest teilweise den Handel an der Börse zu stören sowie ein Zeichen gegen Neoliberalismus und Globalisierung zu setzen. Parallel dazu wurden Aktionen in 43 Ländern organisiert. Den Anlass dazu bot das gleichzeitig in Köln stattfindende Gipfeltreffen der G8-Nationen.

Der karnevaleske Auftakt in der Liverpool Street Station

Was zunächst tatsächlich wie ein Fest begann, mit einer akustischen Trommelsession brasilianischen Stils in der gigantischen Liverpool Street Station, entwickelte sich im Laufe des Nachmittags zu einer verworrenen Strassenschlacht mit zahlreichen Verletzten und einem, nach Angaben der Polizei, Sachschaden von 2 Millionen Pfund. Die Anzahl der Demonstranten wurde in der Presse mit 6000 angegeben, Teilnehmer vor Ort sprechen allerdings von 20.000 oder mehr.

Teile der Presse, insbesondere die rechtslastigen Tageszeitungen "Evening Standard" und "Telegraph" hatten bereits Wochen zuvor Angst verbreitet. In Schlagzeilen wurde vor "anarchistischen Extremisten" gewarnt, welche drohen würden, "die City in Aufruhr" zu versetzen. Diese Form von Berichterstattung vorausahnend, hatten die Organisatoren für den 18.Juni eine eigene Zeitung herausgegeben. Diese nannte sich "Evading Standards" und sah dem Evening Standard zum verwechseln ähnlich. Alles andere als ein autonomes Kampfblatt, handelte es sich um eine gutgemachte, gutdesignte Zeitung voller gutrecherchierter Artikel mit zahlreichen Fakten über die Macht der Finanzmärkte. Die verschiedenen Gruppen, die den Karneval organisierten, präsentierten sich in ihrer Zeitschrift als eine Protestbewegung neuen Stils, als eine "Bewegung ohne Führer, ohne Ideologie, ohne politische Kader". Sie distanzierten sich explizit von traditionellen politischen Ismen wie Anarchismus oder Kommunismus und stellen sich als Sammelbecken einer Vielzahl von dezentralen Protestbewegungen dar, die sich im herrschenden politischen System nicht repräsentiert fühlen.

Auch die Organisation des Karnevals gegen Kapitalismus erfolgte dezentral, mittels intensiver Nutzung des Internet, via Mailinglisten und Websites. Am Tag des Protests selbst wurden von mehreren Teams gemachte Video- und Audioaufnahmen von einem nahegelegenen Internetcafe aus live gestreamt. Auch sollen Mobiltelefone eine wichtige Rolle bei der Organisation des Umzugs gespielt haben. Nach der einleitenden Trommelsession an der Liverpool Street marschierten die Karnevalisten sternförmig auseinander. Die Polizei war von dieser organisierten Dezentralität überrumpelt, so dass es passieren konnte, dass die Eingangshalle des LIFFE (London International Financial Futures Exchange) gestürmt wurde und es zwei Stunden dauerte, bis sich die Polizei zu dieser Kernzone des Konflikts vorarbeitete.

Die noch friedliche Demonstration bewegt sich auf die Bankentürme der City of London zu

Das Fehlen identifizierbarer Führungspersonen und der dezentrale Organisationsstil über das Internet wurde nicht nur für die Polizei sondern auch die etablierten Medien und Politiker zu einem Problem und gab einmal mehr Anlass zu Verschwörungstheorien - das Internet, bekanntermaßen Hort des Extremismus und alles Radikalen. Monate nach dem 18.Juni werden die Ereignisse in den Medien immer noch diskutiert. In einem der wenigen Artikel zum 18. Juni, der auch auf die inhaltliche Programmatik des Protests einging, verwies die Financial Times auf eine Demonstration, die in der City of London im Jahr 1830 stattgefunden hatte. Damals wurde für die Abschaffung der Sklaverei protestiert. Damals wie heute stellte sich die Obrigkeit für die inhaltlichen Ziele der Demonstration taub und reagierte allein disziplinarisch. Doch innerhalb weniger Jahre nach der Demonstration von 1830 veränderte sich das soziale Klima derart, dass die Sklaverei abgeschafft wurde. Vielleicht, so die implizite Schlussfolgerung, haben auch die Protestgruppen von heute ein Anliegen, an dem tatsächlich etwas dran ist. Die politischen Protagonisten des "Third Way" haben das aber wohl noch nicht erkannt.

Die "City of London", womit nicht etwa das Stadtzentrum gemeint ist, sondern das auch als "Squaremile" bezeichnete Zentrum von Finanzunternehmen und ihrer Zubringer-Dienstleister, ist vom Umsatz her der größte Finanzplatz der Welt, größer als Wall Street. (Letztere wird nur deshalb als wichtiger gesehen, weil dort die amerikanischen Grossunternehmen gelistet sind, und diese sind eben die mächtigsten Konzerne der Welt.) London ist vor allem auch das Zentrum der Währungsspekulation, welche vor zwei Jahren verheerende Auswirkungen auf die asiatischen Märkte, ein Jahr später auch auf Russland und Brasilien hatte. Die City hat, zum Unterschied von London als Ganzem, einen eigenen Bürgermeister und wird von einer eigenen Regierung geleitet, der bereits erwähnten "Corporation of London", die wiederum ihre eigene Polizei hat. Nicht zuletzt ist es dieser Corporation of London zu verdanken, wenn man das so sagen kann, dass die City der am dichtesten mit Überwachungskameras bestückte Ort der Welt ist.

Die schwer einzuordnende Protestbewegung verbindet Party mit Politik

Deshalb können die 6000 (oder wie viele es auch immer waren) Demonstranten davon ausgehen, dass jedes einzelne der Gesichter auf irgendeinem der Tausenden Stunden an Tapes aufgezeichnet ist, mit denen die Aufnahmen der Überwachungskameras gespeichert werden. Man kann des weiteren davon ausgehen, dass alle diese Aufzeichnungen vom 18. Juni von Kriminalbeamten gesichtet wurden, um Gewalttäter auf frischer Tat, Rädelsführer und polizeibekannte (von anderen Demos) Protestierer ausfindig zu machen. Die nun im Web gelaunchte Auswahl (Best of CCTV) zeigt die Determiniertheit der Behörden, alle Mittel der Strafverfolgung auszuschöpfen. Im Kontext der weiteren Elemente der Politik der inneren Sicherheit in Großbritannien, welche dem Innenminister Jack Straw gerade einen Big Brother Award eingebracht hat, scheint sich das Land zügig auf Polizeistaatverhältnisse zuzubewegen. Doch das Gespenst des 18.Juni - die so schwer in einer Schublade unterzubringende Protestbewegung der "Karnevalisten" - wird damit nicht so leicht auszutreiben sein. Gerüchten zufolge ist eine Neuauflage bereits geplant, die heißesten Tipps lauten auf die Silvesternacht zum Jahr 2000, der Ort könnte Tony Blairs Symbolprojekt Millennium Dome sein.

http://www.heise.de/tp/artikel/5/5407/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cyberwar - eine Luftblase?!

Florian Rötzer 17.08.1999

Angeblich planen die Organisatoren der Demonstration am 18. Juni in London einen Cyberwar gegen die City und haben proserbische Hacker westliche Firmen mit Computerviren infiziert

In der letzten Ausgabe vom 15. August konnte man in der Sunday Times::www.sunday-times.co.uk/news/pages/sti/99/08/15/stinwenws01012.html?2032338 die Überschrift lesen: "Die Organisatoren von Krawallen bereiten sich darauf vor, einen Cyberwar gegen die City zu beginnen." Mit City ist natürlich London gemeint. Aber was könnte man sich unter einem Cyberkrieg gegen eine Stadt vorstellen? Die Lahmlegung der Infrastruktur, so dass das Leben in der Stadt zusammenbricht? Liest man weiter, so fallen die Begriffe "Angriff", "politisches Hacken", "Techniken von Cyberterroristen" oder "Sabotage". Im Zeitalter des Internet scheint, so suggerieren Wortwahl und Titel, die Bedrohung zu wachsen und der Krieg vor der Tür zu stehen.

weiterlesen

Des Führers Arzt trifft des Satans nackte Sklavin

Subversive Arztfilme der 1950er - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen
Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Abgefahren

Auch der endgültige Stillstand gehört zur Dromologie

bilder

seen.by


TELEPOLIS