Zuwenig Schlaf macht alt und krank

Florian Rötzer 22.10.1999

Eine Studie legt nahe, dass Schlafmangel erheblichen Einfluss auf den Körper haben kann

Während man in den 60er Jahren im Zeichen der Konsumgesellschaft noch geglaubt hatte, dass die Automatisierung und Computerisierung immer mehr menschliche Arbeit ersetzen werde und eine Freizeitgesellschaft von Konsumenten entstehen werde, stieg faktisch jedoch die Arbeitszeit der meisten Menschen an. Zunehmende "Flexibilisierung", Verschwimmen von Arbeit und Freizeit und Rund-um-die-Uhr-Präsenz, die vor allem im Bereich der IT-Branchen oder im Ecommerce - überall und jeder Zeit - maßgeblich werden, tragen zum weiteren Anstieg der Arbeitszeit bei, natürlich vor allem in jenen Ländern, in denen die Gewerkschaften schwach sind. Eine Folge der steigenden Arbeitsbelastung und der gleichzeitig steigenden Wünsche nach ausgleichender Freizeitbeschäftigung ist eine verkürzte Schlafdauer.

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In diesem Jahrhundert ist in den Industrieländern die durchschnittliche Zahl der Stunden, die Menschen schlafen, von neun Stunden auf siebeneinhalb Stunden gesunken. Nach einer Studie von Wissenschaftlern des US Department of Medicine, die in der Zeitschrift Lancet veröffentlicht wurde, könnte Schlafmangel zu frühzeitigen Alterungsprozessen führen und Diabetes, Übergewicht, Bluthochdruck und Gedächtnisverlust auslösen: "Wir haben festgestellt", so Eve Van Cauter, "dass die metabolischen und endokrinen Hormonveränderungen, die durch ein signifikantes Schlafdefizit entstehen, vielen Phänomenen gleichen, die durch den Alterungsprozess bewirkt werden." Dieses Ergebnis stünde im Widerspruch zu der allgemeinen Überzeugung, dass Schlaf zwar wichtig für das Gehirn, nicht aber für den restlichen Körper sei und dass man die Zahl der Stunden, die geschlafen werden, willentlich reduzieren könne, ohne dass dies zu Auswirkungen auf die Müdigkeit während des Tages, die Stimmung oder die kognitiven Leistungen führe.

Die Studie basiert auf einem Experiment, bei dem 11 junge Männer zunächst drei Nächte lang 8 Stunden schlafen konnten. Gemessen wurde jeweils am darauffolgenden Tag die Glukosetoleranz, die Kortisolkonzentration, der Blutdruck und die Auswirkungen der Schlafdauer auf die Produktion von verschiedenen Hormonen. Nach allgemeiner Einschätzung reichen 8 Stunden Schlaf pro Nacht aus, um alle körperlichen und geistigen Funktionen wiederherzustellen. In den nächsten 6 Nächten durften die Versuchspersonen nur noch vier Stunden schlafen.

Die Folgen des Schlafentzugs waren beträchtlich: die Versuchspersonen hatten in ihrem Blut einen höheren Glukose- und Cortisolspiegel und benötigen 40 Prozent mehr Zeit, um den Zuckerspiegel in ihrem Blut nach einer Mahlzeit abzubauen. Dauerhafte hohe Glukosewerte erhöhen das Risiko für Diabetes und Herzinfarkt. Die Aktivität des sympathischen Nervensystems, das viele der Körperfunktionen steuert, nahm zu. Insgesamt zeigte sich, dass Schlafmangel im Körper eine typische Stressreaktion bewirkt.

Schlafmangel, so die Wissenschaftler, wirkse sich schädlich auf die Verarbe8itung von Kohlehydraten und die endokrinen Funktionen aus. Schläft man dauernd zu wenig, so könnten sich die ansonsten mit dem Alter einhergehenden Erkrankungen erhöhen oder im Alter weiter verstärken. Am Ende des Experiments durften die Versuchspersonen noch sieben Tage lang 12 Stunden schlafen. Dabei verschwanden die erhöhten Werte wieder.

http://www.heise.de/tp/artikel/5/5408/1.html
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