Über die Entstehung des Internet und die Rolle der Regierung
Computerwissenschaft und Regierung: ARPA/IPTO (1962 - 1986)
Dieses Papier steht am Anfang des Versuchs, die Rolle der US-amerikanischen Regierung für den Aufbau des Internets zu untersuchen. Das Information Processing Techniques Office (IPTO), das innerhalb der Advanced Research Projects Agency (ARPA) des Department of Defense (DoD) geschaffen wurde, ist die frühe und bedeutendste Form, in der diese Rolle wahrgenommen wurde. Die Wissenschaftler, die innerhalb dieser Organisation arbeiteten, führten das neue Feld der Computerwissenschaften an und schufen das Internet. Um die Rolle der Regierung im Prozess der Einrichtung des Internet zu verstehen, muss unter anderem die Schnittstelle zwischen den Computerwissenschaftlern der IPTO und den Militärs im Department of Defense untersucht werden. Diese Schnittstelle - und dieser Umstand ist von noch größerer Bedeutung - muss gleichzeitig als die Schnittstelle zwischen der Community der Computerwissenschaftler und der amerikanischen Regierung verstanden werden.
Während seines 25 Jahre langen Wirkens von 1962 - 1982 finanzierte das Information Processing Techniques Office wesentliche Grundlagenforschung, die nicht nur das neue Gebiet der Computerwissenschaft eröffnete, sondern auch eine große Zahl signifikanter Ergebnisse erzielte. Dazu gehören etwa die Erfindung des Time-Sharing und interaktiver Anwendungen, des Transports von Datenpaketen über Netzwerke, VLSI (Very Large Scale Integration), der AI (Künstliche Intelligenz), des ARPANET, und - vermutlich am sensationellsten - des Internet. Unter seiner Führung konnten sich interaktive Anwendungen im Allgemeinen und das Internet im Besonderen in viele Aspekte unserer Gesellschaft und unseres Lebens hinein ausdehnen.
Trotzdem wurde das Office of Information Processing Techniques 1986 aufgelöst. Es stellt sich also erstens die Frage, wie das Büro diese Fortschritte in der Forschung organisiert hat, und zweitens, warum es trotz seiner erfolgreichen Arbeit für diese Forschung abgeschafft worden ist.
Während des Krieges entwickelte sich eine Partnerschaft zwischen Militärs und Wissenschaftlern, die allerdings nicht automatisch, sozusagen von selbst, entstand. Die involvierten Gruppen kamen aus unterschiedlichen Bereichen und hatten Probleme damit, miteinander zu kommunizieren... Ich kann Ihnen sagen, dass die Moral der Wissenschaftler heute so niedrig ist, dass sie sich zwar nicht weigern, zu dienen, ihren Dienst aber ohne Enthusiasmus und Inspiration leisten.
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Vor der Einrichtung von ARPA und IPTO hatte eine Debatte in der wissenschaftlichen Community und in der Regierung darüber stattgefunden, wie zu Friedenszeiten eine angemessene institutionelle Form innerhalb der Regierung aussehen sollte, um wissenschaftliche Grundlagenforschung zu unterstützen. ARPA/IPTO waren als institutionelle Form in dieser Aufgabe sehr erfolgreich, trafen aber auch auf Probleme, die schliesslich auch ihr Ende besiegelten. Dieses Papier schlägt vor, die Umstände der Geburt, der Entwicklung und der Auflösung von IPTO zu studieren, um dann die institutionelle Form zu bestimmen, die nötig ist, um eine adäquate Führungsrolle in der Computerwissenschaft und in der Weiterentwicklung des Internet zu übernehmen.
Auch die Geschichte der National Science Foundation (NSF) und ihre Probleme sind relevante Fragen, die untersucht werden müssen, um entscheiden zu können, welche institutionelle Form in Zukunft gebraucht wird. Da die wesentlichen Fortschritte in der Computerwissenschaft aber unter der Führung der ARPA/IPTO erfolgt sind, ist die Untersuchung der Bedingungen vorrangig, unterdenen dies geschah. Trotzdem wird zukünftig auch das Ausmass zu erforschen sein, in dem die NSF zu dieser Entwicklung beigetragen hat. Gleiches gilt für die Probleme, mit denen sich die NSF dabei konfrontiert sah, so dass sie keine wesentlichen Beiträge zu dieser Entwicklung leisten konnte.
"ARPA wird in der Wissenschaft als Hauptunterstützer und vielleicht als wichtigste Kraft sowohl in der Geschichte der amerikanischen, als auch der globalen Entwicklung des Computers betrachtet. Wenn es ARPA nicht gegeben hätte, hätte das Land auf dem Gebiet des Computers nicht seine heutige Stellung erreicht.
Um das Problem noch einmal einfacher zu formulieren: Ich schlage vor, dass ARPA/IPTO unter dem Gesichtspunkt ihrer Ergebnisse und ihrer Probleme untersucht werden müssen. Dies stellt eine wichtige Erfahrung dar, die nutzbar gemacht werden kann, vor allem wenn es um die Entscheidung geht, wie die institutionelle Form einer Regierungsinstitution ausgestaltet werden muss, um die kontinuierliche Entwicklung der Grundlagenforschung auf dem Gebiet der Computerwissenschaft zu gewährleisten. Diese Untersuchung ist auch nötig, um eine Antwort dafür zu finden, wie eine Institution aussehen muss, um die nötige kontinuierliche Beaufsichtigung und Unterstützung zu gewährleisten, die das Internet als Kind der Computerwissenschaft und der IPTO braucht, um weiter wachsen und seine kritischen Funktionen aufrechterhalten zu können. Dieses Papier ist als Beitrag dazu gedacht.
Die Schaffung einer institutionellen Form für die Wissenschaft innerhalb der Regierung
"Mr. McCormack: Die wichtigste Eigenschaft eines Mannes der Wissenschaft ist doch, dass er bewiesen haben muss, ein origineller Denker zu sein?
Mr. Marchetti: Richtig.
Mr. McCormack: Wissenschaftler entdecken Dinge, und sind ihrer Zeit dabei manchmal um 10 oder 20 Jahre voraus.
Mr. Marchetti: Auch das ist korrekt." (Riehlman Comm. Hearing, S. 249)
Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Office of Scientific Research and Development (OSRD) gegründet, das Wissenschaftler an der Regierungsarbeit beteiligte, um kriegswichtige Forschungen durchzuführen. Das OSRD war eine unabhängige Agentur innerhalb des Exekutivarms der US-Regierung. Sie war so angelegt worden, dass sich ihr Leiter, Vannevar Bush, bezüglich der wissenschaftlichen Arbeit, die den Krieg betraf, direkt an den Präsidenten wenden konnte. Don K. Price hat in seinem Buch "Government and Science" (New York, 1954, S. 45) darauf hingewiesen, dass dieser direkte Draht nicht dazu diente, um mit dem Präsidenten Unterredungen von Angesicht zu Angesicht zu führen: "Die direkte Unterstellung seiner Abteilung unter die Autorität des Präsidenten gab Bush den Einfluss, den er brauchte, um mit dem riesigen Netzwerk von administrativen Beziehungen produktiv umzugehen, von dem der Erfolg einer Regierungsstelle abhängt." Was genau ist nun dieser Einfluss, von dem Price spricht? Diese Frage berührt den kritischen Punkt einer Schnittstelle zwischen Regierung und Wissenschaft.
Wenn man das aktuelle Problem der Integration von Wissenschaftlern in die Strukturen der Regierung verstehen will, muss man vor allem verstehen, wie das OSRD politisch in diese Strukturen eingebettet war. Price hat die Rolle, die Wissenschaftler und ihre Studien in der Schaffung institutioneller Formen und Funktionen innerhalb der Regierung spielten, vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die frühesten Tage der Republik der Vereinigten Staaten zurückverfolgt. Zu diesen, unter wissenschaftlicher Beratung entstandenen Entitäten gehören u.a. das National Bureau of Standards oder das Census Bureau. Darüber hinaus haben Wissenschaftler nicht nur an den verschiedensten Gesetzen, u.a. im Bereich des Arbeits- und Sozialrechts, der Kontrolle von Kartellen und der Standardisierung von Sicherheitsbestimmungen mitgearbeitet, sondern auch die entsprechenden Apparate in der Regierung geschaffen, um diese Bestimmungen auch durchzusetzen. Price platziert die Frage nach der geeigneten Form einer solchen Organisation also in einen größeren Kontext: Wie haben sich die Institutionen entwickelt, die mit wissenschaftlichen Aufgaben innerhalb der Regierung betraut sind, und wie wurden wissenschaftliche Regulatorien installiert.
Price dokumentiert, wie sich die Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Regierung in der Geschichte der Vereinigten Staaten stetig weiterentwickelt haben. Daraus ergibt sich immer wieder die Herausforderung festzustellen, welche neuen institutionellen Formen gebraucht und wie sie am besten strukturiert werden. Price verweist auf die Einrichtung der Land Grant Colleges, um die Wissenschaft von der Landwirtschaft zu fördern und zu verbreiten. Sie sind Beispiele eines erfolgreichen Interfaces zwischen Wissenschaft und Regierung, um ein wichtiges Problem zu lösen.
Um den Zweiten Weltkrieg zu gewinnen, musste man die Scientific Community dafür gewinnen, aktiv ihr technisches Wissen einzubringen. Die OSRD diente in diesem Prozess als die nötige Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Regierung. Gegen Ende des Krieges erkannten verschiedene Protagonisten auf beiden Seiten, dass eine solche Schnittstelle auch in Friedenszeiten vonnöten war. Es wurde klar, dass nach der kriegsbedingten Mobilisierung die Einbindung von zivilen Wissenschaftlern in der Regierung und im Department of Defense schwieriger werden würde. Vor dem Hintergrund eines zerstörten Europa wurde zunehmend klar, dass im Rennen um die Vorherrschaft über die Nachkriegswelt auch der wissenschaftlichen Grundlagenforschung eine wesentliche Rolle zukommen würde. Dieses Wettrennen fand zwischen den USA und der UdSSR statt. Wissenschaft und Technologie würden also für das Nachkriegsamerika immer bedeutender werden. Einige aus der wissenschaftlichen Gemeinschaft wurden sich daher der Notwendigkeit bewusst, die Erfahrungen aus dem Krieg danach zu untersuchen, wie sie auch unter den Bedingungen des Friedens nutzbar gemacht werden könnten.
Price arbeitete während der frühen 50er Jahre an diesen Problemen. Er glaubte, dass das OSRD besonders sinnvoll ausgestaltet worden war. Seine Struktur hatte dafür gesorgt, dass die Wissenschaftler gegenüber dem Militär unabhängig blieben, aber trotzdem ihren Teil zu einer erfolgreichen Kriegsführung beitragen und mit dem Verteidigungsministerium zusammenarbeiten konnten. In einem Hearing des 'Subcommittee on Military Operations' des übergeordneten 'Committee on Government Operations', das vom Kongressabgeordneten R. Walter Riehlman aus New York einberufen worden war, beschrieb der Computerwissenschaftler John von Neumann 1954 die Probleme ziviler Wissenschaftler, die mit dem Militär zusammenarbeiteten:
"Es gibt verschiedenste Schwierigkeiten, wenn man die zivile Funktion des Forschens und Entwickelns mit dem Militär zusammenbringen will. Diese Probleme sollten in jedem einzelnen Fall sorgfältig studiert werden." ("Organization and Administration of the Military and Development Programs: Hearings before a Subcommittee of the Committee on Governement Operations", House of Representatives, 83rd Congress; S. 373-74)
Von Neumann verwies unter anderem auf die Unterschiede zwischen Wissenschaftlern und Offizieren, die sich aus ihren Funktionen zwangsläufig ergaben. Während der Wissenschaftler seine Unabhängigkeit braucht, um wirklich Neues erforschen zu können, wird der Offizier darauf trainiert, einen ungewöhnlich hohen Respekt vor Autorität und Tradition zu haben. (ebenda, S. 32/255).
Die Riehlman-Hearings waren einberufen worden, um diese Konfrontation unterschiedlicher Charaktere und Temperamente zu analysieren. Danach sollten Empfehlungen ausgesprochen werden, wie beide Seiten am fruchtbarsten in die neuen Institutionen integriert werden sollten, die vorgeschlagen worden waren, um Wissenschaftler in die Nachkriegsforschungen der Regierung einzubringen.
Das Problem, das immer wieder angetroffen wurde, wenn es um eine Partnerschaft zwischen Wissenschaft und Militär ging, erklärte Donald Quarles, Assistant Secretary of Defense, folgendermassen: "Viele Militärs besitzen ein durchaus adäquates Verständnis von Technologie, aber nicht unbedingt im Sinne eines Wissenschaftlers." (ebenda, S.25) Während die Wissenschaftler laut Quarles dagegen aufbegehrten, dass Offiziere sie auf einem Gebiet zu sehr reglementierten, auf dem sie nicht kompetent seien. (ebenda)
Quarles erklärte, dass für die wissenschaftliche Grundlagenforschung keine "Reglements", sondern vielmehr "Spielräume" nötig seien. Sobald aber bestimmte Anwendungen entwickelt worden seien, könnten die Militärs am weiteren Prozess teilnehmen, um ihre spezifischen Anforderungen einzubringen.
Der Kongressabgeordnete Frank Ikard legte seine eigene Interpretation des Problems vor:
"Es ergibt sich aus der Natur der beteiligten Temperamente. Auf der einen Seite steht eine nonkonformistische Haltung. Der Wissenschaftler muss gegen das Akzeptierte aufbegehren, sonst wäre er keiner. Er untersucht neue Gebiete und eröffnet neue Wege. Der Militär dagegen befindet sich auf der anderen Seite. Mir scheint, dass allein durch dieses menschliche Element beträchtliche Konflikte zwischen den beiden Fraktionen auftreten können." (ebenda, S. 129-130)
In seiner Antwort stimmte Quarles dieser Einschätzung zu:
"Wenn es auf beiden Seiten keine Einsicht über die Tragweite der Probleme und den gezielten Versuch geben würde, beiden Seiten diese Probleme klarzumachen, dann würden die Konflikte, von denen Sie sprechen, sicherlich eintreten." (ebenda, S. 30)
Die Hearings stellen die institutionelle Frage dann folgendermaßen:
"Sind die konkreten Bedingungen des Forschungsprogramms des Militärs dazu angetan, die Arbeit von Wissenschaftlern zu behindern, oder erschweren sie die Aufrechterhaltung der Beteiligung des nötigen hochqualifizierten technischen und wissenschaftlichen Personals?" (ebenda, S. 32)
Auch J.W. Marchetti, der als ziviler Wissenschaftler in einem Labor unter militärischer Kontrolle angestellt war, war zu diesem Hearing vorgeladen worden. Er beschreibt, wie die Bedingungen, unter denen er für die Regierung gearbeitet hatte, tatsächlich die wissenschaftliche Arbeit behinderten und qualifizierte Wissenschaftler von der Arbeit mit der Regierung abschreckte:
"Wenn das wissenschaftliche Labor gesund ist, dann versucht es ständig Neues zu erreichen. Das erscheint den Offizieren, die auf militärische Organisationen gedrillt sind, aber als chaotisch. Sie haben das Gefühl, es sei ihre Aufgabe, das Haus in Ordnung zu bringen. Wenn sie dies tatsächlich tun, ersticken sie das Unternehmen und töten in Wirklichkeit die Gans, die goldene Eier legt." (ebenda)
Price dachte auch darüber nach, wie die diversen Rollen und Mentalitäten der beiden Gruppen einander näher gebracht werden könnten. In diesem Zusammenhang beschreibt er, wie das OSRD auf dem Modell des National Research Council (NAS) basierte. Dieses Modell sorgte für die nötige Unabhängigkeit, damit die Wissenschaftler ungestört ihren Aktivitäten nachgehen konnten. Price forderte, dass der spezifische Druck anerkannt werden müsse, der auf den Wissenschaftlern lastet, die für Regierungsinstitutionen arbeiten. Neben den Unterschieden in den Rollen und Funktionen von Wissenschaftlern und Offizieren existiert auch eine Form institutionellen Drucks, die ebenfalls bedacht werden muss, wenn es eine institutionelle Form innerhalb der Regierung zu schaffen gilt. Im Besonderen gilt das für den Druck, dem das OSRD durch die verschiedenen Abteilungen der militärischen Dienste ausgesetzt war, die ihre jurisdiktionalen Vollmachten behalten oder gar ausdehnen wollten. Die Wissenschaftler, die in einer solchen Situation zu arbeiten hatten, mussten davor geschützt werden, womöglich der heftigen Konkurrenz zwischen diesen Diensten zum Opfer zu fallen.
Price glaubte, dass dieses Problem bei der Gründung des OSRD gelöst worden war und beschrieb den Mechanismus dieser Lösung: Indem das OSRD direkt dem Präsidenten unterstellt wurde, erhielt es die Unterstützung des Präsidenten, mit der Bush die Unabhängigkeit der Wissenschaftlergemeinde gewährleisten konnte, die mit der Regierung zusammenarbeitete. Ausserdem ermöglichte der politische Schutz durch das OSRD, dass die Entscheidungen innerhalb des OSRD nicht auf der Basis politischer, sondern wissenschaftlicher Kriterien gefällt wurden.
In seinem Buch "Science and the Navy" beschreibt Harvey Sapolsky eine Konfrontation zwischen Bush und dem Konteradmiral Harold G. Bowen. Bowen hatte den Vorschlag einer Zusammenarbeit zwischen dem National Research Council und der Marine zurückgewiesen. Bush war der Ansicht, dass mit dieser Angelegenheit ernst zu verfahren war. Bowen erhielt eine Disziplinarstrafe, die in seine Akten aufgenommen wurde. Bush bestrafte die Navy auch in einer bald folgenden Vertragsvergabe, indem er die Armee der Navy vorzog, als es um den Bau der Atombombe ging. Bush erklärte später, der Grund dafür seien "ungenügender Respekt und die Unfähigkeit der Zusammenarbeit mit Zivilisten" auf Seiten der Navy gewesen. (Sapolsky, S. 15-18)
Über die Entstehung des Internet und die Rolle der Regierung
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Die Schaffung eines neuen Felds und der Community der Computerwissenschaftler
Der Klimawechsel innerhalb von ARPA
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