Roboter und Sensoren überall

Florian Rötzer 19.11.1999

Vom Krankenhaus und den Kranken der Zukunft

Nach Ansicht von Charles Wilson, Direktor am Institute for the Future und Neurochirurg, wird die Einführung neuer medizinischer Technologien zu einer Veränderung des medizinischen Systems und vor allem der Krankenhäuser führen. Die Spezialisierung der Krankenhäuser wird voranschreiten, während viele Behandlungen auch außerhalb der Krankenhäuser durchgeführt werden können. Die Patienten hingegen werden mit immer mehr Sensoren überwacht und ans Netz angeschlossen, Vorreiter des wearable computing

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"Die Medizin wird sich in den nächsten 20 Jahren stärker verändern, als dies während der letzten 2000 Jahre geschehen ist", prophezeit Richard Smith, Herausgeber des British Medical Journal, das gerade eine Ausgabe den neuen Technologien in der Medizin gewidmet hat. Besonders die weitere Computerisierung, aber auch Entwicklungen in der Pharmakologie, Gentechnik, Neurotechnologie und der Transplantationschirurgie tragen dazu bei.

Der Einzug der Chirurgieroboter hat bereits begonnen, besonders im Bereich der minimal invasiven Chirurgie. Hier operiert der Roboter im selben Raum wie der Chirurg, der vor dem Bildschirm sitzt und die Operation überwacht, oder aber an einem entfernten Ort: "High-Tech-Operationen werden zur Norm für viele Operationen, und das Personal, die räumlichen Anforderungen und die Ausrüstung für die Operationen werden sich ebenso verändern wie die Technologie selbst." Roboter werden aber auch überall in den Krankenhäusern vermehrt eingesetzt werden, da sie intelligenter und geschickter geworden sind: "Mit der Hinzufügung von Sensoren und Spracherkennung haben Roboter einen Grad der Intelligenz erreicht, der sie fast menschenähnlich macht. Man wird erwarten können, dass Roboter im nächsten Jahrzehnt überall im Krankenhaus eingesetzt werden und in den zentralen Versorgungsdiensten arbeiten, Bestellungen in der Apotheke und eine ganze Reihe von anderen Tätigkeiten ausüben werden." Sie könnten beispielsweise die Patienten zum OP fahren oder Essen und Medikamente ausgeben. Eingesetzt werden könnten sie auch zur Unterhaltung und Überwachung von Patienten oder alten Menschen Zuhause oder auf einer Station, wie dies von Mashushita gedacht ist, in Form einer Katze zur "Stressverminderung". Das wäre dann die Alten- und Krankenversorgung aus der Ferne, während umgekehrt Teleroboter die Kranken in ihrem Zimmer auch in der Arbeit oder in der Schule (Der virtuelle Schüler) anwesend sein lassen (Roboter als Hausgehilfen für die Reichen).

In den Krankenhäusern könnten beispielsweise "elektronische Nasen" an den Eingängen platziert werden, wie sie beispielsweise zur Erkennung von biologischen Waffen entwickelt wurden. Ist jemand durch Bakterien oder Viren infiziert, so könnte er sofort behandelt und erst einmal separiert werden, um keine anderen Patienten anzustecken. Dadurch könnte, wie Wilson meint, der Abzug im Eingangsbereich zur Überwachung der Luft dienen, um keine Infektionsträger zu übersehen. Wird ein möglicher Infektionsträger gemeldet, so würden mit Biosensoren die Krankheitsüberträger identifiziert werden. Biosensoren könne man auch an Waschbecken anbringen, an denen sich die Ärzte vor und nach dem Betreten der Zimmer die Hände waschen müssen.

Die Patienten selbst werden durch eine Vielzahl an ihnen angebrachter Sensoren vernetzt. Schon wenn sie in das Krankenhaus kommen, könnten ihnen winzige Sensoren implantiert werden, die nach Wilson permanent den körperlichen Zustand (Blutdruck, Temperatur, Puls etc.) überwachen und viele der Labortests weitgehend überflüssig machen. So breitet sich gewissermaßen die Intensivstation auf das gesamte Krankenhaus aus: "Wenn alle Räume sofort in kleine Intensivstationen verwandelt werden können", so Wilson, "dann ist keine zentrale Station mehr notwendig, wo sich die Patienten gegenseitig infizieren können." Auch in Toiletten befinden sich Messgeräte, die Daten über das Netz in die digitale Krankenakte eintragen, in der sich die gesamte Krankengeschichte mit allen Bildern und Untersuchungen befindet und die jederzeit durch tragbare Computer aufgerufen werden können, wenn es denn der Datenschutz zulässt. Durch die Digitalisierung der Bilder und die digitale Krankenakte können Personal eingespart und Abteilungen wie die Radiologische Abteilung verkleinert oder wie die Bakteriologische Abteilung durch tragbare Biosensoren gar aufgelöst werden. Digitale Krankenakten ermöglichen zusammen mit Telekommunikationsmöglichkeiten wie Videoconferencing den Ausbau der Telemedizin, also Fernberatung durch Experten, Ferndiagnosen und andere Formen des interaktiven Austausches.

In Kleidung oder am Körpers angebrachte Sensoren übertragen permanent Daten von ambulanten Patienten an das Krankenhaus oder an einen behandelten Arzt. Zusätzlich könnten Menschen zunehmend mehr neurotechnologische Implantate oder andere intelligente Implantate wie Herzschrittmacher besitzen, die natürlich auch Daten übertragen können. Kontrollieren ließe sich so online etwa auch, ob die Patienten brav ihre Medizin schlucken, sich richtig ernähren oder gar Drogen nehmen. Allerdings müssen die Patienten vielleicht auch selbst keine Medikamente mehr nehmen, weil diese durch ein Implantat direkt in den Körper in der richtigen Dosierung gemäß den Messungen durch einen Sensor abgegeben werden. "Telemedizin und Sensortechnologien werden das Labor und das Sprechzimmer des Arztes in den Wohnraum verlegen. Interaktive Videokonferenzen, Bildungsprogramme und ein großes Spektrum an Sensoren werden medizinische Betreuung aus der Ferne ermöglichen." Gut wäre natürlich, wenn auch in der Wohnung vernetzte Biosensoren wären, z.B. auf dem Klo oder im Waschbecken. Wird dabei etwas entdeckt, erfährt nicht nur der Arzt, seine Krankenschwester oder nur der Computer etwas davon, sondern könnte auch gleich die Apotheke benachrichtigt werden, um die entsprechenden Arzneimittel ins Haus zu liefern: Medizin on demand gewissermaßen. Auch andere preisen die Telemedizin als eine Art der Heimüberwachung an: "Telefon und Videokonferenzsysteme können zur Messung der Mobilität, des Schlafverhaltens und der Selbstversorgung (Kochen, Waschen, auf die Toilette Gehen) eingesetzt werden Veränderungen des Gesundheitszustands der Patienten Zuhause feststellen. "

Natürlich werden auch die Betten zu High-Tech-Geräten, wodurch sich nicht nur Intensivstationen abbauen lassen. Solche teilweise autonomen Vielzweckbetten, die von der amerikanischen Armee entwickelt wurden und jetzt in kalifornischen Krankenhäusern eingeführt werden, werden sich auch immer stärker sich in den Ambulanzen befinden. "Mit der Hilfe von eingebetteten Sensoren kann das Bett wichtige Körpersignale und die Blutwerte überwachen, und es kann auch über die Steuerung durch Sensoren eine künstliche Beatmung, intravaskuläre Infusionen oder eine Herzdefibrillation durchführen.

Allerdings kommen trotz der möglichen Dezentralisierung und Spezialisierung der Krankenhäuser und der dadurch bewirkten Kosten- und Personaleinsparung neue Kosten durch den Ausbau des Technikparks auf das medizinische System, die Vergrößerung des technischen Personals und permanente Schulungen des medizinischen Personals, um mit den Techniken umgehen zu können. Chirurgen beispielsweise sollten ähnlich wie Piloten an Simulatoren trainieren, zumal sie ja auch an Bildschirmen wie bei der minimal invasiven Chirurgie operieren oder überhaupt zunehmend mit VR-Technik zu tun haben.

Jedenfalls steht, wie Wilson meint, auch eine Anpassung der Krankenhausgebäude an die neue Technik an, die sich durch kleine Veränderungen nicht erreichen lässt: "In Zukunft werden neue Krankenhäuser mit einer größeren Flexibilität der Anlage gebaut, da die Architekten erkennen, dass weitere Veränderungen unvermeidlich sein werden. Wird das Krankenhaus der Zukunft modular sein? Sehr wahrscheinlich." Um die Telemedizin in den Privathäusern zu ermöglichen, wäre es natürlich auch ratsam, dass diese zu Internethäusern aufgerüstet werden.

Immerhin aber sagt Wilson auch, dass mit allen möglichen Verbesserungen der medizinischen Versorgung durch die Technik diese Medizin der Zukunft sehr teuer wird und für den Großteil der Menschen nicht in Frage kommt. Für die Allgemeinheit wäre die Entwicklung von neuen Impfmitteln gegen verbreitete Krankheiten eine bessere Behandlung: "Der Kontrast zwischen den höheren sozioökonomischen Klassen, die Zugang zu neuen medizinischen Techniken haben, und den unteren Schichten, die weiterhin unter unnötigen Krankheiten und Sterblichkeit leiden, macht deutlich, dass die Beseitigung der Ungleichheiten in Bezug auf die Gesundheit oberste Priorität haben sollte."

http://www.heise.de/tp/artikel/5/5501/1.html
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