Wir wollen in die Köpfe der Zuschauer eindringen

Protokoll eines Gruppeninterviews mit Eduardo Sanchez über den Film "Blair Witch Project"

"Blair Witch Project" wird gelegentlich als der erfolgreichste Film aller Zeiten bezeichnet und das scheint nicht übertrieben: Im Verhältnis zu den Produktionskosten dürfte kaum ein anderer Film jemals so viel eingespielt haben. Mit einem extrem geringen Budget von einigen zigtausend Dollar wurde "Blair Witch Project" komplett auf Video gedreht. Der Film gibt vor, das Material dreier Filmemacher zu präsentieren, die im Oktober 1994 bei den Dreharbeiten für eine Dokumentation über die Hexe von Blair im Black Hills Forest in Maryland spurlos verschwanden. Ihre Videokassetten wurden ein Jahr später gefunden.

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Am Erfolg des Films war das Internet wesentlich beteiligt. Denn hier betrieben die Filmemacher Daniel Myrick und Eduardo Sanchez die Öffentlichkeitsarbeit für ihr Projekt. Auf ihrer Website entwickelten sie sehr detailliert den Mythos um die Hexe von Blair und konnten so schon vor dem Kinostart eine große Fangemeinde um den Film versammeln.

Der nachfolgende Text ist das Protokoll eines Gruppengespräches mit Eduardo Sanchez. Es ist eine sehr häufige Praxis im Filmjournalismus, mehrere Journalisten gemeinsam zu einem Interview zu versammeln. Die daraus resultierenden Texte erwecken dagegen zumeist den Eindruck eines Einzelinterviews, das in der Regel jedoch nur den auflagenstarken Medien gewährt wird. Angesichts eines Films, der sich seines eigenen Mediums so bewusst ist wie "Blair Wwitch Project", halte ich es für angemessen, darauf hinzuweisen, dass die Fragen in diesem Gespräch außer von mir noch von drei oder vier weiteren Kolleginnen und Kollegen gestellt wurden.

War "Blair Witch Project" Ihr erster Film?

Eduardo Sanchez: Nein, nur der erste, der sich verkauft. Ich habe schon bei mehreren Filmen mitgemacht, auch als Cutter und Kameramann. Es waren aber immer Low-Budget-Projekte.

War der dazugehörige Internet-Auftritt von Anfang mit geplant?

Eduardo Sanchez: Ja, wir hielten das für einen guten, kostengünstigen Weg, unseren Film bekannt zu machen. In Amerika können Sie Websites umsonst kriegen. Es war daher ein logischer Schritt für uns, weil wir praktisch kein Geld hatten. Eine Anzeige in "Variety" hätten wir uns nicht leisten können. Eine Website hatte darüber hinaus den Vorteil, dass wir dort die Mythologie um den Film herum besser ausbreiten konnten. Im Lauf der Zeit interessierten sich immer mehr Leute dafür, stellten Fragen, die wir beantworteten - so ist alles nach und nach gewachsen. Es war großartig.

Gibt es nicht den Ehrenkodex, im Netz nur die Wahrheit zu sagen?

Eduardo Sanchez: Nicht, dass ich wüsste. Wir sind Entertainer, Geschichtenerzähler. Beim Filmemachen und in der Kunst überhaupt geht es um Manipulation. Ich glaube, das Internet wäre der letzte Platz, um nach Tatsachen zu suchen. Es ist voller Schwindel. Aber das ist gut so, denn es lehrt die Menschen, alles, was sie sehen oder lesen, kritisch zu prüfen. Uns ging es vor allem darum, dass das, was wir produzierten, sich echt anfühlte. Es ging uns nicht darum, einen Hoax, eine bewusste Falschmeldung zu lancieren. Wir wollten eine Welt um unseren Film herum schaffen. Für die Besucher unserer Website sollte es glaubhaft sein und sich echt anfühlen.

Aber es bedarf keiner großen Mühe, um zu erkennen, dass es keinen Bürgermeister von Blair County gibt und ebensowenig die drei Filmemacher. Soviel Realitätssinn können wir bei unserem Publikum schon erwarten. Schließlich laufen am Ende auch die Credits und es heißt "Directed by ...". In Amerika konnten wir natürlich über unsere Website besser mit der Frage "Realität oder Fiktion?" spielen, weil ansonsten niemand etwas über den Film wusste. In Europa ist das jetzt anders, weil alle schon vorher wissen, dass alles Fiktion ist. Aber letztlich kommt es natürlich immer auf den Film selbst an. Wenn er den Leuten nicht gefällt, nützt die beste Öffentlichkeitsarbeit nichts.

Eine Website zu gestalten ist eine Sache. Aber die Leute müssen sie auch finden. Wie haben Sie das geschafft?

Eduardo Sanchez: Ich glaube, viele Menschen unterschätzen, wie schnell sich Neuigkeiten im Internet verbreiten. Es gibt keine physischen Beschränkungen wie im richtigen Leben, man muss sich nicht treffen oder telefonieren, sondern schickt einfach eine E-Mail. Auf diese Weise können Sie mit einem Schlag hundert Menschen oder mehr erreichen. Wenn sie ein kleines Goldstück einer guten Idee haben, die zwei, drei Leuten gefällt, und die erzählen ihren Freunden davon und die wiederum ihren Freunden - ehe Sie sich's versehen, sind da schnell eine halbe Million Menschen zusammen.

Das ist das Aufregende am Internet: Die Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniert hier praktisch ohne Zeitverlust. So ist es uns mit "Blair Wwitch" ergangen: Einige Leute, auch einflussreiche Personen, sahen unsere Site und richteten auf ihren Websites Links zu uns ein. "Ain't-it-cool-News" hatte zum Beispiel einen Link zu unserer Website - und die haben zehn Millionen Hits pro Monat! So ist es gewachsen. Heute haben wir selber zehn bis zwanzig Millionen Hits pro Monat.

Haben Sie darüber nachgedacht, Werbeflächen auf Ihrer Website zu verkaufen, um darüber Ihren nächsten Film zu finanzieren?

Eduardo Sanchez: Das wäre sicherlich eine Möglichkeit. Aber wir wollten auf der Blair-Witch-Website kein McDonald's-Logo oder ähnliches haben. Das hätte den Independent-Charme des Projektes zerstört, es hätte dann nicht mehr neu und geheimnisvoll gewirkt.

Wie würden Sie den idealen Zuschauer von "Blairwitch Project" beschreiben?

Eduardo Sanchez: Wenn ich die Wahl hätte, würde ich mir den Film ansehen, ohne zuvor das Geringste darüber zu wissen. Einfach hinsetzen und schauen, als hätte ich die Filmrolle oder Videokassette gerade gefunden. Am liebsten würde ich 40 Millionen VHS-Kassetten mit einem handschriftlichen Etikett "Blair Witch Project - Heather Donahue" vertreiben, so dass jede einzelne so aussieht, als wäre sie in irgend einem Wandschrank entdeckt worden. Die ganze Öffentlichkeitsarbeit entfernt einen von der Rohheit und Ursprünglichkeit des Materials.

Aber es gibt keine Möglichkeit, das zu vermeiden. Filme müssen vermarktet werden. Ich glaube zwar nicht, dass es einen großen Unterschied macht, ob man sich erst die Website und dann den Film ansieht oder umgekehrt. Aber es ist schon ein kleiner Nachteil, dass die Kinobesucher in Europa von vornherein wissen, dass alles fiktiv ist. Ich finde es schöner, wenn die Zuschauer hierüber eine Weile rätseln.

Von der Website zum Film: Was war für Sie die größte Herausforderung bei der filmischen Umsetzung der Idee?

Eduardo Sanchez: Die Aufrechterhaltung des Realismus: Jedes einzelne Bild des Films sollte authentisch wirken. Es gibt so viele angebliche Dokumentationen, denen man die Inszenierung ansieht. Jemand kommt aus einem Supermarkt, gibt ein Statement ab - und es ist klar: Das ist ein Schauspieler, der seinen Text aufsagt. Das wollten wir vermeiden. Dazu gehörte, die richtigen Schauspieler zu finden und das Drehbuch so zu verfassen, dass es nicht konstruiert wirkte. Das war die größte Herausforderung und oberste Richtlinie, an der wir jeden Schritt immer wieder gemessen haben. Alles, was inszeniert wirkte, haben wir heraus geschnitten - auch wenn es sich um großartige Dialogsätze handelte. Dabei mussten wir auch ständig gegen die Traditionen und Klischees ankämpfen, mit denen wir aufgewachsen sind: Amerikanische Kinobesucher erwarten eine Drei-Akt-Struktur, eine bestimmte Entwicklung des Plots und wollen am Ende das Monster sehen. Es war schwer, sich dagegen zu wehren.

Erfordert der Film nicht auch eine gewisse Medien-Literalität beim Publikum und setzt auf Zuschauer, die selbst Erfahrungen im Umgang mit Videokameras haben?

Eduardo Sanchez: Sicher. Ich denke, in den siebziger Jahren, vor dem Siegeszug von Videorekordern und -kameras, hätte der Film nicht annähernd so viel Erfolg gehabt. Ich weiß nicht, wie es in Deutschland ist. Aber in den USA gibt es eine Unzahl von Fernsehsendungen, die verwackelte Amateurvideos verarbeiten. Wir haben eine ganze Generation von Kindern, die sehr erfahren im Umgang mit Medien sind. Jeder kennt heutzutage jemanden, der eine Videokamera hat. Man ist mit diesen Bildern vertraut und kann daher auch "Blair Witch Project" als real erleben. Mit diesen Konventionen haben wir gespielt.

Haben Sie von dort auch Ihre Inspiration gezogen?

Eduardo Sanchez: Nein, was uns inspiriert hat, waren Dokumentarfilme aus den siebziger Jahren. Es gab einen sehr gute Reihe mit dem Titel "In Search of...", in der Leonard Nimoy mit unheimlicher Stimme über UFOs, geheimnisvolle Monster und dergleichen erzählte und unscharfe Fotos von Aliens im Wald zeigte. Als Zehnjährige waren wir davon sehr beeindruckt und konnten danach nicht gleich einschlafen. Mit unserem Film wollten wir dem Publikum von heute ein ähnliches Erlebnis vermitteln. Dadurch kamen wir darauf, das Ganze als Dokumentation zu gestalten.

Können Sie immer noch durch einen Wald laufen, ohne ständig über die Schulter zu schauen?

Eduardo Sanchez: Ich habe nicht mehr Angst als vorher. Aber ich habe ja auch einen ganz anderen Zugang, als der durchschnittliche Zuschauer, nicht annähernd so subjektiv. Nachdem ich "Der weiße Hai" gesehen hatte, war ich dagegen fast ein Jahr nicht an den Strand gegangen. Aber ich bin sicher, dass Steven Spielberg keine Probleme hatte, im Meer zu schwimmen.

Hatten die Schauspieler Angst?

Eduardo Sanchez: Ich glaube schon, in manchen Momenten. Natürlich wussten sie tief im Innern, dass wir dahinter steckten. Sie wussten, dass nachts irgend etwas passieren würde. Aber wir erzählten ihnen nicht, was genau wir vorhatten. Und diese Unsicherheit sorgte für eine gewisse Grundangst. Was Sie auf der Leinwand sehen, ist jedoch gespielt. Ich hoffe, dass die Schauspieler für diese Leistung auch angemessene Anerkennung bekommen. Wir haben sie aus 2000 Bewerbern ausgewählt, die wir uns während eines Jahres angesehen haben. Es sind nicht einfach nur drei Leute, die wir von der Straße aufgelesen haben, sondern hoch talentierte, überzeugende Schauspieler - manchmal sogar fast zu überzeugend, etwa wenn sie den Eindruck erwecken, sie würden einfach nur auf unsere nächtlichen Überraschungen reagieren. Aber das stimmt nicht. Sie spielen ständig ihre Rollen.

Können Sie Ihren Film einem Genre zuordnen? Ist es ein Horrorfilm oder eher ein Thriller?

Eduardo Sanchez: Ich denke, es ist ein Horrorfilm. Als Kind fand ich Filme wie "Der Exorzist", "Shining", "Omen" oder "Henry - Portrait of a Serial Killer" sehr erschreckend und verstörend. "Scream", "Scream 2" oder "Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast" empfinde ich dagegen nicht als Horrorfilme. Sie sind lustig, selbstreferentiell, schön anzusehen - aber sie machen mir keine Angst. "Blair Witch Project" soll den Zuschauern Angst machen, soll in ihre Köpfe eindringen, genau wie "Der Exorzist", "Shining" und all die anderen Horror-Klassiker.

Was stand am Anfang von "Blair Witch Project"?

Eduardo Sanchez: Dan und ich wollten einen Horrorfilm drehen, der wie ein Dokumentarfilm wirkt. Wie diese Filme aus den Siebzigern mit ihren angeblich echten UFO-Fotos. Also brauchten wir einen überzeugenden Grund, warum drei Leute in den Wald gehen sollten, um dort zu filmen. So sind wir dazu gekommen, die Legende der Hexe von Blair zu entwickeln. Und von da ab ist das ganze Projekt immer weiter gewachsen.

Warum haben die drei Filmemacher keine Mobiltelefone dabei?

Eduardo Sanchez: Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen haben unsere eigenen Telefone dort draußen nicht funktioniert. Im Wald war ein großes Funkloch, so dass wir Walkie-Talkies benutzen mussten. Zum anderen hatte ich selbst als Filmstudent kein Geld für ein Mobiltelefon. Das war ein unerschwinglicher Luxus.

An einer Stelle wird der Film "Deliverance - Beim Sterben ist jeder der erste" erwähnt. War das eine Inspirationsquelle für Sie?

Eduardo Sanchez: Ja, wie viele andere Filme auch. "Deliverance" hat diesen langsamen Aufbau der Bedrohung, des Gefühls, dass irgend etwas nicht stimmt. Dieses allmählich Anziehen der Schraube wollten wir in unserem Film auch haben. Aber "Henry - Portrait of a Serial Killer" hat uns auch sehr beeinflusst. Denken Sie allein an die Videoszene, wo sich das ganze brutale Geschehen außerhalb des Gesichtsfeldes der Kamera abspielt. So etwas Gruseliges hatte ich nie zuvor gesehen. In die gleiche Richtung wollten wir uns auch mit "Blair Witch Project" bewegen.

Haben Sie mit Storyboards gearbeitet, um die Optik des Films zu entwickeln?

Eduardo Sanchez: Nein, ursprünglich stellten wir uns einen ganz normalen Dokumentarfilm vor, mit etwa 20 Minuten gefundenem Originalmaterial und den üblichen Interviews mit Experten, Angehörigen, Polizisten und so weiter. Aber dann entschlossen wir uns, ausschließlich mit dem "Originalmaterial" zu arbeiten. Die Optik ergab sich von selbst. Wir haben die gesamte Waldsequenz innerhalb von acht Tagen in einem Stück gedreht. So konnten die Schauspieler sich besser in ihre Rollen finden. Und die Kontinuität stimmte auch. Am Ende sehen sie wirklich so aus, als würden sie seit sechs Tagen im Wald herum irren.

Hat der große Erfolg Sie überrascht?

Eduardo Sanchez: Total. Immerhin hatten wir mit zwei Hi-8-Kameras für jeweils 500 Dollar gearbeitet, wovon wir eine wieder zurückgeben konnten, weil wir die 31-Tage-Umtauschfrist eingehalten hatten.

Setzt der Erfolg Sie bei Ihrem nächsten Projekt unter Druck?

Eduardo Sanchez: Ja, schon, aber mit dem Problem lässt sich leben. Viele Filmemacher wären glücklich, wenn sie diese Probleme hätten. Und der wirkliche Druck kommt ohnehin von einem selbst. Man muss vor allem selber mit dem Ergebnis zufrieden sein.

Gibt es schon ein neues Projekt?

Eduardo Sanchez: Ja, wir arbeiten an einer Komödie.

Hatten Sie damit schon angefangen, bevor der Erfolg von "Blair Witch Project" klar war?

Eduardo Sanchez: Ja, vor acht Jahren. Wenn wir die nötigen zehn Millionen Dollar dafür gehabt hätten, hätten wir die Komödie auch zuerst gedreht, noch vor "Blair Witch Project".

Was für eine Art Komödie ist das?

Eduardo Sanchez: Völlig respektlos. Der politisch inkorrekteste Film, den man sich vorstellen kann, eine Art Monty Python trifft "Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug" und "Saturday Night Live". Der Titel ist "The Power of Laugh".

Mit Starbesetzung?

Eduardo Sanchez: Nein, es wird ein Independent-Film mit einem Darstellerensemble. Ich kenne genug lustige Leute und sehe keinen Grund 20 Millionen Dollar für einen Schauspieler auszugeben, um mich dann mit dessen Ego herumzuschlagen und all den Agenten und Managern in dessen Gefolge. So weit bin ich noch nicht.

Ist es eigentlich realistisch, sechs Tage im Wald zu filmen, ohne zwischendurch die Batterien aufzuladen?

Eduardo Sanchez: O ja, die Batterien unserer Kameras hielten zwölf Stunden. Im Jahr 1994, in dem der Film spielt, gab es immerhin Sechs-Stunden-Batterien und Tragegürtel, in die man sie wie in einen Patronengurt stecken kann. Damit kommen Sie ewig aus. Es gibt zu Beginn auch die Szene, wo Heather sagt: "Ich habe genug Batterien mitgebracht, um eine Kleinstadt eine Woche mit Strom zu versorgen." Tatsächlich haben wir den gesamten Film aus 20 Stunden Rohmaterial montiert. Dafür genügen vier, fünf Batterien. Aber man muss als Zuschauer schon seine Skepsis ein Stück weit zurück nehmen, ansonsten funktioniert der Film nicht. Man kann sich ja auch ernsthaft fragen, warum Heather trotz aller Geschehnisse immer noch weiter filmt. Wir haben uns bemüht, ihren Charakter entsprechend zu gestalten. Aber die Zuschauer müssen einfach auch ein wenig daran glauben, dass jemand so reagieren kann.

http://www.heise.de/tp/artikel/5/5522/1.html
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