Man ist, wie man geht

Florian Rötzer 03.12.1999

Mit einem neuen biometrischen Verfahren lassen sich Menschen auch durch Überwachungskameras anhand ihrer Beinbewegungen identifizieren

Großbritannien ist nicht nur das Land, in dem sich die meisten Überwachungskameras befinden, auch die Forschung, die Kameras durch die Verbindung mit Computern durch visuelle Erkennungssysteme "intelligenter" zu machen, gedeiht hier. Wenn man an biometrische Verfahren der Identifizierung denkt, kommt man zunächst auf Fingerabdrücke, Sprach-, Retina- bzw. Iriserkennung. Wissenschaftler von der Southhampton University haben jetzt auch ein System entwickelt, um einen Menschen an seinen Beinbewegungen erkennen zu können.

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Modell eines sich bewegenden menschlichen Oberschenkels mit Rauschen. Bild

Allmählich könnte man fast eine Paranoia entwickeln, wenn man beobachtet, an welchen Projekten Forscher sitzen und welche Möglichkeiten der Überwachung durch die Digitalisierung entstehen. Anonymität scheint in der Daten sammelnden und auswertenden Wissensgesellschaft immer weniger erwünscht zu sein und auch als gefährlich angesehen zu werden. Zumindest in dieser Hinsicht scheinen wir uns aus der Anonymität der modernen Großstädte wieder in Richtung eines Dorfes zu bewegen.

Entwickelt werden bereits Systeme, um die Gesichter von Menschen, auch wenn sie sich bewegen, selbst aus einer Menge heraus erkennen und sie über mehrere Videokameras hinweg verfolgen zu können. Geforscht wird an Systemen, um die Gesichtsmimik zu deuten, was beispielsweise für "affective computing" wichtig werden könnte, aber auch an solchen, die bestimmte Verhaltensweisen interpretieren, also beispielsweise zur Warnung dienen sollen, wenn ein Mensch gewalttätig werden oder demnächst einen Diebstahl begehen könnte. Doch wenn sich jemand maskiert, scheitert jedes Gesichtserkennungssystem.

Die Wissenschaftler der Image, Speech und Intelligent Systems Group haben daher Verfahren (ISIS) entwickelt, wie sich ein Mensch an seinen Fußbewegungen identifizieren lassen könnte. Ausgegangen seien sie, so Mark Nixon, von der Situation eines Banküberfalls durch maskierte Räuber. Was man allerdings weit schwerer verbergen könne, seien die Beinbewegungen. Ausgehend von der Annahme, dass auch die Beinbewegungen eines Menschen für diesen ebenso typisch seien wie seine Gesichtszüge, wurde ein Modell entwickelt, in dem die Beine als sich bewegende Pendel verstanden werden. Dieses Modell lässt sich gleichfalls dazu verwenden, aus einer Menge überhaupt erst sich bewegende Menschen herauszugreifen. Die Bein-Pendel-Bewegung wurde als einfache harmonische Bewegung definiert, wobei die Abweichung der beobachteten Bewegung zu jener, zusammen mit der Oberschenkelbewegung, der Beinform oder der Beugegeschwindigkeit eines Gelenks, zur Identifizierung einer Gangart und damit einer Person dient. Jeder Mensch weiche auf charakteristische Weise von der einfachen harmonischen Bewegung ab.

Die Silhouette einer sich bewegenden Person. Bild

Ein zweiter Ansatz geht von der Auswertung bestimmter Daten, beispielsweise der Beinlänge, der Beinform oder der Beugegeschwindigkeit eines Gelenks, aus und wertet diese mit den Verfahren statistisch aus, die man auch bei der Gesichtserkennung einsetzt. Dabei wird von einer Person die Silhouette aus einer Reihe von Bildern ausgeschnitten. Deren Merkmale werden dann mit einer Datenbank verglichen. Die erste Methode ist zwar nicht so leistungsfähig, mit der zweiten fällt es jedoch schwer, eine Gangart zu identifizieren, wenn die Person flatternde Kleidung, etwa einen Rock, trägt. Der Vorteil bei der Erkennung der Gangart liegt auch darin, dass sie bei Videokameras mit geringer Auflösung in relativer großer Entfernung funktioniert.

Bislang wurde das System allerdings nur an 10 Versuchspersonen getestet, doch habe es ziemlich genau gearbeitet. Nixon ist der Überzeugung, dass die Gruppe mit entsprechenden Forschungsgeldern in einem halben Jahr ein System entwickeln könnte, das beide Verfahren zur Bewegungserkennung integriert. Eingesetzt werden könne es nicht nur bei maskierten Räubern, sondern möglicherweise auch in Geschäften, wenn Diebinnen sich so kleiden, dass sie aussehen, als wären sie schwanger, wodurch sich dort ja einiges verbergen lässt. Das System könne leicht eine wirklich schwangere Frau an ihrer Gangart erkennen. Angeblich habe bereits Marks & Spencer an dem System Interesse gezeigt. Doch da lassen sich sicherlich noch viele weitere Anwendungsmöglichkeiten ausdenken.

http://www.heise.de/tp/artikel/5/5549/1.html
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