Keine Künstler, nur Betrachter

09.12.1999

Interview mit der Künstlergruppe 0100101110101101.org, die durch das Kopieren von Kunstwebsites bekannt wurde

"Du kannst mich Zero nennen, und sie One. Oder auch umgekehrt." Ihre wirklichen Namen wollen die Italiener, die sich hinter der Website 0100101110101101.ORG verbergen, nicht nennen, auch Alter und andere private Informationen bleiben geheim. Dass sie offenbar aus Bologna kommen, lässt sich allerdings nicht verbergen. Ansonsten müssen Null und Eins genügen, denn bei ihrer Arbeit geht es nicht um ihre künstlerische Individualität, und vielleicht arbeitet irgendwann einmal ein anderer unter dem seltsamen Namen weiter, den sich seine Schöpfer selbst nicht merken können.

Der Einfachkeit halber nennen sich die Newcomer in der Netzkunstszene daher im Gespräch "zero one dot org". Auf Festivals und anderen Kunstveranstaltungen tauchen sie manchmal zu zweit, manchmal zu dritt auf, eine Frau mit ein oder zwei Männern, alle wahrscheinlich Mitte 20, die meist schwarz tragen und von denen der eine eine Frisur hat, die aussieht, als stände er gerade in einem in die Tiefe stürzenden Fahrstuhl.

Die Geheimnistuerei um ihre Namen ist nicht nur eine Methode, um sich interessant zu machen, sondern Teil einer Kunstpraxis, die von den Methoden der Situationisten und vor allem der Neoisten beeinflusst ist und diese Ansätze ins Internet überträgt. Dass sie vor ihren Netzaktivitäten in Italien unter dem Pseudonym Luther Blisset aktiv waren, bestreiten sie zwar vehement, aber ihre Netzarbeit erinnert auf jeden Fall stark an die Aktivitäten, die unter dem neoistischen Pseudonym in den letzten Jahren aus Italien stattfanden und ebenfalls auch aus Bologna kamen.

In der Netzkunstszene hat sie der "Diebstahl" der Netzkunst-Gallerie Hell.com schlagartig bekannt gemacht, die sie an einem Wochenende herunterluden und die bis heute auf ihrer Site zu sehen ist. Inzwischen befindet sich mit "Art.Teleportacia" von Olia Lialina nicht nur eine weitere Netzkunstgalerie auf ihrer Site, sondern auch "Versionen" oder "Remixe" von anderen bekannten Netzkunst-Sites.

Das Interview wurde während der Veranstaltung zac 99 geführt, die im Oktober im Musée de la Arte Moderne im Paris stattfand.

Ihr seid in der Netzkunstszene bekannt geworden, weil ihr eine Kopie der Kunstsite Hell.com gemacht habt, und diese auf Eure Site gepackt habt. Bitte erzählt mir genau, was ihr gemacht habt... 0100101110101101.org: Wir haben die Netzkunstliste "Rhizome" abonniert. Dort erfuhren wir, dass Hell.com 48 Stunden lang für die Öffentlichkeit geöffnet werden würde, und zwar für eine Ausstellung, die "Surface" hieß. Die war nur für Rhizome-Abonennten, und man brauchte ein Passwort, um sie sich anzusehen. Wir hatten Hell.com nie gesehen, aber wir hatten davon gehört und wussten, dass es das größte Museum für Netzkunst ist.

Also haben wir während der 48 Stunden, die die Site geöffnet war, alles, was da war, heruntergeladen. Das war nicht so einfach, wie es vielleicht erscheinen mag, wir haben dafür 26 Stunden gebraucht. Dann haben wir alles auf unsere Website getan und eine Email an verschiedene Mailinglisten und Zeitungen verschickt, in der wir ein paar hundert Mal die URL wiederholten.

Haben Hell.com darauf reagiert?

0100101110101101.org: Ja, nur zwei Stunden später haben die Leute von Hell.com eine Email an uns und die kanadische Firma, die unsere Site hostet, geschickt, in der es hieß, dass wir das Copyright von den Künstlern und von Hell.com verletzen, und dass wir die Site sofort entfernen sollten. Sie haben uns mit dem internationalem Urheberrecht gedroht, und was weiß ich. Wir haben gar nichts getan, wir haben die Site da gelassen, und sie ist immer noch da. Darüber haben alle noch Wochen geredet, und es entstand eine Debatte, die uns viel Publicity gebracht hat, und ihnen natürlich auch. Wir hatten sehr viele Besuche von Leuten aus der ganzen Welt auf unserer Site, die Hell.com sehen wollten, aber nicht reinkamen.

Wenn man eine geschlossene Seite hat, will man vielleicht gar keine Publicity. Ich frage mich, ob diese internationalen Gesetze, die du erwähnt hast, durchgesetzt werden könnten. Sie könnten vielleicht euren Provider dazu bringen, euch rauszuwerfen, aber ich finde, dass ihr die Tatsache ausnutzt, dass ihr es mit ein paar amerikanischen Künstlern zu tun habt, die sich nicht den Anwalt leisten können, um euch in Europa zu verklagen. Wenn ihr dasselbe mit der Site von CNN gemacht hättet, hätten die euch umgehend verklagt, und ihr hättet die Site sofort verschwinden lassen ...

0100101110101101.org: Man kann immer noch radikaler sein, als man ist. Das würde als politische Aktion, als ein Angriff auf irgendetwas interpretiert werden. Aber es ist ja nicht so, dass wir gegen irgend etwas sind. Wir sind nicht keine Anarchisten, die die Webkunst zerstören wollen. Wir arbeiten mit dem, was wir finden, und versuchen so, unsere Ideen zu verbreiten und zu propagieren.

Die Sache mit Hell.com interessiert uns nicht mehr. Wir hatten nur zwei Tage, und als wir schließlich gesehen haben, was wir da runtergeladen hatten, waren wir ziemlich sauer. Wenn wir gewusst hätten, dass es so schlimm sein würde, hätten wir es nie kopiert! Das ist nur eine Designausstellung. Dahinter steckt keine Idee, kein Inhalt. Ich glaube eher an Duchamps Konzept einer nicht-retinalen Kunst. Wir können unsere Kunst ohne Computer präsentieren. Wenn es keinen Projektor gibt, um die Website einem Publikum zu zeigen, ist das für uns kein Problem, weil unsere Kunst nicht ästhetisch, sondern ethisch ist, weil es uns um Ideen geht.

Und was war die Idee dabei, diese Site zu klauen? Wolltet ihr ein geschlossenes System nehmen, das vorher nur für eine selbsternannte Elite zugänglich war, und sie jedermann zugänglich machen?

0100101110101101.org: Ja, in erster Linie hatten wir das Gefühl, dass Hell.com das genaue Gegenteil davon ist, was das Web unserer Ansicht nach sein sollte. Aber das ist nicht wirklich unsere eigenen Idee. Das tut auch jeder Hacker. Der Unterschied zwischen uns und einem Hacker ist, dass wir zeigen wollen, dass unsere Art von Aktivismus so nur im Cyberspace stattfinden kann. Man muss kein Hacker mehr sein, denn wir sind ins Zeitalter der "Infoware" eingetreten. Die Zeit der Hardware und der Software sind vorbei, und nun muss man kein Hacker mehr sein, denn es gibt inzwischen genug technische Tools, um die eigenen Ideen ohne "technische Fähigkeiten" zu verbreiten.

Aber woher kommt diese Fixierung auf Kunst? Warum nicht dieselbe Operation zum Beispiel mit der Website von Disney?

0100101110101101.org: Wenn man zwei normale Objekte nimmt, wie zum Beispiel diese beiden Stühle, und sie irgendwie zusammenbringt, macht man Kunst. Wenn man zwei Bilder von diesen Stühlen nimmt, ist das etwas anderes, das man Meta-Kunst oder Anti-Kunst nennen könnte. Im Netz ist es dasselbe. Was uns interessiert, ist nicht das Machen von Kunst, sondern die Diskussion und Subversion von Kunst. Vielleicht könnte man das "Artivism" nennen?

Würdet ihr mir also zustimmen, dass das, was ihr macht, nur von Interesse und Bedeutung ist, wenn ihr es innerhalb des Kunstsystems macht?

0100101110101101.org: Wenn man das, was wir machen, mit einem Kunstwerk machen würde, hat diese Operation als solche einen Wert. Wenn man mit Inhalten arbeiten, die nicht Kunst sind, wird es schwieriger, die Operation von dem Inhalt, mit dem man arbeitet, zu unterscheiden. Wenn man die Disney-Site klaut, wendet man sich gegen Disney. Es gibt viele Gruppen, die diese Art von Hacktivismus pflegen, wie zum Beispiel RTMark und Mongrel, und die machen tolle Sachen. Aber uns interessiert diese Form des Hacktivismus nicht. Wir konzentrieren uns auf Gegensätze wie Original und Reproduktion, Autorenschaft und Netzwerk, Copyright und Plagiat. Man muss nicht explizit politisch sein, um etwas politisches zu tun.

Aber noch einmal die Frage. Sehe ich das richtig, dass diese Akte der Rekontextualisierung nur als Kunstpraktik sinnvoll sind?

0100101110101101.org: Ja. Es war für uns am Anfang wichtig, diese Ideen klar zu machen, denn die sind die Voraussetzung von unserer Art zu denken. Jetzt können wir weitergehen und uns mit anderen Dingen beschäftigen. Die New York Times hat geschrieben, dass wir uns gegen die Kommerzialisierung der Netzkunst wenden, aber darum ging es uns überhaupt nicht.

Allerdings wurde nur eure Kopien von Hell.com und Art.Teleportacia von Olia Lialina diskutiert, und die hatten beide etwas mit der Kommerzialisierung von Netzkunst zu tun.

0100101110101101.org: Als wir Hell.com kopiert haben, war es noch keine Pay-per-view-Site, es war bloß mit einem Passwort geschützt und sie hatten das Copyright. Aber bevor wir Hell.com und nachdem wir Art.Teleportacia geklont hatten, habe wir "Hybrids" aus den Seiten anderer Netzkünstler gemacht, die nichts mit "Kommerzialisierung" zu tun hatten.

Was ist der Unterschied zwischen dem, was ihr macht, und Duchamp, der ein Bild von der Mona Lisa nahm und ihr einen Schnurrbart aufmalte, sowie all den anderen Aktionen der Appropriation und Re-Appropriation, die sich durch das ganze 20. Jahrhundert und besonders durch die 80er und 90er Jahre ziehen - bei Künstlern wie Sherri Levine zum Beispiel?

0100101110101101.org: Das ist eine gute Frage. Im Web kann man diese Sachen eben sehr einfach machen, ohne dass man das Original zerstört, weil es gar kein Original gibt. Wir interessieren uns nicht besonders für "Originale". Unsere Offline-Arbeiten richteten sich auch gegen Originale - aber die Paradigmen der "wirklichen Welt" sind so tief verwurzelt, dass man so nichts ändern kann. Da ist man immer nur der soundsovielste Anti-Künstler. Im Gegensatz dazu hat man beim Netz das Gefühl, dass man noch etwas verändern, dass man einen Einfluss ausüben kann.

Die Diskussion über Originalität hat im Netz keine Bedeutung mehr. Duchamp musste mit Reproduktionen von Kunstwerken arbeiten, wir können die Arbeiten selbst nehmen, weil im Netz die Kopie mit dem Original identisch ist. Jeder kann die Daten im Netz benutzen. Wenn wir einen Klon von Jodi machen, zerstören wir ihre Arbeit nicht, wir widmen sie bloß um.

Haben die oder andere sich jemals bei euch darüber beschwert?

0100101110101101.org: Nein. Ich glaube aber, dass sie sauer sind, weil wir ihre Seite dekonstruiert haben. Auf der Jodi-Site gibt es zum Beispiel einen Index, aber der ist so versteckt, dass es schwierig ist, sich auf der Site zurechtzufinden, man kommt durcheinander und klickt und klickt. Darum haben wir die Index-Seite als Eröffnungsseite genommen, damit man sehen kann, wo die verschiedenen Teile und Sektionen sind. Wenn man eine Site kopiert, lernt man viel über ihre Macher. Man sieht die hierarchische und chronologische Ordnung der Site. Das ist sehr interessant.

Soll das heißen, dass ihr euch beibringt, wie Netzkünstler arbeiten, indem ihr die Sites von anderen Leuten kopiert?

0100101110101101.org: Nein, wir benutzten sie nur interaktiv. Wir glauben nicht, dass das Herumklicken auf einer Website Interaktion ist. Da macht man nur, was einem vorgegeben ist. Nicht das Kunstwerk selbst ist interaktiv, sondern der Betrachter kann es interaktiv benutzen. Interaktion ist es, wenn man etwas auf eine Art und Weise benutzt, die von ihrem Schöpfer nicht vorgesehen war.

Aber das liegt in der Natur des Webs. Jeder kann sich den Sourcecode einer Website angucken und herausfinden, wie es gemacht wurde. Man braucht keinen schlauen Künstler, der das für einen macht ...

0100101110101101.org: Wir haben nichts erfunden, wir haben es nur deutlich gemacht. Wir beanspruchen natürlich kein Urherberrecht für das, was wir tun. Jeder kann ganze Websites herunterladen. Man braucht bloß ein bisschen Software, und man darf sich nicht um das Urheberrecht scheren. Worum es uns geht, ist eine andere Art, sich zu einem Kunstwerk zu verhalten. Man kann selbst entscheiden, was man mit einer Arbeit machen will, man ist nicht verpflichtet, sie sich nur anzusehen. Man hat die Tools, um mit ihr etwas anderes zu machen.

Das Anfertigen von Klons ist nur eine der Möglichkeiten, die man mit diesen Dingen tun kann. Man kann sie modifizieren, etwas hinzufügen oder ihren Aufbau verändern, man kann sie sogar kaputt machen, man kann mit ihnen einfach tun, was man will. Wir würden gerne mehr derartige Interaktion im Netz sehen. Denn so wie sich die Netzkunst im Augenblick entwickelt, ist sie wirklich nicht viel anders als das, was sich in der normalen Kunstszene tut. Es gibt Künstler mit Vor- und Zunamen, Biografien und Arbeiten, und sie sind die Genies, und das ist der Mehrwert von dem, was sie tun.

Es wäre mir neu, dass sich irgend ein Netzkünstler ein Genie genannt hätte.

0100101110101101.org: Aber in 30 Jahren werden sie es. Jodi wird der Leonardo da Vinci der Netzkunst genannt werden, Antiorp wird der van Gogh und Vuk der Warhol sein ... Niemand hält sich selbst für ein Genie. Aber in 30 Jahren, wenn sie es wieder und wieder gehört haben, denken sie vielleicht wirklich: "Hm, vielleicht bin ich ja wirklich ein Genie!".

Das interessante am Netz ist, dass es dort genauso wie in der wirklichen Welt, keine "Genies" gibt, die von einer Muse inspiriert werden, sondern nur ein riesiger, endloser Austausch von Informationen und Einflüssen. "Wissen" ist nur ein einziges, riesiges Plagiat. Sogar in der "wirklichen Welt" gibt es eine Menge von Leuten, die sich auf interessante Art und Weise mit diesen Fragen beschäftigen, zum Beispiel Piero Cannata, der mit Michelangelo und Pollock arbeitet, oder Aleksander Brener, der aus Malevichs Bildern neue Arbeiten gemacht hat ...

...und dem Publikum die Möglichkeit genommen hat, sich Malevichs "Schwarzes Quadrat" anzusehen ...

0100101110101101.org: Naja, man kann es sich ja immer noch in Katalogen ansehen.

Brener gilt jetzt als so eine Art Anti-Christ der Gegenwartskunst, der böse Anti-Künstler. Wie seht ihr euch selbst?

0100101110101101.org: Wir sehen uns nicht als "Künstler", sondern als "Betrachter". Wir sind nicht gegen Kunst, wir sind auch keine Anti-Künstler. Wir haben gesehen, was mit Dada oder Surrealismus und all den anderen historischen Avantgarden geschehen ist: es ist egal, ob man sich Künstler oder Anti-Künstler nennt. Das einzige, was uns interessiert, sind Inhalte.

Das heißt, dass ihr genauso gut mit dem, was ihr tut, aufhören könntet, weil es sowieso rekuperiert werden wird?

0100101110101101.org: Diese Obsession damit, dass man "rekuperiert" wird, ist eine situationistische Paranoia. Wenn sich niemand dafür interessiert, was du machst, hat das nicht notwendigerweise damit zu tun, dass du so radikal bist, sondern wahrscheinlich mehr damit, dass du nichts zu sagen hast. Wenn Du mit "rekuperieren" "reich werden" meist, hoffen wir sogar, dass uns jemand rekuperiert!

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