Eröffnet die Umstellung auf den neuen Standard mit 128-Bit langen IP-Adressen die Chance für den Aufbau eines europäischen Internet der nächsten Generation?
Der erste Kongress der Befürworter von IPv6 fand in Berlin statt
Aufbruchsstimmung bei der 1. Konferenz des IPv6-Forums in Berlin: Vor allem die europäische Mobiltelefonindustrie drängt auf die Adaption des neuen Übertragungsprotokolls, um ein "mobiles Internet" der zweiten Generation zu erschaffen. Grund für die Eile: Man müsse verhindern, dass sich Y2K auf anderer Ebene wiederhole. Auch an Universitäten in Europa und Japan blühen überall Testprojekte zum Einsatz von IPv6 auf. Zurückhaltender zeigt sich die amerikanische Computerindustrie, allein Sun Microsystems hat mit der IPv6-Kompatibilität des Unix-Betriebssystems Solaris 8 eindeutig Position bezogen. Die Routerhersteller warten hingegen noch ab.
Dem Internet steht ein Generationswechsel bevor, der durch das stetige Wachstum der Nutzerzahlen sowie die Vernetzung von Handys, Kühlschränken und Waschmaschinen notwendig wird. "Die vielen neuen Dienste und Anwendungsmöglichkeiten werden unsere Vorstellung sprengen, dass Internet nur E-Mail und Web bedeutet", verkündet Horst Westbrock vom Telekommunikationsunternehmen Ericsson. Schon heute sei absehbar, dass bald Smart Phones, Set-Top-Boxen, digitale Organizer, aber auch Geräte im Haushalt oder im Auto sowie öffentliche Kioskterminals permanent ans Netz angeschlossen sein würden. Bis 2005 rechnet Westbrock allein mit rund einer Milliarde Mobiltelefonierern, die ihre Daten übers Internet verschicken und Webdienste nutzen wollen.
Mit der Vision von der schönen neuen Kommunikationszukunft gibt es nur ein Problem: All die Millionen von vernetzten Geräten brauchen eine eindeutige Identifizierung im Netz, damit sie auch für kritische Anwendungen wie die Energieversorgung, die Telemedizin oder die Flugsicherung in Frage kommen. Um aber etwa ein Handy ständig übers Internet erreichen zu können, benötigt es nicht nur eine weltweit einmalige Telefonnummer, sondern auch eine vom Internetprotokoll (IP) ansprechbare "Netznummer" (IP-Adresse). Momentan wird Benutzern von Handys oder PCs mit Modems nur kurzfristig eine dynamisch vergebene IP-Adresse "geleast". Ein "Rückruf" unter einer festen Nummer ist daher nicht möglich. Applikationen, die eine sichere "End-to-End"-Verbindung benötigen, werden erschwert, Dienstleistungen wie das Übertragen einer Bestellung eines vernetzten Kühlschranks an einen Supermarkt letztlich nicht garantiert.
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Als die "Väter" des Internet 1972 die seitdem kaum veränderte "Sprache" zur Übertragung der Daten erfanden, konnten sie den sich heute abzeichnenden Bedarf an IP-Adressen nicht erahnen. Das momentan eingesetzte IPv4 (Internetprotokoll Version 4) stößt deshalb an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit. Nur mit allerlei technischen Tricks können überhaupt noch Netzadressen vergeben werden.
Die Internet Engineering Task Force (IETF), bastelt daher seit 1995 an IPv6, dem Internetprotokoll der Zukunft. "Der Standard ist jetzt reif für die Implementierung", freut sich Latif Ladid, Chef des IPv6 Forums (Danke für die Korrektur!), eines Ablegers der IETF, der sich die Vermarktung des neuen Protokolls auf die Fahnen geschrieben hat. Engpässe bei der Adressvergabe dürfte es damit bald nicht mehr geben: IPv6 ist mit seinen 128-Bit langen Adressen so angelegt, dass jeder Quadratmillimeter der Erde theoretisch mit mehreren Milliarden Internetnummern versorgt werden könnte. Die Pläne der Techniker gehen über die Vernetzung aller Chips auf der Erde allerdings hinaus: "Mit IPv6 haben wir die Grundlage dafür, das Internet von unserem Planeten über den Mars und die Asteroiden bis in den Weltraum hinaus auszudehnen", philosophiert Internet-Daddy Vint Cerf.
Der erste Kongress der Lobbyisten von IPv6, auf dem über weltweite Anwendungsmöglichkeiten und Strategien zur Umstellung debattiert wurde, fand auf Einladung des Vereins zur Förderung des Deutschen Forschungsnetzes (DFN) und der Deutschen Telekom Mitte der Woche in Berlin statt. Dabei wurde schnell klar, dass die mit dem neuen Protokoll verbundenen Hoffnungen auch sehr stark wirtschaftspolitischer Natur sind. "Europa hat dank IPv6 die Chance, ein neues und mobiles Internet zu erschaffen", glaubt Ladid, der neben seiner Tätigkeit beim IPv6 Forum auch Vizepräsident von Ericsson Telebit ist. Die USA, das Heimatland des Netzes, hinkten der Entwicklung hinterher, da 75 Prozent der Internetadressen für sie reserviert wären und daher beim Einsatz des neuen Protokolls jenseits des Atlantiks keine große Eile angesagt sei.
Mit IPv6, für dessen endgültige Standardisierung und Einführung inzwischen das European Telecommunication Standards Institute (ETSI) eintritt, scheint so eine neue Frontlinie im Kultur- und Handelskrieg zwischen den USA und Europa aufzubrechen. "Das Internet ist eine Art McDonald's für die Vereinigten Staaten", schimpft Ladid. Weil die Bandbreite zwischen New York und San Francisco billig eingekauft werden könnte, laufe der Netzverkehr nach wie vor größtenteils über die USA. Zudem müssten die Routinginformationen der Datenpakete weitgehend von amerikanischen Rechnern abgerufen werden.
"Der US-Zentralismus hat schon viel zu lange gedauert", empört sich der Manager, und stehe dem weltweiten Wachstum des Netzes im Weg. Letztlich sei das Internet noch "ein Baby, und zwar ein ziemlich wildes". Aufgabe des alten Kontinents sei es daher, das neue, drahtlose Netz voran zu bringen und dabei das Internet gleichzeitig zu zähmen und zu zivilisieren. Dabei könnten auch die mit IPv6 verbundenen Möglichkeiten zur Qualitätssicherung und zur Erreichung eines allgemein höheren Sicherheitslevels helfen.
"IPv6 wird aber nicht von Januar an allein selig machend sein", dämpft Jürgen Rauschenbach, der beim DFN das JOIN-Projekt zum Aufbau eines IPv6-Kompetenzzentrums betreut, allzu große Erwartungen. Er rechnet damit, dass der Übergang in die "Neuzeit" des Internet mehrere Jahre in Anspruch nehmen wird. Noch mangelt es an Hard- und Software, die IPv6 überhaupt interpretieren können. Weltweit testen Techniker an Universitäten und die Betreiber von Forschungsnetzen noch, wie die neuen Adressen vergeben und eingesetzt werden sollen. Netzwerkadministratoren in Firmen scheuen zudem die Kosten und den Aufwand, die mit dem Protokollwechsel verbundenen sind. Ladid warnt allerdings davor, die Umstellung zu weit hinaus zu zögern: "Wir dürfen nicht so lange warten, bis sich der Jahr-2000-Fehler in anderer Form wieder einschleicht." Zudem könne IPv6 den Aufbau und die Pflege eines Netzwerks erleichtern.
Profitieren soll von den Veränderungen, die mit der Generalüberholung des Internet anstehen, auch der Endverbraucher. Die ständig mit dem Netz verbundenen Telekommunikationsgeräte der dritten Generation müssten billig sein und dürften im Gegensatz zum PC keinerlei Installationsarbeit erfordern, proklamiert Westbrock. "Auspacken, Anschließen, Einschalten und Vergessen" laute die Devise. Abgerechnet würde dann nicht mehr über die Verbindungszeit, sondern über das abgerufene Datenvolumen oder die verwendeten Applikationen.
http://www.heise.de/tp/artikel/5/5574/1.html- Link zu IPv6-Forum falsch (10.12.1999 2:04)
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