Internet und ECommerce als Umweltschutz

Florian Rötzer 14.12.1999

Zwei Studien gehen davon aus, dass das Internet große Potentiale für die Reduzierung des Ressourcenverbrauchs haben kann.

Gleich zwei Berichte feiern das Internet als Möglichkeit, die Ressourcenverschwendung zu reduzieren und Energie zu sparen. Kurz vor der Jahrtausendwende kommt einmal wieder die Vision vom papierlosen Büro auf, während der ECommerce als Möglichkeit betrachtet wird, den Verkehr zu entlasten und, etwa durch geringeren Bedarf an Gebäuden und die zunehmende Telearbeit, den Ausstoß von Klimagasen erheblich zu senken.

  • mobil
  • drucken
  • versenden
In dem Bericht Paper Cuts behauptet so das Worldwatch Institute, dass sich der Papierverbrauch weltweit um die Hälfte senken lassen würde. Heute sei der Papierverbrauch sechs Mal so hoch wie noch vor 50 Jahren. Ein Fünftel aller Bäume, die gefällt werden, dienen der Herstellung von Papier, aber auch ein Fünftel der Energie, die weltweit gebraucht wird, diene der Herstellung von Papier. Die Herstellung einer Tonne Papier verbrauche ebensoviel Energie wie die einer Tonne Stahl. In manchen Ländern macht Papier bereits 40 Prozent des gesamten Abfalls aus.

Neben der Verbesserung der Papierherstellung und der Verwendung größerer Mengen von gebrauchtem Papier und anderen Materialien als Holz liege die Möglichkeit, den Papierverbrauch sowie andere natürliche Ressourcer wie Wasser oder Sauerstoff zu reduzieren vor allem in der Digitalisierung: "Untrenehmen wie die Bank of America, United Parcel Service oder Proctor and Gamble haben entdeckt, dass die Reduzierung des Papierverbrauchs auch Geld einspart." So habe die Bank of America in zwei Jahren ihren Papierverbrauch um 25 Prozent durch die Verwendung von Online-Formularen, Email, doppelseitiges Kopieren und leichteres Papier gesenkt. Über die Hälfte des Papiers wird recycelt. Allein an Kosten für die Abfallversorgung spare man jährlich eine halbe Million Dollar.

In dieselbe Richtung, allerdings mit einer größeren Feier des Ecommerce geht der Bericht The Internet Economy and Global Warming des Center for Energy and Climate Solutions. Das wird natürlich die Verfechter der Informationsgesellschaft freuen, wenn mit dem Ausbau des ECommerce gleichsam automatisch auch das von den Amerikanern nicht gerade mit Begeisterung unterstützte Bemühen gefördert wird, einen Beitrag zur Reduzierung der globalen Erwärmung zu leisten. Immerhin wird eingeräumt, dass die dem Bericht zugrundeliegenden Daten unvollständig sind und die Voraussagen daher nur ein mögliches "Szenario" darstellen können, auch wenn den Politikern nahegelegt wird, das angeblich durch die Internetökonomie getragene umweltfreundliche Wirtschaftswachstum gleich in den Strategien zur Reduzierung der Treibhausgase zu berücksichtigen, wie sie vom Klimaabkommen von Kyoto gefordert wird.

Die Internetökonomie realisiere eine andere Form des Wirtschaftswachstums, da dieses nicht mehr an steigenden Energieverbrauch gebunden sei. So sei trotz der niedrigen Energiepreise und des Wirtschaftswachstums in den Jahren 1997 und 1998 in den USA der Energieverbrauch so gering wie noch nie angestiegen. Der Grund dafür liege nicht nur in dem höheren Einsatz von Techniken, die effizienter mit Energie umgehen, sondern auch in den durch die Internetökonomie bewirkten strukturellen Veränderungen, durch die eine Reduzierung des Ressourcenverbrauchs und eine Steigerung der Produktivität ermöglicht werden: "Dematerialisierung spart Energie. Das Internet macht möglich, was man eine E-Materialisierung nennen könnte." Durch das Internet wird die Infrastruktur der Wirtschaft in großen Bereichen umgekrempelt: "Das Internet kann Gebäude in Websites verwandeln und Kaufhäuser durch Software-Auslieferungsketten ersetzen. Es kann Papier und CDs in Elektronen verwandeln und Lastwagen durch ein Glasfaserkabel ersetzen. Das bedeutet erhebliche Energieeinsparungen."

Wenn die Geschäfte ins Internet verlagert werden, sinke etwa der Bedarf an neuen Gebäuden oder überhaupt an Büros und Geschäften. ECommerce könne 140 Millionen Quadratmeter an Geschäftsfläche, eine Milliarde Quadratfeet an Fläche für Kaufhäuser und 190 Milionen Quadratmeter für Büros einsparen. Letzteres entspreche fast 450 Sears-Hochhäusern. Eingespart würden damit 53 Milliarden Kilowattstunden jährlich und 2 Milliarden Kubikmeter an Gas, was bedeute, dass 35 Millionen Tonnen weniger an Treibhausgasen in die Atmosphäre gelangen. Durch die Umstellung auf das Internet könne man 2,7 Millionen Tonnen Papier sparen.

Die Einrichtung von Telearbeitsplätzen, bei denen die Menschen Zuhause arbeiten können und nicht mehr in die Büros fahren müssen, reduziere nicht nur den Verkehr und den Benzinverbrauch, sondern auch insgesamt die Energiekosten, denn Privatbüros würden weniger Energie pro Quadratmeter verbrauchen. Die geringfügige Steigerung des Energieverbrauchs durch permanente Anwesenheit der Telearbeiter Zuhause würde mehr als wettgemacht durch die Tatsache, dass die meiste Energie in den Privatunterkünften unabhängig davon verbraucht werde, ob jemand da ist oder nicht.

Der Bericht geht davon aus, dass der Interneteinkauf das Einkaufen in Geschäften weitgehend ersetzen werde, aber nicht dazu beitrage, dass deswegen mehr eingekauft werde. Eine Minute Autofahren verbrauche 10 Mal soviel Energie als eine Minute Online-Einkaufen, wenn man Zuhause bleibt. Angeblich hätten Studien gezeigt, dass die Telearbeiter wirklich weniger fahren, also das Pendeln zum Arbeitsplatz, durch das sie viel Zeit verlieren, durch andere Fahrten ersetzen.

Die Vorteile des Internethandels werden beispielsweise anhand von Amazon demonstriert. Bei einem Online-Buchhändler können mehr Bücher am zentralen Lager vorgehalten werden, ist das Verhältnis des Umsatzes pro Angestellten größer, wird das Lager wesentlich häufiger neu aufgestockt, ist die Zahl der verkauften Bücher pro Quadratmeter fast 10 Mal größer und verbraucht man wesentlich weniger Energie pro Quadratmeter, weil man auch wesentlich weniger Gebäudefläche für den Verkauf und das Lager benötigt. So sei etwa das Verhältnis der Energiekosten für Gebäude von traditionellen Buchhandlungen gegenüber dem Online-Händler Amazon.com 16 zu 1 pro verkauftem Buch. Der Internetverkauf verbrauche zudem weniger Energie, um ein Buch auszuliefern, als wenn man selbst mit dem Auto in die Buchhandlung fährt: "Liefert man Pakete mit 5 Kilogramm durch die Übernachtzustellung aus, was die am meisten Energie verbrauchende Auslieferungsart ist, so braucht man 40 Prozent weniger Benzin, als wenn man in ein Geschäft und wieder zurück fährt. Die Auslieferung durch LKWs benötigt nur ein Zehntel der Energie." Und weil der Bericht vor Weihnachten veröffentlicht wurde, rät man auch gleich dem umweltbewussten Interneteinkäufer, online zu bestellen, die Waren sich direkt ausliefern zu lassen und dabei die langsamste Auslieferung am Boden durch Lastwagen in Kauf zu nehmen, auch wenn man dann ein paar Tage auf das Bestellte warten muss.

Online-Buch-, Musik- oder Softwarehändler würden allerdings nur die Spitze des Eisbergs darstellen. Zitiert wird eine Studie der OECD, nach der durch das Internet 12,5 Prozent der Verkaufsflächen überflüssig wären. Daraus leitet der Bericht nicht nur ab, dass die Geschäfte in der wirklichen Welt unter hohen Konkurrenzdruck kommen werden, was sich dann, wie hier aber nicht ausgeführt wird, auch auf das Leben in den Städten und auf die Steuereinnahmen der Städte auswirken würde, sondern auch, dass damit jährlich 5 Milliarden Dollar an Energiekosten eingespart würden. Überdies könnte durch das Internet für Hersteller, Zulieferer und Läden die Überproduktion, die Größe der Lager, Papierverbrauch oder falsche Bestellungen reduziert und unnötige Geldausgaben für den Kauf vermieden werden: "Kaum etwas kann einen ökologischen Vorteil besser die Vermeidung von Umweltverschmutzung bringen, besonders im energieintensiven Bereich der Herstellung. Produkte nicht herzustellen, die nicht verkauft werden, oder Gebäude nicht zu bauen, die nicht benötigt werden, ist reine Prävention."

Und was verbraucht die Nutzung des Internet selbst an Energien? Nach dem Bericht spielt das kaum eine Rolle. Einerseits würde das Internet weitgehend die sowieso schon bestehende Infrastruktur benutzen, andererseits würden Computer und periphere Geräte immer energieeffizienter (EU will umweltfreundlichere elektronische Geräte). Allerdings wird dabei lediglich der Stromverbrauch bei der Nutzung der Geräte berücksichtigt, nicht aber der Ressourcenverbrauch bei der Herstellung und die wachsenden Abfallberge, die durch die schnelle Innovationsgeschwindigkeit der Technik entstehen. Die amerikanische Umweltbehörde schätzt, dass allein in Massachussetts in den nächsten Jahren mehr als eine Million Computer und Fernsehgeräte im Müll landen werden. Elektronische Geräte tragen jetzt schon mit jährlich 75000 Tonnen zum Müllaufkommen bei. Bis zum Jahr 2006 geht man von jährlich 300000 Tonnen aus. (Recycling von Computern. Von der Datenautobahn auf die Straße). Berücksichtigt man nicht nur den Stromverbrauch der Geräte, dann könnten möglicherweise das Internet und der ECommerce nicht mehr so einfach als umweltfreundlich und ressourcenschonend verkauft werden.

http://www.heise.de/tp/artikel/5/5586/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Nachhaltigkeit konkret: Wissen: Information und Kommunikation

Chancen der digitalen Revolution

Datenhighways entlasten die Straßen nicht

Europäische Umweltagentur sieht Europas Umwelt weiterhin unter Druck

Das Leben wird für alle im nächsten Jahrtausend nicht mehr schön sein

Ein Bericht warnt vor einer düsteren Zukunft der Menschheit

Notwendig ist eine Dematerialisierung und Verlangsamung unseres Lebensstils

Ein Gespräch mit F.-J. Radermacher vom FAW über die nachhaltige Informationsgesellschaft

Jahrtausenderwärmung

Dieses Jahrzehnt war das wärmste seit 1000 Jahren

We told you so ...

Interview mit dem Zukunftsforscher Dennis Meadows

Die Zerstörung der Natur beschleunigt sich

Der WWF erstellt einen Living Planet Index

Ein einfacher PC mit Bildschirm verbraucht 19 Tonnen Ressourcen

Florian Rötzer sprach mit Jürgen Malley über den Ressourcenfresser PC und eine nachhaltige Informationsgesellschaft.

Computerschrott - wohin damit?

Das Problem ist hinlänglich bekannt - eine weltweit steigende Zahl an Computernutzern läßt die Müllberge aus Altgeräten der Informationstechnologie jährlich größer werden.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS