Der Kapitalismus überrollt die Wirklichkeit mit der Fiktion

Douglas Rushkoff 21.12.1999

Warum ETOY sich nicht durch eToys erpressen lassen sollte

Zur Unterstützung der Künstlergruppe ETOY in der Auseinandersetzung um den Domainnamen mit eToys wurde gestern im Moma, New York, eine Pressekonferenz durchgeführt, auf der Douglas Rushkoff diesen Text vortrug.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Wie sich die Zeiten geändert haben. Als sich die kommerziellen Interessen auf das Internet zu richten begannen, empfanden viele von uns die Sorge, dass sie den wesentlichen Charakter dieses Raums verändern würden, nämlich dass sich eine Kommunikationsinfrastruktur in ein elektronisches Kaufhaus verwandeln würde.

Doch Wired, Cyber-Libertäre und E-Commerce-Enthusiasten erinnerten uns an die einfache Tatsache, dass das Internet unbegrenzt viele Grundstücke zur Verfügung stelle. Es gibt einen Platz für alle. aber das ist nicht so.

Eine internationale Künstlergruppe hatte die Bedrohung verstanden, die von der Konsumorientierung, dem Marketing und der Aktienspekulation für die Internetgesellschaft und die Kultur im Allgemeinen ausgingen. 1994 schufen sie ETOY, ein Kunstprojekt, das im öffentlichen Bereich stattfinden sollte. Es sollte eine Satire auf das kommerzielle Wertesystem und zugleich ein Barometer für den Informationsraum sein. Indem ETOY beispielsweise symbolische "Wertpapiere" verkaufte, konnte die Gruppe die lächerlichen Spekulationen und Bewertungen des Schneeballsystems bloßstellen, das man auch NASDAQ nennt, wo Millionen Dollars von Menschen mit der besten Story oder dem besten Dot.com-Markennamen erzielt werden. Der Markennamen ETOY wurde geschaffen, um die Kunst in Konkurrenz zum Kommerz treten zu lassen.

EToys, die E-Commerce-Firma, ging erst zwei Jahre nach ETOY online. Aber weil sie "wirkliche" Geschäfte machen, was heißt, dass sie als Story dienen, aufgrund derer Investmentdollar akkumuliert werden können, haben das Gericht und Internic sich entschieden, deren Interessen zu unterstützen. 1999 übernimmt der Kommerz die Vorherrschaft und kann ein Künstler auf illegitime, unlogische und illegale Weise aus dem Internet gedrängt werden.

Doch in einem Zeitalter, in dem der "Mensch des Jahres" des Time-Magazins ein E-Commerce-Händler ist, der bislang keinen Pfennig an seinem Handel, aber Milliarden durch die Buchstaben seines Markennamens verdient hat, ist das keine Überraschung. Wie die europäische Künstlergruppe sind wir hier, um dagegen das Prophezeite zu kämpfen, weil der durch Computer beschleunigte Kapitalismus es der Fiktion ermöglicht, die Wirklichkeit zu erobern.

Ich bin oft gefragt worden, warum ETOY nicht die 500000 Dollar genommen hat, die ihnen angeboten wurden, wenn sie ihren Namen ändern. Erstens "ist" ETOY ihr Name. Würde man Warhol gebeten haben, das Recht zu verkaufen, seinen eigenen Namen für seine Werke zu verkaufen? ETOY ist ein wirkliches Projekt, und der Wert des Namens ist wesentlich für den Wert des Ganzen. Über ein Dutzend Künstler haben fünf Jahre lang dafür gearbeitet. Rechnen Sie sich das selbst aus. Zweitens, wenn ETOY Geld annehmen würde, um einen künstlerischen Raum dem kommerziellen Raum zu unterwerfen, dann geht dies gegen das, was diese Künstler zu ihrer Lebensaufgabe gemacht haben. Wenn eToys, die E-Commerce-Firma, ETOY, das Agitprop-Experiment im Internet, kontrollieren will, dann können wie jeder andere auch ETOY-Wertpapiere kaufen. ETOY wird und sollte sich nicht durch ein Unternehmen erpressen lassen.

ETOYs Widerstand zeigt, dass das Saldo unserer Kultur nicht das Saldo sein muss. ETOY wird seine Shareholder nicht zurücklassen, indem die Gruppe das Geld nimmt und damit verschwindet. Im Unterschied zu fast allen anderen im Raum des Internet haben sie keine "Ausstiegsstrategie", weil sie hier bleiben wollen. Und im Unterschied zu eToys ist ETOY mehr als eine URL. Der Name ist nicht zu verkaufen.

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Florian Rötzer

http://www.heise.de/tp/artikel/5/5612/1.html
Kommentare lesen (13 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Der Domainnamenkonflikt zwischen Etoy und eToys spitzt sich zu

Florian Rötzer 18.12.1999

Die Künstlergruppe kann nicht mehr ihre Emailadresse benutzen, die Website des Electronic Disturbance Theater, auf der zum "virtuellen Sit-in" gegen eToys.com aufgerufen wurde, musste vom Netz genommen werden, und John Perry Barlow solidarisiert sich.

Der Konflikt zwischen der schweizerischen Künstlergruppe Etoy.com und dem Online-Spielehändler Etoys.com::www.etoys.com/ spitzt sich weiter zu. Ende des letzten Monats hatte ein Gericht in Los Angeles eine einstweilige Verfügung ausgesprochen, die es Etoy.com verbietet, weiterhin den Domainnamen zu führen (ETOY enteignet::5554). Die Künstlergruppe hatte aus Angst vor hohen Geldstrafen nachgegeben und führt ihre Website jetzt als abgespeckte Exilseite::146.228.204.72:8080/ mit der numerischen Adresse weiter. Aus Solidarität hatten sich einige Initiativen formiert, um mit Aktionen den Kampf von Etoy gegen den Spielehändler zu unterstützen, was bis hin zu Vorschlägen reichte, die Firma finanziell zu ruinieren oder die Website zu cracken.

weiterlesen

Des Führers Arzt trifft des Satans nackte Sklavin

Subversive Arztfilme der 1950er - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen
Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Abgefahren

Auch der endgültige Stillstand gehört zur Dromologie

bilder

seen.by


TELEPOLIS