Im richtigen Leben Maler

Tilman Baumgärtel 29.12.1999

"Die Tricks der Internet-Künstler" von Frank Puscher bietet Ansätze zu einer materiell orientierten Netzkunstkritik

Der Hamburger Journalist Frank Puscher beschäftigt sich in seinem ersten Buch mit dem vieldiskutierten Thema auf eine unerwartete Weise: er geht an die Websites von Künstler als Demonstrationsmaterial für Webdesign an. Die Tricks der Internet-Künstler ist eigentlich dem Genre der "HTML-Referenz" zuzuschlagen: How-to-Bücher, die Informationen zum Gebrauch von HTML mit Beispielen aus der Praxis verbinden. Während die meisten dieser Bücher vorwiegend Websites von kommerziellen Designern als Vorbilder auswählen, hat sich Puscher seine Beispiele vorwiegend aus der freien Kunst zusammengesucht.

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Eigentlich soll das Buch seinen Lesern - als Zielgruppe darf man sich wohl angehende Webdesigner vorstellen - anhand von Kunstsites die Anwendung bestimmter Netz-Techniken und Protokolle vermitteln. Es ist mehr Gebrauchsanweisung denn Kunstbuch und nicht nach künstlerischen Motiven, Künstlerbiografien oder Perioden sortiert, sondern nach technischen Aspekten. Themen wie Animationen, HTML, der Aufbau von Websites und Interface, oder auch Shockwave, Flash und andere Plug-Ins strukturieren das Buch.

Doch was als technische Anweisung gedacht ist, erlaubt zum Teil verblüffende Einsichten in die Wirkungs- und Darstellungsweisen der Netzkunst. Statt gedankenschwerer Reflexionen und bemühter kunsthistorischen Betrachtungen erklärt Puscher wie Websites praktisch gemacht werden, und oft genug nebenher auch gleich noch, "was uns der Künstler damit sagen will." Wohl ohne es gewollt zu haben, macht er damit auf einem Mangel aufmerksam, der den allergrößten Teil des Schreibens über Netzkunst prägt: ihre Fixierung auf die konzeptuellen Aspekte dieser Kunst bei gleichzeitiger Vernachlässigung der "materiellen", ihre Erscheinung betreffenden Aspekte.

Fragen, die sich jeder Kunsthistoriker bei der Betrachtung eines Gemäldes stellt, werden bei Netzkunst meist schlicht übergangen: Wie ist das Bild beziehungsweise das Interface aufgebaut? Welche Farben dominieren? Welche Elemente prägen durch welche Art von Anordnung die Gestaltung? Fragen, die bei der Bildbeschreibung im Kunstleistungskurs in der gymnasialen Oberstufe eine Rolle spielen, aber nicht bei der Reflexion über Kunst im Internet. So bietet dieses Buch, obwohl es weder von einem Kunstkritiker geschrieben wurde noch sich an ein Kunstpublikum richtet, Ansätze zu einer "materiell" orientierten Netzkunstkritik. Es ist auch eine Aufforderung zum Hinsehen.

Witzigerweise scheint Puscher dabei von der Debatte, die sich um die Netzkunst/net.art auch in der Telepolis entwickelt hat, nichts so wissen. "Auch wenn dieses Buch von Internet-Künstlern spricht, so steht für mich Kunst nicht im luftleeren Raum. Sie kann jederzeit auch auf kommerziellen Seiten stattfinden", schreibt Puscher im Vorwort und vermischt bei seinem Beispiel Netzaktivitäten, die sich inzwischen als High Art qualifiziert haben, mit interaktiven Albernheiten von einem "Doc Ozone", und selbsternannte Klassiker der Netzkunst wie den Arbeiten von Olia Lialina (deren Seiten als exemplarisch für die Framestechnik wie für DHTML zitiert wird) mit Arbeiten von Großkünstlern wie Jochen Gerz oder Peter Halley ("der auch im richtigen Leben Maler zu sein scheint", wie Puscher schreibt). Witzigerweise fehlen in seinem Buch darum auch Netzkunst-Größen wie Jodi und Heath Bunting, obwohl man sich von ersteren bestimmt einiges in punkto HTML-Design, bei letzterem ein bisschen PERL abgucken könnte.

Aber der 34-Jährige Puscher, der beim Aufbau von Burdas spektakulär versenkten Webprojekt "Europe Online" dabei war und seither als freier Autor für die Internet-Fachpresse arbeitet, ist auf seine Beispiele nicht durch die Kunstpresse oder den documenta-Katalog aufmerksam geworden, sondern offensichtlich durch geduldiges Surfen. Die Liste der Arbeiten, die er vorstellt, hat darum wenig mit dem Kanon der Netzkunst zu tun, an dem zur Zeit eifrig gearbeitet wird, und dient darum nebenher als kleine Erinnerung daran, wie zweifelhaft dieser Kanon nach wie vor ist.

Puschers anschauliche Beschreibungen öffnen dem Surfer die Augen für die gestalterischen Aspekte und visuellen Details von Websites, die man sonst leicht übersieht oder für selbstverständlich nimmt. Zwar beschränkt sich sein Zugang zur Netzkunst auf Arbeiten im WorldWideWeb, aber sogar da ist Puscher sympathischerweise ganz Old School, plädiert für HTML-Seiten, die nicht größer als 50 K sein sollten, und findet ansonsten, dass "HTML alles kann, wenn man sich auf sich selbst und nicht auf ein Programm verlässt." Auch wenn das Buch für Webdesigner geschrieben wurde, sind auch die technischen Erklärungen durchgehend verständlich und werden durch ein fantastisches Buch-Design noch wirkungsvoll unterstützt. Dieses Buch ist eine Pflichtlektüre für jeden, der sich ernsthaft mit Netzkunst auseinandersetzen will.

Puscher, Frank: Die Tricks der Internet-Künstler, dpunkt.verlag (Heidelberg 1999), 221 Seiten, 69 Mark

http://www.heise.de/tp/artikel/5/5637/1.html
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