Kulturkämpfe im digitalen Kapitalismus

Stefan Krempl 02.02.2000

Peter Glotz, die Beschleunigung, die Mühsiggangster und die Zweidrittelgesellschaft

Ein Schreckgespenst geht um in Europa: der digitale Kapitalismus. Noch zeigt der Unhold nur schemenhaft seine Fratze, wenn sich die Mächtigen der (westlichen) Welt zum Networking in einem kleinen schweizerischen Kurort treffen, wenn die Dot.coms ihre Börsenwerte einige hundert Prozent steigern oder wenn selbst gestandene Tageszeitungen plötzlich das neueste Startup bejubeln, das den virtuellen Hammer auf der tausendundeinsten Auktions-Site wirbeln lässt. Und natürlich wenn AOL als das Über-Dot.com die alte Medienwelt verschluckt und verschreckt oder Vodafone-Airtouch einen deutschen Industriebetrieb wegen seiner Mobilfunkeinheit für ein potentielles und begehrenswertes Dot.com hält. Unsichtbar rauschen hinter dieser Oberfläche die durch nichts mehr in ihrer Mobilität gehinderten Daten und Finanzwerte durch die Netze, in denen der Nachfolger des industriellen Spätkapitalismus' seine immaterielle Basis hat.

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Die intellektuelle Welt wartet gleichzeitig auf den Marx und Engels der Informationsgesellschaft, der das digitale Proletariat, die Globalisierungsverweigerer und die Freunde der Langsamkeit vereint. Diesen Anspruch will Peter Glotz zwar nicht erheben, erklärte der Autor des vergangenen Herbst erschienenen Buches "Die beschleunigte Gesellschaft" gestern in einem Vortrag beim SiemensForum in Berlin. Eher fühlt sich der ehemalige Bundesgeschäftsführer der SPD, der nach Aufgabe seiner Funktion als Gründungsrektor der Uni Erfurt momentan an der Universität St. Gallen einen MBA am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement aufbaut, Alexis de Toqueville verbunden, wenn er die "Kulturkämpfe im digitalen Kapitalismus" beschreibt. Der Franzose war von seiner Nordamerikareise im Jahre 1832 so beeindruckt gewesen, dass er die Prinzipien und Werte der neuen Gesellschaft in seinem Buch "Über die Demokratie in Amerika" berichtet.

Die Demokratie und vor allem der Sozialstaat europäischer Prägung könnten durch den digitalen Kapitalismus allerdings in schwere Bedrängnis geraten. Für Glotz führt die mit den neuen Technologien und ihrer Einsetzung im Markt verbundene Beschleunigung in Europa zu einer "Zweidrittelgesellschaft": Obwohl seiner Ansicht nach dank Leibnitz und seiner Monaden, den Einzellern des Seins, das Prinzip von 0 und 1 und damit die Grundlage der digitalen Revolution in Europa erfunden worden sei, habe die "monopolare Weltmacht" USA inzwischen einen großen Vorsprung im technischen Bereich. Alle für den digitalen Kapitalismus wichtigen Technologien und Anwendungsprinzipien seien - mit Ausnahme des World Wide Web - seit 1945 jenseits des Atlantiks erfunden worden. Europa, seine behäbige Gesellschaft und seine Unternehmens-Pötte seien da einfach zu schwerfällig, wirklich mitzuziehen.

Das Ergebnis zeichnet sich für Glotz unumstößlich ab: es entsteht die zerklüftete Gesellschaft, die zu zwei Dritteln aus "Symbolanalytikern" besteht - einer Art virtuellen Klasse, die die digitalen Zeichen der Zeit zu lesen versteht. Das untere Drittel bildet das digitale Proletariat, die klassische Unterschicht mit ihren Arbeits- und Obdachlosen, die allerdings ergänzt wird durch eine Heerschar "glänzend ausgebildeter Technologie-Gegner, die einfach nicht mitmachen".

Sand im Getriebe: die Mühsiggangster

Als Paradebeispiel für die Verweigerer dienen Glotz die Berliner "Mühsiggangster", die ihre Philosophie aus dem gleichnamigen "Kontemplationsblatt" der Arbeitslosenszene beziehen. Die Zeitgauner protestieren gegen die vom digitalen Kapitalismus befürworteten Prinzipien - Glotz zählt dazu vor allem die Beschleunigung, die Globalisierung, die Dezentralisierung und die Vorherrschaft der Software. Sie treten ein für die umfassende Entschleunigung des Lebens, wenden sich gegen Arbeit als Sinngebungsfaktor und möchten nicht wie der gestresste Manager immer am Rande des Nervenzusammenbruchs dahinvegetieren.

Es handele sich momentan vielleicht noch um eine "verrückte Spinnergruppe", doch ergänzt würden ihre Auffassungen von einzelnen Bundestagsabgeordneten, die der Meinung seien, dass "wir von einer Horde arbeitswütiger Narren" regiert würden. Glotz ist sich daher sicher: "Die neue Ideologie greift um sich wie ein Ölfleck." Sie verbinde sich mit einer antirationalen Kulturkritik und einer Dosis neuer, mythisch angehauchter Religiosität sowie dem Bestreben, sich im Cyberspace einem virtuellen Sinnes- und Medientaumel hinzugeben.

Angesichts des bunt ausgemalten Szenarios wird nicht ganz klar, ob Glotz letztlich mit den Mühsiggangstern sympathisiert oder doch eher den "Ruck" einfordert, der auch das gute alte Europa dem digitalen Kapitalismus entgegentreibt. Auf den Vorwurf hin, er beschreibe ein "Ideal" mit seiner Zweiklassengesellschaft, wurde der Vorzeigeintellektuelle der SPD jedenfalls laut: Er beschreibe eine "Erdbebengefahr", nicht mehr und nicht weniger. "Ich will nicht die Zweidrittelgesellschaft - ich sage nur, dass sie kommt."

Kann und soll die europäische Politik den digitalen Kapitalismus zügeln?

Vielleicht kommt sie aber doch nicht, wenn die Politik "intelligent reagiert" auf die Herausforderungen der digitalen Revolution und ihres "Schwarms" von Technologien. Glotz fordert von einer zeitgemäßen, europagerechten Politik unter anderem die Schaffung einer Grundversorgung für alle sowie die Modernisierung des Bildungssystems, die auf die Internationalisierung des Bildungsmarkts reagiere. In Deutschland gebe es noch keinerlei Wettbewerb zwischen Universitäten, da "der deutsche Student dort studiert, wo die Waschmaschine seiner Mutter steht." Auch das vielbeschworene Life Long Learning sei an deutschen Unis eine "reine Phrase". Sie würden nämlich keine wirkliche Weiterbildungsmaßnahmen anbieten, da die Bürokratie verhindere, dass entsprechende, nach Prinzipien der Privatwirtschaft agierende Institute gegründet werden könnten.

Eine Elite von 5 Prozent mache sich aber schon heute auf nach Amerika, um sich dort an den viel geschickteres "branding" und "fundraising" betreibenden Universitäten ihre Ausbildung zu machen. Die Bildung werde immer stärker zum "tradeable good" und zum Service in der digitalen Gesellschaft. Vier Wochen Präsenzseminar in Malibu würden virtuelle Lernphasen und am Ende eventuell eine Prüfung am Frankfurter Flughafen folgen. Immer mehr deutsche Studenten würden so durch Online-Studiengänge von Stanford und Co ihre Business-Card erwerben. In Regensburg würden dann eben nur noch der Umweltreferent fürs Landratsamt oder der Tierarzt für Murnau ausgebildet, während die Vorstandsmitglieder der europäischen Aktiengesellschaften alle ihre Case-Studies in den USA lernen. Die Frage, die sich Glotz angesichts dieser Entwicklung stellt, ist: "Wie soll der europäische Sozialstaat da noch übrig bleiben?" Den müsse man zwar verschlanken, aber das "kalifornische Gegenmodell" könne er auch nicht empfehlen, wenn wir unsere Städte auch in Zukunft noch ohne Angst betreten können wollten.

Glotz Forderung lautet daher, das Bildungssystem so zu gestalten, dass einerseits Bildung für alle garantiert werde, aber andererseits auch Einrichtungen gefördert würden für die Ausbildung von Eliten, "die es mit dem MIT aufnehmen können." Gravierende Änderungen sieht Glotz, der sich während seiner Politikertage für die Schaffung des dualen Rundfunksystems genauso ausgesprochen hat wie für die Privatisierung der Telekom, in der europäischen Haltung zur Medienpolitik nötig. Angesichts von Megamergers wie von AOL und Time Warner müsse man sich fragen, ob man einen Markt tatsächlich dadurch regulieren könne, indem man etwa eine Kooperation von Kirch und Bertelsmann wie einst fürs digitale Fernsehen geplant verbiete: Wie lange würden Unternehmen wie die Telekom noch übrig bleiben, wenn ein Konkurrent aus den USA ernsthaft Interesse an ihnen zeige?

Bleibt nur die Frage, ob die Mischung von Deregulierungs- und Liberalisierungsansätzen amerikanischen Musters mit den Relikten europäischer Sozialpolitik wirklich eine Basis bietet, um die Zweidrittelgesellschaft zu verhindern sowie gleichzeitig die sich abzeichnenden Auswüchse des digitalen Kapitalismus vor dem europäischen Haus abzuschütteln und die Kolonialisierung des alten Kontinents zu verhindern. Marx und Engels des 20. Jahrhunderts, bitte melden. Paging Mr. Barbrook ...

http://www.heise.de/tp/artikel/5/5740/1.html
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