Gehirngröße und Gewalt
Wissenschaftler glauben, eine Prädisposition zum antisozialen Verhalten im Gehirn feststellen zu können
Schon alt ist der Glaube, dass sich das Verhalten und damit auch die Persönlichkeit eines Menschen in seinem Körper niederschlägt. Umgekehrt glaubte man, aus dem Körper, dem Schädel oder dem Gesicht eines Menschen seine Persönlichkeit oder seine Intelligenz ablesen zu können. Im Zeitalter der Molekularbiologie und der Neurowissenschaften sucht man daher nach den biologischen Grundlagen nicht nur einzelner Verhaltensweisen oder neurologischer bzw. psychischer Störungen, sondern auch von persönlichen Eigenschaften in den Genen oder in Hirnarealen. Die Neurowissenschaft hat schließlich gezeigt, dass Hirnaktivitäten jeweils auch in bestimmten Arealen lokalisiert sind. Gerade die neuen, nicht-invasiven bildgebenden Verfahren zeigen, welche Regionen im Gehirn bei welchen Tätigkeiten aktiv sind. Da wir gleichzeitig immer besser imstande sind, direkt auf das Gehirn durch operative und medikamentöse Mittel einzugreifen oder gar beschädigte Funktionen und vielleicht irgendwann auch neue Funktionen durch die Implantation von neurotechnologischen Prothesen zu ersetzen oder hinzuzufügen, steht nicht nur die Gentechnik zur Verbesserung der Menschheit vor der Haustür, sondern vielleicht auch eine ingenieurstechnisch angelegte Gehirntherapie, die weit über das hinausgeht, was bislang Psychiatrie, Neurologie oder Psychotherapie zu machen imstande waren.
Johann Caspar Lavater hat etwa mit seiner "Physiognomik" im 18. Jahrhundert die Grundlage für eine solche Identifizierung von persönlichen oder psychischen Eigenschaften mit dem körperlichen Erscheinen gelegt: Physiognomik war für ihn "die Wissenschaft, den Charakter (nicht die zufälligen Schicksale) des Menschen im weitläuftigsten Verstande aus seinem Äußerlichen zu erkennen". Natürlich war auch immer interessant, warum Menschen gewalttätig und kriminell werden. Eine irgendwie geartete biologische Erklärung hatte einerseits den Reiz, wissenschaftlich zu sein, und andererseits, die Gesellschaft von Verantwortung freizusprechen. Im letzten Jahrhundert legte der italienische Arzt Cesare Lombroso so die Grundlage für eine biologische Kriminologie, die davon ausging, dass der "geborene Verbrecher" an körperlichen Äußerlichkeiten zu erkennen sei, z.B. durch eine fliehende Stirn, riesige Unterkiefer, große Augenhöhlen, hervorstehende Augenwülste und überhaupt eine Asymmetrie des Gesichts. Aufbauend auf den Schädelvermessungen von Franz Josef Gall legte auch Lombroso Vermessungen von Soldaten und Strafgefangenen zugrunde. Ein Vorgehen, das bekanntlich die Nazis mit ihrer Eugenik und Rassenlehre wieder aufgegriffen haben. Später neigte man dazu, sogenannte Triebtäter neurochirurgisch zu behandeln, indem etwa man bestimmte Gehirnareale, die mit Aggressivität oder sexuellem Antrieb verbunden wurde, zu entfernen, um sie dadurch zu "heilen".
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Natürlich ist man immer auch auf der Suche nach genetischen Grundlagen, die kriminelles Verhalten bedingen könnten, während man weiterhin versucht, auch andere kognitive Eigenschaften wie herausragende Intelligenz auch an identifizierbaren Strukturen im Gehirn nachzuweisen. So hatte man erst vor kurzem einmal wieder das Gehirn von Einstein untersucht und festgestellt, dass bei ihm die Parietallappen ungewöhnlich stark entwickelt gewesen seien.
Seit längerem glauben Neurobiologen, dass es im Gehirn einen Bereich gibt, das für soziales Verhalten verantwortlich ist. Lokalisiert soll es ebenfalls Parietallappen, also im präfrontalen Cortex, sein, der unmittelbar hinter den Augen liegt. Gesteuert werden hier angeblich das Zusammenspiel von Aufmerksamkeit, Erregung und Gefühlen, hier soll aber auch das Zentrum sein, das für die Empfindung von Mitleid, für das Gewissen oder das Einfühlen in die Mitmenschen zuständig ist. Und just hier haben Psychologen der University of Southern California mit bildgebenden Verfahren bei sogenannten Psychopathen mit der Diagnose einer antisozialen Persönlichkeitsstörung (APD) festgestellt, dass bei diesen die Neuronenverbände im präfrontalen Cortex zwischen 11 bis 14 Prozent kleiner als bei "normalen" Menschen seien. ADP wird bei Vorliegen von Verantwortungslosigkeit, Impulsivität, Reizbarkeit, Mangel an Gefühlstiefe, Fehlen von Mitleid und antisozialem Verhalten diagnostiziert. Untersucht wurde allerdings nur eine kleine Gruppe von Männern mit ADP, die schwere Gewaltverbrechen begangen haben. Auf der Grundlage der Untersuchung von 21 Männern also glauben die Wissenschaftler einen Hinweis dafür gefunden zu haben, dass sich bei Menschen, die zu gewalttätigem und antisozialem Verhalten neigen, eine abnormale Verkleinerung des präfrontalen Cortex finden lässt. Und da die Wissenschaftler sagen, dass es sich um die erste Untersuchung handelt, die bildgebende Techniken bei antisozialen Menschengruppen eingesetzt habe, darf man wahrscheinlich noch weitere Ergebnisse erwarten, die Persönlichkeitsstörungen mit strukturellen Gehirnanomalien verbinden.
Ein kleinerer präfrontaler Cortex kann für die Wissenschaftler dafür verantwortlich sein, dass die Fähigkeit zur Selbstkontrolle und Voraussicht geringer ist, dass das Gewissen nicht ausgebildet wird, weil die soziale Konditionierung nicht greift, in der asoziales Verhalten mit Strafen verbunden wird, und dass nur eine abgesenkte Möglichkeit zu einer autonomen Erregung besteht, weswegen gewissermaßen zur Stimulation starke äußere Reize herbeigeschafft werden müssen. "Für manche Kids", so Adrian Raine, Mitautor des in den "Archives of General Psychiatry" veröffentlichten Artikels, "besteht eine Möglichkeit, sich eine Erregung zu verschaffen, im Ausrauben von Geschäften oder im Zusammenschlagen von Menschen." Das geringere Volumen im präfrontalen Cortex und der abgesenkte autonome Erregeungslevel könne mit einer Genauigkeit von 70 Prozent die Diagnose einer ADP vorhersagen lassen und wäre mit der Diagnosegenauigkeit identisch, mit der ADP aus "psychosozialen Risikofaktoren" wie Armut, Kriminalität der Eltern und körperlichem oder sexuellem Missbrauch erkannt werden könne. Nimmt man beide Diagnoseverfahren zusammen, so ergebe sich eine Trefferwahrscheinlichkeit von 88 Prozent.
Auch wenn es zutreffen sollte, dass gewalttätige und kriminelle Menschen einen kleineren präfrontalen Cortex haben, ist deswegen natürlich noch nicht die Frage geklärt, ob das eine Folge der Vererbung oder der sozialen Bedingungen ist. Gleichwohl glaubt Raine, dass Menschen, die seit der Geburt mit präfrontalen Defiziten im Sinne der Arealgröße aufwachsen, schlechtere Chancen haben und für antisoziales Verhalten prädisponiert seien, auch wenn er einschränkt, dass manche Menschen mit präfrontalen Defiziten nicht kriminell werden und manche Kriminelle keinen kleineren Parietallappen haben. Doch für ihn spricht der Befund dafür, dass man sich die Frage stellen müsse, ob man gestörte Hirnfunktionen als Grund für manche kriminelle Taten berücksichtigen müsse: "Wenn man davon ausgeht, dass diese Menschen nicht für ihre eigene Gehirnschädigung verantwortlich sind, sollten wir sie dann für ihre Verbrechen voll verantwortlich machen?" Man könne zwar große Hirnschädigungen noch nicht wiederherstellen, aber die Gesellschaft müsse sich in Zukunft dem Problem einer "biologisch bedingten Gewalttätigkeit" stellen: "Wir dürfen körperlichen und sexuellen Missbrauch oder Armut nicht außer Acht lassen. Das ist sehr wichtig. Aber ich glaube, ein Grund dafür, warum wir bislang noch keine wirksamen Behandlungen und Eingriffe entwickelt haben, ist, dass wir die biologische Seite der Gleichung nicht beachtet haben."
Man müsse die Kräfte auf die kleine Gruppe der Kinder, auf die 5 Prozent derjenigen konzentrieren, "die später in ihrem Leben 50 Prozent der Verbrechen und Gewalttätigkeiten begehen werden", sagte Raine, der natürlich gleichzeitig auch der Meinung ist, dass die Behandlung von erwachsenen Tätern oder von jugendlichen Delinquenten im Gefängnis nutzlos sei. "Wir müssen diese Jugendlichen viel früher erreichen, wenn ihre Gehirne noch plastisch sind." Also kommen zu den Intelligenztests demnächst möglicherweise nicht nur Gentests, sondern auch Gehirnuntersuchungen. Wer ein auffälliges Gehirn hat, wird dann verhaltens- oder kognitionstherapeutisch behandelt oder erhält schon mal Medikamente. Es sei aber auch möglich, die Kinder durch Biofeedback dahin zu bringen, dass sie ihre Erregung besser kontrollieren können. Vielleicht könnte man ihnen aber auch, aber so weit greift der Psychologe nicht aus, einen Chip implantieren, der einen abfallenden Erregungslevel feststellt und dann entsprechend den präfrontalen Cortex stimuliert.
Andere Neurobiologen derselben Universität glauben, dass sie den neuronalen Schaltkreis entdeckt haben, der bei Menschen dafür verantwortlich ist, dass sie unter Angstzuständen wie Panikattacken oder anderen Phobien leiden. Auch hier soll der Parietallappen übrigens eine entscheidende Rolle spielen, den er ist eine Art Entscheidungsinstanz, die andere Gehirnareale steuert und bestimmt, wie man auf Situationen reagiert: "Angsterinnerungen werden in der Amygdala gespeichert, die sie in Signale codiert und diese für die Umsetzung in Handlungen in den präfrontalen Cortex sendet." Angst, so sagen diese Forscher, sei erlerntes Verhalten, aber auch sie denken an Eingriffe in das Gehirn, um sie zu behandeln: "Wenn wir ein Medikament oder eine Gentherapie entdecken würden, das die Signalübertragung von der Amygdala zum präfrontalen Cortex unterbricht, könnten wir Angststörungen wirksam behandeln." Interessanterweise wurde die Forschung der Wissenschaftler aus Kalifornien und Frankreich auch durch Gelder von der NATO unterstützt. Vielleicht wären Menschen, die keine Angst haben oder deren Angst unterdrückt wird, ja durchaus wünschenswerte Soldaten.
Ein wenig in diese Richtung denkt auch Raine, denn die durch die Defizite im präfrontalen Cortex bedingten Persönlichkeitseigenschaften können, richtig eingesetzt, in der Gesellschaft auch gebraucht werden. Er weist darauf hin, dass bei Experten zur Bombenentschärfung der Blutdruck immer niedrig bleibt: "Das ist sehr interessant, weil man sich überlegen kann, ob biologische Prädispositionen für antisoziales Verhalten nicht auch adaptiv sein können. Die Gesellschaft braucht schließlich furchtlose Menschen, die ihr als Bombenexperten, Feuerwehrmenschen und Testpiloten dienen, wenn man sie identifizieren und ihnen rechtzeitig helfen könnte." Das ginge dann in Richtung einer biologisch bedingten Berufswahl. Und irgendwie steht hinter allen Überlegungen die Idee der Menschenzüchtung, die sich offenbar mit den Fortschritten in Gentechnik und Neurobiologie aufzudrängen scheint. Raine meinte das zwar anders, aber formuliert doch den entscheidenden Satz: "Biologie ist kein Schicksal."
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