Initiative Nachrichtenaufklärung
Interview mit Peter Ludes: "Wir müssen uns damit abfinden, dass wir mit Ungewissheiten leben."
Seit 23 Jahren listet das US-amerikanische Project Censored" die 25 vernachlässigsten Nachrichten in den US-Medien auf. Im letzten Jahr führte das geheime internationale Handelsabkommen" die Hitliste an, gefolgt von einer Geschichte, wie Chemie-Unternehmen von Brustkrebs profitieren. Ebenso werden regelmässig die Top 10 Nachrichten ausgewählt, die überproportional viel Aufmerksamkeit erhielten, die sogenannten junk food news stories. Auf Nummer 1 wurde hier die Geschichte über Clintons Sexleben gesetzt, auf Platz 2 die Spice Girls. In den USA ist das Projekt inzwischen zur festen Institution avanciert.MedienwissenschaftlerInnen und JournalistInnen riefen vor drei Jahren in Deutschland die Initiative Nachrichtenaufklärung" ins Leben. Sie wählt seither jedes Jahr die Nachrichten aus, die in Deutschland in den Medien zu kurz kamen. Das wichtigste vernachlässigte Thema des Jahres 1999 war die Rolle der Nato im Kosovo: Am Rande des Dritten Weltkriegs?". Ausgewählt wurde das Thema, da der stellvertretende US-Aussenminister S. Talbott in einem BBC-Interview im August 1999 bestätigte, dass der Befehl die russischen Truppen militärisch an der Besetzung des Flughafens von Pristina zu verhindern, eine reale militärische Gefahr darstellte. Auf den zweiten Platz der Top 8 setzte die Jury das Thema die Gefährdung bürgerlicher Rechte durch Rechtsextremismus im Internet". Auch ein Telepolis-Bericht zu den neuen Richtlinien für die militärische Weltraumpolitik des US-Verteidigungsministeriums?" fand den Weg in die Top 8.
Christiane Schulzki-Haddouti sprach mit dem Initiator des Projekts, dem Siegener Medienwissenschaftler Peter Ludes.
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Beim Project Censored" gehen jedes Jahr bis zu 1000 Vorschläge ein, wieviel sind es bei Ihnen?
Peter Ludes: 60 bis 70. Noch haben wir nur eine ehrenamtliche Initiative, die auch von studentischen Seminaren getragen wird. In diesem Jahr war sie an der Universität Siegen, im vergangenen Jahr an der Universität Dortmund. Im ersten Jahr haben wir alle Mitglieder von Fachgemeinschaften und der Kommunikationswissenschaft angeschrieben. Im Frühjahr jeden Jahres wenden wir uns an 300 Presseorgane sowie verschiedene Organisationen wie das Büro gegen Rassismus in Köln, die sich selbst als öffentlichkeitswirksam bezeichnen. Unser Verteiler umfasst inzwischen rund 1000 Adressen. Leider ist die Rücklaufquote noch gering. Dennoch ist für die Mitglieder der Jury immer etwas herausgekommen, was in der normalen Tagesberichterstattung unter den Tisch gefallen war. Ich bin aber optimistisch, dass wir in den nächsten Jahren einige hundert Rückmeldungen erhalten werden.
Welche Rolle spielen ihrer Ansicht nach Internetmagazine?
Peter Ludes: In den letzten beiden Jahren hatten wir unter den vernachlässigten Themen auch Themen zu neuen Medientechnologien. Unsere journalistischen KollegInnen haben uns gesagt, dass die normalen JournalistInnen diese Themen oft als zu schwierig ansehen und Schwierigkeiten haben, sie in der Kürze eines Rundfunkberichts oder eines Zeitungsartikels zu erklären. Daher wird eher nicht über diese Themen berichtet. Computermagazine wie Internetworld oder Internetmagazine wie Telepolis stellen über einen Spezialbereich Informationen zur Verfügung, wo man sich sagt: Das ist doch wirklich viel wichtiger, als das, was in den Tageszeitungen und Fernsehnachrichten kommt." Aber diese Themen und Kompetenzen sind in der Regel in den Redaktionen nicht vertreten. Allerdings können solche Redaktionen ja auch in relativ kurzer Zeit Expertise von außen einholen und dann darüber berichten.
Wird es irgendwann mal einen Preis geben?
Peter Ludes: Das ist eine gute Idee. Aber es gibt bereits sehr viele JournalistInnen-Preise. Unser primäres Ziel liegt darin, dazu beizutragen, dass investigativer Journalismus sowohl in der JournalistInnenausbildung als auch in den unterschiedlichen Redaktionen als grundlegender Bestandteil der Öffentlichkeitsbildung, sowie der Wahrung der Demokratie anerkannt wird.
Es gibt also keinen Preis?
Peter Ludes: Das wäre zu individuell und ereignisbezogen. Stipendien wären sinnvoller, ebenso das Sponsoren einer bestimmten Seite. Eine Tageszeitung oder ein Online-Magazin oder ein Hörfunkprogramm könnte versuchen, bewusst für ein halbes Jahr vernachlässigte Themen zu recherchieren und darüber zu berichten. In einem zweiten Schritt müsste man dann in anderen Medien darauf aufmerksam machen.
Nach welchen Kriterien wählen Sie aus?
Peter Ludes: Wir wählen Themen aus, die wir selbst noch kurz nachrecherchieren konnten. Zu den Grundkriterien gehört: Gibt es dazu zwei verschiedene Berichte? Wurde in den allgemeinen Medien sehr wenig darüber berichtet?
Welchen Erfolg konnten sie bislang erzielen?
Peter Ludes: Später wurden diese ausgewählten Themen stärker in der Berichterstattung berücksichtigt. Im letzten Jahr hatten wir beispielsweise auf Platz 3 die Frage, ob die Chinesische Botschaft in Belgrad absichtlich bombardiert worden war? In der Jury hatten wir das sehr kontrovers diskutiert. Im Spiegel" gab es jetzt eine Serie, in der diese Vermutung eher bestätigt wurde, weil von dort aus Funksignale an die jugoslawische Armee im Kosovo gesandt wurden.
Jede Gesellschaft hat ihre Tabus, ihre Vernachlässigungen. Das liegt auch daran, dass es zu bestimmten Themen keine Medien gibt. Wir hoffen, dass nach und nach Themenbereiche wie Geheimdienste, Militär und ne/ue Medien- und Kommunikationstechnologien viel stärker berücksichtigt und in anderen Medien kompetent behandelt werden.
Warum gibt es hier nicht wie in den USA einen ausgeprägten investigativen Journalismus?
Peter Ludes: In Deutschland gibt es noch keine Spezialausbildung Investigativer Journalismus". Nach den jetzt bekannt gewordenen CDU-Skandalen ist das jedoch wichtiger denn je. Wir haben kein spezielles Reservoir von JournalistInnen oder ExpertInnen, die sich für eine Recherche einige Monate Zeit nehmen können. Grosse Zeitungen oder Nachrichtenmagazine können einzelne ein bis drei Monate auf ein Thema ansetzen, aber das ist die Aussnahme.
Wird es jemals ein Buch zu Ihrer Initiative geben?
Peter Ludes: Wir haben letztes Jahr das Buch Medienwissenschaft und Medienwertung" veröffentlicht. Das war das Thema einer grösseren Tagung in Siegen. Darin sind auch drei grössere Beiträge zur Initiative Nachrichtenaufklärung" enthalten. Darin geht es um unsere Bewertungskriterien, um die Frage, warum bestimmte Themen verschwiegen werden, sowie um das Kollektive Vergessen".
Wie sind die Reaktionen von Aufklärermagazinen wie Der Spiegel" Ihnen gegenüber?
Peter Ludes: Wir haben jetzt eben einen Leserbrief hingeschrieben, der allerdings nicht veröffentlicht wurde: Sowohl Platz 1 als auch Platz 3 des vergangenen Jahres wurde jetzt im Spiegel thematisiert. Die Resonanz ist jedoch bei Hörfunkprogrammen gut. Manchmal haben wir auch Anfragen von Magazinen und Tageszeitungen zu bestimmten Themen, ob wir Hintergrundinformationen haben. Doch sonst ist die Resonanz eher gering.
Gibt es auch ermutigende Reaktionen?
Peter Ludes: Von KollegInnen aus dem Kommunikationsbereich werde ich allerdings immer auf die Initiative angesprochen. Sie halten sie für genau richtig.
Gibt es in den USA eigentlich eine direkte Zensur der Medienberichterstattung?
Peter Ludes: Es gibt ökonomische Durchgriffe: Zeitungseigner, wenn sie Teil von Konzernen sind, setzen bestimmte Richtlinien. Zu dieser Thematik gibt es in den USA, anders als in Deutschland, spezielle Untersuchungen. Als Anfang der 80er und Anfang der 90er Jahre mehr als Tausend Journalisten und Journalistinnen befragt wurden, wie sie ihren persönlichen Freiheitsraum einschätzen, also ob sie frei recherchieren können und ihre Themen frei wählen können, war der Trend eindeutig: Anfang der 90er Jahre waren die JournalistInnen der Auffassung, dass ihr Freiheitsraum erheblich zurückgegangen war. Nur bei Wochenzeitungen ist der Freiraum gestiegen, bei allen anderen Medien ist er gesunken. Weniger als die Hälfte aller US-amerikanischen Hörfunk- und FernsehjournalistInnen waren der Auffassung, dass sie ungehindert Themen, die sie selbst für wichtig erachten, recherchieren und darüber unbeeinflusst berichten können.
Wie ist das hierzulande?
Peter Ludes: Es gibt hier keine vergleichbaren Zahlen. Es gibt nur Studien, die die Arbeitsverhältnisse rekonstruieren. Ein Kollege und ich haben in den letzten Jahren 150 Interviews durchgeführt. Wir haben jeweils zwei Stunden versucht, in die Tiefendimensionen der Grundauffassungen der Interviewpartner Einblick zu gewinnen. Und da hatten wir den Eindruck, dass die JournalistInnen sich in den 90er Jahren viel stärker unter Druck fühlen: Es gibt mehr Freie JournalistInnen, die einerseits in ihrer Arbeit frei sind, andererseits unter ökonomischen Zwängen stehen. Es gibt einen stärkeren Zeitdruck, weil sich im Bereich des Fernseh- und Radiojournalismus die Anzahl der Beiträge enorm ausgeweitet hat: Gab es Anfang der 80er Jahre nur zwei bis vier Nachrichtensendungen pro Tag, gibt es sie jetzt stündlich. Der Druck, die Nachrichten unterhaltsam und attraktiv zu verpacken, ist aufgrund der Konkurrenz gestiegen. Ebenso die Nachfrage nach exklusiven Nachrichten.
Sind unterhaltsame Nachrichten schlecht?
Peter Ludes: Man muss unterscheiden zwischen Nachrichten über Unterhaltungsbereiche, und Nachrichten die unterhaltsam verpackt sind. Im ersten Bereich geht es um Nachrichten über Persönlichkeiten im Showgeschäft. Zum Beispiel gab es beim US-amerikanischen Nachrichtensender ABCNBC ein offizielles Verbot, Musiktitel in Nachrichtensendungen zu spielen, um eine klare Genretrennung vorzunehmen. Das wurde in den 90er Jahren zunehmend überspielt, indem man Live-Berichte, Filmberichte gezeigt hat, in denen Musiktitel eingespielt wurden.
Was ist daran kritisch?
Peter Ludes: Es kann eine Gefährdung sein, wenn der Zuschauer nicht mehr klar unterscheiden kann, ob es darum geht, mir hier die Zeit zu vertreiben oder darum mich darüber zu informieren, was mich in meinem Leben beeinflusst. Muss ich mir hierzu eine Meinung bilden, wenn ich an der öffentlichen Entscheidungsfindung teilnehmen will? Die Frage ist hier: Soll ich diese Nachricht ernst nehmen? Wir haben es hier mit einem gefährlichen Trend zu tun: Information wird nicht mehr als wichtige Entscheidungsbasis in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen gesehen.
Wie sieht eine herkömmliche Nachricht aus, wenn sie Unterhaltungsanforderungen genügen soll?
Peter Ludes: Man bringt einen persönlichen Aufhänger. In der Politik wird nicht über Sachprogramme diskutiert, es werden keine Probleme vorgestellt, sondern das persönliche Leben und die äußere Erscheinung von Politikern. Das ist ein wichtiger Trend. Allerdings führt schon die Konzentration auf die Politik in die Irre, da die Politik auf Öffentlichkeit angewiesen ist.
Was ist so schlecht daran, einen Beitrag über den Holzmann-Konzern an einer bestimmten Person aufzuhängen?
Peter Ludes: Das suggeriert den Eindruck, als würden wichtige Entscheidungen von einer bestimmten Person abhängen. Ebenso entsteht der Eindruck, als wäre der Sachverhalt einfach und schnell zu entscheiden. Die Zusammenhänge sind meist schwieriger. Allerdings müssten JournalistInnen auch dazu beitragen, dass das Publikum erkennt, dass Zusammenhänge nicht in kurzer Zeit durchschaut werden können. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir mit Ungewissheiten leben. Wir sollten nicht so tun, als wüssten wir alles in kurzer Zeit. Den Eindruck zu vermitteln, wir haben das Wichtigste euch gebracht und damit ist es klar, ist eine grundlegende Irreführung der Öffentlichkeit. So sind die Entwicklungen nicht.
Wie können sich Freie JournalistInnen gegen den Anspruch, den die Redaktionen an sie stellen, wehren?
Peter Ludes: Das ist eine Aufgabe, die wir für unsere Arbeit sehen: Es wird sicherlich einige Jahre dauern, bis sie ähnlich wie in den USA fruchtbar wird. Journalistische Ausbildungsgänge und journalistische Selbstbewertungen müssen in diese Richtung geprägt werden. Wir versuchen darauf aufmerksam zu machen, dass es viele blinde Flecke in der journalistischen Berichterstattung gibt. Dass Redaktionen hier die Person, und weniger die Sachverhalte zeigen, hat sich erst allmählich durchgesetzt. Aber wir haben Tag für Tag im Journalismus die Möglichkeit zu entscheiden, ob wir über Personen, über Äußerlichkeiten, über Politik und über das, was man leicht sehen kann, berichten, oder ob wir mehr Zeit in weniger, aber ausführlichere Nachrichten investieren. Hier merkt man dann, dass es um Zusammenhänge geht, die nicht so leicht an einzelnen Personen aufgehängt werden können. Wenn es beispielsweise um medientechnische Entwicklungen geht, funktioniert das nicht mehr. Man kann zwar über Bill Gates berichten, aber in der Regel werden solche Themen von der normalen Berichterstattung ausgeschlossen, weil sie nicht in das übliche Schema so leicht einzufügen sind.
Medienschaffende, gesellschaftliche, wissenschaftliche und politische Institutionen aber auch interessierte BürgerInnen können Themenvorschläge für vernachlässigte Themen einreichen. Einsendeschluss ist der 15. Oktober 2000.
http://www.heise.de/tp/artikel/5/5779/1.html- ?????????????????????????????????????? (24.2.2000 0:00)
- okok (13.2.2000 16:52)
- Wenn DU (12.2.2000 20:18)
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