Virtual Bodies

Wolfgang Neuhaus 29.02.2000

Ein Online-Chat mit dem Avatar der Literaturwissenschaftlerin Katherine Hayles

Am 26. 2. 2000 veranstaltete das "Virtual Worlds Team" am Art Center College of Design in Pasadena, Kalifornien, unter Leitung des Philosophen Michael Heim zum dritten Mal das Cyberforum zum Thema "Virtual Bodies". Beim Cyberforum handelt es sich um einen Online-Chat mit Avataren. Das Team setzt dazu die 3D-Software von Active Worlds ein. Als Mischung von Vortrag und Plauderstunde ergab sich die Möglichkeit, abstrakte theoretische Diskussionen um Posthumanismus und das Verhältnis von "Embodiment" und Informationstechnologie zu streifen und dabei ganz "konkret" als körperlich-gegenständliche Figur eine Stunde in einer ungewöhnlichen Umgebung zu verbringen.

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Katherine Hayles` Avatar in der Bildmitte. Links als "foyle" der Autor dieser Zeilen

Betritt man die Welt des ACCD, landet man in einer Art Trichter, der sich nach außen wölbt und von dem aus man sich in einen großen dreidimensionalen Raum weiterbewegen kann. Klickt man auf die vielen kugelförmigen Objekte, die nach und nach in dem eigenen Blickfeld auftauchen und über den ganzen Raum verteilt sind, erscheinen Namen wie "Purple Cloud", "Star Path", "Magic Egg" oder "Palace Place". Daneben eine Struktur, die wie das alte Gemäuer eines römischen Viadukts aussieht. Auf einem Turm brennt ein Feuer. Türkisfarbene Säulen, seltsame Pyramiden, Treppen, die in der Luft hängen. Eine ebene Fläche mit der Textur eines Steinbodens ist ein weiteres Detail. Fliegt man aufs Geradewohl in die virtuellen Tiefen hinaus, werden weitere Objekte sichtbar, so eines mit leicht durchsichtiger Oberfläche, das aussieht wie ein umgedrehter Wassertropfen.

Diese Objekte sind eigene Welten, gestaltet von den Designstudenten des Centers. Einige von werden als Treffpunkte für den Chat benutzt. Doch Vorsicht! Mein Versuch, den nächsten Versammlungsort auf eigene Faust durch ausprobierendes Herumfliegen zu erreichen, scheiterte jämmerlich. Wie Katherine Hayles im Verlaufe der Diskussion bemerkte, ist Navigation "a highly nontrivial event". Ich verirrte mich völlig und musste einsehen, dass nicht umsonst von Seiten der Organisatoren die jeweiligen Koordinaten der Welt angegeben werden. Tippt man diese in die Software ein, wird man augenblicklich zum nächsten Chat-Ort teleportiert und "virtualisiert" mit den anderen zusammen - ein lustiger Effekt, wenn alle Avatare zur selben Zeit an demselben Punkt aufkreuzen und dann den Raum besetzen.

Die Welt von ACCD ist zum einen die Sammlung dieser Welten, zum anderen ein Kontinuum von unbekanntem Ausmaß, wobei man bewusst darauf verzichtet hat, dem gängigen Gestaltungsprinzip virtueller Welten zu folgen und eine unendliche flache Ebene anzulegen, auf der die virtuellen Bewohner dann herumspazieren und ihre Häuser, Straßen usw. anlegen. An dem Designcenter werden nicht umsonst die ersten amerikanischen Kurse in "virtual world design" gegeben. Die Steuerung erfolgt einfach über die Tastatur und ist, wenn man über einen Prozessor schnellerer Bauart (ab 200 MHz) verfügt, absolut flüssig.

Und wie sah es mit den Avataren aus? Als "Tourist" hat man die Wahl zwischen einer blauen Vogelfigur und einer wirklich etwas trostlos aussehenden Gestalt in Grau. Wer sich als Benutzer registrieren lässt, kann zwischen raffinierteren Avatar-Modellen wählen, wie Michael Heim, der sich diesmal mit dem Namen "ommm" versehen hatte. Bunte Dummies, noch buntere Vögel, gar ein comicsartiger Smiley-Klempner (als Super Mario-Abart). Der geneigte Leser wird sich nun die Frage stellen, ob es irgendeine nachvollziehbare Korrelation zwischen Avatar-Repräsentation und Informationstiefe des Chats gegeben hat, und diese Frage muss ich klar verneinen. Im Gegenteil: es lenkt eher ab, und ich neigte dazu, in der gerade besuchten Sub-Welt umherzuschweifen und den Chat zu ignorieren. Es ist aber schon ein begeisterndes Gefühl, mit anderen Benutzern an einem virtuellen Ort in 3D zusammenzukommen (es hatten sich auch Leute aus Indien und Schweden eingefunden) und zu debattieren, wenn auch viele Diskussionsstränge brach liegen blieben. Lassen wir es also vorläufig ungeklärt, was der Gastgeber Michael Heim wohl damit meint, wenn er schreibt: "Avatar identities present both a positive transfiguration (Verklärung) as well as a less wholesome transmogrification (Verkehrung) of the human being."

Katherine Hayles nun sprach konkret über Themen ihrer Buchveröffentlichung "How we became posthuman. Virtual bodies in cybernetics, literature, and informatics" (The University of Chicago Press, 1999), so die Transformation des Humanen in das Posthumane. Der Ambivalenz, die sie dabei fühlt, wollte sie sich in ihrem theoretischen Ansatz annähern. "Distributed cognition" ist für sie ein Anzeichen des Posthumanen. "it refers to the idea that we operate in cognitively rich, information rich environments (like this one) in which the cognition that makes it possible to move in this space is embodied partly in intelligence machines, partly in human agents, partly in distributed networks." Als Notwendigkeit sieht sie für die Kulturwissenschaften, das konkrete Funktionieren der Technologien zu verstehen, um Aussagen über die Verkörperung von Prozessen in Informationstechnologien machen zu können.

Sie wurde von "ommm" gefragt, ob Hans Moravec für sie eine Leitfigur des Posthumanismus sei, was sie verneinte. Sie sieht dessen Arbeit nur als Teil eines Projektes, das von vielen anderen Wissenschaftlern auf den Gebieten der Künstlichen Intelligenz, des Künstlichen Lebens und der Kognitionswissenschaften mitgetragen wird und das außerdem eine breiter gefasstes Verstehen der Vorgänge verlangt. Das menschliche Individuum, das immer die Einheit von Körperlichkeit und Denken ist, muss dargestellt werden in seinem Eingebundensein in unendliche Informationsnetzwerke. Es gilt also, weder das althergebrachte aufklärererische Konzept eines autonom handelnden Subjekts weiterhin zu behaupten, noch den Körper in neuerer technowissenschaftlicher Manier allein als Objekt technischer Veränderung zu betrachten. "Of course humanity is connected with the body, or rather, cannot exist without embodiment. I do think Moravec et al. greatly underestimate the importance of embodiment to cognition, but still, that embodiment is now subject to change in ways that have never before been possible."

Weiter kommentierte Hayles die Zukunft des Saussurreschen "Signifikanten"-Begriffs angesichts der elektronischen Medien und wies auf neue Konzepte hin, die sich um die Beziehung von Text und Bild drehen.

Das Forum stellt in Folge Autoren des von Peter Lunenfeld herausgegebenen Buches "The Digital Dialectic: New Essays on New Media" (MIT Press, 1999) vor. Wer an den nächsten Chats Interesse hat, kann sich die Software im Internet herunterziehen. Nötig ist die Eduverse-Version, NICHT die allgemeine Active Worlds-Software. Am 1. März wird die VR- Praktikerin und -Theoretikerin Brenda Laurel um 22:30 mitteleuropäischer Zeit zu Gast sein.

http://www.heise.de/tp/artikel/5/5849/1.html
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