Die USA als Hort einer planetarischen Kultur?

03.03.2000

Zu geschichtsphilosophischen Spekulationen von Gotthard Günther

In dem Artikel Die Europäer sind unsere Bewunderung nicht wert von Gundolf Freyermuth, einem Autor, der seit Jahren seinen Wohnsitz in den USA hat, war zu lesen, dass bei amerikanischen Intellektuellen, besonders in den Natur- und Computerwissenschaften, aber auch in der US-Medienöffentlichkeit eine zunehmende Europa-Feindlichkeit festzustellen sei. Europa gelte nicht länger als der Ort hoher kultureller Werte, auf die sich auch Amerikaner gerne berufen, sondern werde als technologisch rückständig, kulturell altmodisch und institutionell schwerfällig eingeschätzt. "Vergesst Europa!" lautet der Schlachtruf, der diesen Kontinent zumindest kulturell auf eine Stufe mit der Dritten Welt stellt. Diese Diskussion ist sicher nur ein Nebenschauplatz im Vergleich zu dem Politikgerangel um Handelszölle u.ä., aber möglicherweise doch ein Symptom für eine tiefere kulturelle Entwicklung, die tatsächlich auf eine stärkere Ungleichzeitigkeit der Gesellschaften hinauslaufen und die politische Tektonik im neuen Jahrtausend beeinflussen kann.

Gibt es eine Erklärung für diesen neu entflammten Kulturkampf? Der Philosoph Gotthard Günther - auch er lebte lange Jahre in den Staaten - hat sich schon in den fünfziger Jahren in seinen geschichtsphilosophischen Arbeiten auf die Suche nach einer Antwort gemacht.

Dieser Zusammenstoß der Diskurse ist auch auffallend gewesen bei der Ars Electronica 1997. Am Ende des Symposiums, das den etwas kryptischen Titel "Flesh Factor" trug, war eine allgemeine Abschlussrunde mit allen eingeladenen Referenten angesetzt. Während die US-Gäste - einige von ihnen stammten sogar aus Europa - optimistisch und beredt die Zukunft ausmalten, schwiegen die europäischen Teilnehmer, wofür sie wiederum von ersteren zur Rede gestellt wurden. Es wollte einfach kein Gespräch zustande kommen. Natürlich wurde die Debatte in den Tagen zuvor nicht derart trennscharf geführt, aber eine unterschiedliche kulturelle Einstellung war dennoch spürbar. Redeten die einen von Cyborgs und Netzintelligenz, kam von den anderen Zweifel an den Segnungen der Technologie und der Hinweis auf militärisch-industrielle Komplexe.

Die berühmt-berüchtigte, von C. P. Snow diagnostizierte Kluft zwischen Geistes- und Naturwissenschaften ist bei weitem nicht die einzige. Es scheint sich ein neuer Graben aufzutun zwischen der Intelligenz der Technokultur (auch als "Dritte Kultur" bezeichnet) und der Intelligenz der tradierten bildungsbürgerlichen Hochkultur, die von jeher europäisch geprägt war und in deren Blickfeld die kulturellen Leistungen des "Abendlandes" standen. Und diese Kluft scheint gesellschaftlich zunehmend relevanter zu sein und eine interkontinentale zu werden. Auch wenn es technische Phänomene wie das Internet und andere Medien gibt, die für eine Globalisierung der Diskurse, eben auch der Techno-Diskurse, über alle kulturellen Grenzen hinweg sorgen, so existieren doch spezifische mentale Widerstände in verschiedenen Regionen des Erdballs, die ihre allgemeine Akzeptanz erschweren.

Die USA als Ort kulturellen Fortschritts auszurufen, ist natürlich riskant. Wohl keine Kultur stellt ihren Zusammenhang stärker über durch die Medien vermittelte Ereignisse her - erinnert sich noch jemand an das grenzenlos pathetische Großereignis "Hands across america" Mitte der Achtziger, bei dem unter Beteiligung Ronald Reagans eine Menschenkette quer über den ganzen Kontinent gebildet wurde? -, und das ist kein Garant für die Versorgung mit ausreichendem kulturellen Kapital. Das selbstbewusst auftretende Parlieren von Amerikanern über die Rückständigkeit anderer steht in auffälligem Kontrast dazu, dass manche Slumbezirke amerikanischer Großstädte faktisch zur Dritten Welt gehören.

Der amerikanische Traum

Doch besteht für die Europäer Grund zum Lästern? Reisende, die aus den Staaten zurückkehren, berichten eben auch davon, dass die Leute hierzulande missmutiger und griesgrämiger durchs Leben gehen. Die Berichte von Intellektuellen sind Legion, die die USA entdeckten und von einem ganz anderen Lebensgefühl dort schwärmten, dem Gefühl, die eigene Geschichte in die Hand nehmen zu können. Michel Foucault sah Möglichkeiten in den USA, da kein homogenes kulturelles Leben vorhanden sei, also kein "Integrationswang". Dass die amerikanische Popkultur "eine hohe energetische Potenz" habe, schrieb Klaus Theweleit und meinte ferner, dass die Landschaft dort "andere Körperbilder" erzeuge. Andere Schriftsteller beschrieben, dass es in den USA "andere Kommunikationssysteme" gebe, was zum Beispiel die Körpersprache betrifft, so dass für Außenstehende der Eindruck entstehe, dort ein anderer Mensch zu werden. Die Geschichte interessiere nicht, nur die Ergebnisse der Gegenwart (und die Zukunft). Als kleine Reminiszenz noch Goethes berühmten Ausspruch: "Amerika, du hast es besser!"

Es gibt den "amerikanischen Traum", der sich tief in das globale Unbewusste eingegraben und auch Generationen von Europäern dazu gebracht hat, in den USA ihre Perspektiven zu suchen. Jeder kennt irgendjemanden, der dorthin ausgewandert ist oder zumindest mit dem Gedanken spielt. Nicht verschwiegen werden soll natürlich, dass es auch die gegenteilige Reaktion gibt, dass Europäer gerade in den USA (imaginär) ihre Identität wiederentdecken und dem Land angewidert von Plastikkultur und Konsumgeilheit den Rücken kehren. Der american way of life setzt seine Teilnehmer einem weit höheren sozialen Druck aus und produziert ein nicht geringes Ausmaß an menschlicher Verelendung. Wenn der New Yorker Literaturagent John Brockman jüngst in einem Spiegel-Interview jedoch die niederdrückende Geschichtsträchtigkeit bundesdeutscher Städte mit den Worten kommentierte: "Wer soll da ausbrechen können? Wer soll da frei, wild und visionär neue Ideen hervorbringen?", kann man das auch als Europäer nachvollziehen.

Gotthard Günther ist interessant für die Diskussion um aktuelle Kommunikationsbarrieren zwischen den Kulturen, weil er einen besonderen Aspekt in seinen geschichtsphilosophischen Reflexionen berücksichtigt hat. In seinem 1952 geschriebenen und sich im Berliner Nachlass befindlichen Manuskript "Die Entdeckung Amerikas", das noch in diesem Jahr von Kurt Klagenfurt als Buch herausgegeben werden soll, interpretiert er die Geschichte der Entdeckung des Kontinents. Historisch sei nachgewiesen, dass er bereits mehrmals vor Kolumbus sowohl von asiatischen als auch von europäischen Schiffen angesteuert worden ist, ohne dass diese Entdeckungen für irgendwelches Aufsehen in den jeweiligen Heimatwelten gesorgt hätten. Das Wissen um die Existenz der westlichen Hemisphäre wurde in Europa beispielsweise unterdrückt oder schlichtweg nicht wahrgenommen. Diese Art von "Blockade" interessiert ihn, und er hält dieses Phänomen für ein großes Rätsel der Weltgeschichte.

Er analysiert, dass die Geographie im Mittelalter religiös verstanden wurde. Das Weltbild jener Zeit war gekennzeichnet durch eine ideologische Hierarchie: zwischen den absoluten Sphären des Himmels und der Hölle existierte in den Köpfen der Menschen die dünne und zerbrechliche Schicht der menschlichen Wirklichkeit. So wurde das "gefährliche, seelenzerstörende" Wissen eines transatlantischen Kontinents erst einmal ignoriert, da man die eigene "metaphysische Furcht" hätte überwinden müssen, um die "geistige Welt" Europas zu verlassen und auf Entdeckungsfahrt zu gehen. Erst mit den Eroberungszügen der spanischen und portugiesischen Krone wurde die Existenz Amerikas "offiziell". Günthers Ausführungen allerdings, warum nun ausgerechnet ab 1500 der neue Kontinent zu einer allseits anerkannten Tatsache wird, bleiben unbefriedigend: die abendländische Kultur habe zu der Zeit ein festes Fundament an ideologischen Überzeugungen gehabt, das auch durch fremdartige Eindrücke nicht gestört werden konnte, spricht zwar für die absolut menschenverachtende eurozentristische Arroganz, mit der die Kolonisatoren in der neuen Welt aufgetreten sind, widerspricht aber eigentlich Günthers These, dass es zuvor ein festgefügtes Weltbild war, dass die Entdeckung verhindert habe. Zumindest die religiösen Denkformationen müssen sich im Umbruch befunden haben.

Mir ist klar, dass eine solche philosophische "Mentalitätsgeschichte" in ihrem analytischen Wert begrenzt ist. In einer ergänzenden Analyse wäre das Zusammenwirken verschiedener Notwendigkeiten historisch zu rekonstruieren, wie ideologische Formationen zugleich Bedingung und Resultat von materiellen Prozessen sein können. Die ersten Jahrhunderte der Besiedlung waren äußerst hart, und warum sollte man sich diesen Strapazen unterziehen, wenn man nicht handfeste ökonomische Interessen verfolgte oder aber als politischer Flüchtling auch gar keine andere Wahl hatte. Die Freiräume in der US-Gesellschaft sind spätestens am Ende des 19. Jahrhunderts stark eingeschränkt gewesen, als die Konzerne sich im Zuge des Aufbaus einer technischen Infrastruktur des "Wilden Westens" bemächtigt haben. Ich finde aber, dass Günther einiges interessantes Beschreibungsmaterial liefert, die sich mit schon referierten Alltagsbeobachtungen decken. Möglicherweise lassen sich Elemente einer "mentalen Landkarte" bestimmen, die verständlicher machen, worin die Attraktivität der US-Kultur besteht.

Eine moralische Leichtigkeit und Unbeschwertheit

Wenn Günther das ständig Griesgrämige europäischer Gesichter erläutert, kann man das nur zu gut nachempfinden. In der alten Welt herrsche das "Bewusstsein eines prinzipiellen Unvermögens" vor, das die Leute mit "Schuldgefühl und Zerknirschung" versehe. "In den alten Kulturen war das Leben eine ernste Aufgabe mit überpersönlichen Zielen, die so unzugänglich und unerreichbar waren, dass ihnen gegenüber auch der beste Wille und die tiefste Einsicht fast verzweifeln musste. Dort hatte die Geschichte etwas mit dem Menschen vor, was weit über seine individuelle Fassungskraft hinausreichte." Anders in den USA. Dort scheint das einzige Ziel zu sein: the greatest possible happiness for the greatest possible number. "Das gibt dem täglichen Leben in Amerika eine moralische Leichtigkeit und Unbeschwertheit und ein so naiv gutes Gewissen, wie es in den Kulturen Europas und Asiens nie möglich gewesen ist. Hier schränkt kein äußerer kategorischer Imperativ die selbstverständliche Genussfreudigkeit ein, und to have a good time ist das unabdingbare Recht (beinahe schon die Pflicht) eines jeden Individuums. Die Welt ist vorläufig noch unvollkommen, und deshalb gibt es Schmerz und Unglück. Aber das Leiden hat hier keine metaphysische Würde. Es wird als ganz vorläufig, als zwar bedauerlich, aber doch als das letzten Endes gewichtslose Beiprodukt technischer (eliminierbarer) Mängel betrachtet."

Auch die vielbeschworene Religiosität habe nicht dieselbe Bedeutung wie in Europa. Während godŽs own country eine seelisch einfache Landschaft bleibe, die unberührt ist von den Leiden der übrigen Welt, sei die Landschaft in Europa eine mit symbolisch aufgeladener Bedeutung, die auf Schritt und Tritt an Geschichte erinnert. Das kann zum einen das Erbe der deprimierenden Kriegsereignisse über viele Jahrhunderte sein. Zum anderen hat jeder humanistisch Gebildete das Vergnügen, die "sakrale Atmosphäre" der klassischen europäischen Kulturlandschaften zu kennen, die weit mehr seien als bloße Natur.

Ankunft im Nichts

Günther kommt auch auf die amerikanischen Nationalparks zu sprechen, die im Gegenzug völlig anders angelegt seien als die europäischen Parks, erwähnt die Faszination der Wolkenkratzer, die sich tatsächlich nicht mit einer ökonomischen Analyse ausreichend beschreiben lässt, und erwähnt die große Mobilität der Einwohner. Solche Phänomene interpretiert er als Beweise für eine größere Distanz zwischen Mensch und Naturlandschaft, für eine zunehmende (ideelle) Abstraktion der Gesellschaft von konkreten Lebensräumen. Von Anfang an hätten sich die ersten Siedler auf eine Situation einstellen müssen, die in Europa völlig unbekannt war: "the frontier". Das Land, das sich vor ihren Augen auftat, sei ein Raum ohne Grenzen gewesen, "prinzipiell unbegrenzt ausdehnungsfähig" (bis man an die pazifische Grenze stieß).

Dass dieses "Frontier"-Ideologem in der amerikanischen Gesellschaft nach wie vor lebendig ist, wird in einem neueren Zitat des Schriftstellers John Updike deutlich: "Die Menschen, die zuerst in dieses Land kamen, fanden ein so gut wie unbesiedeltes Land vor. (...) Deshalb war es fast wie eine Ankunft im Nichts. Und von da an gab es in Amerika die Vorstellung, dass wenn man weit genug nach Westen geht, man dort wieder so eine Leere vorfindet, wo die alten Hindernisse, die alten gesellschaftlichen Restriktionen für die eigenen Aktivitäten wegfallen und jeder seines Glückes Schmied ist. Im Grunde ist es diese Vorstellung von den Bedingungen der Pionierzeit - wer bereit ist, sich physisch, aber vielleicht auch spirituell dem Risiko auszusetzen, die etablierte Ordnung zu verlassen, für den zahlt sich das am Ende dann aus."

Als eine Folge dieser geschichtlichen Entwicklung sieht Günther die amerikanische Kultur befreit vom europäischen "metaphysischen" Erbe, von großen Gedankengebäuden und angestrengter Tiefgründelei. Der bekannte amerikanische Pragmatismus und die vielzitierte "Oberflächlichkeit" seien das Ergebnis einer Kommunikationssituation, die nicht länger auf metaphysisch "sicherem" Boden stattfinde, so dass die Menschen dort gezwungen seien, ihre Kommunikation immer wieder neu zu begründen. Darin sieht Günther eine gewaltige Chance. Während andere Kulturen in ihrem Bezugsrahmen gefangen bleiben würden, könne sich die amerikanische Kultur leichter für neue "Bewusstseinsräume" öffnen. "Wie es scheint, ist es die Bestimmung des amerikanischen Kontinents, lediglich solche Formen des geschichtlichen Lebens anzunehmen und zu ertragen, die wirklich planetarischen Umfangs sind. (...) die nächste Hochkultur (wird) die erste ohne regionale Grenzen sein. Sie wird sich über die ganze Erde verbreiten und eine dritte Epoche der Weltgeschichte einführen: die Ära planetarischer Zivilisationen."

Sibirien als nächste Frontier?

Die künftige Weltgeschichte werde sich in einer "radikalen Negation" der europäischen vollziehen. Der wichtigste Pol der Entwicklung zu einer planetarischen Kultur seien eben die USA; sie würden von Europa allerhöchstens Technologien übernehmen, aber nicht den kulturellen Denkballast. Die Entwicklung moderner Technologien in verschiedensten Bereichen mache eine neues Bewusstsein und eine neue Lebensweise möglich. Handelt es sich hierbei nun um eine brauchbare kulturphilosophische Erklärung? Die USA sind in toto offensichtlich kein Land aufgeklärter Zeitgenossen und Freidenker. Unangenehme Bewusstseinsphänomene wie ein gewalttätiger Rassismus, ein rigider religiöser Fundamentalismus, ein "Nationalchauvinismus" gegenüber dem Rest der Welt usw. gibt es dort auch. Mögliche Anzeichen einer planetarischen Kultur scheinen sich bisher eher in einer kulturimperialistischen Dominanz zu erschöpfen, indem massenkompatible Produkte von McDonalds bis Disney weltweit vertrieben werden. Günther ist sich der Probleme bewusst. Den "positiven Beginn einer solchen planetarischen Universalgeschichte" sieht er in weiter Ferne. Und: "Die Labilität des oben beschriebenen Zustandes der seelischen Isolierung, in dem man progressiv immer unfähiger zur wesentlichen Mitteilung wird, führt vorläufig erst in eine ganz gegenteilige Situation, einen eminent geschichtslosen Lebensstil, hinein." Günther beklagt die "unglaubliche seelische Uniformität" der dortigen Bevölkerung. Er versucht nichtsdestotrotz größere historische Tendenzen zu erfassen, die zu einer neuen Stufe der kulturellen Entwicklung führen können.

Es ist aber keineswegs ausgemacht, dass sich bald ein kosmischer "Ausweg" für irdische Probleme unter amerikanischer Führung öffnet. Auch wenn die Besiedlung des Mars zum Gegenstand popkultureller Reflexion wird, so ist das doch nur eine Perspektive für die nächsten Jahrhunderte. In den kommenden Dekaden werden sich andere Szenarien abspielen. Der amerikanische Wissenschaftler und Science Fiction-Autor Gregory Benford etwa hat kürzlich vorgeschlagen, dass die USA Sibirien zu ihrem Protektorat (?!) erklären und Russland dafür bis zu 200 Milliarden Dollar zahlen sollten. So ließe sich neues Terrain gewinnen für jene tatendurstigen jungen Amerikaner, die heute an Tankstellen sich langweilen und danach trachten würden, in unerschlossenem Raum ihr Glück zu machen. Schließlich lebten da nur 28 Millionen Menschen in einem Gebiet, das so groß wie die ganze USA ist. Und Sibirien ist das größte Reservoir an Rohstoffen, das noch auf dem Planeten zu haben ist - das ist doch eine lohnende Aussicht!

Die gute alte Frontier - auch hier taucht sie wieder auf - würde also weiter nach Westen verschoben. "It's a frontier as large as the continental US, should be opened, will be opened, (...) and we could use this to put the stamp of liberal western democracy on the ground in Asia. Because the next large ideological opponent of our western system will almost certainly have to come out of Asia, and I think it will come." Meiner Meinung nach ist das Zitat interessant, weil es den Ausdehnungsanspruch einer Kultur in einer Weise rechtfertigt, die bei Europäern niemals möglich wäre.

US-Konzerne sind zwar schon längst in Sibirien engagiert, aber die US-Kultur hat das Land offenbar noch nicht symbolisch in Besitz genommen. Dieser angedeutet Clash der Kulturen, den ja auch schon der amerikanische Politologe Samuel Huntington beschrieben hat, wird speziell eine Auseinandersetzung zwischen den USA und China sein. Da deutet sich keine planetarische Kultur an, sondern eher eine Neuauflage imperialistischer Konflikte, die nicht nur mit ökonomischen und medialen Mitteln ausgefochten werden. Günther befürchtet "jahrhundertelange Kämpfe zwischen sich integrierenden Großlandschaften", bevor es denn zu einer wirklichen globalen Kultur käme.

Globalisierungszwang durch Technik

Kommen wir auf die Technik zu sprechen, der Günther eine besondere Rolle im Geschichtsprozess zuweist. Kybernetik-Forschung gab es sowohl in den USA als auch in der Sowjetunion (als die großen Kontrahenten einer vergangenen Geschichtsperiode), was Günther als Symptom eines tiefgreifenden Prozesses wertet, der sich in Zukunft vielfach durchsetzen werde. Die Einheit der Menschheit werde dabei auf dem Weg über die Computertechnik "erzwungen", da sie auf allen Kontinenten akzeptiert werde: "Die Technik kann überall verstanden und gebraucht werden, weil sie eben seelenlos und deshalb total indifferent ist gegenüber dem privaten sich in sich selbst einschließenden Charakter einer jeweiligen Hochkultur."

Insofern sei die Technik eine "Brücke" für eine neue Weltgeschichte. Da liegt die Frage nahe, ob das Internet, das von amerikanischen Wissenschaftlern konzipiert wurde, einen weiteren Schritt in diese Richtung darstellt. Wer im Netz 3D-Welten erlebt und ein wenig durch die Günther-Lektüre für den Zusammenhang von Denkweisen und Kulturraum sensibilisiert ist, wird erkennen, dass diese Welten eine völlige Ablösung von real-konkreten Raumreferenzen bedeuten und damit vielleicht eine planetarische übergreifende Meta-Kultur mit vorbereiten helfen. Dabei möchte ich es belassen. Die neue Epoche der planetarischen Kultur werde jedenfalls durch den "Abbau emotionaler Traditionen und erworbener theoretischer Denkweisen" charakterisiert und den vorangegangenen Zeitaltern "so unähnlich wie möglich" sein. Er sieht sogar voraus, dass die "Einheit des technischen Verhaltens" wieder verloren gehen wird, um Platz für eine neue Technik "mit noch unübersehbaren instrumentellen Methoden, aber auch ebenso unübersehbaren rationalen Konflikten" zu schaffen. Es waren die Erkenntnisse der Quantenphysik, die ihn darüber spekulieren ließen, inwieweit eine grundsätzlich neue Idee der Naturbeherrschung möglich sei und welche Technik ihr entsprechen könnte.

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