Duell Digitale

Harald Taglinger 16.03.2000

Moderner Schlagabtausch im Westentaschenformat

Zugfahrten sind leider langweilig. Wie gut, dass einem garantiert ein Zeitgenosse gegenübersitzt, dessen männlicher Stolz mit einem Handy und einem Handheld in Grund und Boden zu fahren ist.

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Mir ist seit etwa einem Jahr in der Bahn nicht mehr langweilig. Und das geht so: Ich setze mich prinzipiell immer dann in Großraumabteile, wenn zwischen den Haltestellen mehr als 2 Stunden liegen und die Landschaft vor dem Zugfenster ungefähr die gleichen Hormone ausschüttet wie ein Abendessen mit Angela Merkel. Wahlweise sind deshalb die Strecken Mannheim-Stuttgart oder Würzburg-München sehr geeignet.

Vierersitze mit Tisch sind dringend notwendig. Und ein Mann mittleren Alters, möglichst im Anzug, sollte es schon sein.

Ich eröffne klassisch. Mein Handy liegt wie zufällig plötzlich zwischen uns. Wie gut, dass ich mich per SMS von einem Weckdienst gerne in dieser Zeit anbimmeln lasse. Jetzt heißt es, den taktischen Vorteil gut nutzen. Ich murmle halblaut oder doch ein wenig lauter: "Natürlich kaufen, Du Dussel" und schicke wahllos an mich selbst eine Nachricht zurück. Der Inhalt? Egal. Mit ein bisschen Glück zückt mein Gegenüber jetzt auch seinen Hörknochen. "Ich hab sowas auch" will er mir sagen und weiß doch: es wird nicht klingeln, es wird nicht klingeln, es wird nicht klingeln! Aber haben tut er eines. Oh je...

Es läutet, meine selbstgeschickte Nachricht kommt via Routing über D1, D2, dann VIAG und noch einmal E-Plus auf mein Handy zurück. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren, es sind noch 90 Minuten bis zum nächsten Bahnhof. Ich nehme das Gespräch an und brülle euphorisch "Was? Echt? 150%?" in die tote Leitung. Und dann "Das ist doch kein Problem. Ich habe das als dynamisches Update unter taglinger.de/datastruct.asp für Sie abgelegt". Wenn jetzt mein Gegenüber auch nur mit einer Wimper zuckt, hat er schon verloren. Dann erledige ich ihn mit "Klar, ich ändere noch schnell die Style Sheets". Jetzt ist er in 5 Zügen matt.

Meistens beginnt mein armer Freund im Abteil hektisch seine Adresseinträge auf seinem Handy zu pflegen. Seine liebe Mama wird jetzt garantiert eine Daumennachricht a la "Bin in Würzburg. Zug fährt schnell. Dein Sohn" erhalten. Soll sie doch. Nokia hat ja auch nette Spiele in diese schicke Geräte gepackt. Da kann er jetzt ruhig angeben. Ich lasse ihn erst einmal seinen Daumen auf den 10 Tasten eine Bindegewebsschwäche kriegen. Dann schaue ich interessiert aus dem Fenster und zücke meinen Handheld. Aus der Hosentasche. Mit einer Hand.

Aufklappen. Konzentriert auf das Display starren. So tun, als würde ich meine Kopfhörer anstecken - die kann man in den PCMCA-Schacht klemmen, zur Not. Bei "MP3 ist ja Gott sei dank schon alter Käse" perlt dem Mamasöhnchen die Stirn. Ihm bleibt nur das ICE Bordmagazin, ich tue derweil ein wenig in die Tasten hacken. Das ist nicht weiter schlimm. So etwas kann man auch bei geöffnetem "Solitaire" machen. Ein Excel-Sheet wirkt aber authentischer.

Jetzt noch mein Handy daneben legen. Irgendeine Nummer wählen. Ich summe leise, fuchtle wie wild mit den Datenstift auf meinem Computerdisplay herum und breche nach 3 Sekunden befriedigt den Connect ab. Nur Anfänger würden jetzt "2 gigabit/sec" murmeln. Das war doch eh klar.

Auf Nervenzusammenbrüche oder schluchzende "Darf ich mal sehen" gehe ich in der Regel nicht mehr ein. Der zweite vorgemerkte SMS-Anruf an mich kommt. Ich hebe mit einem lasziven "Hallo" ab, murmle was von "ohne Höschen?" und "Na klar will ich das Video sehen", starre gebannt auf mein Handy-Display.

Spätestens jetzt lasse ich einen gebrochenen Mann mit vier mentalen Einschusslöchern zurück. Und wenn er dann noch lächeln sollte, frage ich ihn auf dem Weg zum Zugrestaurant nur, ob ich mir zufällig seinen Handscanner leihen könnte. Eine Flashcard täte es zur Not auch. Sieg. Matt.

http://www.heise.de/tp/artikel/5/5911/1.html
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