Ein Netzwerk, das Zensur unmöglich machen soll

Florian Rötzer 23.03.2000

Mit dem Freenet soll die Meinungsfreiheit geschützt werden, aber es könnte auch anderen Zwecken dienen

Anonymität im Netz zu wahren, könnte angesichts der Bestrebungen von Regierungen, schärfer gegen Internetkriminalität vorzugehen, immer schwieriger werden. Noch freilich kann man etwa über Remailer anonym Emails versenden oder seine Spuren im Netz durch Anonymisierung unkenntlich machen. Ian Clarke bietet jetzt mit Freenet ein ähnliches, aber weitaus radikaleres Modell wie das an, auf dem auch Napster beruht, das Chat-Features mit einer Download-Funktion für MP3-Dateien verbindet. Benutzer können sich so wechselseitig ihre MP3-Archive zugänglich machen und Musik-Dateien austauschen. Die Plattform lässt sich etwa durch Wrapster neuerdings auch für den Austausch aller möglichen Dateien nutzen.

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Die amerikanische Musikindustrie hat bereits eine Klage gegen Napster eingereicht, da dadurch Urheberrechtsverletzung gefördert werde. Sollte die Klage Erfolg haben, müssten die zentralen Server vom Netz genommen werden. Die Idee hinter Freenet - die erste Version soll in den nächsten Tagen veröffentlicht werden - ist aber gerade, dass es durch eine nationale Rechtssprechung unmöglich werden soll, das Netzwerk abzuschalten, das nicht nur anders als das Internet keine zentrale Instanz wie einen DNS oder die Zuweisung von IP-Adressen kennt, sondern auch verhindert, jemanden für Dateien verantwortlich zu machen, die auf seinem Computer gefunden werden.

Ian Clarke hat, wie er sagt, die Entwicklung von Freenet begonnen, als er von den Plänen der australischen Regierung hörte, die Benutzung des Internet zu zensieren. Zwar gewährt Freenet keine absolute Anonymität, denn das Netzwerk, das eine Art Intranet darstellt, soll vor allem dazu dienen, dass diejenigen, die etwas in ihm veröffentlicht haben, nicht identifiziert werden können, und dass das, was einmal veröffentlicht wurde, nicht wieder aus dem Netzwerk zu entfernen oder auch nur zu verändern ist, um so die Meinungsfreiheit zu schützen. Es kann auch jeder veröffentlichen, ohne einen Domainnamen registriert zu haben oder einen permanenten Internetzugang zu besitzen: "Beim Internet gibt es die Möglichkeit, die Menschen in einem Ausmaß zu zensieren und zu überwachen, das bislang nicht möglich gewesen ist. Ich wollte", so Clarke, "eine Technik entwickeln, durch die das verhindert wird." Er ist nämlich der Meinung, dass Demokratie auf der Grundlage eines freien, völlig unzensierten Informationsflusses beruhen muss, da nur dann die Menschen die Möglichkeit haben, sich in Kenntnis aller Informationen zu entscheiden oder zu wählen.

Freenet ist ein Open-Source-System zur Datenübertragung, das auf der Grundlage von Servern oder Knoten mit einem Java-Programm läuft, das auf jedem PC mit einem Internetzugang installiert werden kann. Das Prinzip des Freenet ist, dass Dateien im Netzwerk der Teilnehmer verteilt werden, so dass es stets mehrere Kopien gibt. Wenn eine Datei eingegeben wird, erhält diese einen "Schlüssel", der gewissermaßen die Webadresse darstellt und die Datei identifiziert, so dass sie wieder aufgerufen werden kann. Einmal eingegeben, wird die Datei an weitere "bekannte" Server von Freenet gesendet, auf denen Dateien mit ähnlichen "Schüsseln" liegen. Gibt man den "Schlüssel" ein, so werden die Server nacheinander abgefragt, bis eine Kopie gefunden wurde. Jeder der Server ist aber nur im Besitz von einigen Schlüsseln und IP-Nummern von anderen Servern, so dass niemand einen Einblick über das ganze Netz gewinnen kann. Der Sinn dieser zufälligen Verteilung von mehreren Kopien auf Server besteht nicht nur darin, dass es schwer ist, eine Datei zu löschen, sondern dass auch derjenige, auf dessen Rechner eine Kopie liegt, nicht dessen Urheber sein muss und deswegen belangt werden kann. Möglicherweise weiß er nicht einmal, dass die Datei sich auf seinem Rechner befindet. "Es ist eine perfekte Maschinenanarchie", sagt Clarke, weil kein Computer eine zentrale Kontrolle ausübt.

Durch "intelligentes Routing und Caching" lerne das System, Aufrufe besser zu routen. Überdies spiegelt es automatisch Dateien, die viel nachgefragt werden, und schaufelt die Dateien dorthin, wo die größte Nachfrage besteht. Wenn die Nachfrage nachlässt, nimmt auch die Zahl der gespiegelten Dateien ab. Wenn eine Datei völlig uninteressant wird, wird sie schließlich aus dem Netzwerk entfernt, damit es nicht durch "Leichen" belastet wird.

Freenet funktioniert natürlich im Sinne der Entwickler um so besser, je mehr Computer angeschlossen sind. Was aber allerdings als technische Sicherung der Meinungsfreiheit gedacht ist, kann natürlich auch für andere Zwecke gebraucht werden. Clarke sagt selbst, dass die dezentrale Struktur von Freenet, die Zensur verhindern soll, auch eine ökonomische "Zensur" weitgehend unmöglich macht: "Es gibt keine Möglichkeit, ein wirklich zensursicheres System zu schaffen, ohne die Verfolgung von Copyrightverletzungen gleichzeitig schwieriger zu machen. Ich persönlich glaube, dass es sich lohnt diesen Preis zu zahlen." Überdies diene das Copyright primär eher den Distributoren und nicht den Kreativen, und es werde oft als Blockade für Innovation gebraucht: "Als Projekt wollen wir nicht als Hacker bezeichnet werden, die verbotene oder copyrightgeschützte Materialien verteilen." Doch die "Freiheit der Information", die technisch durch Freenet geschützt werden soll, schließt eben auch die Verletzung des Copyright ein.

Doch Clarke und seine Mitstreiter haben natürlich auch keinerlei Kontrolle darüber, wer zu welchen Zwecken Freenet gebraucht. Es reichen vielleicht ein paar Tausend Knoten weltweit, um Freenet gerade auch für die Menschen interessant zu machen, denen es kaum um die politische Freiheit der Information geht, sondern die unter dem Schutz, das das Netzwerk vor Zugriff und Identifizierung bietet, ihren auch in freien Demokratien illegalen Aktivitäten besser nachgehen können. Zumindest fürchtet das Roger Darlington, Leiter der Internet Watch Foundation, die britische Websites nach illegalen Inhalten, vor allem Kinderpornografie, absucht: "Es gibt hier eine direkte Möglichkeit für den Missbrauch durch Kriminelle, Terroristen und Pädophile", wird er in einem Artikel im New Scientist zitiert. Und natürlich passt ein Netzwerk wie Freenet auch der Polizei nicht. Keith Akerman, der Vorsitzende einer Arbeitsgruppe über Computerkriminalität der britischen Polizei, meint so, dass er zwar für die Meinungsfreiheit sei, aber dass Netzwerke wie Freenet "ernsthaft unsere Möglichkeiten behindern könnten, der Internetkriminalität nachzugehen."

http://www.heise.de/tp/artikel/5/5939/1.html
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