Eurotrash: Networking und Eurobashing in SanFrancisco.com
Aber es wächst auch die Kritik: BlowTheDotOutYourAss.com
Startups kann man nur im Umkreis des Silicon Valley gründen, glauben die Anhänger der in San Francisco und Umgebung unter europäischen Auswanderern grassierenden Eurotrash-Welle. In der Stadt am Golden Gate macht sich jedoch gleichzeitig eine zunehmende Abneigung gegen den Dot-com-Wahnsinn breit.
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| San FranZiskGo, www.transaction.net/ |
Kalifornien und insbesondere San Francisco sowie das nahe Silicon Valley haben nicht nur klimatisch eine große Anziehungskraft für die mit Sonnenschein nicht gerade verwöhnten Mitteleuropäer. Seit sich "das Valley" zum Schwerpunkt der Hightech-Industrie und durch den kommerziellen Boom des Internet auch zur Geburtsstätte des Dot-coms entwickelt hat, ist eine neue Unternehmenskultur entstanden, die sich fast nur noch um die Belange von Internet-Startups dreht.
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Die Angel-Investoren und VCs ("Venture-Capitalists") wissen in der Regel schon gar nicht mehr, wohin mit dem Geld. Inkubatoren helfen beim Ausbrüten von Geschäftsideen. Firmen wie Startups.com suchen einem potentiellen "Entrepreneur" ein "passendes" Team vom CEO bis zur Sekretärin zusammen. Makler und Vermieter lassen sich in "Stock-Options" bezahlen. Und die Billboards, Busse oder Toilettenhäuschen werben für nichts anderes als den unvermeidlichen Punkt und irgendwelche, wegen der Knappheit im Domain-Raum immer phantasievoller klingende Namen vor dem Com.
Immer mehr Europäer mit dem Riecher für das große Geld oder dem unhaltbaren Unternehmergeist strömen deswegen ins gelobte Tal rund um die San Francisco Bay Area. Sie wollen dabei sein beim Megaboom und die "good vibrations" im Golden State zu nutzen. Legendär sind hier zu Lande bereits die Geschichten eines Andy-nicht-mehr-von-Bechtolsheim, der Anfang der 1980er den Bodensee hinter sich ließ, um zusammen mit ein paar Freunden von der Stanford University das gleichnamige Network zu gründen, das heute besser unter der Abkürzung Sun bekannt ist. Oder die Story eines nur mit zwei - oder drei? - Kreditkarten bewaffneten Stephan Schambachs, der inzwischen dank der Erfolgsgeschichte seiner Firma Intershop auch in den USA als erster Hightech-Ossi mit Millionärskonto gefeiert wird.
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| Bild von www.blowthedotoutyourass.com |
Wendy Tan, eine asiatisch wirkende Londonerin im besten Startup-Alter (man könnte sie auf 25 schätzen), ist nur für eine Woche mit ihren dick-bebrillten, blassen und noch etwas jünger erscheinenden Co-Managern nach San Francisco geflogen. Eigentlich wollte die Truppe, die Zuhause die Community-Sitebuilder-Applikation Moonfruit vermarktet und bereits 40 Angestellte dirigiert, nur bei Macromedia in San Francisco ein paar Tipps für den Einsatz des Multimedia-Tools Flash sowie bessere Lizenzbedingungen mit nehmen. Doch nach drei Tagen in "der City", wie die Einheimischen ihre Stadt nur liebevoll nennen, entströmen Tans Mund nur noch Häppchen wie "Vibe" und "Buzz", die ihr hier auf Schritt und Tritt begegnen. In London, da sei alles so "klinisch", die ganze Community nur auf Finanzen ausgerichtet. In San Francisco drehe sich dagegen alles um Technologie. Der Entschluss steht daher fest: ein "Office" in der Stadt am Golden Gate muss her.
Networking im Zeichen der britischen Krone
Tan ist mit ihren Plänen in bester Gesellschaft: Für Valley-Liebhaber, die London, Berlin oder Paris hinter sich gelassen haben oder Europa in Bälde entfliehen wollen, gibt es seit Anfang des Jahres ein Forum in San Francisco mit dem trefflichen Namen Eurotrash.
Natürlich ist es ein Leichtes, sich im sonnigen Kalifornien dem Abgesang auf die alte Heimat hin zu geben. "Man muss einfach hier sein", philosophiert Nick Denton über das Zentrum des Dot-com-Universums. Der Chef des Internet-Nachrichtendienstes Moreover.com lernt bei einem Barbesuch oder auf einer Party im Valley mehr "als bei einer ganzwöchigen Konferenz in London." Deswegen hat er zusammen mit Freunden von Obongo.com, einem Preisvergleichsdienst fürs Web-Shopping, Eurotrash ins Leben gerufen. Auch für John Hunt, einem der Gründer von Obongo, war der Gang ins Valley ein "Must". Hatte sich doch rasch für ihn heraus gestellt, dass man "drüben" innerhalb von einem oder zwei Tagen dasselbe erreichen kann wie in England in einer oder zwei Wochen.
Doch bei dem Get-together der Europamüden geht es nicht nur um das zwischen New York und San Francisco generell modische Eurobashing (Die Europäer sind unsere Bewunderung nicht wert; Die europäischen Philosophen sollen zur Hölle fahren). Wichtiger erscheint es den Startup-Unternehmern vom alten Kontinent, sich ähnlich wie die nicht minder aktiven Inder im Valley eine Plattform fürs Networking und fürs Lobbying zu verschaffen. Nachdem das Wall Street Journal vor einem Monat über das hippe Treffen des "europäischen Net-Sets" berichtet hatte, erklärte sich daher spontan der britische Konsul in San Francisco bereit, sein Haus für die "Eurotrasher" zu öffnen.
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So wurden die "Vaterlandsverräter" auf ihrer jüngsten Cocktail-Party von britischen Hausdamen und Butlern mit gerösteten Cheeseballs, Shrimps und Lachsbrötchen versorgt und durften beim Plausch über Millioneninvestitionen, Aktienanteile sowie die Schönheit San Franciscos einen wundervollen Blick Richtung Golden Gate Bridge genießen. Mit echt britischem Humor kommentierte einer der etwa zweihundert, standesgemäß über den Online-Event-Dienst Evite.com Geladenen die Großzügigkeit der Vertreter der Englischen Krone: "Der Veranstaltungsort zeugt von einem idealen Verwendungszweck britischer Steuergelder."
Die Dot-coms werden in San Francisco nicht von allen gern gesehen
Ironischerweise fällt der Lobgesang der halb oder ganz nach Kalifornien Ausgewanderten auf die amerikanische Existenzgründerkultur zusammen mit einer wachsenden Welle der Anti-dot-com-Stimmung in San Francisco. Die für ihre kaum übersetzbaren Attacken gegen die "Cyber-Libertarians" bekannte Autorin Paulina Borsook hatte in einem Aufsehen erregenden Artikel in Salon.com bereits Ende Oktober vergangenen Jahres die "Dot-Com-Invasion" als den Untergang der einst für Flower-Power stehenden und in ihrem Kulturleben mit europäischen Metropolen zumindest vergleichbaren City beschrieben.
San Francisco has become a city of 22-year-old Barbie-bunny marketing girls who don't realize the Web is not the Internet, and guys who have come to San Francisco because the dot-com version of Dutch tulip-mania offers better odds of instant wealth than making partner at Merrill Lynch. The result is a city whose unique history and sensibility is being swamped by twerps with 'tude.
LassDenPunktAusDeinemArschPfeifen.com
Den jüngsten Angriff auf die Dot-com-Manie startete nun vor wenigen Wochen ein selbst bei einer Technologiefirma im lange Zeit als "Startup-freie-Zone" geltenden Mission-Viertel arbeitender Freak mit seiner Kampagne BlowTheDotOutYourAss.com. Der Link auf seiner puristisch gehaltenen Homepage, auf der sich groß Slogans aufbauen wie "ButIDon'tNeedMyToothpasteDelivered.com", "AllThePornYouCanEat.com" oder "AnythingIFoundInMyGarageForSale.com" kursierte zunächst über einige Insider-Mailinglisten.
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Als Plakate mit den scharfen Sprüchen, die gezielt den Hype und die Sinnlosigkeit so mancher Dot-com-Unternehmung auf die Schippe nehmen, zusammen mit durchgestrichenen Punktzeichen auch im Realspace unweit der von der Wired-Redaktion erst Anfang der 1990er zum hippen Viertel für Startups erklärten 3rd-Street südlich der Market Street auftauchten, brachte Wired News vergangene Woche eine Geschichte über die "KillTheDot-Aktivisten" aus dem Cyber-Untergrund.
Wie ein Lauffeuer verbreiteten sich die Nachrichten von der anscheinend auch in den Startups selbst sich heimlich ausbreitenden Stimmung über die interne Listenkommunikation zahlreicher Dot-coms. Der daraufhin einsetzende Ansturm auf die subversive Site brachte als erstes den gesamten Server zum Absturz: Mehrere Tage lang klickten die HTML-Sklaven und Marketing-Chefs der Startups ins Leere. Inzwischen kann Sam Lowry, so das aus der Orwell-Parodie Brazil stammende Pseydonym des Defätisten hinter der Kampagne, mit Hilfe eines neuen Webhosting-Partners die geheimen Lüste der Silicon-Valley-Unternehmer aber wieder befriedigen.
Auch so mancher der Eurotrasher kann sich der Kritik am eigentlich so geliebten Arbeitsplatz in der immer teurer und voller werdenden Bay Area nicht ganz entziehen: "Allein die Mietkosten für ein Büro sind unheimlich gestiegen in den letzten Jahren", sagt der einstmals London seine Heimat nennende Christopher Oram von der PR-Agentur OutCast Communications, die einer Handvoll Startups im Kampf um die ebenfalls immer schwieriger im Valley zu weckende Aufmerksamkeit der Journalisten zur Seite steht. Immer mehr Firmen würden daher zumindest "über die Brücke" nach Oakland ziehen oder sich beispielsweise in Austin, Texas, nieder lassen. Auch der Boom hat eben seine überall sicht- und spürbaren Schattenseiten. Und ob sich die Eurotrasher mit ihrem Lockvogelgesang fürs Silicon Valley wirklich einen guten Dienst erweisen, wird angesichts der wachsenden Anti-Dot-Com-Stimmung fraglich.
http://www.heise.de/tp/artikel/5/5963/1.html- If you tools have something to say than put in English AND.. (8.4.2000 7:55)
- Gold.. Gold.. 8-O (5.4.2000 21:24)
- Schon besser! (5.4.2000 14:43)
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