Stadt am Netz

Virtuelle Welten

Lev Manovich 20.04.1996

Zur Ästhetik des Cyberspace

"Willkommen in einer virtuellen Welt! Schlüpfen Sie in Ihren Avatar! Haben Sie keine Erfahrung oder nicht die Zeit, sich einen eigenen zu gestalten? Kein Problem. Wir haben eine ganze Bibliothek an vorgefertigten Masken; eine wird Ihnen perfekt passen." Solche Werbungen werden Sie immer öfter sehen. Instant VR-Welten werden Ihnen angeboten. Aber welcher Art sind diese Welten. Lev Manovich analysiert deren Konstruktionsprinzipien und Versprechungen.

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"Willkommen in einer virtuellen Welt!

Schlüpfen Sie in Ihren Avatar! Haben Sie keine Erfahrung oder nicht die Zeit, sich einen eigenen zu gestalten? Kein Problem. Wir haben eine ganze Bibliothek an vorgefertigten Masken; eine wird Ihnen perfekt passen. Schließen Sie sich der Gemeinschaft ähnlich denkender Benutzer an, die darin übereinstimmen, daß der dreidimensionale Raum mehr Sex besitzt!

Ja, es gibt nichts Befreienderes, als durch eine 3D-Szene zu fliegen, gefährliche Manöver auszuführen und auf die Jagd zu gehen. Berge und Täler können Files eines Netzwerkes, Finanzinvestitionen, die feindlichen Truppen, den Körper eines virtuellen Sexpartners darstellen - all das ist kein wirklicher Unterschied. Nehmen Sie es ins Visier! Fahren Sie los! Schlagen Sie zu!

Ist der visuelle Realismus nicht ausreichend? Für nur 9,95 Dollar pro Monat können Sie Ihre Rendering-Geschwindigkeit auf glühend heiße 490000 Polygone pro Sekunde updaten, die die Erfahrungsqualität um schwindelerregende 24% verbessert! Und für weitere 4,95 Dollar werden Sie die Möglichkeit haben, jeden Monat eine neue virtuelle Welt zu testen, beispielsweise eine Mall, ein Bordell, die Sixtinische Kapelle, Paris während der Revolution von 1989 und sogar ein vollständig durchfahrbares menschliches Gehirn. Eine vernetzte virtuelle 3D-Welt steht für Sie bereit. Von Ihnen brauchen wir lediglich Ihre Kreditkartennummer."

Eine solche Werbung wird vermutlich bald auf Ihrem Computerbildschirm erscheinen, sofern dies noch nicht geschehen ist. Zehn Jahre nach William Gibsons fiktionaler Beschreibung des Cyberspace und fünf Jahre nach den ersten theoretischen Konferenzen über dieses Thema wird der Cyberspace schließlich Wirklichkeit. Er verspricht überdies zu einem neuen Standard zu werden, wie wir mit Computern interagieren - zu einer neuen Weise des Arbeitens, des Kommunizierens und Spielens.

Virtuelle Welten

Ästhetik der Virtuellen Welten

1.Realismus als Ware

2. Romantizismus, Adorno und Photoshop-Filter: von der Kreation zur Selektion.

3. Brecht als Hardware

4. Riegl, Panofsky und Computergrafiken: Regression in virtuellen Welten

5. Das ganze Bild

http://www.heise.de/tp/artikel/6/6002/1.html
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