Stadt am Netz

1. Die Analogie

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1.a. Der Hypertext Stadt

Der Vergleich der Stadt mit dem Begriff des Textes oder Diskurses (bedeutsam beispielsweise für eine architektonische "Grammatik") ist ganz traditionell. Das gilt auch für die Kritik aus dieser Perspektive. Der Stadttext (ein symbolischer oder funktioneller Text) unterstellt eine normale lineare Bedeutung und einen einzigen Ausdruck, nämlich den der Macht oder der Experten des Urbanen, an den sich die Bewohner halten oder anpassen sollen. Der Stadtdiskurs offenbart nicht nur eine autoritäre Politik oder eine technokratische Praxis, sondern er ist heute vor allem durch die Tatsachen zum Scheitern verurteilt.

Der nicht-lineare, multilogische Hypertext , der mehrere legitime Lesarten erlaubt, schafft teilweise die Kluft zwischen Autor und Leser ab und scheint sich daher als gutes alternatives Modell der Stadt anzubieten (dazu siehe besonders die Arbeiten von Frédéric Nantois). Viele der zeitgenössischen großen Metropolen sind offensichtlich chaotisch und daher "unlesbar", wenn man im Paradigma des linearen und monologischen Textes bleibt. Deswegen wurde vorgeschlagen, sie als Hypertexte zu entziffern, ausgehend von der Vielzahl der wichtigen Wege und Aneignungen, die sie ermöglichen. Eine typische Form des Cyberspace wird zum Modell des physischen urbanen Raums. Eine der interessantesten Umkehrungen dieser Metapher vom Hypertext ist, daß sie sofort mit dem Gesichtspunkt der "Leser", Benutzer oder Spaziergänger beginnt und nicht mit dem der Architekten, Urbanisten oder verantwortlichen Politiker.

Neue Formen von qualitativen Hyperplänen, von Karten des Umherschweifens oder von visuellen Erinnerungen an subjektive Aneignungen scheinen diesem Ansatz der Hypertextstadt zu entsprechen. Aber mit der Vorstellung von hyperräumlichen, differenzierten, subjektiven, kooperativen und dynamischen Karten in Echtzeit befinden wir uns schon nicht mehr in der einfachen Analogie, sondern in der Perspektive einer "Artikulation" zwischen beiden Räumen.

Obgleich sie für die Theorie oder den Begriff des Urbanen vielversprechend ist, umgeht die Metapher also die schwierigsten Fragen hinsichtlich der Beziehungen zwischen dem Cyberspace und der Stadt. Erstens weist die Analogie eine drakonische Beschränkung auf. Während die digitalen Zeichen, die in den Netzen kreisen, veränderbar, leicht und beweglich, also gewissermaßen, ohne Kosten zu verursachen, unabhängig von ihrer physischen Lokalisierung sind, schreiben sich die Elemente der urbanen Landschaft: Einrichtungen, Gebäude, Kommunikationsverbindungen, Fahrzeuge und anderes, mit ihrer Masse in den geographischen Raum ein. Die Trägheit des Urbanen verdankt sich verschiedenen Größenordnungen, die die des Cyberspace sowohl auf der rein materiellen als auch vor allem auf der ökonomischen Ebene überragen. Zweitens hilft die Metapher vom Hypertext den Entwerfern und Verantwortlichen (den Politikern, Urbanisten und Ingenieuren) nur in einem geringem Maß dabei, nicht bloß die "Idee" des Cyberspace oder des Hypertextes in das Denken der Stadt zu integrieren, sondern auch die "Tatsache" der Entwicklung der interaktiven und kollektiven Kommunikation gemäß ihrem "Design" oder zumindest als Begleitumstand in die Evolution der Stadt der Zukunft.

1.b. Die digitale Stadt

Das zweite Abgleiten der Analogie entsteht aus dem Begriff der virtuellen Gemeinschaften "im Modell der Stadt". Eine der besten Beispiele dafür ist die digitale Stadt von Amsterdam, ein "kostenloses" Angebot auf dem Internet, aber in niederländischer Sprache. In dieser digitalen Stadt findet man eine Art Verdopplung der Einrichtungen und Institutionen der klassischen Stadt : Auskünfte der Verwaltung, Öffnungszeiten der Gemeindeverwaltung, Katalog der Bibliotheken usw. Unterschiedliche Bewohnergruppen haben das Recht, einen "Ort" in der digitalen Stadt einzunehmen. So können sie Informationen verteilen und "elektronische Konferenzen" organisieren. Auch richtige Diskussionsforen und so etwas wie elektronische Zeitungen sind in der digitalen Stadt aufgetaucht, wo die Fragen der lokalen Politik offensichtlich nicht abwesend sind. Schließlich muß darauf hingewiesen werden, daß "Digital City" von Amsterdam für alle anderen Angebote des Internet offen ist: World Wide Web, elektronische Post, internationale Diskussionsgruppen usw. Obgleich sie noch nicht lange existiert, ist die digitale Stadt seit ihrer Eröffnung ununterbrochen gewachsen und hat einen bemerkenswerten öffentlichen Erfolg erzielt, der sich ohne Zweifel dem Umstand verdankt, daß keine Gebühren erhoben werden (abgesehen von den Telefongebühren), daß man niederländisch (und nicht englisch) spricht und daß die Kommunikation "frei" ist.

Dutzende und wahrscheinlich bald Hunderte von Städten und Regionen auf der Welt werden sich Erfahrungen derselben Art ausliefern. Die "virtuelle Stadt" von Amsterdam ist daher wegen ihres beispielhaften Charakters von Bedeutung, und deswegen setzen wir uns hier auch mit ihr auseinander. Es gibt für die Motivation der Initiatoren zwei Aufträge. Erstens geht es darum, die ökonomischen und politischen Führungskräfte für die neuen, durch die digitale Kommunikation im großen Maßstab eröffneten Möglichkeiten zu "sensibilisieren". Zweitens beinhaltet das Wort Auftrag in der Realisierung des Projekts den "Zugang für alle" mit den Untertönen des Kampfes gegen den Ausschluß und der Kompensation von Ungleichgewichtigkeiten zwischen den "Info-Reichen" und den "Info-Armen". Es liegt uns fern, dieses Experiment und seine Voraussetzungen zu verurteilen! Deswegen können wir nur von einem gewissen Mangel hinsichtlich der systematischen Verdopplung des institutionellen Territoriums im Virtuellen ausgehen, die man übrigens fast überall beobachtet.

Die virtuellen Museen sind beispielsweise auf dem Internet oft nur schlechte Kataloge, obgleich es der Begriff des Museums selbst, zentriert um einen "Bestand", den man "bewahrt", ist, der von der Entwicklung eines Cyberspace oder jeden Netzwerkes in Frage gestellt wird, wo die Unterscheidungen zwischen Original und Kopie offensichtlich nicht mehr funktionieren. Anstatt traditionelle Ausstellungen auf "web sites" oder interaktiven Speichern zu verdoppeln, sollte man subjektive oder, noch besser, andauernd durch die gemeinsame Navigation überarbeitete Gänge durch die von jeder materiellen Sammlung losgelösten Räume konzipieren. Noch besser wäre die Hinwendung zu neuen Werkformen: zu virtuellen Räumen, die ihren Erforschern offenstehen und die sie aktualisieren können.

Man findet auch Magazine oder traditionelle Zeitungen in den Netzdiensten, die nur ein wenig mehr Informationen enthalten als solche auf Papier, die einen automatischen Index und Diskussionsforen anbieten, die nur eine verbesserte Form von Leserbriefen sind. Aber es sollte gerade die Struktur der medialen Kommunikation - eine Gruppe von zentralen Sendern und ein Publikum von passiven und verstreuten Empfängern - im Cyberspace in Frage gestellt werden. Wenn jeder an viele senden, an Diskussionsforen zwischen Experten teilnehmen und die Informationsflut durch seine eigenen Kriterien filtern kann, was jetzt technisch möglich wird, ist es dann noch notwendig, auf jene Spezialisten der Zurückführung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner Wert zu legen, die die traditionellen Journalisten sind?

Die Verdopplung der gewohnten institutionellen Formen im Cyberspace und der gleichzeitig geforderte "Zugang für alle" können daher keinen Ort einer allgemeinen Politik der Beziehungen zwischen dem Cyberspace und dem Territorium eröffnen. Auch wenn Erfahrungen wie die von der digitalen Stadt von Amsterdam ermöglichten unerläßlich sind, sollten sie doch nicht mehr als eine vorübergehende Etappe auf dem Weg zu einer Infragestellung der traditionellen institutionellen Formen der Gemeindeverwaltung, der örtlichen Zeitungen, der Museen, der Schulen etc. sein. In jedem einzelnen Fall ermöglichen es die Instrumente des Cyberspace, zu Formen überzugehen, die die "Kluft" zwischen Verwaltern und Verwalteten, zwischen Lehrenden und Schülern, zwischen Ausstellungsmachern und Zuschauern, zwischen Autoren und Lesern etc. zu verringern. Diese neuen Formen der kollektiven Organisation werden heute in zahlreichen lokalen und internationalen Dispositiven des Cyberspace erkundet. Sie haben die wesentliche Eigenschaft, die weit über vernetzte Gemeinschaften verstreute Intelligenz zur Geltung zu bringen, sie auf Gegenseitigkeit auszurichten und sie in Synergie mit der Echtzeit zu bringen.

Städte, Territorien und Cyberspace

1. Die Analogie

2. Die Substitution

3. Die Assimilation

4.Die Artikulation

http://www.heise.de/tp/artikel/6/6003/1.html
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